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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Und Bilibin wiederholte folgende authentischen Worte aus der diplomatischen Depesche, die er selbst verfaßt hatte:

»Der Kaiser sendet die österreichischen Fahnen zurück als verirrte Freundesfahnen, die er auf Abwegen gefunden hat«, zitierte Bilibin und zog die Stirn glatt.

»Charmant, charmant!« rief Fürst Wassilij.

»Auf den Wegen nach Warschau wahrscheinlich«, warf Fürst Hippolyt laut und unvermutet ein.

Alle sahen ihn an und verstanden nicht, was er damit sagen wollte. Und auch Fürst Hippolyt selber sah sich mit vergnügtem Staunen rings um, denn ganz ebenso wie die andern verstand auch er selber nicht, was seine Worte bedeuten sollten. Während seiner diplomatischen Laufbahn hatte er mehr als einmal die Beobachtung gemacht, daß solche derart unvermittelt eingeworfenen Worte oft für sehr geistreich gehalten wurden, und so hatte er aufs Geratewohl das erste beste, was ihm auf die Lippen gekommen war, ausgesprochen. Vielleicht kommt es gut heraus, dachte er, und wenn nicht, werden die andern es schon einzurichten wissen. Und wirklich trat gerade in diesem Augenblick, während noch ein peinliches Schweigen herrschte, die nicht genügend patriotische Persönlichkeit ein, die zur Bekehrung erwartet wurde, und Anna Pawlowna forderte, Hippolyt lächelnd mit dem Finger drohend, den Fürsten Wassilij auf, an den Tisch zu treten, brachte ihm zwei Kerzen und den Brief und bat ihn, mit dem Vorlesen zu beginnen.

Alle schwiegen.

»Allergnädigster Herr und Kaiser!« fing Fürst Wassilij streng an, blickte auf seine Zuhörer, als wolle er fragen, ob jemand etwas dagegen einzuwenden habe. Aber es hatte niemand etwas dagegen zu sagen. »Die erste Residenz, die Stadt Moskau, das neue Jerusalem, empfängt ihren Christus« – er betonte ganz unvermittelt das Wort »ihren« – »wie eine Mutter ihre geliebten Söhne mit ihren Armen umfängt, und indem sie durch die über uns gekommene Finsternis den leuchtenden Ruhm deiner Herrschaft voraussieht, singt sie begeistert: ›Hosianna, Heil dem, der da kommt.‹«

Diese letzten Worte las Fürst Wassilij mit weinerlicher Stimme. Bilibin betrachtete aufmerksam seine Nägel, andere wieder waren sichtlich verschüchtert, als legten sie sich die Frage vor, was sie denn eigentlich verbrochen hätten.

Anna Pawlowna sagte, wie ein altes Mütterchen beim Abendmahlsgebet, die nun folgenden Worte: »Mag der freche und vermessene Goliath …« schon im voraus flüsternd vor sich hin.

Fürst Wassilij fuhr fort.

»Mag der freche und vermessene Goliath todbringendes Entsetzen von Frankreichs Grenzen bis in die Gefilde Rußlands hineintragen: der demütige Glaube, diese Schleuder des russischen David, wird jach das Haupt seiner blutdürstigen Hoffart zu Boden schlagen. Dieses Bild des heiligen Sergius, der von den ältesten Zeiten an der Schirmherr des Wohles unseres Vaterlandes gewesen ist, überreichen wir Euer Kaiserlichen Majestät. Wie schmerzlich empfinde ich es, daß meine immer schwächer werdenden Kräfte mir nicht erlauben, mich an dem Anblick Eurer Majestät huldvollsten Antlitzes zu erquicken. Heiße Gebete sende ich gen Himmel, daß der Allmächtige das Geschlecht der Gerechten erhöhen und die Wünsche Eurer Majestät zu aller Segen erfüllen möge.«

»Quelle force! Quel style!« hörte man den Vorleser wie den Verfasser loben.

Durch diesen Vortrag begeistert sprachen Anna Pawlownas Gäste noch lang über die Lage des Vaterlandes und äußerten verschiedene Vermutungen über den Ausgang der Schlacht, die in diesen Tagen geliefert werden sollte.

»Vous verrez«, sagte Anna Pawlowna, »morgen zum Geburtstag des Kaisers werden wir eine Nachricht erhalten. Ich habe so eine Ahnung.«

2

Anna Pawlownas Ahnung sollte wirklich in Erfüllung gehen. Am folgenden Tag, während des Gottesdienstes, der zur Feier von Kaisers Geburtstag bei Hof stattfand, wurde Fürst Wolkonskij aus der Kirche gerufen und ihm ein Schreiben von Kutusow überreicht. Es war jener Bericht, den Kutusow am Tag der Schlacht aus Tatarinowa geschrieben hatte. Kutusow teilte darin mit, daß die Russen nicht einen Schritt zurückgegangen seien, die Franzosen weitaus größere Verluste gehabt hätten als wir, und daß er dies in aller Eile vom Schlachtfeld her melde, ohne noch die Zeit gehabt zu haben, die letzten Nachrichten einzusammeln. Folglich war es ein Sieg. Und so wurde denn sofort, noch ehe man das Gotteshaus verließ, dem Schöpfer für seine Hilfe und für den Sieg Dank gesagt.

