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El Silbador

Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:

In Spanien nennt man ihn El Silbador — der Pfeifer, denn Michel Baum beherrscht die Kunst des Pfeifens vollendet. Nicht selten verdankt er dieser Kunst Rettung aus Not und Gefahr. Unbändiger Freiheitsdrang ist es, der ihm das Leben in der geknechteten Heimat unerträglich macht; unbändiger Freiheitsdrang treibt ihn von Abenteuer zu Abenteuer. Eine Schar ungleicher Gefährten, darunter die zwielichtige Gräfin Marina und der treue Riese Ojo, sammeln sich um ihn.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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Er richtete sich auf und lauschte. Das Geräusch wiederholte sich nicht. Es schien auch, außer von ihm selbst, von niemandem sonst vernommen worden zu sein. Michel sank zurück ins Reich der Träume.

Als er zum zweitenmal erschrocken emporfuhr, lag über dem Meer schon der Glanz der Sonne. Er stand auf und verließ seine Koje. Marina in ihrer Verkleidung rannte, ohne ihn zu beachten, die Treppe empor und rief unausgesetzt nach dem Kapitän. War etwas passiert?

Michel sollte nicht lange im unklaren bleiben.

Es waren noch keine fünf Minuten verstrichen, als der Kapitän mit seinen zwei Offizieren erschien. Draußen vor der Ausstiegluke zogen plötzlich zwei schwerbewaffnete Posten auf, die das Deck gegen die Kojen abriegelten. Der Kapitän hatte Michel jetzt erreicht.

»Habt Ihr heute Nacht etwas besonderes bemerkt, Senor?« fragte er aufgeregt.

Michel verneinte. Aber dann schoß ihm auf einmal der Gedanke an das seltsame Geräusch durch den Kopf, das er im Halbschlaf gehört zu haben meinte.

»Doch, Capitan, ich muß mich berichtigen. Es wird etwa zwölf Uhr gewesen sein, als ich einen schweren Fall ganz in meiner Nähe hörte. Da jedoch niemand Notiz davon nahm, so glaubte ich geträumt zu haben.« »Kommt mit«, sagte der Kapitän barsch.

Michel folgte ihm und dem »Arztgehilfen«. Sie standen vor Doktor Garcias Koje und blickten hinein. Der Arzt lag nicht auf seinem Strohsack, sondern neben diesem. Nicht einen Millimeter bewegte sich der Körper mit dem teuflischen Gesicht. Er schien steif zu sein — tot. Michel kniete sofort neben ihm und untersuchte ihn fachmännisch. Er konnte trotz allen Anstrengungen keine Wunde finden. Nichts deutete darauf hin, daß er eines gewaltsamen Todes gestorben war. Hätte man ihn auf seinem Bett gefunden, so wäre nichts Auffälliges an der Sache gewesen; denn jedem Menschen konnte es passieren, daß ihn der Schlag traf. Michel sah dem Toten ins Gesicht. Seine Augen waren weit und — wie es schien — angstvoll aufgerissen. Sie boten einen schauerlichen Anblick.

»Der Mann kann keines natürlichen Todes gestorben sein«, meinte Michel. »Dieser Gesichtsausdruck wäre bei einem normalen Herzschlag nicht möglich. Gebt Ihr mir die Leiche zur Sektion frei?«

Der Kapitän, der Arztgehilfe und die beiden Offiziere sahen den seltsamen Fahrgast erstaunt an. »Versteht Ihr denn etwas von diesen Dingen?« fragte der Kapitän. »Nichts für ungut, caballeros, ich bin selbst Arzt und habe in mühevollen Semestern die Chirurgie studiert.«

Man blickte sich verwundert an. Nur Marina schien zu erbleichen. Ihre Finger schlossen und öffneten sich in starker Erregung. Das kam ihr unerwartet. Wieso wußte sie eigentlich nicht, daß der Silbador ein Chirurg war? Auf Schloß Villaverde war in ihrer Gegegenwart nie ein Wort darüber gefallen.

»Por Dios Senor Baum«, meinte der Kapitän, »wollt Ihr etwa andeuten, man habe Doktor Garcia hier auf meinem Schiff ermordet?«

Michel sah die Anwesenden der Reihe nach an. Auf dem Gesicht des Arztgehilfen verweilte sein Blick eine Sekunde länger. Dann nickte er nachdenklich.

