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El Silbador

Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:

In Spanien nennt man ihn El Silbador — der Pfeifer, denn Michel Baum beherrscht die Kunst des Pfeifens vollendet. Nicht selten verdankt er dieser Kunst Rettung aus Not und Gefahr. Unbändiger Freiheitsdrang ist es, der ihm das Leben in der geknechteten Heimat unerträglich macht; unbändiger Freiheitsdrang treibt ihn von Abenteuer zu Abenteuer. Eine Schar ungleicher Gefährten, darunter die zwielichtige Gräfin Marina und der treue Riese Ojo, sammeln sich um ihn.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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Er zog die Lederdecke heran, in die er seine Waffen, das kostbare Schnellfeuergewehr des Grafen und den Damaszener Degen seines Vaters, eingeschlagen hatte. Da war auch noch die Pfeife, die ihm der Vater nebst Geld ins Abschiedsbündel gelegt hatte. Der Tabakrauch verdunkelte bald den Schein der Kerze, die immer schwächer brannte und dann gänzlich erlosch.

Michel konnte sich in den nächsten Tagen aufhalten, wo er wollte. Immer war der »Heilgehilfe« um ihn. Wenn niemand sonst in der Nähe war, geizte Marina nicht mit aufreizenden, traurigen, verführerischen oder anklagenden Blicken.

Es gelang ihr binnen kurzem, restlose Verwirrung über ihn zu bringen. Immer öfter und immer schriller pfiff sich Michel seine Bedrängnis von der Seele. Seine Melodien wurden schauerlicher und teuflischer. Die ganze Revolte einer Seele lag in ihnen, einer Seele, die nicht lieben wollte und die doch immer mehr in den Bannkreis der Leidenschaft geriet. Die Mannschaft machte scheu einen Bogen um den Schiffsarzt, der ihr von Tag zu Tag unheimlicher wurde.

Anfangs waren die Leute wegen jeder Kleinigkeit vertrauensvoll zu ihm gekommen. Schon der Glaube an seine Kunst wirkte Wunder. Jetzt aber hatten sie Angst vor ihm. Irgend jemand hatte die Legende aufgebracht, daß er mit dem Teufel im Bunde sei. Und wenn die Korsaren sich auch vor keinem Feinde fürchteten, so waren sie doch abergläubisch.

Leichtere Fälle behandelte Marina mit einer Zartheit, die den Leuten gefiel. Und obwohl Carlos Deste vollerHaß und Mißtrauen gegen sie war, vermochte er doch die anderen nicht von ihrer Schlechtigkeit zu überzeugen. Niemand kannte ja das Geheimnis um diesen Medico; denn Deste und Ojo waren leider vernünftig genug, dem Gebot ihres Kapitäns Folge zu leisten und den Mund zu halten, was sich später bitter rächen sollte.

Marina aber nutzte das Vertrauen, das man ihr jetzt entgegenbrachte, weidlich aus. Sie konnte sich nicht genug tun, von geheimnisvollen Teufeleien eines gewissen Silbador zu erzählen, der vor einigen Monaten noch sein Unwesen in den Pyrenäen getrieben habe. Sie berichtete, daß es ihm gar gelungen sei, den Pfarrer von Bielsa zu behexen. Hinzu kam Michels Fechtkunst. Dann erzählte man sich Wunderdinge von dem Gewehr, das er in jenem Ledertuch unter seiner Hängematte liegen hatte.

So wurde der ahnungslose Mann von Marinas Lügengewebe umsponnen.

Michel lag noch nicht richtig in seiner Hängematte, als er plötzlich das anhaltende Läuten der Sturmglocke hörte. Rasch war er wieder auf den Beinen, trat ans Bullauge und öffnete es. Erstaunt lauschte er in die Nacht hinaus. Kein Lüftchen regte sich. Nicht die leiseste Brise war zu verspüren. Es war beängstigend still.

Er verließ die Koje und ging an Deck. Die »Trueno« lag bewegungslos auf dem Wasser. Die Luft wurde immer drückender, obwohl man sich in der kalten Zone zwischen der Neufundlandbank und dem Golfstrom

befand. Man hielt noch immer direkten Kurs auf Boston. Die augenblickliche Position der »Trueno« war 42 Grad nördlicher Breite und 50 Grad westlicher Länge. Die Leinwand der Segel hing schlaff herunter. Nicht einmal das gewöhnliche Klatschen an den Mast war zu vernehmen. Es war die Ruhe in einer Kirche zwischen Predigt und Gebet.

