El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Der Kapitän blickte immer noch durch sein Glas. Er schien sich nicht schlüssig werden zu können. Nachdenklich meinte er:
»Vielleicht sind es britische Landtruppen, die gegen Washington eingesetzt werden sollen. Wenn dem so ist, dann haben sie neue Uniformen bekommen. Ich sehe nur ganz vereinzelt einen roten Rock durch die Menge der Leute schimmern. Die anderen haben blaue Uniformen an. Wenn das Schiff nicht die englische Flagge gesetzt hätte, würde ich es für einen amerikanischen Freibeuter halten.«
»Was meint Ihr dazu, Senor Doktor?« fragte Jardin den interessiert hinüberschauenden Michel und reichte ihm das Glas.
Die Schiffe waren nur auf Kanonenschußweite voneinander entfernt.
Michel hatte kaum einen Blick durch das Sehrohr geworfen als ihm ein Ausruf des Erstaunens entschlüpfte.
»Que hay?« meldete sich der Kapitän interessiert.
»Welch eine Überraschung für mich, caballeros! Das sind weder englische noch amerikanische
Uniformen, sondern die Monturen des Landgrafen von Hessen-Kassel. Ich möchte auf der Stelle
tot umfallen, wenn ich nicht selbst einmal so einen Rock getragen habe.«
Die Spanier blickten ihn erstaunt an. ,
»Was für ein Graf war das?« fragte der Steuermann verwundert.
»Der Landgraf Friedrich von Hessen-Kassel.«
»Kenne ich nicht — nie gehört, diesen Namen«, schüttelte der Steuermann den Kopf. Über das Gesicht des Kapitäns ging ein pfiffiges Aufblitzen.
»Sagt, Senor Baum, handelt es sich um den deutschen Fürsten, der die schönen großen Goldtaler prägt?«
Michel lachte.
»No, Capitan, das ist Friedrich der Zweite von Preußen, der in Berlin residiert. Der Landgraf von Hessen-Kassel heißt zwar auch Friedrich, ist aber ein lächerlicher Knirps gegen den großen König, der jeden nach seiner Facon selig werden läßt.«
»Gibt es solche Könige überhaupt?« fragte Alfonso Jardin, der anscheinend auch keine guten Erfahrungen mit gekrönten Häuptern gemacht hatte. Michel nickte.
»Si, Senor, wie Ihr hört, existiert so einer wirklich. Ich habe zwar auch noch keinen weiteren kennengelernt; aber es ist immerhin erfreulich, daß es wenigstens eine Ausnahme unter den Tyrannen gibt.«
»So, so«, meinte der Kapitän, »das sind also Landsleute von Euch?« Michel nickte.
»Der Landgraf hat sie an die Engländer verkauft, damit sie in Amerika die Kastanien aus dem Feuer holen. Sie können nichts dafür, daß sie heute unter englischem Kommando stehen. Ich wundere mich allerdings, daß sie so schnell nach England kamen. Es muß doch nicht gerade sehr gut stehen in den Kolonien.«
»Begreift Ihr es, Senor Baum«, fragte Jardin nachdenklich, »daß sich diese Männer da drüben so einfach von ihrem Fürsten verkaufen lassen?« Michel schob das Kinn vor. Sein Gesicht wurde hart.
»Ihr kennt die Verhältnisse nicht, wenn Ihr so fragt, Senor. Ich selbst habe einmal in dieser verfluchten Montur gesteckt. Aber nicht jeder hat den Mut, sein Heimatland als Deserteur zu verlassen. Die meisten von diesen braven Musketieren wissen wahrscheinlich selbst nicht, wie sie so schnell zu jener Uniform gekommen sind.«
»Muy bien«, meinte der Kapitän, »mögen sie nach Amerika fahren. Der General Washington wird sie schon davonjagen. Für mich ist das Schiff ohne Interesse; denn es ist nicht zu vermuten, daß man dort viele Taler von der Sorte findet, wie Ihr sie mir für Eure Passage gezahlt habt.« Er wandte sich ab.