Anna Pawlownas Ahnung hatte sich also bestätigt. In der Stadt herrschte den ganzen Morgen über eine fröhlichfeierliche Stimmung. Alle erkannten den Sieg als vollkommen an, und einige sprachen bereits von Napoleons Gefangennahme, seiner Absetzung und der Wahl eines neuen Oberhauptes für Frankreich.

Fern vom Kriegsschauplatz und inmitten der Bedingungen des Hoflebens können sich die Ereignisse nur schwer in ihrer ganzen Fülle und Kraft auswirken. Unversehens gruppieren sie sich um irgendeinen einzelnen Zufall. So war die Hauptfreude jetzt bei Hof nicht nur, daß wir gesiegt hatten, sondern daß diese Nachricht ausgerechnet am Geburtstag des Kaisers eingetroffen war. Das war wie eine erfolgreiche Geburtstagsüberraschung. In Kutusows Meldung war auch von den russischen Verlusten die Rede, unter denen die Namen Tutschkow, Bagration und Kutaisow genannt waren. Und so gruppierte sich auch alles Tragische des großen Ereignisses hier in der Petersburger Gesellschaft unwillkürlich um den einen Falclass="underline" um den Tod Kutaisows. Alle kannten ihn, der Kaiser hatte ihn gern gehabt, er war ein junger, interessanter Offizier gewesen. Wenn an diesem Tag zwei einander trafen, so begrüßten sie sich stets mit den Worten: »Welch wunderbarer Zufall! Gerade beim Gottesdienst. Und Kutaisow, was für ein Verlust! Ach, wie schade!«

»Was habe ich Ihnen von Kutusow gesagt?« rief jetzt Fürst Wassilij im stolzen Gefühl eines Propheten. »Ich habe es doch gleich gesagt, daß er allein Napoleon zu besiegen imstande ist.«

Doch am folgenden Tag traf keine Nachricht vom Heer ein, und die allgemeine Stimmung fing an, bewegter zu werden. Alles am Hofe litt unter den Qualen der Ungewißheit, in der sich der Kaiser befand.

»Welch unangenehme Lage für unseren Kaiser!« sagte man bei Hof und hob Kutusow nun schon nicht mehr in den Himmel wie vor zwei Tagen, sondern äußerte sich abfällig über ihn, weil er die Beunruhigung des Kaisers verursacht hatte. Auch Fürst Wassilij rühmte sich an diesem Tag nicht mehr, Kutusow die Stange gehalten zu haben, und hüllte sich immer in Stillschweigen, wenn die Rede auf den Oberkommandierenden kam. Außerdem verbreitete sich am Abend dieses Tages, als habe sich alles verschworen, die Einwohner Petersburgs in Unruhe und Aufregung zu versetzen, noch eine andere furchtbare Neuigkeit: die Gräfin Besuchowa war an jener furchtbaren Krankheit, deren Namen von vielen mit solchem Behagen ausgesprochen worden war, ganz plötzlich und unerwartet gestorben. Offiziell sagte man in der Gesellschaft, die Gräfin sei infolge eines bösartigen Falles von Angina gestorben. Doch in vertrauten Kreisen erzählte man sich Einzelheiten darüber, wie der Leibarzt der Königin von Spanien der schönen Helene kleine Dosen einer Medizin verschrieben habe, um eine gewisse Wirkung herbeizuführen, und wie dann Helene aus Herzeleid darüber, daß der alte Graf Verdacht gegen sie hege und daß ihr Mann, der unglückliche, sittenverderbte Pierre, an den sie geschrieben hatte, ihr keine Antwort zukommen lasse, eine mächtige Dosis dieser Medizin auf einmal eingenommen habe und unter furchtbaren Qualen gestorben sei, ehe man ihr Hilfe bringen konnte. Man erzählte ferner, Fürst Wassilij und der alte Graf hätten den Italiener festnehmen lassen wollen, dieser aber habe Briefe der unglücklichen Verstorbenen vorgezeigt, worauf sie sogleich von ihm abgelassen hätten.

So beschränkte sich das allgemeine Gespräch auf diese drei bedauerlichen Ereignisse: auf die Ungewißheit, in der der Kaiser schwebte, auf den Tod Kutaisows und auf das Hinscheiden Helenes.

Drei Tage nach Kutusows Meldung traf ein Gutsbesitzer aus Moskau in Petersburg ein, und das Gerücht von einer Übergabe Moskaus an die Franzosen verbreitete sich durch die ganze Stadt. Das war entsetzlich! Was für eine Lage für den Kaiser! Kutusow war ein Verräter, und Fürst Wassilij sagte während der Beileidsbesuche, die man ihm nach dem Tod seiner Tochter abstattete, von dem einst von ihm so gerühmten Kutusow – in der Trauer war es verzeihlich, wenn er vergaß, was er früher einmal gesagt hatte –, daß man von diesem halbblinden, liederlichen Mummelgreis nichts anderes habe erwarten dürfen.

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