El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»Schiff backbord voraus. Führt britische Flagge. Befindet sich am Rand des Zentrums!« Der Kapitän hatte ihn noch gehört. Schnell setzte er sein Glas an; aber er konnte nichts mehr erkennen.
Dieses Schiff erhöhte die Gefahr beträchtlich. Man mußte unerhörtes Glück haben, wenn der Sturm die beiden Fahrzeuge nicht aneinanderkrachen ließ.
Der Wind wurde stärker und stärker. Und jetzt brach das Unwetter mit tosender Wucht über die »Trueno« herein. Die Masten bogen sich wie Streichhölzer. Die Planken stöhnten. Die See kochte, brodelte und zischte. Es war ein Höllentanz.Pedro Virgen ließ das Steuer fahren. Das Schiff drehte sich um sich selbst. Es war besser, man ließ das Ruder am Heck hin- und herflattern; denn wenn man es festhielt würde es dem Druck der Wellen nicht widerstehen können und brechen.
Michel hatte sich an der Vertäuung festgebunden. Er wollte nicht unter Deck.
Niemand konnte mehr etwas tun. Man mußte dem Schicksal seinen Lauf lassen. Vielleicht kam man mit einem blauen Auge davon.
In diesem Moment drang ein Schrei an Michels Ohr. Drüben am Aufgang, der zum Zwischendeck führte, wurde eine Gestalt sichtbar. Es war Marina, die aufs offene Deck wollte. Michel, wickelte sich ein Tauende um den Leib und kämpfte sich bis zu der Frau durch den Sturm.
»Geht hinunter, Gräfin«, schrie er sie an.
»Nein — nein«, zeterte sie angstvoll. »Es ist unheimlich dort unten. Ich will bei Euch bleiben.« Er packte sie und stieß sie in die Luke zurück, daß sie ein paar Stufen hinunterstolperte. Aber in Sekundenschnelle erschien sie wieder und wollte zu Michel, der ein paar Schritte weiter draußen, ungeschützt, nur von dem Seil gehalten, mitten im Sturm stand. Als Marina den windgeschützten Winkel verließ, wurde sie augenblicklich vom Luftwirbel erfaßt und gegen Michel geschleudert, der sie nur mit letzter Kraft zu halten vermochte. Sie hinter sich herziehend, kämpfte er sich erneut bis zur Luke durch und drängte Marina abermals die Stufen hinunter. Dann löste er sich das Tau vom Körper und sprang ihr nach.
»Ich will nicht hier unten bleiben«, wimmerte Marina, »man erstickt in dieser dumpfen Luft.« »Redet keinen Unsinn, Gräfin. Der Kapitän hat befohlen, daß sich nur die notwendigen Leute an Deck aufhalten sollen. Wir haben ein ziemlich festes Schiff, und wenn es der Vorsehung recht ist, werden wir die Sache überleben.«
Michels Gegenwart schien beruhigend auf Marina zu wirken. Sie kauerte sich im Kojengang auf den Boden.
»Ich bleibe hier, wenn Ihr mich nicht verlaßt. Sonst gehe ich wieder hinauf. Bitte, setzt Euch zu mir.«
Widerstrebend erfüllte er ihren Wunsch. Was hätte er auch tun sollen?
Da legte sie unvermittelt den Arm um seine Schulter und drängte sich dicht an ihn.
»Küßt mich«, flüsterte sie leise durch das Sausen des Sturms. »Denkt nicht mehr an die Vergangenheit. Wer weiß, ob wir die nächste Stunde überleben werden.«
Und mit einem kraftvollen Ruck riß sie Michels Kopf zu sich nieder.
Michel zog die Stirn in Falten. Dann stieß er plötzlich einen durchdringenden Pfiff aus.
Erschrocken ließ sie ihn los.
»Was habt Ihr?«
»Nichts«, war die lakonische Antwort. »Weshalb habt Ihr gepfiffen?« »Damit Ihr mich losließet. Weshalb sonst?« Die Gräfin ballte die Fäuste. Jäh kam die Wut über sie, und sie schlug dem Mann, der sie soeben noch vorm Sturm bewahrt hatte, wild ins Gesicht. Michel umklammerte ihre Handgelenke und sagte hart:
»Ihr treibt ein unfaires Spiel, Marina. Ihr wißt, daß ich Euch nie zugetan sein werde. Ihr seid schön, ja, aber Eure Schönheit vermag doch nicht Eure Schlechtigkeit zu übertrumpfen.« Marina stöhnte auf wie ein wundes Tier. Die Leidenschaft, die sie für ihren Feind empfand, raubte ihr fast den Verstand.
