Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Pierre nahm sich nicht Zeit, darüber nachzudenken, was ihm bevorstand, sondern beeilte sich, so bald wie möglich zu handeln.
Nachdem er seinen Anzug geordnet hatte, nahm er die Pistole zur Hand und schickte sich an fortzugehen. Doch da kam ihm zum erstenmal der Gedanke, wie er denn diese Waffe auf der Straße tragen solle, er konnte sie doch wohl nicht offen in die Hand nehmen. Sogar unter dem weiten Kaftan war es schwierig, die große Pistole zu verbergen. Weder im Gürtel noch unter dem Arm konnte er sie unterbringen, ohne daß man sie bemerkt hätte. Außerdem war die Pistole jetzt abgeschossen, und Pierre hatte noch keine Zeit gehabt, sie wieder zu laden. Auch gut, dann nehme ich eben den Dolch, sagte sich Pierre, obgleich er wiederholt, während er die Ausführung seiner Absicht überdacht hatte, zu der Überzeugung gekommen war, daß der Hauptfehler des Studenten im Jahre 1809 darin bestanden hatte, daß er Napoleon mit einem Dolch hatte ermorden wollen. Doch als bestünde Pierres Hauptziel nicht darin, die beabsichtigte Tat auszuführen, sondern darin, sich selber zu zeigen, daß er vor seiner Absicht nicht zurückschrecke und alles zu deren Ausführung tue, nahm er eilig den am Sucharewturm zusammen mit der Pistole gekauften, stumpfen, schartigen Dolch in grüner Scheide und verbarg ihn unter der Weste.
Nachdem Pierre seinen Kaftan umgürtet und eine Mütze aufgesetzt hatte, ging er, bemüht, keinen Lärm zu machen und dem Hauptmann nicht zu begegnen, den Korridor entlang und trat auf die Straße hinaus.
Jene Feuersbrunst, die er am Abend vorher so gleichgültig beobachtet hatte, war über Nacht bedeutend größer geworden. Moskau brannte bereits an mehreren Enden. Es brannte gleichzeitig in den Wagenmagazinen, in Samoskworetschje[206], im Basar, in der Powarskaja[207], in den Barken auf der Moskwa, auf dem Holzmarkt und in der Nähe der Dorogomilowbrücke.
Pierres Weg führte durch Nebenstraßen in die Powarskaja, von hier nach dem Arbat[208] zur Nikolaj-Jawlenny-Kirche, in deren Nähe er schon lange den Platz bestimmt hatte, wo er seine Tat ausführen wollte. An den meisten Häusern waren die Tore und Fensterläden geschlossen. Alle Straßen und Gassen waren leer. Die Luft roch nach Brand und Rauch. Mitunter begegnete er Russen mit unruhigen, scheuen Gesichtern und Franzosen, die mitten auf den Straßen gingen, als befänden sie sich in einem Lager, nicht in einer Stadt. Doch sowohl die einen als auch die anderen sahen Pierre mit Verwunderung an. Die Russen staunten ihn an, nicht nur, weil er so groß und dick war und sein Gesicht und seine ganze Gestalt einen so eigentümlich finster gesammelten und leidenden Ausdruck zeigte, sondern auch weil sie sich darüber nicht klar werden konnten, welchem Stand dieser Mann angehören mochte. Die Franzosen dagegen verfolgten Pierre besonders deshalb mit den Augen, weil er ihnen im Gegensatz zu allen anderen Russen, die die Franzosen erschrocken und neugierig anstarrten, nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Bei dem Tor eines Hauses hielten drei Franzosen, die dort mit russischem Gesinde verhandelten, das sie nicht verstand, Pierre an und fragten ihn, ob er Französisch verstehe.
Pierre schüttelte verneinend den Kopf und ging weiter. In einer anderen Seitengasse rief ihn eine Wache an, die neben einem Munitionswagen stand, und Pierre begriff erst nach wiederholtem, drohendem Anruf und beim Klirren des Gewehrs, das der Posten in die Hand nahm, daß er auf die andere Seite der Straße hinübergehen sollte. Er hörte und sah nichts von dem, was um ihn vorging. Wie etwas Furchtbares und ihm selber Fremdes trug er seine Absicht in Hast und Grauen mit sich herum, immer in Angst, sie könne ihm noch einmal irgendwie abhanden kommen, wie ihn die Erfahrung der vergangenen Nacht gelehrt hatte. Aber es sollte Pierre nicht beschieden sein, seine Stimmung unversehrt bis an den Ort zu bringen, wohin er sich begab. Wenn er auch durch nichts unterwegs aufgehalten worden wäre, hätte er seine Absicht doch schon deshalb nicht ausführen können, weil Napoleon schon vier Stunden vorher durch die Dorogomilowvorstadt über den Arbatsplatz in den Kreml eingezogen war und augenblicklich in höchst finsterer Laune im Arbeitszimmer des Zaren im Kremlpalast saß und eingehende, umständliche Befehle über die Maßnahmen erteilte, die unverzüglich zur Löschung des Brandes, zur Beruhigung der Einwohner und gegen das Marodieren der Soldaten getroffen werden sollten. Doch Pierre wußte das nicht. Ganz eingenommen von dem, was ihm bevorstand, quälte er sich, wie sich eben Menschen quälen, die hartnäckig eine unmögliche Tat vollbringen wollen, unmöglich nicht wegen der Schwierigkeiten, sondern weil diese Tat ihrer ganzen Natur zuwiderläuft, quälte sich mit der Angst, daß er im entscheidenden Augenblick schwach werden und infolgedessen die Achtung vor sich selbst verlieren werde.