»Wann werden wir in Codrington sein, Senor Virgen?« fragte er den Steuermann. »Ich denke, gegen Mittag. Wenn wir — —«
Erschrocken fuhren die vier Männer auf dem Kastell zusammen. Der Engländer drüben hatte geschossen. Ungefähr hundert Schritt vor dem Bug der »Trueno« klatschte die Kugel ins Wasser.
»Demonio!« schrie der Kapitän. »Ist der Kerl verrückt geworden? Flaggast!« rief er durchs
Sprachrohr, »fragt an, was der Engländer will.«
Der Flaggast signalisierte.
Die Antwort kam augenblicklich.
»Drehen Sie bei und zeigen Sie Ihre Fahne. Das hier ist Seiner Majestät »Quebec«. Sind durch Zyklon vom Hauptgeschwader getrennt.«
»Que diablos«, fluchte der Kapitän, »da ist also eine ganze Kriegsflotte nach Boston unterwegs. Ein Glück, daß der Sturm kam. Sonst wären wir ihnen gerade in die Arme gesegelt. Senor Virgen, geht strikt auf Westkurs, damit sie unsere Breitseite nicht länger vor Augen haben. Könnten sonst auf die Idee kommen, das Feuer zu eröffnen.« »Und wenn sie nun doch angreifen?« fragte Michel. »Dann steht Ihr vertikal zu ihnen und könnt
das Feuer nicht erwidern.«
Der Kapitän verschränkte seelenruhig die Arme.
»Unsere Galeone trägt die Kanonen nach Piratenart. Überlegenen Schiffen zeigen wir nie die Breitseite. Aber unsere Armierung besteht aus dreizehn Heckgeschützen. Gnade ihnen Gott, wenn sie uns nicht in Ruhe fahren lassen! Zieht unsere eigene Fahne auf, Jungs. Bin mächtig gespannt, was sie für Augen machen, wenn sie den Blitz überm Totenkopf sehen.« Die blutrote Korsarenflagge mit dem Totenkopf, den gekreuzten Knochen darunter und einem Blitz darüber stieg unter Gebrüll am Hauptmast hoch. Die Reaktion folgte augenblicklich.
Von drüben krachte eine Breitseite, die jedoch ihr Ziel verfehlte.
»An die Geschütze, Jungs!« schrie der Kapitän. »Weiter auf Westkurs halten, Steuermann!« Jardin zog begeistert seinen Degen und stürmte zum Heck.
»Kanoniere, haltet auf die Segel. Nehmt den Fockmast aufs Korn. Achtung! — Feuer!« Aus dreizehn Mäulern spuckten die Heckgeschütze ihre Kugeln. Sausend fegten sie hinüber. Krachen und Splittern auf dem feindlichen Schiff. Der Fockmast barst, und die Flagge fiel herab. Ein brausendes Hurra ertönte aus den zweihundert Korsarenkehlen.
Michel zog die Stirn in Falten. Da drüben standen seine Landsleute. Was konnten sie dafür, daß ihr Kapitän so ehrgeizig war, unbedingt den Korsaren anzugreifen? Eine weitere Salve krachte. Haargenau fanden die Kugeln ihr Ziel.
Beschädigt nicht den Rumpf, Kanoniere!« schrie Jardin mit Feiereifer. »Wir wollen das Schiff kapern und verkaufen. Das ist ein schöner Verdienst. Zielt auf die Aufbauten! — Feuer!« Die »Trueno« lag jetzt scharf unterm Wind. Nach ein paar Minuten war sie aus dem Feuerbereich des Engländers. Da riß Pedro Virgen das Steuer herum. Die Galeone beschrieb einen eleganten Bogen und fuhr kurz darauf, den Bug voraus, direkt auf den Feind zu. Am Bug des Schiffes gab es sechzehn Kanonen. Die Kanoniere verließen die Heckgeschütze und rannten nach vorn. Es sah aus, als hätten sie dieses Manöver schon hundertmal durchgeführt. In wenigen Minuten waren die Buggeschütze klar. Die Salve krachte.