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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Ich werde euch nicht sagen, wer ich bin«, antwortete Pierre plötzlich auf französisch. »Ich bin euer Gefangener. Führt mich fort.«

»Ah! Ah!« machte der Offizier und zog die Stirn kraus. »Märchens!«

Eine dichte Menge hatte sich um die Ulanen versammelt. In Pierres nächster Nähe stand das pockennarbige alte Weib mit dem kleinen Mädchen, und als sich der Trupp in Bewegung setzte, lief diese mit.

»Wohin führen sie dich denn, mein Täubchen?« sagte sie zu Pierre. »Und die Kleine, was soll ich mit der machen, wenn es nun nicht denen ihre ist?«

»Was will denn die Frau?« fragte der Offizier.

Pierre war wie trunken. Seine taumelnde Begeisterung wurde beim Anblick dieses Kindes, das er gerettet hatte, noch größer.

»Was sie sagt?« wiederholte er. »Sie bringt mir mein Töchterchen, das ich aus den Flammen gerettet habe«, fuhr er fort. »Leb wohl!« und ohne selber zu wissen, warum ihm diese zwecklose Lüge entschlüpft war, ging er mit entschlossenen, feierlichen Schritten zwischen den Franzosen her.

Diese französische Patrouille war eine von denen, die auf Duroneis Befehl durch verschiedene Straßen Moskaus ausgeschickt worden waren, um Plündereien zu verhindern, vor allem aber um die Brandstifter abzufassen, die nach einer an diesem Tag bei den höchsten französischen Offizieren allgemein verbreiteten Ansicht die Ursache der Feuersbrunst waren. Die Patrouille durchritt noch einige andere Straßen und fing dabei noch etwa fünf verdächtige Russen ab: einen Kaufmann, zwei Seminaristen, einen Bauer und einen Hausknecht und noch ein paar Plünderer. Doch von allen diesen unsicheren Kunden kam ihnen Pierre am verdächtigsten vor. Als man sie alle für die Nacht in ein großes Haus am Subowskijwall gebracht hatte, wo die Hauptwache untergebracht war, wurde Pierre unter strenger Bewachung gesondert eingesperrt.

Zwölfter Teil

1

In Petersburgs höchsten Kreisen wurde unterdessen mit noch hitzigerem Eifer denn je der verwickelte Kampf zwischen der Franzosenpartei Rumjanzews und der Partei Marja Fjodorownas, des Großfürsten und Thronfolgers und anderer ausgefochten, wobei das Pauken und Trompeten höfischer Drohnen wie immer den Hauptspektakel machte. Dabei ging das ruhige, üppige Petersburger Leben, das nur nach den trügerischen Spiegelbildern des Daseins haschte, seinen alten Gang weiter, und allen denen, die in dieses Leben verstrickt waren, kostete es große Anstrengung, sich der Gefahr und schwierigen Lage bewußt zu werden, in der sich das russische Volk befand. Dieselben Empfänge, dieselben Bälle, dasselbe französische Theater, dieselben Hof- und Dienstangelegenheiten, dieselben Intrigen nahmen das Interesse aller gefangen. Nur in den allerhöchsten Kreisen gab man sich Mühe, der bösen Gegenwart eingedenk zu sein. Flüsternd erzählte man sich, wie verschieden die beiden Kaiserinnen in der so schwierigen Lage vorgingen. Die Kaiserin-Mutter Marja Fjodorowna hatte, besorgt um das Wohl der unter ihrem Protektorat stehenden Wohltätigkeitsanstalten und Erziehungsinstitute, ihre Verlegung nach Kasan angeordnet, und die Sachen dieser Anstalten waren bereits gepackt. Kaiserin Jelisaweta Alexejewna dagegen hatte auf die Frage, was für Anordnungen sie zu treffen gedenke, mit dem ihr eigenen patriotischen Empfinden zur Antwort gegeben: über staatliche Anstalten könne sie nicht verfügen, das stehe allein dem Kaiser zu, was sie persönlich aber betreffe, so könne sie nur sagen, daß sie die letzte sein werde, die Petersburg verlasse.

