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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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An diesem Morgen hatte Fürst Andrej das Bewußtsein wiedererlangt. Die erste Nacht nach seiner Abreise aus Moskau war ziemlich warm gewesen, und man hatte ihn die Nacht im Wagen verbringen lassen. Doch in Mytischtschi hatte der Verwundete selber verlangt, man solle ihn aus dem Wagen nehmen und ihm Tee geben. Der Schmerz beim Transport in die Hütte hatte ihn laut aufstöhnen und wieder das Bewußtsein verlieren lassen. Als man ihn dann auf das Feldbett gelegt hatte, war er lange mit geschlossenen Augen regungslos so liegen geblieben. Dann hatte er die Augen aufgeschlagen und leise geflüstert: »Nun und der Tee?« Dieses Denken an die kleinsten Lebensbedürfnisse setzte den Arzt in Erstaunen. Er fühlte ihm den Puls und stellte befremdet und verwundert fest, daß der Herzschlag besser war. Er war durchaus nicht damit zufrieden, weil er auf Grund seiner Erfahrung überzeugt war, daß Fürst Andrej nicht weiterleben könne, und daß, wenn er nicht sogleich stürbe, der Tod kurze Zeit darauf mit noch größeren Schmerzen eintreten werde.

Mit dem Fürsten Andrej zusammen wurde jetzt noch ein Major seines Regimentes gefahren, der in Moskau zu ihm gestoßen war. Es war jener Timochin mit der roten Nase, der, ebenfalls in der Schlacht bei Borodino, eine Verwundung am Fuß erlitten hatte. Außerdem fuhren noch der Arzt, der Kammerdiener des Fürsten, sein Kutscher und zwei Burschen mit.

Man gab dem Fürsten Andrej Tee. Gierig trank er ihn, wobei er mit fiebernden Augen vor sich nach der Tür starrte, als sei er bemüht, irgend etwas zu fassen und sich ins Gedächtnis zurückzurufen.

»Mehr will ich nicht. Ist Timochin hier?« fragte er.

Timochin kroch auf der Bank zu ihm hin.

»Ich bin hier, Durchlaucht.«

»Wie ist die Wunde?«

»Meine? Geht an. Aber Ihre?«

Fürst Andrej dachte wieder nach, als wolle er sich an etwas erinnern.

»Kann ich ein Buch haben?« fragte er.

»Was für ein Buch?«

»Das Evangelium. Ich habe keins.«

Der Arzt versprach, ihm eines zu verschaffen, und fing an, ihn zu befragen, wie er sich fühle. Fürst Andrej antwortete ungern, aber vernünftig auf alle seine Fragen und sagte dann, man solle ihm ein Kissen unterschieben, so sei es unbequem und tue sehr weh. Der Arzt und der Kammerdiener hoben den Mantel auf, mit dem er zugedeckt war, zogen bei dem durchdringenden Geruch des faulen Fleisches, der von der Wunde ausging, das Gesicht in Falten und fingen an, die furchtbare Stelle näher zu untersuchen. Der Arzt war mit irgend etwas unzufrieden, machte etwas anders und drehte den Verwundeten, so daß dieser wieder aufstöhnte, vor Schmerz bei dieser Bewegung abermals das Bewußtsein verlor und zu phantasieren anfing. Immer sprach er davon, man solle ihm so bald wie möglich dieses Buch verschaffen und dort unterlegen.

»Was macht das euch aus?« rief er. »Ich habe keins, verschafft es mir, bitte. Legt es nur einen Augenblick hier unter«, flehte er mit kläglicher Stimme.

Der Arzt ging auf den Hausflur, um sich die Hände zu waschen.

»Ach, diese gewissenlose Gesellschaft, wirklich«, bemerkte der Arzt zum Kammerdiener, der ihm Wasser über die Hände goß. »Nur einen Augenblick habe ich nicht hingesehen. Das muß ja ein solcher Schmerz sein, daß ich mich wundere, wie er ihn ertragen kann.«

»Wir hatten ihm aber doch wohl etwas untergelegt? Herr Jesus Christus«, jammerte der Kammerdiener.

