Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Doch weder der Beamte noch seine Frau befanden sich an der alten Stelle. Mit hastigen Schritten ging Pierre zwischen der Volksmenge durch und sah sich die verschiedenen Gesichter an, auf die er stieß. Unwillkürlich fiel ihm eine grusinische oder armenische Familie auf: ein schöner alter Mann von orientalischem Gesichtstypus, der eine neubezogene Pelzjacke und neue Stiefel trug, ein altes Weib vom selben Typus und eine junge Frau. Dieses noch sehr junge Weib erschien Pierre als vollkommene orientalische Schönheit mit ihren kühn geschwungenen, bogenförmigen, schwarzen Brauen und dem auffallend zart rot gefärbten, schönen, ovalen und ausdruckslosen Gesicht. Auf diesem Platz, mitten in der Menge und dem wirren Hausrat, erinnerte sie in ihrer reichen Atlassaloppe und dem grell lila Kopftuch an eine zarte Treibhauspflanze, die man auf den Schnee hinausgeworfen hat. Sie saß auf einem Bündel dicht hinter der Alten und hielt ihre starren, großen, schwarzen, von langen Wimpern beschatteten Augen zu Boden gerichtet. Sie wußte offenbar, daß sie schön war, und fürchtete sich aus diesem Grund. Ihr Gesicht fiel Pierre auf, und während er in aller Eile am Zaun entlang ging, sah er sich mehrmals nach ihr um.
Als Pierre bis ans Ende des Zaunes gekommen war und doch die, die er suchte, nicht gefunden hatte, blieb er stehen und sah sich um. Die große Gestalt mit dem Kind auf dem Arme trat hier mehr hervor als bisher, und verschiedene Russen, Männer und Frauen, versammelten sich um ihn.
»Sie haben wohl jemanden verloren, lieber Herr? Sie sind wohl selbst von Adel, nicht wahr? Wem gehört denn das Kind?« fragten sie ihn.
Pierre erwiderte, das Kind gehöre einer Frau in schwarzer Saloppe, die mit ihren Kindern an dieser Stelle gesessen habe, und fragte, ob niemand wisse, wohin sie gegangen sei.
»Das können nur die Anferows gewesen sein«, sagte ein alter Diakon zu einem pockennarbigen Weib. »Herr, erbarme dich unser, erbarme dich unser!« fügte er in gewohntem Baß hinzu.
»Ach wo, die Anferows«, entgegnete das Weib. »Die Anferows sind schon heute morgen weggefahren. Das ist entweder der Marja Nikolajewna oder der Iwanowa ihrs.«
»Er spricht doch von einer Frau, Marja Nikolajewna aber ist eine Dame«, wandte ein Hausdiener ein.
»Sie kennen sie sicher, sie hat lange Zähne und ist sehr mager«, erklärte Pierre.
»Dann ist es Marja Nikolajewna. Die sind in den Garten gegangen, als diese Wölfe hier einfielen«, erzählte, auf die Franzosen zeigend, das alte Weib.
»Großer Gott, erbarme dich unser«, fügte wieder der Diakon hinzu.
»Gehen Sie nur dort durch, da sind sie. Da ist auch die Frau. Halbtot hat sie sich geweint«, rief wieder die Alte. »Da ist sie. Dort herum müssen Sie gehen!«
Aber Pierre hörte nicht mehr auf sie. Schon seit einigen Augenblicken beobachtete er, ohne ein Auge abzuwenden, das, was einige Schritte von ihm entfernt vor sich ging. Er beobachtete die armenische Familie und zwei französische Soldaten, die auf sie zugingen. Einer der Soldaten, ein kleiner, gewandter Bursche, trug einen blauen Mantel, um den er einen Strick geschlungen hatte; auf dem Kopf hatte er eine Zipfelmütze, seine Füße waren nackt. Der andere, der Pierre besonders auffiel, war ein langer, dünner, krummer, blonder Mensch mit langsamen Bewegungen und idiotischem Gesichtsausdruck. Er trug einen Friesmantel, blaue Hosen und große, zerrissene Schaftstiefel. Der kleinere Franzose im blauen Mantel, der keine Stiefel anhatte, ging auf die Armenier zu, faßte, indem er irgend etwas sagte, den Alten am Bein, und der Greis schickte sich sogleich hastig an, seine Stiefel auszuziehen. Der andere im Friesmantel blieb, die Hände in den Hosentaschen, vor der schönen Armenierin stehen und sah sie stumm und unbeweglich an.
