Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Ohne sich von seinem neuen Freund zu verabschieden, ging Pierre mit unsicheren Schritten vom Tor fort, kehrte in sein Zimmer zurück, legte sich aufs Sofa und schlief sogleich ein.
30
Diesen Feuerschein jenes ersten, am 2. September ausgebrochenen Brandes beobachteten auch die aus Moskau flüchtenden Einwohner und die sich zurückziehenden Truppen von verschiedenen Wegen aus mit den verschiedensten Empfindungen.
Der Wagenzug der Rostows stand in dieser Nacht in Mytischtschi, zwanzig Werst von Moskau entfernt. Sie waren am 1. September so spät weggefahren, der Weg war mit Fuhrwerken und Truppen so versperrt gewesen, es waren so viele Sachen vergessen worden, nach denen man erst wieder Leute zurückschicken mußte, daß sie sich entschlossen hatten, fünf Werst von Moskau entfernt zu übernachten. Am nächsten Morgen waren sie spät aufgewacht, und wieder hatten sich so viele Hindernisse in den Weg gestellt, daß sie nur bis GroßMytischtschi gekommen waren. Um zehn Uhr abends hatten die Rostowschen Herrschaften und die Verwundeten, die mit ihnen fuhren, alle in den Gutshöfen und Hütten des großen Dorfes Unterkunft gefunden. Die Rostowsche Dienerschaft, die Kutscher und die Burschen der Verwundeten aßen, nachdem sie ihre Herrschaft versorgt hatten, zu Abend, fütterten die Pferde und gingen dann vor die Tür des von der Familie Rostow belegten Hauses.
In der Nachbarhütte lag ein verwundeter Adjutant Rajewskijs mit zerschmetterter Hand, der infolge des furchtbaren Schmerzes, den er ausstehen mußte, ununterbrochen kläglich stöhnte. Dieses Stöhnen klang in der dunklen Herbstnacht entsetzlich. Das erstemal hatte dieser Adjutant in demselben Haus übernachtet, in dem auch die Rostows abgestiegen waren, doch die Gräfin hatte erklärt, sie habe wegen dieses Stöhnens kein Auge zutun können, und war in GroßMytischtschi in die elendeste Hütte gezogen, nur um etwas weiter von diesem Verwundeten entfernt zu sein.
Einer der Leute bemerkte im Dunkel der Nacht hinter einer hohen, vor der Einfahrt stehenden Kutsche einen zweiten kleinen Feuerschein. Den anderen hatten sie schon lange gesehen und wußten alle, daß dort Klein-Mytischtschi brannte, das die Mamonowschen Kosaken angezündet hatten.
»Seht mal, Kameraden, dort noch ein zweiter Brand«, rief einer der Burschen.
Alle sahen nach diesem Feuerschein hin.
»Es wurde doch schon erzählt, die Mamonowschen Kosaken hätten Klein-Mytischtschi in Brand gesteckt.«
»Klein-Mytischtschi? Nein, das ist dort nicht, das ist weiter.«
»Sieh mal, fast wie wenn’s in Moskau wäre.«
Zwei der Leute stiegen die Außentreppe hinunter, gingen um die Kutsche herum und setzten sich auf das Trittbrett.
»Das ist mehr links. Wie denn, Mytischtschi liegt ja dort, aber das ist doch auf einer ganz anderen Seite.«
Es gesellten sich noch mehr Leute zu ihnen.
»Seht mal, wie das auflodert«, sagte der eine. »Der Brand ist in Moskau, Leute, entweder in der Suschtschewskaja[204] oder in der Rogoshskaja[205].«
Keiner antwortete auf diese Bemerkung. Und ziemlich lange beobachteten die Leute schweigend die in der Ferne auflodernde Flamme des neuen Brandes.
Der alte gräfliche Kammerdiener, wie man ihn nannte, Danilo Terentjytsch, trat auf das Häuflein zu und rief Mischka.
»Was hast du hier zu gaffen, Stromer! … Der Graf ruft, und niemand ist da. Geh und bring die Sachen in Ordnung!«
»Ich bin nur nach Wasser gelaufen«, entschuldigte sich Mischka.
»Was glauben Sie, Danilo Terentjytsch, ist der Brand wohl in Moskau?« fragte einer der Lakaien.
Danilo Terentjytsch gab keine Antwort, und wieder schwiegen alle lang. Der Brand wogte hin und her und griff weiter und weiter um sich.
»Gott sei uns gnädig! … Der Wind, die Trockenheit …« sagten ein paar Stimmen.
»Seht nur, wie sich das ausbreitet. Großer Gott, schon sieht man die Dohlen! Herrgott, erbarme dich über uns Sünder!«
»Sie werden es doch wohl löschen!«
»Wer soll es denn löschen?« hörte man die Stimme Danilo Terentjytschs, der bis jetzt geschwiegen hatte. Er sprach ruhig und gemessen. »Es ist Moskau, ihr Leute«, sagte er. »Unser weißes Mütterchen …« Die Stimme versagte ihm, und er brach plötzlich in greisenhaftes Schluchzen aus.