Am 26. August, also am Tag der Schlacht bei Borodino, fand bei Anna Pawlowna eine Abendgesellschaft statt, deren wirkungsvollster Teil die Vorlesung eines Briefes sein sollte, den der Metropolit bei Übersendung eines Bildes des heiligen Sergius an den Kaiser geschrieben hatte. Dieser Brief wurde als Muster patriotischer und geistlicher Beredsamkeit angesehen. Zu Gehör bringen sollte ihn Fürst Wassilij selbst, der durch seine Vorlesekunst so berühmt war, daß er sogar der Kaiserin häufig vorlesen mußte. Seine Kunst bestand darin, daß er die Worte laut und singend, bald wie ein Verzweifelter brüllend, bald wie ein Verliebter schmachtend, ganz unabhängig von ihrer Bedeutung, aber melodisch dahinfließen ließ, so daß es ganz dem Zufall überlassen blieb, ob ein Wort verzweifelt gebrüllt, ein anderes zärtlich geflüstert wurde. Dieser Abend mit der Vorlesung des Briefes war, wie alle Gesellschaften bei Anna Pawlowna, von politischer Bedeutung. Es wurden mehrere wichtige Persönlichkeiten erwartet, die, weil sie immer noch das französische Theater besucht hatten, beschämt und zu patriotischer Gesinnung bekehrt werden sollten. Viele Menschen hatten sich bei Anna Pawlowna schon eingefunden, doch erblickte sie in ihrem Salon noch nicht alle diejenigen, die sie brauchte, und deshalb fing man mit der Vorlesung noch nicht an, sondern führte nur allgemeine Gespräche.

Das Neueste vom Tage war heute in Petersburg das Unwohlsein der Gräfin Besuchowa. Die schöne Helene war vor einigen Tagen plötzlich krank geworden und hatte mehrere Gesellschaften, deren Zierde sie sonst immer zu sein pflegte, absagen müssen. Es verlautete, daß sie auch selber niemanden empfange und sich nicht den berühmten Petersburger Ärzten, die sie sonst immer behandelt hatten, sondern einem italienischen Quacksalber anvertraut habe, der sie mit einer neuen, ungewöhnlichen Methode zu heilen suche.

Alle wußten sehr wohl, daß die Krankheit der reizenden Gräfin nur von ihrer mißlichen Lage herrührte, zwei Männer auf einmal heiraten zu wollen, und daß die Methode des italienischen Arztes darin bestand, diese Mißlichkeiten aus dem Weg zu räumen. Doch in Gegenwart Anna Pawlownas wagte niemand auch nur daran zu denken, und es war, als habe kein Mensch eine Ahnung davon.

»On dit que la pauvre comtesse est très mal. Der Arzt sagt, es sei Angina.«

»Angina? Oh, c’est une maladie terrible.«

»On dit que les rivaux se sont réconcilies grâce à l’angine …«

Das Wort Angina wurde mit großem Behagen immer wieder angewendet.

»Der alte Graf soll rührend sein, sagt man. Er soll wie ein Kind geweint haben, als der Arzt ihm erklärt hat, der Fall sei nicht ungefährlich.«

»Oh, das wäre ja auch ein furchtbarer Verlust. C’est une femme ravissante!«

»Vous parlez de la pauvre comtesse«, sagte Anna Pawlowna nähertretend. »Ich hatte soeben hingeschickt, um mich zu erkundigen. Man hat mir sagen lassen, daß es ihr ein wenig besser geht. Oh, sans doute, c’est la femme la plus charmante du monde«, fuhr Anna Pawlowna mit einem Lächeln über ihre eigne Begeisterung fort. »Wir gehören zwar verschiedenen politischen Lagern an, aber das hindert mich nicht, ihr die Hochachtung, die sie verdient, entgegenzubringen. Sie ist doch recht unglücklich …« fügte sie hinzu.

In der Annahme, daß Anna Pawlowna mit diesen Worten den Schleier ein wenig lüften wolle, der über dem Geheimnis der Krankheit der Gräfin lag, erlaubte sich ein unvorsichtiger junger Mann, seiner Verwunderung darüber Ausdruck zu verleihen, daß die Gräfin nicht berühmte Ärzte zugezogen habe, sondern sich von einem Scharlatan behandeln lasse, der ihr möglicherweise schädliche Mittel eingeben könne.

»Vielleicht sind Sie besser informiert als ich«, fiel Anna Pawlowna plötzlich giftig über den unerfahrenen jungen Mann her, »aber ich weiß aus sicherer Quelle, daß dieser Arzt ein sehr gelehrter und geschickter Mann ist. Er ist der Leibarzt der Königin von Spanien.«

Nachdem sie so den jungen Mann in Grund und Boden geschmettert hatte, wandte sie sich Bilibin zu, der in einer anderen Gruppe über die Österreicher sprach, die Stirn in Falten zog und sich offenbar gerade anschickte, sie wieder zu glätten, um »un mot« zum besten zu geben.

»Je trouve que c’est charmant«, sagte er von einem diplomatischen Schriftstück, das Wittgenstein, le héros de Pétropol, wie man ihn in Petersburg nannte, mit den von ihm erbeuteten Fahnen nach Wien gesandt hatte.

»Wieso? Wie meinen Sie das?« wandte sich Anna Pawlowna an ihn, um dem »mot«, das sie schon kannte, die gebührende Aufmerksamkeit zu sichern.

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