Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Vielleicht ist es ein Hemd von mir, das auf dem Tisch liegt, dachte Fürst Andrej. Das hier sind meine Beine, das ist die Tür; aber warum dehnt sich alles aus und tritt hervor? – »I piti-piti-piti i titi« und »pitipiti-piti …«
»Genug, hör auf! Ich bitte dich, laß das!« bat Fürst Andrej jemanden mit schwerer Zunge. Und wieder tauchten jener Gedanke und jenes Gefühl mit außergewöhnlicher Klarheit und Kraft vor ihm auf.
Ja, die Liebe, dachte er wieder vollkommen deutlich, aber nicht jene Liebe, die man aus irgendeiner Absicht, zu irgendeinem Ziel oder aus irgendeinem Grund empfindet, sondern jenes Gefühl, wie ich es zum erstenmal empfand, als ich, dem Tode nah, meinen Feind erblickte und plötzlich Liebe für ihn fühlte. Das, was ich in jenem Augenblick empfunden habe, war eine Liebe, die den wahren Kern der Seele bildet und keines Gegenstandes bedarf. Und auch jetzt noch empfinde ich dieses beseligende Gefühl. Liebe deinen Nächsten, liebe deine Feinde, liebe alle, liebe Gott in allen seinen Offenbarungen. Um einen teuren Menschen zu lieben, dazu bedarf es nur menschlicher Liebe, doch seine Feinde kann man nur mit göttlicher Liebe lieben. Deshalb freute ich mich auch so, als ich fühlte, daß ich diesen Menschen liebte. Wie mag es ihm gehen? Ob er wohl noch am Leben ist? …
Liebt man jemanden mit menschlicher Liebe, so kann sich diese Liebe in Haß verwandeln, göttliche Liebe aber ist unwandelbar. Nichts in der Welt, nicht einmal der Tod, kann sie zunichte machen. Sie ist das eigentliche Wesen der Seele. Wie viele Menschen habe ich in meinem Leben gehaßt! Und von allen Menschen habe ich keinen mehr geliebt und keinen mehr gehaßt als sie!
Lebhaft sah er Natascha vor sich, nicht so, wie er sie sich früher immer vorgestellt hatte: im Schmuck all der Reize, die ihn so entzückt hatten, sondern er stellte sich zum erstenmal ihre Seele vor. Und auf einmal hatte er Verständnis für ihre Gefühle, ihre Leiden, ihre Scham und ihre Reue. Zum erstenmal begriff er die ganze Härte seiner Absage, sah ein, wie grausam sein Bruch mit ihr war.
Wenn es mir nur möglich wäre, sie noch einmal zu sehen. Nur ein einziges Mal möchte ich noch in diese Augen sehen und ihr sagen …
I piti-piti-piti i titi i piti-piti … bum! machte die Fliege. Wieder wurde seine Aufmerksamkeit in eine andre Welt der Wirklichkeit und Phantasie hinübergelenkt, in der etwas Besonderes vor sich ging. Auch in dieser Welt wuchs immer noch, ohne einzustürzen, jenes luftige Gebäude, ganz ebenso dehnte sich alles aus, wie immer brannte die Kerze in demselben roten Lichtkreis, wie immer lag die Sphinx oder das Hemd an der Tür, doch außer diesem allen knarrte auf einmal etwas, es roch nach frischer Luft, und eine neue weiße Sphinx, eine stehende, erschien in der Tür. Und der Kopf dieser Sphinx hatte dasselbe bleiche Gesicht, dieselben glänzenden Augen wie jene Natascha, an die er soeben gedacht hatte.
Ach, wie schwer zu ertragen sind doch diese ununterbrochenen Fieberphantasien! dachte Fürst Andrej, bemüht, dieses Gesicht aus seiner Einbildung zu verscheuchen. Aber es stand mit aller Kraft der Wirklichkeit vor ihm und kam näher auf ihn zu. Fürst Andrej wollte in seine frühere Welt des reinen Denkens zurückkehren, doch er konnte es nicht, der Fiebertraum zog ihn in seinen Bann. Die leise bebende Stimme fuhr in ihrem gleichmäßigen Geflüster fort, etwas legte sich lastend auf ihn, dehnte sich aus, aber das seltsame Gesicht verschwand nicht. Fürst Andrej raffte alle seine Kräfte zusammen, um zu sich zu kommen: er machte eine Bewegung, aber plötzlich fing es in seinen Ohren an zu singen, es wurde ihm dunkel vor den Augen, und wie ein Mensch, der im Wasser untergeht, verlor er die Besinnung.
Als er wieder zu sich kam, lag Natascha, jene selbe lebendige Natascha, die er vor allen Menschen auf der Welt am meisten mit jener neuen, reinen, göttlichen, ihm jetzt erst offenbar gewordenen Liebe zu umfassen strebte, vor ihm auf den Knien. Er begriff, daß dies die lebendige, wirkliche Natascha war, und wunderte sich nicht, sondern freute sich nur im stillen. Natascha lag vor ihm auf den Knien, blickte erschrocken und wie festgebannt – sie konnte sich nicht rühren – zu ihm empor und hielt den Atem an. Ihr Gesicht war bleich und starr. Nur die untere Hälfte zitterte leise.