Und es war, als hätten alle nur darauf gewartet, um den Sinn des Feuerscheins, den sie sahen, zu verstehen: ringsum hörte man Seufzen, Worte des Gebets und das Schluchzen des alten gräflichen Kammerdieners.
31
Der Kammerdiener kehrte ins Haus zurück und meldete dem Grafen, Moskau stehe in Flammen. Der Graf zog den Schlafrock an und ging hinaus, um zu sehen. Sonja und Madame Schoß, die sich noch nicht ausgezogen hatten, folgten ihm. Natascha und die Gräfin blieben allein im Zimmer zurück. Petja war nicht mehr bei ihnen, er war mit seinem Regiment vorausgeeilt, das nach Troiza marschierte.
Als die Gräfin die Nachricht vom Brand Moskaus hörte, fing sie an zu weinen. Natascha saß bleich und mit starren Augen auf der Bank unter den Heiligenbildern, auf derselben Stelle, wohin sie sich gesetzt hatte, als sie gekommen waren, und schenkte den Worten ihres Vaters nicht die geringste Aufmerksamkeit. Sie lauschte dem nie verstummenden Stöhnen des Adjutanten, das man Häuser weit hörte.
»Ach, wie grauenhaft!« sagte Sonja, die durchfroren und verängstigt vom Hof zurückkam. »Ich glaube, ganz Moskau steht in Flammen. Ein furchtbarer Brand! Natascha, sieh doch mal! Jetzt kann man es auch hier vom Fenster aus sehen«, sagte sie zu ihrer Cousine in dem sichtlichen Bemühen, sie durch irgend etwas abzulenken.
Aber Natascha sah sie an, als verstünde sie gar nicht, was man zu ihr sagte, und richtete ihre Augen wieder auf die Ofenecke. In diesem Zustand der Betäubung befand sie sich seit heute morgen, von dem Augenblick an, da es Sonja zur Verwunderung und zum Ärger der Gräfin und ohne selber zu wissen warum, für nötig befunden hatte, Natascha darüber aufzuklären, daß Fürst Andrej verwundet war und mit ihnen zusammen fuhr. Die Gräfin war auf Sonja so ernstlich böse gewesen wie nur selten. Sonja hatte geweint und um Verzeihung gebeten und war nun, als wenn sie sich Mühe gäbe, ihre Schuld wieder gutzumachen, ununterbrochen liebevoll um ihre Cousine besorgt.
»Sieh nur, Natascha, wie furchtbar es brennt!« sagte Sonja.
»Was brennt denn?« fragte Natascha. »Ach ja, Moskau.«
Wie um Sonja nicht durch eine Weigerung zu kränken oder auch um sie loszuwerden, drehte sie den Kopf nach dem Fenster und schaute hinaus, aber sichtlich so, daß sie gar nichts erkennen konnte, und nahm dann ihre frühere Stellung wieder ein.
»Aber du hast ja gar nichts gesehen?«
»Doch, wirklich, ich habe es gesehen«, erwiderte Natascha mit einer Stimme, in der die Bitte lag, sie in Ruhe zu lassen.
Und die Gräfin und auch Sonja verstanden, daß weder Moskau noch Moskaus Brand noch was immer es auch sei Bedeutung für Natascha haben könne.
Der Graf ging wieder hinter seinen Wandschirm und legte sich schlafen. Die Gräfin trat auf Natascha zu, befühlte mit dem Handrücken den Kopf, wie sie es immer tat, wenn ihre Tochter krank war, dann berührte sie ihre Stirn mit den Lippen, wie um zu erkennen, ob sie Fieber habe, und küßte sie.
»Du bist ja ganz kalt? Du zitterst ja am ganzen Körper. Leg dich doch hin«, sagte sie.
»Hinlegen? Ja, gut, ich werde mich hinlegen. Ich werde mich gleich hinlegen«, erwiderte Natascha.
Als man Natascha an diesem Morgen gesagt hatte, daß Fürst Andrej schwerverwundet sei und mit ihnen fahre, hatte sie im ersten Augenblick viele Fragen gestellt: wohin er fahre, wo er verwundet sei, ob schwer, und ob sie ihn sehen dürfe. Doch nachdem man ihr gesagt hatte, sie könne ihn nicht sehen, er sei schwer verwundet, aber sein Leben sei außer Gefahr, hatte sie offenbar dem, was man ihr berichtete, keinen Glauben geschenkt und die Überzeugung gewonnen, daß, soviel sie auch frage, man ihr doch nur immer diese eine Antwort erteilen werde, und so hatte sie mit Fragen aufgehört und nicht mehr gesprochen.
204
in der Suschtschewskaja: Stadtteil im Norden Moskaus.
205
Rogoshskaja: Stadtteil im Osten Moskaus.