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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Ich wundere mich bloß, wie man einem solchen Menschen das Schicksal Rußlands hat anvertrauen können.«

Solange diese Nachricht noch nicht amtlich war, konnte man noch daran zweifeln, doch am nächsten Tag traf folgender Bericht vom Grafen Rastoptschin ein:

»Ein Adjutant des Fürsten Kutusow überbringt mir einen Brief, in dem er Polizeioffiziere von mir verlangt, um die Armee durch die Stadt auf die Straße nach Rjasan zu führen. Er sagt, zu seinem tiefsten Bedauern müsse er Moskau preisgeben. Majestät! Dieser Schritt Kutusows entscheidet das Schicksal der Hauptstadt und Ihres ganzen Reiches. Rußland wird erbeben, wenn es die Übergabe dieser Stadt erfährt, welche die ganze Größe Rußlands in sich vereinigt und die Asche Ihrer Ahnen birgt. Ich folge der Armee. Alles Bewegliche habe ich fortschaffen lassen. Nun bleibt mir weiter nichts übrig als das Schicksal meines Vaterlandes zu beweinen.«

Nachdem der Kaiser diese Meldung erhalten hatte, schickte er durch den Fürsten Wolkonskij folgendes Schreiben an Kutusow:

»Fürst Michail Ilarionowitsch! Seit dem 29. August bin ich ohne Nachrichten von Ihnen. Inzwischen erhielt ich über Jaroslawl vom Oberkommandierenden von Moskau die traurige Kunde vom 1. September, daß Sie sich entschlossen hätten, mit der Armee Moskau zu verlassen. Sie können sich die Wirkung vorstellen, die diese Nachricht auf mich ausübte, und Ihr Schweigen vergrößert nur noch mein Staunen. Ich sende Ihnen mit Gegenwärtigem den Generaladjutanten Fürsten Wolkonskij, um von Ihnen zu erfahren, in welchem Zustand sich die Armee befindet, und welche Gründe Sie zu diesem so furchtbaren Entschluß gezwungen haben.«

3

Neun Tage nach Moskaus Preisgabe kam ein Abgesandter Kutusows mit der offiziellen Nachricht nach Petersburg. Dieser Gesandte war der Franzose Michaud, der nicht Russisch verstand, aber er war quoique étranger, russe de cceur et d’âme, wie er selber von sich sagte.

Der Kaiser empfing den Gesandten sogleich in seinem Arbeitszimmer im Palais auf Kamenny-Ostrow. Obgleich Michaud vor dem Feldzug Moskau noch nie zu Gesicht bekommen hatte und nicht einmal Russisch verstand, fühlte er sich trotzdem tief ergriffen, als er vor »notre très gracieux souverain« stand, wie er dann schrieb, und ihm die Nachricht vom Brande Moskaus überbrachte, »dont les flammes éclairaient sa route«.

Wenn auch bei Michaud die Quelle des Kummers eine andere sein mußte als die, aus der bei den Russen der Schmerz entsprang, so zeigte er doch, als er in das Arbeitszimmer des Kaisers geführt wurde, eine so betrübte Miene, daß ihn der Kaiser sogleich mit der Frage empfing: »Sie bringen mir traurige Nachrichten, Oberst?«

»Bien tristes, Sire«, erwiderte Michaud und schlug seufzend die Augen nieder, »Moskau mußte übergeben werden.«

»Hat man meine alte Hauptstadt wirklich ohne Schwertstreich hingegeben?« fragte der Kaiser hastig, und Röte flog über sein Gesicht.

Ehrerbietig meldete Michaud, was ihm Kutusow zu berichten aufgetragen hatte, nämlich, daß eine Schlacht vor Moskau unmöglich gewesen und nur die eine Wahl geblieben sei, entweder die Armee und Moskau zu verlieren oder Moskau allein, und daß demnach der Feldmarschall das zweite habe wählen müssen.

Der Kaiser hörte schweigend zu, ohne Michaud anzusehen.

»War der Feind schon in der Stadt eingezogen?« fragte er.

»Ja, Majestät, aber die Stadt ist jetzt nichts mehr als Schutt und Asche. Als ich sie verließ, stand sie in hellen Flammen«, fuhr Michaud in entschlossenem Ton fort. Als er aber den Kaiser anblickte, erschrak er über das, was er getan hatte.

Der Kaiser atmete hastig und schwer, seine Unterlippe bebte, und seine schönen blauen Augen waren von Tränen benetzt.

Aber das dauerte nur einen Augenblick. Dann wurde er plötzlich finster, als verurteile er sich selbst wegen seiner Schwäche, hob den Kopf und wandte sich mit fester Stimme an Michaud.

