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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Den ganzen Weg über hatte Natascha mit großen Augen, die die Gräfin so gut an ihr kannte und deren Ausdruck sie so sehr beängstigte, ohne sich zu rühren, in einer Wagenecke gesessen, und ebenso saß sie nun auf der Bank, auf der sie sich niedergelassen hatte. Die Gräfin wußte, daß sich Natascha jetzt etwas ausdachte, irgendeinen Entschluß faßte oder vielleicht gar schon gefaßt hatte. Was für ein Entschluß das aber war, wußte die Gräfin nicht, und das ängstigte und quälte sie.

»Natascha, zieh dich aus, Herzchen, und lege dich auf mein Bett.« Nur für die Gräfin war ein Bett aufgeschlagen worden, Madame Schoß und die beiden jungen Mädchen sollten auf einem Heulager auf dem Fußboden schlafen.

»Nein, Mama, ich lege mich dort auf die Erde«, sagte Natascha ärgerlich, trat ans Fenster und öffnete es.

Durch das geöffnete Fenster hörte man das Stöhnen des Adjutanten deutlicher. Sie beugte den Kopf in die feuchte Nachtluft hinaus, und die Gräfin sah, wie ihr dünner Hals vor Schluchzen zuckte und zitternd den Fensterrahmen berührte. Natascha wußte, daß es nicht Fürst Andrej war, der so stöhnte. Sie wußte, daß sich Fürst Andrej im selben Anwesen befand, wo auch sie waren, in einer Nachbarhütte, die durch den Hausflur mit der ihren verbunden war, aber dieses furchtbare, nie verstummende Gestöhn machte sie schluchzen. Die Gräfin wechselte mit Sonja einen Blick.

»Leg dich hin, mein Täubchen, leg dich hin, mein Herzchen«, sagte die Gräfin und berührte mit ihrer Hand leicht Nataschas Schulter. »Komm, leg dich hin.«

»Ach ja … gleich, gleich lege ich mich hin«, sagte Natascha und zog sich so hastig aus, daß ihre Rockbänder rissen. Sie warf das Kleid ab, streifte ihr Nachtgewand über und setzte sich mit gekreuzten Beinen auf das am Fußboden bereitete Lager, nahm ihren langen, dünnen Zopf über die Schulter nach vorn und fing an, ihn umzuflechten. Ihre feinen, langen, geübten Finger lösten das Haare schnell und geschickt auf, flochten es wieder zusammen und banden es zu. Wie immer drehte Natascha dabei den Kopf bald nach der einen, bald nach der anderen Seite, aber ihre fieberhaft weitaufgerissenen Augen blickten starr geradeaus. Als sie ihre Nachttoilette beendet hatte, legte sie sich ruhig auf das äußerste Ende des über das Heu gebreiteten Bettuches, dicht neben die Tür.

»Natascha, lege dich doch in die Mitte«, sagte Sonja.

»Ich liege nun einmal hier«, erwiderte Natascha. »Legt ihr euch doch auch hin«, fügte sie ärgerlich hinzu und verbarg ihr Gesicht im Kissen.

Die Gräfin, Madame Schoß und Sonja zogen sich eilig aus und legten sich hin. Nur das Lämpchen vor den Heiligenbildern blieb im Zimmer brennen. Aber auf dem Hof draußen war es hell vom Feuerschein des brennenden Klein-Mytischtschi, das zwei Werst entfernt lag. Von der Straße her drang dumpf der Krakeel des Volkes aus der gegenüberliegenden Schenke, die die Mamonowschen Kosaken kurz und klein geschlagen hatten, und immer noch hörte man das ununterbrochene Stöhnen des Adjutanten.

Lange lauschte Natascha auf alle Geräusche drinnen und draußen, die zu ihr drangen, und rührte sich nicht. Zuerst hörte sie, wie ihre Mutter betete und seufzte und wie das Bett unter ihr krachte, hörte das pfeifende Schnarchen der Madame Schoß und Sonjas ruhige Atemzüge. Dann rief die Gräfin noch einmal nach Natascha. Diese gab keine Antwort.

»Ich glaube, sie schläft, Mama«, sagte Sonja leise.

Die Gräfin war eine Weile still, dann rief sie noch einmal, aber wieder erhielt sie keine Antwort.

Bald darauf vernahm Natascha die gleichmäßigen Atemzüge ihrer Mutter. Natascha rührte sich nicht, obgleich ihr kleiner nackter Fuß, der unter der Decke hervorgerutscht war, auf dem bloßen Fußboden ganz kalt wurde.

In einer Ritze zirpte eine Grille, als feiere sie einen Sieg über alle. Ein Hahn krähte in der Ferne, ein zweiter antwortete ihm ganz nahe. Auch in der Schenke war es still geworden. Man hörte nur noch das Stöhnen des Adjutanten. Natascha richtete sich auf.

