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El Silbador

Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:

In Spanien nennt man ihn El Silbador — der Pfeifer, denn Michel Baum beherrscht die Kunst des Pfeifens vollendet. Nicht selten verdankt er dieser Kunst Rettung aus Not und Gefahr. Unbändiger Freiheitsdrang ist es, der ihm das Leben in der geknechteten Heimat unerträglich macht; unbändiger Freiheitsdrang treibt ihn von Abenteuer zu Abenteuer. Eine Schar ungleicher Gefährten, darunter die zwielichtige Gräfin Marina und der treue Riese Ojo, sammeln sich um ihn.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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Der Kranke stöhnte auf wie ein Gefolterter. Der Druck auf seinen Leib verstärkte sich durch das erbarmungslos nachfließende Wasser bis zur Unerträglichkeit. Auf einmal konnte er nicht mehr an sich halten und entleerte sich mit einem solchen Strahl, daß Marina über und über mit Exkrementen bespritzt wurde. Wie eine Furie warf sie den Wassertopf auf den Kopf des unglücklichen Opfers, drehte sich tobend um, ergriff eine in der Nähe liegende Peitsche und schlug sie dem stöhnenden Patienten vor Wut über den nackten Rücken.

Das alles war viel schneller geschehen, als man es beschreiben kann. Michel, der nur Augen für seinen Patienten hatte, bemerkte den Wutausbruch des »Arztgehilfen« zu spät. Gerade, als die Peitsche zum zweitenmal auf den Rücken des Unglücklichen niedersauste, packte Michel das unbeherrschte Weib am Kragen und schüttelte sie hin und her.

»Ihr seid des Teufels, Gräfin«, rief er laut, jegliche Vorsicht außer acht lassend. »Was kann der arme Mensch dafür, daß Ihr eine so schlechte Krankenschwester seid? Ihr seid hier als Arztgehilfe auf dem Schiff und habt Euch als solcher auch damit abzufinden, wenn es mal ein wenig schmutziger zugeht, als Ihr es gewohnt seid.«

Marina war leichenblaß geworden, als sie sich mit »Gräfin« angesprochen hörte. So hatte sie der Silbador also längst erkannt! Ohne sich zu besinnen, stürzte sie sich auf die Instrumenttasche des ermordeten Doktors Garcia und riß das chirurgische Messer heraus. Mit einem Wutschrei stieß sie zu. Michel aber hatte bereits ihr Handgelenk mit kräftigem Griff umschlossen und nach hinten gedreht. Das Messer fiel zu Boden.

»Ich werde Euch binden, Gräfin, wenn Ihr nicht augenblicklich Ruhe gebt. Es widerstrebt mir, eine Frau zu schlagen, sonst würdet Ihr jetzt eine Tracht Prügel beziehen, die Euer Leben lang in Euerm Gedächtnis haften bliebe. Einmal habe ich Euch eine Ohrfeige gegeben. Denkt daran.« Marina war weiß geworden. Tödlicher Haß sprang

aus ihren Augen. Sie sah jedoch ein, daß sie im Moment in jeder Hinsicht die Unterlegene war,

und versuchte, äußerlich ruhig zu erscheinen.

Michel wandte sich wieder dem Kranken zu.

»Wie fühlst du dich, companero?«

»Oh, ich danke Euch, viel leichter als vorher.«

»Nun, wir werden dieses Klistier noch einmal machen. Leider sind in der Schiffsapotheke keine abführenden Mittel vorhanden. Außerdem kann ich noch nicht sagen, wie weit die Entzündung deines Blinddarms fortgeschritten ist. Los, Wasser holen«, wandte er sich daraufhin an Marina. Schweigend verließ die Frau den Raum und kam nach kurzer Zeit mit einem Topf voll warmen Wassers wieder. Die Prozedur begann von neuem.

»So, amigo«, sagte Michel befriedigt, »geh jetzt in deine Koje und lege dich nieder. Du brauchst viel Ruhe. Ich komme nachher, um dich weiter zu behandeln.«

Der Patient erhob sich schwerfällig und warf, bevor er hinauswankte, dem Arztgehilfen, dessen wahre Identität er zwar noch nicht kannte, von dem er nun aber wußte, daß er eine Frau, ja sogar eine Gräfin war, einen finsteren Blick zu.