Doch obgleich er um sich herum nichts hörte und sah, wählte er instinktiv den richtigen Weg und irrte sich nicht in den Nebengäßchen, die ihn nach der Powarskaja führten.
Je näher Pierre der Powarskaja kam, um so dichter und dichter wurde der Rauch, und sogar die Hitze der Feuersbrunst war zu spüren. Ab und zu züngelte eine Flamme über die Hausdächer hinweg. Eine große Volksmenge hatte sich in den Straßen versammelt, alle befanden sich in äußerster Erregung. Wenn Pierre auch fühlte, daß etwas Außergewöhnliches um ihn herum vorging, so legte er sich doch keine Rechenschaft davon ab, daß er sich dem Brand näherte. Während er einen Fußweg entlang über einen großen, unbebauten Platz ging, der an der einen Seite bis an die Powarskaja, an der anderen bis zu den Gärten am Haus des Fürsten Grusinskij reichte, hörte Pierre plötzlich neben sich das verzweifelte Weinen einer Frau. Er blieb stehen, wie wenn er aus tiefem Schlaf zu sich käme, und hob den Kopf.
Neben dem Fußweg, auf dem vertrockneten, staubigen Gras waren Haufen von Hausrat aufgetürmt: Federbetten, Samoware, Heiligenbilder und Kisten und Kasten. Auf der Erde neben den Kisten und Kasten saß eine nicht mehr junge, hagere Frau mit langen, vorstehenden Oberzähnen, bekleidet mit einem schwarzen Umhang und einem Häubchen. Diese Frau sprach immer etwas vor sich hin, schüttelte den Kopf und weinte bitterlich. Zwei Mädchen von zehn bis zwölf Jahren in schmutzigen kurzen Kleidern und Saloppen sahen die Mutter mit blassen, erschrockenen Gesichtern ratlos an. Ein kleinerer Knabe von etwa sieben Jahren in weiter Jacke und großer Mütze, die ihm gar nicht zu gehören schienen, weinte in den Armen einer alten Kindermuhme. Eine barfüßige, schmutzige Magd saß auf einem Koffer, hatte ihren blonden Zopf aufgelöst, zupfte die angebrannten Haare heraus und roch daran. Der Mann, ein kleiner, etwas verwachsener Mensch in Vizeuniform mit radförmigem Backenbart und glatt gestrichenem Schläfenhaar, das unter der gerade aufgesetzten Mütze sichtbar war, rückte mit starrer Miene die Kisten auseinander, die eine auf der anderen standen, und zog ein paar Kleidungsstücke darunter hervor.
Als die Frau Pierre erblickte, warf sie sich ihm fast zu Füßen. »Ach, ihr lieben Leute, ihr rechtgläubigen Christen, rettet doch, helft doch, ihr Lieben! … Wenn doch einer helfen wollte! …« fügte sie unter Schluchzen hinzu. »Mein Kindchen! … Mein Töchterchen! … Mein kleinstes Mädchen ist zurückgeblieben! … Es verbrennt! Oh! Habe ich sie dazu großge … Oh!«
»Hör doch auf, Marja Nikolajewna«, wandte sich der Mann mit sanfter Stimme an die Frau, offenbar nur, um sich vor dem Fremden zu rechtfertigen. »Die Schwester muß ja das Kind mitgenommen haben, wo sollte es denn sonst sein?« fügte er hinzu.
»Du roher Patron, du Bösewicht!« schrie die Frau grimmig und hörte plötzlich auf zu weinen. »Du hast kein Herz im Leibe, nicht einmal mit deinem eignen Kindchen hast du Mitleid. Ein andrer hätte es schon lange aus dem Feuer geholt. Aber du bist eben ein roher Patron und kein Mensch, kein Vater. Sie sind ein edler Herr«, wandte sich die Frau in hastiger Rede und schluchzend an Pierre. »Es brannte nebenan und griff dann zu uns über. Auf einmal schreit die Magd: ›Es brennt!‹ Wir raffen zusammen, was wir können. So wie wir sind, stürzen wir davon … Das ist alles, was wir mitschleppen konnten … Die Heiligenbilder und das Bett, das meine Mitgift war, alles andere ist verloren. Ich greife nach den Kindern, meine kleine Katja fehlt. Ooo! O großer Gott!…« Und wieder fing sie an zu schluchzen. »Mein Kindchen, mein Kindchen, es verbrennt, verbrennt!«
206
Samosworetschje: Stadtteil südlich des Flusses.
207
Powarskaja: Straße zwischen Arbat-Platz und Kudrinskij-Platz.
208
Arbat: belebte Straße zwischen Arbat-Platz und SmolenskijMarkt.