»Sonja, schläfst du? Mama?« flüsterte sie.

Niemand antwortete. Leise und vorsichtig erhob sie sich, bekreuzigte sich und trat behutsam mit ihren schmalen, biegsamen, nackten Füßen auf den kalten, schmutzigen Fußboden. Die Dielenbretter knarrten. Mit flinken, kleinen Schritten lief sie wie ein Kätzchen zur Tür und ergriff die kalte Klinke.

Ihr war, als ob schwere, gleichmäßige Schläge gegen alle Wände der Hütte pochten: es war ihr vor Angst vergehendes Herz, das vor Grauen und Liebe zu springen drohte.

Sie öffnete die Tür, ging über die Schwelle und trat auf den kalten, feuchten Erdfußboden des Flurs hinaus. Kalt wehte es ihr entgegen, aber das erfrischte sie. Mit ihrem bloßen Fuß berührte sie einen schlafenden Menschen, schritt über ihn hinweg und öffnete die Tür zu der Hütte, in der Fürst Andrej lag.

Hier war es finster. Hinten in der Ecke neben einem Bett, in dem etwas lag, stand auf der Bank ein Talglicht mit langem, abgebranntem Docht.

Schon am Morgen, als ihr die Verwundung und Anwesenheit des Fürsten Andrej mitgeteilt worden war, hatte Natascha beschlossen, daß sie ihn sehen müsse. Sie wußte nicht, wozu dies nötig war, und war sich sogar bewußt, daß dieses Wiedersehen eine Qual für sie sein werde, um so mehr aber war sie überzeugt, daß es notwendig war.

Den ganzen Tag über hatte sie nur die Hoffnung aufrechterhalten, daß es ihr in der Nacht gelingen werde, zu ihm zu gehen. Jetzt aber, als dieser Augenblick gekommen war, packte sie ein Grauen vor dem, was sie sehen werde. Wie entstellt mochte er aussehen? Was mochte von ihm übriggeblieben sein? War er so wie dieser Adjutant, der ununterbrochen stöhnte? Ja, ganz so. Er war für sie die Verkörperung dieses entsetzlichen Stöhnens. Als sie die verschwommene Masse in der Ecke sah und seine unter der Decke erhobenen Knie für seine Schultern hielt, stellte sie sich einen entsetzlichen Körper vor, und das Grauen bannte sie fest.

Doch eine unwiderstehliche Kraft trieb sie vorwärts. Behutsam ging sie einen Schritt weiter, dann noch einen zweiten und sah sich schon in der Mitte des kleinen, vollgestopften Raumes. Auf der Bank unter den Heiligenbildern lag noch ein Mensch – es war Timochin – und am Fußboden noch zwei andre: der Arzt und der Kammerdiener.

Der Kammerdiener richtete sich auf und sagte flüsternd etwas. Timochin, den sein verwundetes Bein arg schmerzte, schlief nicht und betrachtete mit weit offenen Augen die seltsame Erscheinung des Mädchens im weißen Hemd mit Nachtjacke und Nachthäubchen. Die verschlafene und ängstliche Anrede des Kammerdieners: »Was wünschen Sie? Warum?« ließen Natascha nur noch schneller auf das zuschreiten, was in der Ecke lag. Wie furchtbar und menschenunähnlich dieser Körper auch sein mochte, sie mußte ihn sehen. Sie ging am Kammerdiener vorüber. Der abgebrannte Docht des Lichtes fiel ab, und nun sah sie den Fürsten Andrej deutlich. Er lag, die Arme über die Decke gestreckt, da und sah genauso aus wie immer.

Er war wie immer. Aber die glühende Röte seines Gesichtes, die glänzenden Augen, die er entzückt auf sie gerichtet hielt, besonders aber sein zarter, kindlicher Hals, der aus dem aufgeschlagenen Hemdkragen sah, gaben ihm ein besonders unschuldiges, kindliches Aussehen, das sie an ihm noch nie gesehen hatte. Sie trat auf ihn zu und sank mit schneller, weicher und jugendlicher Bewegung auf die Knie.

Er lächelte und streckte ihr die Hand entgegen.

32

Sieben Tage waren verstrichen, seit Fürst Andrej auf dem Verbandplatz bei Borodino zu sich gekommen war. Diese ganze Zeit über hatte er sich fast ständig in Bewußtlosigkeit befunden. Das andauernde Fieber und eine Entzündung der verwundeten Därme mußten nach Ansicht des Arztes, der den Fürsten begleitete, sein Ende herbeiführen. Aber am siebenten Tag fing er an, mit Genuß ein Stück Brot und Tee zu verzehren, und der Arzt beobachtete, wie das Fieber abnahm.

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