Zum erstenmal war sich Fürst Andrej darüber klar geworden, wo er sich befand und was mit ihm geschehen war. Er hatte sich daran erinnert, daß er verwundet war und in dem Augenblick, als der Wagen in Mytischtschi stehen geblieben war, darum gebeten hatte, ins Haus geschafft zu werden. Dann hatte er vor Schmerzen wieder die Besinnung verloren und war erst in der Hütte zum zweitenmal zu sich gekommen, hatte Tee getrunken und sich dann, indem er nochmals alles, was mit ihm geschehen war, in Gedanken vorüberziehen ließ, besonders lebhaft an jenen Augenblick auf dem Verbandplatz erinnert, als ihm beim Anblick der Leiden eines gehaßten Menschen diese neuen, glückverheißenden Gedanken gekommen waren. Und diese Gedanken obgleich verschwommen und unbestimmt, bemächtigten sich seiner Seele nun ganz. Es fiel ihm ein, daß es jetzt ein neues Glück für ihn gab, und daß dieses Glück etwas mit dem Evangelium gemeinsam hatte. Deshalb hatte er um dieses Buch gebeten. Aber die schlechte Lage, die man seiner Wunde gegeben hatte, und das wiederholte Drehen hatten seine Gedanken von neuem in Verwirrung gebracht, und so erlangte er erst in der vollkommenen Stille der Nacht das Bewußtsein zum drittenmal wieder. Alle um ihn herum schliefen. Eine Grille zirpte hinterm Flur, auf der Straße schrie und sang jemand, Schaben raschelten über den Tisch, die Wände und die Heiligenbilder, eine dicke Fliege flog ab und zu gegen sein Kopfkissen und um das Talglicht, das mit tief abgebranntem Docht neben ihm stand.

Sein Geist war nicht in normalem Zustand. Ein gesunder Mensch denkt, fühlt und erinnert sich gewöhnlich an eine zahllose Menge von Dingen gleichzeitig und hat die Kraft und Gewalt, eine einzelne Kette dieser Gedanken oder Erscheinungen herauszugreifen und ihr seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Ein gesunder Mensch kann sich aus tiefsten Grübeleien für einen Augenblick losreißen, um einem Eintretenden ein höfliches Wort zu sagen, dann aber sogleich wieder zu seinen Gedanken zurückkehren. Doch Fürst Andrejs Kopf war in dieser Beziehung nicht in normalem Zustand. Alle seine geistigen Kräfte waren reger und klarer denn je, aber sie arbeiteten ohne sein Zutun. Die allerverschiedensten Gedanken und Vorstellungen kamen gleichzeitig über ihn. Manchmal fing sein Hirn plötzlich mit solcher Kraft, Klarheit und Tiefe zu arbeiten an, wie es in gesundem Zustand niemals zu denken imstande gewesen war, plötzlich aber wurde es mitten in seiner Arbeit von irgendeiner unerwarteten Vorstellung unterbrochen und war nun nicht mehr imstande, zu den ersten Gedankengängen zurückzukehren.

Ja, ein neues Glück hat sich mir erschlossen, das dem Menschen nicht wieder genommen werden kann, dachte er, während er in der halbdunklen, stillen Hütte lag und mit fieberhaft offenen, starren Augen vor sich hinsah. Ein Glück, das außerhalb aller materiellen Kräfte liegt, außerhalb aller äußeren Einflüsse auf den Menschen, ein Glück der Seele allein: das Glück der Liebe. Jeder Mensch kann es begreifen, doch sich dessen bewußt werden und es vorschreiben konnte nur Gott. Aber wie hat Gott dieses Gesetz vorgeschrieben? Und warum hat sein Sohn …

Da riß dieser Gedankengang plötzlich ab, und Fürst Andrej hörte – er wußte nicht, ob es Wirklichkeit oder Fieberphantasie war –, wie etwas wie eine leise, flüsternde Stimme immer wieder gleichmäßig wiederholte: »i-piti-piti-piti« und dann: »i-titi« und wieder: »i-pitipiti-piti« und dann: »titi«. Und gleichzeitig mit den Geräuschen dieser flüsternden Musik hatte Fürst Andrej die Empfindung, als ob mitten auf seinem Gesicht ein merkwürdig luftiger Bau aus feinen kleinen Nadeln und Stäbchen errichtet würde. Er fühlte, daß er, so schwer ihm das auch fiel, ganz vorsichtig das Gleichgewicht halten mußte, damit das im Entstehen begriffene Gebäude nicht zusammenfiele, und doch stürzte es zusammen und wurde dann bei der gleichmäßig flüsternden Musik wieder aufgebaut.

Es dehnt sich, dehnt sich aus! Alles wächst und dehnt sich, sagte sich Fürst Andrej. Und während er dem Flüstern lauschte und fühlte, wie das Gebäude aus winzigen Nadeln wuchs und sich dehnte, sah er ab und zu den roten Lichtschein rings um die Kerze, hörte das Rascheln der Schaben und das Summen einer Fliege, die sich bald auf dem Kopfkissen, bald auf seinem Gesicht niederließ. Und jedesmal, wenn die Fliege sein Gesicht berührte, verursachte sie dort ein kitzelndes Gefühl, gleichzeitig aber wunderte er sich, daß die Fliege, die mitten in den Bereich des Baus auf seinem Gesicht hineinflog, diesen nicht zerstörte. Und dann gab es da noch etwas Bedeutsames. Das war etwas Weißes an der Tür, eine Sphinxgestalt, die ihn wie ein schwerer Druck beunruhigte.

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