»Aus allem, was wir durchmachen müssen, Oberst«, sagte er, »sehe ich, daß die Vorsehung große Opfer von uns fordert … Ich bin bereit, mich in allem Seinem Willen zu unterwerfen … Doch sagen Sie mir, Michaud, wie haben Sie die Armee verlassen, die so mitansehen mußte, wie man meine alte Hauptstadt, ohne das Schwert zu ziehen, preisgegeben hat? Ist ihnen dadurch nicht aller Mut gesunken?«

Als Michaud die Unruhe seines »très gracieux souverain« bemerkte, wurde er ebenfalls aufgeregt. Diese offene, sachliche Frage des Kaisers forderte eine ebenso offene Antwort, aber er hatte noch nicht Zeit gefunden, eine solche Antwort vorzubereiten.

»Majestät, erlauben Sie mir, als ehrlicher Soldat frei von der Leber weg zu reden?« fragte er, um Zeit zu gewinnen.

»Das verlange ich immer, Oberst«, erwiderte der Kaiser. »Verheimlichen Sie mir nichts, ich will unbedingt wissen, wie es steht.«

»Majestät«, sagte Michaud mit feinem, kaum merklichem Lächeln auf den Lippen, da er inzwischen Zeit gefunden hatte, seine Antwort in Form eines leichten, untertänigen Wortspiels vorzubereiten. »Majestät! Ich habe die ganze Armee ohne Ausnahme, vom obersten Heerführer bis zum letzten Soldaten, in einer entsetzlichen, besorgniserregenden Furcht zurückgelassen …«

»Wie meinen Sie das?« unterbrach ihn der Kaiser streng und finster. »Meine Russen sollten sich durch ein Unglück niederbeugen lassen? Niemals!…«

Doch darauf hatte Michaud nur gewartet, um sein Wortspiel anzubringen.

»Majestät«, fuhr er mit ehrerbietig $scherzendem Ausdruck fort, »in der entsetzlichen Furcht nämlich, Euer Majestät könnten sich in der Güte Ihres Herzens überreden lassen, Frieden zu schließen. Sie brennen darauf, sich zu schlagen«, setzte der Bevollmächtigte des russischen Volkes hinzu, »um Euer Majestät durch Aufopferung ihres Lebens zu beweisen, wie ergeben sie Ihnen sind …«

»Ah«, sagte der Kaiser beruhigt mit freundlich glänzenden Augen und klopfte Michaud auf die Schulter. »Sie beruhigen mich, Oberst.«

Dann senkte der Kaiser den Kopf und schwieg eine Zeitlang still.

»Nun gut, kehren Sie zur Armee zurück«, sagte er dann mit freundlich majestätischer Gebärde zu Michaud gewandt und richtete sich hoch auf. »Sagen Sie meinen tapferen Soldaten und allen treuen Untertanen überall, wo Sie hinkommen: Wenn ich keinen Soldaten mehr haben sollte, werde ich mich selber an die Spitze meines treuen Adels und meiner braven Bauern stellen und so mein ganzes Kaiserreich bis auf die letzten Quellen erschöpfen. Es bietet mir deren noch viel mehr, als meine Feinde glauben«, sagte der Kaiser, immer lebhafter werdend. »Sollte es aber auf den ehernen Tafeln der göttlichen Vorsehung geschrieben stehen«, fuhr er fort, indem er seine schönen, sanften und von tiefem Gefühl glänzenden Augen zum Himmel erhob, »daß meine Dynastie aufhören soll, auf dem Thron meiner Väter zu herrschen, dann werde ich lieber, wenn alle in meiner Macht stehenden Mittel erschöpft sind, mir den Bart bis hierhin wachsen lassen« – der Kaiser zeigte auf die Mitte seiner Brust – »und mit dem letzten meiner Bauern Kartoffeln essen, als daß ich die Schmach meines Vaterlandes und meines treuen Volkes, dessen Hingabe ich zu schätzen weiß, unterzeichnen werde …«

Nachdem der Kaiser diese Worte mit erregter Stimme gesprochen hatte, wandte er sich ab und schritt tiefer in sein Arbeitszimmer hinein, als wolle er vor Michaud die Tränen, die ihm in die Augen traten, verbergen. Dort blieb er eine Weile stehen, kehrte dann mit großen Schritten zu Michaud zurück und faßte mit kräftigem Druck dessen Arm unterhalb des Ellbogens. Das schöne, sanfte Gesicht des Kaisers hatte sich gerötet, und in seinen Augen brannte ein Glanz von Entschlossenheit und Zorn.

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