»Si, Senor Capitan«, sagte er bestimmt, »jemand hat in der Nacht den Doktor gezwungen, Gift in Pulverform zu schlucken. Seht hier die Lippen, da liegen jetzt noch feine gelbe Pulverkörnchen.« Mit einem raschen Griff zog er dem Toten das Wams aus und öffnete ihm das Hemd. Mit scharfen Blicken suchte er jeden Quadratzentimeter der Brustoberfläche ab. In der Herzgegend fand er einen kleinen Riß.

»Hier, Capitan und caballeros, seht Euch diesen Ritz über dem Herzen an. Der Mörder hat seinem Opfer die Dolchspitze fest an die Brust gesetzt und ihm unter der Drohung, ihn sofort zu erstechen, das Gift eingezwungen. Ich glaube, ich kann mir die weitere Untersuchung ersparen. Für mich liegt der Fall klar. Es handelt sich also nur noch darum, den Mörder zu finden und ihn seiner gerechten Strafe zu überliefern.«

»Ihr sagtet vorhin, daß Ihr nachts einen schweren Fall gehört haben wollt?« Michel überlegte.

»Ich weiß jetzt bestimmt, daß ich mich nicht geirrt habe. Sicher wirkte das Gift nicht unmittelbar. Garcia hat sich vermutlich noch aufrichten können, nachdem sein Mörder die Kabine verlassen hatte. Doch dann reichten seine Kräfte nicht mehr aus, und er fiel neben dem Strohsack nieder.«

Der Kapitän blickte seine beiden Offiziere an, in deren Augen sowohl Verdacht als auch Unschlüssigkeit standen.

»Hm«, meinte der Kapitän dann, »ich glaube kaum, daß jemand von der Mannschaft den Schiffsarzt umgebracht hat; denn er hätte sich damit ins eigene Fleisch geschnitten. Es käme eigentlich nur eine Person in Frage, nämlich diejenige, die einen Vorteil von dem Tode Garcias

gehabt hätte. Und das, Senor Baum, seid nach meinem Dafürhalten--Ihr selbst.«

Michel lachte nur; denn die Logik des Kapitäns schien ihm widersinnig. »Welchen Vorteil soll ich vom Tod des Doktors haben?« fragte er.

Der Kapitän zögerte. »Ganz einfach«, meinte er dann, »Ihr wolltet die Stelle des Schiffsarztes einnehmen. Dazu mußte natürlich erst der andere weg.«

Der Sprecher sah sich Beifall heischend um. Sein Erster Offizier nickte Zustimmung. Nicht so jedoch sein Zweiter, der kleine Alfonso Jardin. Der traute dem jungen Fechter solch meuchlerische Gesinnung nicht zu. »Demonio, Senor Capitan, Ihr seid ein wenig schnell bei der Hand mit Euren Schlüssen. Ich glaube nie und nimmer, daß ein Mann wie dieser junge Senor, der wie der Teufel fechten kann, einer solchen Gemeinheit fähig wäre. No, no, ich verbürge mich für ihn.«

Michel sah seinen ersten Fechtpartner auf diesem Schiff erstaunt und dankbar an. Der Kleine schien zwar ein Raufbold zu sein, aber ein Gesinnungslump war er bestimmt nicht. Er handelte instinktmäßig wie ein Ehrenmann. Hingegen war der Erste Offizier offensichtlich mit der logischen Erklärung seines Kapitäns einverstanden. Er sah seinen kleineren Kameraden verächtlich an und meinte:

»Hätte es nicht für möglich gehalten, daß du für einen überführten Mordbuben Partei ergreifst.« Er trat vor Michel hin und spuckte vor ihm aus.

Da aber hatte ihn der Verdächtigte auch schon beim Wams gepackt und schüttelte ihn wie der Wind einen jungen Baum.

»Ich hoffe, Ihr nehmt Eure Beleidigung augenblicklich zurück, Don Escamillo!« Escamillo de Fuentes sagte kein Wort, seine Blicke schweiften hinüber zum Kapitän. Als er jedoch sah, daß es diesem nicht einfiel, Partei für ihn zu ergreifen, zischte er wütend: »Laß mich los, du erbärmlicher, feiger Mörder!«

»Pfui, Escamillo«, rief da der Kleine voller Verachtung. »Wie kannst du deiner durch nichts begründeten Abneigung gegen den jungen Senor so freien Lauf lassen? Ich schäme mich für dich.«

Michel hielt den Wütenden noch immer fest.

»Wollt Ihr Eure Beleidigung zurücknehmen, Don Escamillo?«

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