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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo

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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
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«Ihr lügt doch!» rief er, und seine Finger ballten sich zitternd zu Fäusten. Es schien fast, als wolle er sich auf den Oheim stürzen.

«Eine Ohrfeige gehört dir!» zischte Pietro Bocco. Marcos jäher Zorn erlosch wie ein Feuer, auf das ein Klumpen feuchte Erde geworfen wird. Was wird Giannina sagen? dachte er. Und Giovanni? Er konnte sich sein Leben ohne Paolo, der ständig in treuer Fürsorge um ihn gewesen war, gar nicht vorstellen. Gestern abend noch hatte er sich vorgenommen, ihn in seine geheimen Pläne einzuweihen und um seine Unterstützung zu bitten.

«Warum habe ich ihn nur gehen lassen?» fragte er tonlos. Aus weiter Ferne hörte er die kalte Stimme des Oheims:

«Kann man wieder vernünftig mit dir reden? Denke bitte daran, daß es sich um einen Diener handelt… Ich will dein ungehöriges Benehmen vergessen!» Marco erwachte aus seiner Erstarrung.

«Du wirst die nächsten Angehörigen des Dieners benachrichtigen müssen», fuhr Pietro Bocco fort, «oder besser noch, ich werde es tun.»

«Er hat keine Angehörigen», erwiderte Marco. «Aber sagt mir, Oheim, wie es geschehen ist.»

Vielleicht ist das alles nur Lüge, überlegte er. Und ein winziges Hoff-nungspflänzchen rührte sich in seinem Herzen. Pietro Bocco konnte der Frage nicht ausweichen, ohne das Mißtrauen des Knaben wachzurufen.

«Er ist mit einer Barke, die ich für diese Nacht gemietet habe, nach San Nicolo gefahren. Es war stürmisch draußen, du weißt es selbst. Er ist wohl ungeschickt gewesen und über Bord gespült worden.»

«Kann ich mit einem sprechen, der Paolo zuletzt gesehen hat, Oheim?» fragte Marco.

«Nein!» erwiderte Pietro Bocco schneidend. «Du fragst wie ein Staatsinquisitor. Deine Fragen beleidigen mich… Der Tod deiner Mutter schien dich weniger schmerzlich zu berühren als das Unglück dieses Dieners… Geh jetzt nach Hause. Ich befehle es dir!» Marco drehte sich um und verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer.

«Er ist mit einer Barke nach San Nicolo gefahren», sagte Marco. Vor ihm stand Giannina, noch verwirrt von der furchtbaren Nachricht. Paolo sollte ertrunken sein? Der kräftige Paolo, der schwimmen konnte wie ein Fisch? Paolo, der ruhige, gute Freund, in dessen Obhut sie gespielt, gesungen und geträumt hatten?

Das konnte nicht möglich sein. Nein, sie glaubte es nicht. Giannina klammerte sich an diesen Gedanken, und es gelang ihr, die Tränen zurückzuhalten.

Paolo ist nicht ertrunken, wiederholte sie sich immer wieder. Marcos Gedanken arbeiteten jetzt klar. Hatte sein Oheim nicht davon gesprochen, daß er die Nachricht von Paolos Tod soeben empfangen hätte? Demnach mußte doch der Bote kurz zuvor erst bei ihm gewesen sein? Die Fragen tauchten auf und verschwanden, um neuen Fragen und Zweifeln Platz zu machen. Sie beleuchteten wie zuckende Blitze einen dunklen Weg, der zu einem unbekannten Ziel führte.

Warum wollte der Oheim den Namen der Barke nicht nennen?

Nach San Nicolo sollte sie gefahren sein?

Fragen, Fragen, die gebieterisch eine Antwort forderten.

Der kurze, sichere Schiffsweg nach San Nicolo war doch selbst bei stürmischem Wetter nicht so gefährlich, ringsherum lagen Inseln, von einem Schwimmer wie Paolo auch bei Wellengang zu erreichen. Und dann war die Lagune von Booten und Barken belebt. Tag und Nacht!

«Ich glaube nicht, daß er ertrunken ist», unterbrach Giannina die Überlegungen. «Glaubst du es, Marco?» Ängstlich wartete sie auf seine Antwort.

«Als ich die Tür öffnete, verließ ein Mann das Haus», sagte Marco. «Ob das der Bote gewesen ist, der die Nachricht brachte? Wie sah er nur aus?» Er konnte sich bei allem Nachdenken nicht an das Gesicht und die Gestalt des Mannes erinnern.

«Mein Oheim hat mich aus seinem Haus gewiesen, als ich fragte, ob ich jemand sprechen könnte, der Paolo zuletzt gesehen hat… Ich war so unbeherrscht und zornig. Aber es hat keinen Zweck, zornig zu sein. Man macht dann vieles verkehrt… Was hat das nur alles zu bedeuten, Giannina?» Die quälende Ungewißheit machte ihnen das Herz schwer.

