Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Aber wo ist es denn? Wo ist es denn geblieben?« fragte Pierre.
Als die Frau sah, wie Pierres Gesicht lebhafter wurde, begriff sie, daß dieser Mensch ihr helfen könne.
»Lieber Herr! Väterchen!« rief sie und umfaßte seine Knie. »Mein Wohltäter, geben Sie meinem Herzen die Ruhe wieder … Aniska, du abscheuliches Ding, geh, zeig ihm den Weg!« rief sie der Magd zu und riß im Zorn den Mund so weit auf, daß ihre langen Zähne noch sichtbarer wurden.
»Führ mich hin, führ mich hin, ich … ich … ich will es tun«, sagte Pierre hastig mit stockender Stimme.
Die schmutzige Magd kam hinter den Kisten hervor, steckte den Zopf auf, seufzte und ging mit ihren plumpen, nackten Füßen auf dem Fußweg voran. Pierre hatte das Gefühl, als wäre er plötzlich aus schwerer Betäubung wieder zum Leben erwacht. Er hob den Kopf höher, aus seinen Augen strahlte lebensvoller Glanz. Mit schnellen Schritten ging er hinter dem Mädchen her, holte sie ein und trat auf die Powarskaja.
Die ganze Straße war in eine dichte, schwarze Rauchwolke gehüllt, aus der hier und da eine grelle Flamme züngelte. Ein dichter Volkshaufe umdrängte die Brandstätte. Mitten auf der Straße stand ein französischer General und sprach auf die ihn umgebende Menge ein. Pierre wollte, von dem Dienstmädchen geleitet, auf die Stelle zugehen, wo der General stand, aber französische Soldaten hielten ihn an.
»On ne passe pas!« schrie ihm eine Stimme zu.
»Hierher, Onkelchen«, rief ihm das Mädchen zu. »Wir gehen durch die Gasse bei Nikolins durch.«
Pierre kehrte um und folgte dem Mädchen, mitunter im Laufschritt, um ihr nachzukommen. Das Mädchen lief quer über die Straße, schlug links eine Seitengasse ein, rannte an drei Häusern vorüber und bog dann rechts in einen Torweg.
»Hier ist es gleich«, sagte sie.
Sie lief über den Hof, öffnete das Pförtchen eines Lattenzaunes, blieb stehen und zeigte Pierre ein kleines, hölzernes Seitengebäude, das lichterloh brannte. Die eine Seite dieses Häuschens war eingestürzt, die andere brannte, und grell schlugen die Flammen aus den Fensterhöhlen und unter dem Dach hervor.
Als Pierre durch das Pförtchen getreten war, schlug ihm eine solche Glut entgegen, daß er unwillkürlich stehenblieb.
»Welches … welches ist euer Haus?« fragte er.
»O-o-och!« heulte das Mädchen und zeigte auf das Seitengebäude.
»Dieses dort, das war unsere Wohnung. Es ist verbrannt, unser Goldkind. Katja, mein süßes Herzchen, o-o-och!« heulte Aniska, die beim Anblick des Feuers das Bedürfnis empfand, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen.
Pierre eilte auf das Seitengebäude zu, aber die Hitze war so groß, daß er unwillkürlich einen Bogen machte und an ein großes Haus kam, das erst auf einer Seite vom Dach aus brannte. Rundherum wimmelte es von Franzosen. Anfänglich begriff Pierre gar nicht, was diese Franzosen hier machten, die sich mit etwas herumschleppten, als er aber dann einen von ihnen dicht vor sich sah, der mit stumpfem Seitengewehr auf einen Bauern einhieb und ihm einen Fuchspelz wegnahm, kam es Pierre dunkel zum Bewußtsein, daß die Franzosen hier plünderten. Aber er hatte keine Zeit, sich bei diesem Gedanken aufzuhalten.
Das Krachen und Knacken der einstürzenden Wände und Decken, das Zischen und Prasseln der Flammen, das aufgeregte Schreien der Menge, der Anblick der Rauchwolken, die bald schwarz und dicht geballt, bald hell auseinanderfließend hin und her wogten, des leuchtenden Funkensprühens, der bald in dichten roten Garben, bald in goldenen Schuppen an den Wänden empor laufenden Flammen, der Eindruck der Glut, des Rauches und der Schnelligkeit aller dieser Vorgänge – dies alles übte auf Pierre dieselbe aufregende Wirkung aus, die eine Feuersbrunst auszulösen pflegt, und wirkte auf Pierre noch deshalb so besonders stark, weil er sich beim Anblick dieser Feuersbrunst von seinen schweren Gedanken befreit fühlte. Er fühlte sich jung, heiter, gewandt und entschlossen. Von dem großen Haus her war er an das Seitengebäude herangekommen und wollte eben in den Teil, der noch stand, eindringen, als er gerade über seinem Kopf das Schreien einiger Stimmen hörte und gleich darauf das Krachen und Poltern eines schweren Gegenstandes, der neben ihm niederfiel.