Fürst Andrej seufzte erleichtert auf, lächelte und streckte ihr die Hand entgegen.
»Sie?« sagte er. »Welch ein Glück!«
Mit einer raschen, vorsichtigen Bewegung kam ihm Natascha auf den Knien näher, ergriff behutsam seine Hand, beugte ihr Gesicht darüber und küßte sie, wobei sie sie kaum mit den Lippen berührte.
»Verzeihen Sie!« sagte sie flüsternd, hob den Kopf und sah ihn an. »Verzeihen Sie mir!«
»Ich liebe Sie«, erwiderte Fürst Andrej.
»Verzeihen Sie …«
»Was hätte ich Ihnen zu verzeihen?« fragte er.
»Verzeihen Sie mir … das … was ich … tat«, stammelte Natascha mit kaum hörbarem, abgerissenem Flüstern und küßte dabei immer wieder, fast ohne sie mit den Lippen zu berühren, seine Hand.
»Ich liebe dich mehr und besser als früher«, erwiderte Fürst Andrej und hob mit seiner Hand ihr Gesicht so, daß er ihr in die Augen sehen konnte.
Diese Augen waren mit Tränen des Glückes gefüllt und sahen schüchtern mitleidig und freudig liebend zu ihm empor. Nataschas mageres, bleiches Gesicht mit den gedunsenen Lippen war nichts weniger als schön, es sah furchterregend aus. Doch Fürst Andrej sah dieses Gesicht nicht, er sah nur die strahlenden Augen, und die waren schön.
Hinten im Zimmer hörte man reden. Pjotr, der Kammerdiener, der jetzt aus dem Schlaf ganz zu sich gekommen war, hatte den Arzt geweckt. Timochin, der vor Schmerzen die ganze Zeit über nicht geschlafen hatte, hatte schon lange alles, was da vorging, beobachtet, seinen unbekleideten Körper ängstlich in die Decke gehüllt und sich auf der Bank so klein wie nur möglich gemacht.
»Was ist denn das?« fragte der Doktor, indem er sich von seinem Lager erhob. »Bitte gehen Sie hinaus, Fräulein!«
In diesem Augenblick klopfte an die Tür eine Zofe, die die Gräfin geschickt hatte, um die Tochter zu holen.
Wie eine Nachtwandlerin, die mitten aus ihren Träumen aufgeschreckt wird, ging Natascha aus dem Zimmer, kehrte in ihre Hütte zurück und sank schluchzend auf ihr Bett nieder.
Seit jenem Tag wich Natascha während der ganzen weiteren Reise der Rostows bei allen Rast- und Nachtlagern nicht von der Seite des verwundeten Bolkonskij, und der Arzt mußte zugeben, daß er solche Beständigkeit und Geschicklichkeit in der Krankenpflege von einem so jungen Mädchen nicht erwartet hätte.
Wie furchtbar der Gräfin auch der Gedanke schien, daß Fürst Andrej unterwegs in den Armen ihrer Tochter sterben könne, was nach den Worten des Arztes sehr wahrscheinlich war, so konnte sie Natascha doch nicht zurückhalten. Obgleich bei den jetzt wiederhergestellten nahen Beziehungen zwischen dem verwundeten Fürsten und Natascha der Gedanke nahe lag, daß im Fall einer Genesung das frühere Verhältnis von Bräutigam und Braut erneuert werde, so sprach doch kein Mensch davon, am wenigsten Natascha und Fürst Andrej selbst. Die Frage über Leben und Tod, die nicht nur über Bolkonskij, sondern auch über ganz Rußland noch unentschieden schwebte, rückte alle übrigen Pläne in den Hintergrund.
33
Pierre wachte am 3. September spät auf. Der Kopf tat ihm weh, die Kleider, die er beim Schlafen nicht abgelegt hatte, beengten ihm den Körper, und auf seiner Seele lastete das trübe Bewußtsein von etwas Beschämendem, das sich am Tag vorher ereignet hatte. Dieser beschämende Vorfall war sein gestriges Gespräch mit Hauptmann Remballe.
Die Uhr zeigte elf, doch schien es draußen noch auffallend düster zu sein. Pierre stand auf, rieb sich die Augen, und als er die Pistole mit dem geschnitzten Schaft sah, die Gerassim wieder auf den Schreibtisch gelegt hatte, fiel ihm endlich ein, wo er sich befand und was ihm gerade heute bevorstand.
Komme ich etwa schon zu spät? dachte Pierre. Nein. Wahrscheinlich hält er seinen Einzug in Moskau nicht vor zwölf Uhr.