Wäre ich nie nach Venedig gekommen, dachte Giannina. Und Murano erschien ihr wie ein stiller Blumengarten, in dem die Vögel sangen und die Bienen summten. Aber dann erinnerte sie sich an das verzerrte Gesicht Messer Celsis, an seine schwarze Haarsträhne, an den erhobenen Arm und die Fußtritte. Wie froh war sie damals gewesen, daß Marco sie nach Venedig gebracht hatte. Es gab keinen stillen Blumengarten. In Murano nicht, in Venedig nicht. Nirgends! Nirgends! Das Leben war anders, und man mußte mit ihm fertig werden.

DER MITTELPUNKT DER ERDE

MEISTER BENEDETTO WAR SECHZIG JAHRE ALT, klein und rundlich, mit schlohweißem spärlichem Haar. Er trank gern einen Schoppen unverdünnten Wein — es konnten auch zwei oder drei sein — liebte den milden Herbst und hatte Angst vor der schrillen Stimme seiner Frau, die mindestens zehnmal am Tag ihr Benedetto! Benedetto! schrie, was wohl bis San Michele zu vernehmen war. Es gab nicht wenige Barken auf den Lagunengewässern, die in der Werkstatt des Meisters gebaut waren. Selbst die Gesandten fremder Länder kamen nach Murano, um ihm Aufträge zu erteilen.

Giovanni ging jeden Morgen mit einem Gefühl der Spannung zur Arbeit; denn jeder Tag brachte neue Erkenntnisse und Entdeckungen, nicht nur bei der Bearbeitung des Holzes, sondern auch in vielen anderen Dingen. Immer tiefer lebte er sich in die Kunst hinein, die Bretter und Planken aus Eichen-, Ulmen- oder Rotbuchenholz zu Barken, Fischerkähnen und Schiffen zusammenzufügen, die imstande waren, Wind und Wellen zu trotzen und Menschen und Waren bis an ferne, unbegreifliche Küsten zu tragen.

Es bereitete Giovanni Freude, bei Meister Benedetto zu lernen. Er ertappte sich manchmal dabei, wie er versuchte, die humorvolle Art, in der sein Meister Lebensweisheiten und Belehrungen mitteilte, nachzuahmen. Meistens kamen dabei recht kuriose Sätze und Gebärden zustande, die dem Vater ein verstecktes Lächeln entlockten.

Nichtsahnend ging Giovanni heute zu seiner Arbeitsstätte. Wie konnte er auch vermuten, daß er an diesem Tage noch den Mittelpunkt der Erde kennenlernen würde?

Es war ein heiterer Tag, das Laub der Bäume, von Licht übergossen, schimmerte vom dunklen Braun bis zum goldgetönten Gelb. Er schwenkte sein Werkzeugbündel und summte ein Lied. Ein Lächeln spielte um seine Lippen. Er dachte daran, was vor einer Woche, als Giannina ihn bis zur Werkstatt gebracht hatte, geschehen war. «Kommt mal her, ihr Faulpelze», hatte Meister Benedetto plötzlich gerufen.

Die Gesellen und Giovanni waren gemächlichen Schrittes zu ihm gegangen, um den Wasserlinienriß einer Barke, den Meister Benedetto in den Sand gemalt hatte, zu betrachten.

«So, was seht ihr da? Nichts seht ihr, was…? Was siehst du, Giovanni?»

«Striche, Meister Benedetto! Ein großes, halbiertes Ei, das einer in den Sand geworfen hat.»

«Oh, heiliger Nepomuk», entrüstete sich Meister Benedetto, «ein großes Ei sieht er. Bauen wir denn Eier in meiner Werkstatt?»

Feierlich sagte er dann: «Eine Barke steht vor dir, siehst du das nicht? Bald vermählt sie sich mit dem Wind und fliegt uns davon. Windsbraut wird sie heißen! Na, weißt du nun, was die Striche bedeuten? Wiederhole noch mal!»

Schmunzelnd sahen sich die Gesellen an. Was würde der Alte nur diesmal wieder aushecken? Giovanni überlegte sich jedes Wort, wußte aber nicht, worauf der Meister hinauswollte.

«Eine Barke sehe ich, Meister Benedetto. Windsbraut heißt sie!»

«Na endlich», sagte der Meister zufrieden. «Nun miß genau ab, wie breit sie ist, und rechne aus, wie hoch die Außenhaut über das Wasser ragen darf und wie der Tiefgang sein muß, damit sie uns nicht umkippt — deine Windsbraut! Hast denn auch schon eine richtige Braut?» warf er im Weggehen noch hin. «Los, los! An die Arbeit, Faulpelze! An die Arbeit!»

Giovanni aber hatte sich mit rotem Kopf über seine Barke im Sand gebeugt. Vor solchen Scherzen war man bei Meister Benedetto nie sicher. Er hatte ihn wahrscheinlich vom Fenster seines Hauses mit Giannina kommen sehen und sich seine Gedanken gemacht.

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