Michel suchte, ohne sich weiter um Marina zu kümmern, einige Tücher zusammen, die er dem Kranken als Umschlag auf den Bauch legen konnte. Dann verließ er die Kabine.

Carlos Deste, so hieß der Patient, war mittlerweile in seine Koje gelangt und hatte sich auf seinen Strohsack niedergelegt. Nach kurzer Zeit kam Diaz Ojo, um nach ihm zu sehen. »Na, bist du geheilt?« fragte er. Deste schüttelte den Kopf.

»Der Senor sagte, daß ich ruhen soll. Er will später nach mir sehen.« »Hm, so bist du also wirklich krank?« Deste fuhr empört auf.

»Weshalb, glaubst du, sollte ich mich verstellen? Vielleicht weil das verfluchte Weib so grausam ist?«

Diaz Ojo sah ihn erstaunt an.

»Weib? Welches Weib meinst du? Haben wir eine Frau an Bord?« Der Kranke schilderte ihm den Vorfall.

»Que diablos, man sollte den Kapitän verständigen! Das ist ja ein tolles Ding! Und geschlagen hat sie dich, sagst du?« Deste nickte.

»Sieh dir die zwei Striemen auf meinem Rücken an. Sie schlägt zu wie der Steuermann. Ein Satan ist sie. Welch ein Glück, daß der pfeifende Senor so gütig ist!«

Ojo dachte nach. Man sollte wahrhaftig mit dem Capitan reden. Vielleicht konnte der fremde Senor die Stelle des Schiffsarztes bekommen. Mit Schaudern dachte er daran, daß er ja auch einmal krank werden könnte. Dann würde er sich wohl oder übel diesem Weibsbild anvertrauen müssen, das in Wahrheit gar kein Heilgehilfe war. In diesem Augenblick trat Michel Baum ein. »Wie geht es dir, amigo?«

»Bueno Senor, ich glaube, ich bin schon ganz gesund. Nur ein wenig schwach ist mir noch zumute.«

Michel nickte zufrieden.

»Wir müssen versuchen, deinen Körper auch noch von den letzten Schlacken zu befreien. Hoffentlich hast du kein Geschwür am Wurmfortsatz. Das wäre recht böse. Jetzt mußt du dir diese Tücher hier auf den Bauch legen. Die feuchte Wärme soll den Kot lösen. Wenn du Glück hast, dann geht die Sache ohne Darmknickung ab. Bleib schön ruhig liegen und bewege dich so wenig wie möglich.«

Deste sah seinen Retter dankbar an. Ojo bekam Respekt vor der sicheren Art dieses Mannes. Jawohl, der mußte Schiffsarzt werden!

Michel lag in seiner Hängematte und dachte über den Erfolg seiner Blinddarmbehandlung nach. Der Kapitän hatte ihn gegen Abend zu sich rufen lassen, um ihn als Schiffsarzt anzuheuern. Niemand freute sich mehr darüber als der kleine Alfonso Jardin, der seinen Dienst als Erster Offizier zur Zufriedenheit aller ausführte.

Der Kapitän hatte Ojo und Deste befohlen, der übrigen Mannschaft gegenüber zu verschweigen, was sie über den verkleideten Arztgehilfen wußten. Er war sogar so weit gegangen, daß er Michel gebeten hatte, Marina als Gehilfen zu behalten. Und Michel hatte sich einverstanden erklärt, da es sowieso nur eine Formsache war.

Die wahre Identität Marinas kannte auch der Kapitän nicht, und Michel hütete sich, ihn genauer aufzuklären. Wenn man erst wußte, mit wem man es in Wahrheit zutun hatte, dann würde man die Frau gefangen setzen und von ihrem Mann ein hohes Lösegeld fordern, das Don Esteban, der Graf de Villaverde y Bielsa, mit Sicherheit zahlen würde. Michel glaubte nicht, daß der ehrenhafte Mann gleichgültig bleiben würde, wenn er von dem Schicksal der Frau erfuhr, die er trotz all ihrer Schlechtigkeit noch immer liebte.

Michel wurde müde. Das eintönige Rauschen der Bugwellen schläferte ihn ein. An Deck war alles ruhig; denn für die nächsten Wochen war das Ausschenken von Schnaps verboten worden, da man sich dem Punkt näherte, an dem man stündlich des Zusammentreffens mit anderen Schiffen gewärtig sein mußte.

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