Die Seeleute jedoch, die die Meere kannten, trauten diesem Frieden nicht. Es war Pedro Virgen, der Steuermann, der mit mächtiger Stimme zuerst die Stille durchbrach.

»An Deck--alle Mann an Deck!« schrie er donnernd durch den Sprechtrichter.

Jetzt setzte ein Trappeln ein wie von aufgeregten Pferden. Dazwischen hörte Michel die erschrockene Stimme des Kapitäns.

»Was soll's, Steuermann? Kriegen wir ein Wetter?« Er betrachtete den klaren Himmel über sich. Der hohe Dom der Sterne schien ungetrübt.

»Capitan«, meinte der Steuermann leise, »beunruhigt die Leute nicht. Wer in diesen Breiten noch nie gefahren ist, kennt nicht die furchtbare Wirkung des atlantischen Zyklons, eines Wirbelsturms, gegen den ein Tornado, ein Taifun oder ein Hurrican wie eine leichte Brise sind.« Da übertrieb er freilich etwas.

Es ist richtig, daß der atlantische Zyklon eine furchtbare Wucht hat und eine kreisende Windbewegung bis zu einem Stundentempo von hundertzwanzig Kilometern entwickelt. Dennoch können auch die kleineren Stürme für ein Segelschiff Tod und Verderben bringen. Der Zyklon entwickelt sich etwa so: es bildet sich ein windstiller Raum, das sogenannte Zentrum. Hier steigtdie warme, oft fast heiße Luft in die Höhe. Die Bewölkung ist beim Beginn so gering, daß man tagsüber die Sonne, nachts die Sterne klar erkennen kann. Manchmal ist die Atmosphäre sogar völlig ungetrübt, wie es hier bei unserem Zyklon der Fall war. Der Seemann nennt die wolkenlose Mitte »das Auge des Sturms«.Die Ausdehnung des windstillen Raums hängt vom Durchmesser des gesamten Zyklons ab. Das windstille Zentrum wird von einem Ring stürmischer Winde umwirbelt, die sich der Mitte spiralförmig nähern. Allerdings drehen sie sich im entgegengesetzten Uhrzeigersinn. Dann steigen die Winde in eben diesem Zentrum auf. Wenn sich der Zyklon bis dahin entwickelt hat, bilden sich schwere Wolken, die bis auf die Wasseroberfläche herabreichen. Nach der Peripherie hin nehmen die Auswirkungen des Wirbelsturmes ab.

Da innerhalb des Zyklons alle Windrichtungen vorkommen, stürzen die Wellen und Wogen des Meeres wild und zügellos durcheinander und bilden einen brodelnden Hexenkessel. Der Seemann nennt dieses pochende Wasser fachmännisch »Kreuzsee«.

Der Sturm — und das ist das Schlimmste — bleibt nicht auf einer Stelle, sondern wandert, wobei man die Himmelsrichtung, in die er sich vermutlich wenden wird, vorher nie feststellen kann. Jeden Gegenstand, der sich in seinem Zentrum befindet, nimmt er mit und trägt ihn mit einer Schnelligkeit von oft hundert Seemeilen davon. Wenn er sich vom Meer auf das Land hinzieht, so wird jedes Schiff an den Klippen zerschellen und ist rettungslos verloren. Ein solcher Wirbelsturm stand also in dieser Nacht bevor.

»Hola, hombres, adelante, auf die Wanten! Mindert und bergt die Segel! Großmars- und Bramsegel nieder! Alle Großsegel reffen und Gaitaue einholen!« brüllte der Steuermann, der auf dem Kommandokastell neben dem Kapitän stand und dessen Anweisungen an die Leute weitergab.

Gerade, als die kleinen Sturmsegel gesetzt waren, kam der erste Wind auf.

»Nehmt selbst das Steuer, Senor Virgen«, befahl der Kapitän. »Ich werde hier oben schon allein fertig.«

Der Steuermann schickte noch einen Blick zum Himmel, der sich mit zunehmender Schnelligkeit bewölkte.

»Gleich geht's los, Capitan. Die Mannschaft soll sich anbinden!«

»Bueno«, antwortete der Kapitän unruhig. Dann aber brüllte er mit fester Stimme: »Alle Leute, die nicht unbedingt gebraucht werden, unter Deck. Die übrigen festbinden. Mann über Bord kann nicht gerettet werden. Ausguck freimachen!«

Ein Matrose stieg eilends aus dem Mastkorb herab. Als er auf halber Höhe war, hielt er plötzlich inne. Dann kam seine Stimme, schrill und durchdringend:

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