Pierre sah sich um und erblickte in den Fenstern des Hauses Franzosen, die einen Kommodenkasten herausgeworfen hatten, der mit lauter Metallgegenständen angefüllt war. Andere französische Soldaten, die unten standen, traten auf den Kasten zu.
»Eh bien, was will denn der noch hier?« schrie einer der Franzosen Pierre an.
»Es ist noch ein Kind im Haus. Haben Sie nicht ein Kind gesehen?« fragte Pierre auf französisch.
»Tiens, was fabuliert der da? Pack dich!« antwortete ihm eine Stimme, und einer der Soldaten, der offenbar Angst hatte, Pierre könne auf den Gedanken kommen, ihnen das Silber und die Bronzen, die in dem Kasten waren, wegzunehmen, schritt drohend auf ihn zu.
»Ein Kind?« schrie von oben ein Franzose. »Ich habe im Garten etwas wimmern hören. Vielleicht ist das dem guten Mann sein Bengel. Da muß man menschlich sein, voyez-vous …«
»Wo ist es? Wo ist es?« fragte Pierre.
»Dort! Dort!« schrie ihm der Franzose aus dem Fenster zu und zeigte auf einen Garten, der hinter dem Haus lag. »Warten Sie, ich komme herunter.«
Und wirklich sprang einen Augenblick darauf der Franzose, ein schwarzer Bursche mit einem Fleck auf der Backe, nur mit einem Hemd bekleidet, aus einem Fenster des unteren Stockwerkes, klopfte Pierre auf die Schulter und lief mit ihm in den Garten.
»Macht schnell, ihr andern!« rief der Franzose seinen Kameraden zu. »Es fängt an, schwül zu werden.«
Der Franzose lief auf einem sandbestreuten Weg hinter das Haus, zog Pierre an der Hand hinter sich her und zeigte auf einen runden Platz. Unter einer steinernen Bank saß dort, ein etwa dreijähriges Mädchen in einem rosa Kleidchen.
»Da ist ja ihr kleiner Bengel. Ah, ein Mädel, um so besser«, rief der Franzose. »Au revoir, mon gros. Man muß menschlich sein. Wir müssen ja alle einmal sterben, voyez-vous«, und damit lief der Soldat mit dem Fleck auf der Backe zu seinen Kameraden zurück.
Vor Freude ganz außer Atem rannte Pierre auf die Kleine zu und wollte sie auf den Arm nehmen. Doch als das skrofulöse, wenig hübsche Kind, das der Mutter ähnlich sah, den fremden Mann erblickte, fing es an zu schreien und wollte weglaufen. Aber Pierre ergriff es und nahm es auf den Arm. Die Kleine kreischte zornig und verzweifelt auf und suchte sich mit ihren kleinen Händen aus Pierres Armen loszureißen und ihn mit ihrem rotzigen Mund zu beißen. Pierre überkam ein Gefühl des Entsetzens und Ekels, wie er es ähnlich bei der Berührung mancher kleiner Tiere empfand. Er mußte sich Gewalt antun, um das Kind nicht wieder von sich zu lassen, und lief mit ihm auf das große Haus zu. Doch schon war es nicht mehr möglich, auf demselben Weg zurückzugelangen; das Dienstmädchen Aniska war nicht mehr da, und so preßte Pierre mit einem aus Mitleid und Abscheu gemischten Gefühl das jämmerlich schluchzende Kind, das sich naß gemacht hatte, so zart wie möglich an sich und lief mit ihm durch den Garten, um einen andern Ausgang zu suchen.
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Nachdem Pierre um Höfe und Gassen herumgelaufen und mit seiner Last wieder bis zum Garten des Fürsten Grusinskij an der Ecke der Powarskaja zurückgekehrt war, erkannte er im ersten Augenblick die Stelle, von wo aus er nach dem Kind gelaufen war, nicht wieder, so dicht war alles mit Menschen und aus den Häusern herausgeschlepptem Hausrat vollgestopft.
Außer den russischen Familien, die sich mit all ihrer Habe vor der Feuersbrunst gerettet hatten, befanden sich hier auch verschiedene französische Soldaten in den verschiedensten Umformen. Pierre achtete nicht auf sie. Er suchte in aller Hast die Beamtenfamilie, um der Mutter das Kind wiederzugeben und dann noch andere retten zu können. Ihm war, als müsse er noch viel mehr und alles so schnell wie möglich tun. Von der Glut und vom Laufen erhitzt, empfand er jetzt noch stärker jenes Gefühl des Jugendmutes, der Lebensfrische und Entschlossenheit, das in dem Augenblick, als er fortlief, um das Kind zu retten, über ihn gekommen war. Das kleine Mädchen war jetzt still geworden, hielt sich mit seinen Händchen an Pierres Kaftan fest, saß auf seinem Arm und sah sich wie ein scheues Tierchen um. Pierre sah die Kleine ab und zu an und lächelte leicht. Ihm war, als sähe er etwas rührend Unschuldiges in diesem erschrockenen, kranken Gesichtchen.