Doch blieb sie still, äußerlich wenigstens. In ihr aber gärte der Gedanke nach furchtbarer Rache. »Da wir im Augenblick das Pech haben, zusammen zu sein, Gräfin, möchte ich Euch gleich ein paar Anweisungen für Euer zukünftiges Verhalten geben. Ihr wißt, daß Ihr mir weiterhin als Heilgehilfe zugeteilt bleibt. Ich möchte nicht, daß Ihr in Zukunft die Mannschaft mit wilden Gerüchten über meine Person und Herkunft gegen mich aufbringt.«
Marina freute sich im stillen. Der hohe Don Silbador mußte sich herablassen, ihr, die er haßte, Anweisungen zu erteilen!
»Wer sagt Euch, daß ich Euern Ruf verderbe?« fragte sie mit gewelltem Spott.
»Ich weiß es. Das muß Euch genügen. Ich glaube, es wäre ziemlich sinnlos, Euer Gewissen anzurufen; denn Ihr habt ja keins.«
»Und wenn ich eins hätte, weshalb sollte es sich belastet fühlen, wenn ich reizvolle Geschichten über Euch in Umlauf setze?«
»Das ist einfach zu erklären. Ihr untergrabt das Vertrauen der Matrosen zu ihrem Arzt. Sollte es sich ereignen, daß wieder einmal einer ernsthaft erkrankt, so wird er nicht zu mir kommen, um sich ordnungsgemäß behandeln zu lassen, weil Ihr seinen Aberglauben genährt und ihm somit Angst vor mir eingeflößt habt. Die Folge könnte sein, daß der Mann stürbe, weil ihm nicht zur Zeit geholfen wurde. Sein Tod aber käme auf Euer Konto.« »Na, wenn schon«, antwortete Marina ungerührt. Michel nickte.
»Sagte ich Euch nicht gleich, daß es sinnlos wäre, den Versuch zu machen, Euer Gewissen anzusprechen? Ihr habt keins. Nun, ich werde mich schon zu verteidigen wissen. Wenn es gar nicht mehr anders geht und das Leben der Leute ernsthaft gefährdet werden könnte, so wird mir nichts anderes übrig bleiben, als Euer Geheimnis preiszugeben.« Marina schwieg für einen Augenblick. Dann sagte sie hastig
»Weshalb schließen wir keinen Vergleich, Silbador?« Michel antwortete nicht; denn er wußte nicht recht, worauf sie hinaus wollte.
»Ich biete Euch Frieden an«, fuhr sie fort, »und Ihr macht mich für die Dauer unseres Zusammenseins zu Eurer Geliebten.«
Michel kniff die Augen zusammen, blieb aber wiederum die Antwort schuldig.
»Ich will nicht, daß Ihr mir Euer Herz schenkt, Silbador«, redete sie weiter, »ich weiß, daß dazu mehr gehört als der Wille, es zu tun; aber nehmt mich zur Geliebten, wie jeder Seemann seine Geliebte hat. Ihr sagtet selbst, daß ich eine schöne Frau sei--warum zögert Ihr noch?«
»Ich bin kein Matrose«, sagte Michel rauh. »Es bleibt dabei: ich will Euch nicht. Habt Ihr denn gar keinen Stolz? Um Euch zu beruhigen, will ich Euch sagen, daß ich eine Braut in meinem Heimatland habe, die sehnsüchtig darauf wartet, daß ich wiederkomme oder sie zu mir hole. Hoffentlich war das deutlich genug.«Marina blickte ihn mit ungläubig geweiteten Augen an. Ihre Lider brannten. Sie hörte nicht mehr den Sturm draußen. Seine letzten Worte hatten sie wie Keulenschläge getroffen. Und nun sah der Silbador zum erstenmal Tränen aus den herrlichen, teuflischen Augen perlen.