»Nimm das Kind, nimm es«, sagte Pierre hastig und befehlend zu dem alten Weib und gab ihr die Kleine hin. »Gib es ihnen, gib es ihnen!« schrie er die Alte fast an, setzte das kleine Mädchen, das wieder zu schreien anfing, auf die Erde und blickte sich wieder nach den Franzosen und der armenischen Familie um.
Der Greis saß nun schon barfuß da. Der kleine Franzose hatte ihm beide Stiefel ausgezogen und klopfte diese eben gegeneinander. Der Alte sagte mit heiserer Stimme etwas, aber Pierre warf ihm nur einen kurzen Blick zu: seine ganze Aufmerksamkeit war jetzt auf den Franzosen im Friesmantel gerichtet, der sich indessen langsam und schwankend der jungen Frau genähert hatte, die Hand aus der Tasche zog und ihr an den Hals griff.
Die schöne Armenierin saß immer noch in derselben starren Haltung da und hielt die langen Wimpern gesenkt, als sähe und fühlte sie nicht, was der Franzose ihr antat.
Während Pierre die wenigen Schritte durcheilte, die ihn von den Soldaten trennten, hatte der lange Marodeur im Friesmantel schon der Armenierin das Geschmeide entrissen, das sie am Halse trug. Die junge Frau fuhr mit den Händen hoch und schrie durchdringend auf.
»Laß diese Frau!« schrie Pierre mit heiserer, wütender Stimme, faßte den langen, krummen Soldaten an der Schulter und stieß ihn beiseite.
Der Soldat fiel hin, stand wieder auf und riß aus. Doch sein Kamerad warf die Stiefel beiseite, legte die Hand an das Seitengewehr und ging drohend auf Pierre zu.
»Voyons, pas de betises!« schrie er ihm zu.
Pierre befand sich in einem wahren Taumel der Wut, der ihn alles vergessen machte und seine Kräfte verzehnfachte. Er stürzte auf den Soldaten ohne Stiefel zu, und ehe dieser Zeit gehabt hatte, sein Seitengewehr zu ziehen, hatte er ihn bereits zu Boden geworfen und trommelte mit den Fäusten auf ihn los. Beifällige Zurufe ertönten aus der umstehenden Menge. Doch im selben Augenblick kam eine reitende Patrouille französischer Ulanen um die Ecke. Sie ritten im Trab auf Pierre und den Franzosen zu und umringten die beiden. Von alldem, was weiter geschah, wußte Pierre später nichts mehr. Er erinnerte sich nur, daß er auf jemanden eingeschlagen hatte, wieder geschlagen worden war und zuletzt gefühlt hatte, wie ihm die Hände gebunden worden waren und der Trupp französischer Soldaten um ihn herumgestanden und seine Kleider durchsucht hatte.
»Er hat einen Dolch, Herr Leutnant«, waren die ersten Worte, die Pierre wieder verstand.
»Ah, eine Waffe«, sagte der Offizier und wandte sich dann an den barfüßigen Soldaten, der mit Pierre zusammen festgenommen worden war. »C’est bon, du wirst das alles vor dem Kriegsgericht aussagen.« Darauf drehte er sich wieder nach Pierre um: »Sprechen Sie Französisch?«
Pierre sah sich mit blutunterlaufenen Augen rings um und gab keine Antwort. Offenbar machte sein Gesicht einen furchtbaren Eindruck, denn der Offizier gab flüsternd einen Befehl, worauf sich noch vier Ulanen von dem Trupp loslösten und rechts und links von Pierre aufstellten.
»Sprechen Sie Französisch?« fragte der Offizier noch einmal, hielt sich aber etwas abseits von ihm. »Ruft den Dolmetscher.«
Aus den Reihen trat ein kleiner Mann in russischem Zivilanzug. An Kleidung und Sprache erkannte Pierre in ihm sofort einen Franzosen aus einem Moskauer Geschäft.
»Er sieht nicht aus wie ein Mann aus dem Volk«, sagte der Dolmetscher, nachdem er sich Pierre angesehen hatte.
»Oh, oh, er kommt mir ganz wie ein Brandstifter vor«, erwiderte der Offizier. »Fragen Sie ihn, was er ist«, fügte er hinzu.
»Wer bist du?« fragte der Dolmetscher. »Du mußt der Obrigkeit antworten.«