Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Aber das alles ist nur die äußere Aufmachung des Lebens, der wahre Kern ist doch nur die Liebe! L’amour! Nicht wahr, Monsieur Pierre?« sagte er, wieder lebhafter werdend. »Trinken wir noch ein Gläschen!«
Pierre trank wieder aus und schenkte sich das dritte ein.
»Oh! les femmes! les femmes!« seufzte der Hauptmann und fing an, von der Liebe und seinen eignen Liebesabenteuern zu sprechen, während er Pierre mit glänzenden Augen anblickte.
Der Abenteuer waren es viele, was man gern glauben konnte, wenn man das hübsche, selbstgefällige Gesicht des Offiziers und die lebhafte Begeisterung, mit der er von den Frauen sprach, in Betracht zog. Obgleich die Liebesgeschichten Remballes alle jenen obszönen Zug aufwiesen, in dem die Franzosen ausschließlich den Reiz und die Poesie der Liebe erblicken, erzählte der Hauptmann seine Abenteuer doch mit so aufrichtiger Überzeugung, daß nur er alle Wonnen der Liebe erfahren und kennen gelernt habe, und entwarf ein so verführerisches Bild der Frauen, daß Pierre ihm neugierig zuhörte.
Es war klar, daß die Liebe, für die der Franzose so schwärmte, nicht jenes niedrige, einfache Gefühl war, das Pierre ehemals für seine Frau empfunden hatte, noch jene von ihm selber aufgebauschte, romantische Liebe, die er Natascha entgegenbrachte. Diese beiden Arten von Liebe verachtete Remballe eine wie die andere: die erste nannte er »Fuhrmannsliebe«, die andere »Narrenliebe«. L’amour, vor der der Franzose auf den Knien lag, bestand ausschließlich in außergewöhnlichen Beziehungen zum Weibe und aus einer Häufung perverser Empfindungen, die für ihn den Hauptreiz dieses Gefühls ausmachten.
So erzählte der Franzose die rührende Geschichte seiner Liebe zu einer bezaubernden fünfunddreißigjährigen Marquise und gleichzeitig zu einem reizenden, unschuldigen siebzehnjährigen Kind, der Tochter dieser Marquise. Der Kampf der Großmut zwischen Mutter und Tochter, der damit endete, daß die Mutter sich selber zum Opfer brachte und ihrem Liebhaber die Tochter zur Frau anbot, rührte den Hauptmann noch jetzt, obgleich diese Erinnerung schon weit zurücklag. Dann gedachte er einer Episode, wo der Gatte die Rolle eines Liebhabers und er, der Liebhaber, die Rolle des Gatten gespielt hatte, und dann noch einiger komischer Szenen aus seinen Souvenirs d’Allemagne, wo asile Unterkunft heißt und wo les maris mangent de la choucroute et où les jeunes filles sont trop blondes.
Sein letztes Abenteuer endlich in Polen, das dem Hauptmann noch ganz frisch im Gedächtnis war und das er unter lebhaften Gesten und mit glühendem Gesicht erzählte, bestand darin, daß er einem Polen das Leben gerettet hatte – überhaupt kamen in seinen Erzählungen Lebensrettungen immer wieder vor. Dieser Pole hatte ihm, während er selber in französische Dienste getreten war, seine entzückende Frau, une Parisienne de cœur, anvertraut. Der Hauptmann hatte bei ihr Glück gehabt: die entzückende Polin wollte mit ihm davonlaufen, er aber, von Hochherzigkeit getrieben, hatte die Frau dem Gatten zurückgebracht und dabei zu ihm gesagt: »Ich habe Ihnen das Leben gerettet, nun rette ich Ihnen noch die Ehre!« Als der Franzose diese Worte wiederholte, wischte er sich die Augen und schüttelte sich, wie um bei dieser rührenden Erinnerung eine Schwäche zu verscheuchen, die ihn zu übermannen drohte.
Wie das zu später Abendstunde und unter der Einwirkung des Weines oft zu geschehen pflegt, folgte Pierre, während er den Geschichten des Hauptmanns zuhörte, allem, was dieser ihm erzählte, verstand alles, ging aber dabei gleichzeitig einer Reihe persönlicher Erinnerungen nach, die plötzlich aus irgendeinem Grund vor seinem geistigen Auge auftauchten. Während er diesen Liebesgeschichten lauschte, kam ihm seine eigne Liebe zu Natascha unversehens ins Gedächtnis, und während er die Bilder dieser Liebe an seiner Seele vorüberziehen ließ, verglich er sie in Gedanken mit Remballes Erzählungen. Indem er der Schilderung eines Kampfes zwischen Liebe und Pflicht folgte, traten ihm alle kleinen, kleinsten Einzelheiten seiner letzten Begegnung mit dem Gegenstand seiner Liebe beim Sucharewturm vor Augen. Damals hatte ihm diese Begegnung weiter keinen Eindruck gemacht, ja er hatte nicht ein einziges Mal wieder daran gedacht. Jetzt aber kam ihm dieses Wiedersehen sehr bedeutsam und poetisch vor.
»Pjotr Kirillytsch, kommen Sie doch her, ich habe Sie erkannt«, hörte er wieder die Worte, die sie zu ihm gesagt hatte, sah ihre Augen, ihr Lächeln, das Reisehäubchen und die sich darunter hervorringelnden Locken vor sich … und in alledem lag für ihn etwas Rührendes, Weiches.
Als der Hauptmann seine Geschichte von der bezaubernden Polin zu Ende erzählt hatte, wandte er sich an Pierre mit der Frage, ob er nicht ein ähnliches Gefühl der Selbstaufopferung in der Liebe und eine Regung des Neides gegen den angetrauten Gatten auch schon empfunden habe.
Durch diese Frage aufgefordert, hob Pierre den Kopf und empfand das Bedürfnis, die Gedanken, die ihn beschäftigten, auszusprechen. Er fing damit an, dem Hauptmann auseinanderzusetzen, daß er die Liebe zu den Frauen etwas anders auffasse. Er sagte, sein ganzes Leben lang habe er nur eine einzige Frau geliebt und werde auch immer nur die eine lieben, doch diese könne ihm nie gehören.
»Tiens!« rief der Hauptmann aus.
Pierre erzählte weiter, daß er dieses Mädchen bereits seit frühester Jugend geliebt, aber später nicht an sie zu denken gewagt habe, da sie zu jung und er ein uneheliches Kind ohne Namen gewesen sei. Und später, als ihm Name und Reichtum zugefallen seien, habe er deshalb nicht an sie zu denken gewagt, weil er sie zu sehr geliebt und zu hoch über alle Welt und um so mehr auch über sich selber gestellt habe.
Als Pierre in seiner Erzählung bis hierher gekommen war, wandte er sich an den Hauptmann mit der Frage, ob er dies wohl verstehen könne.
Der Hauptmann machte eine Handbewegung, die besagte, daß, wenn er ihn auch nicht verstehe, er ihn dennoch bitte, fortzufahren.
»Platonische Liebe, über den Wolken …« murmelte er.
Der genossene Wein oder ein Bedürfnis, sich auszusprechen, oder auch der Gedanke, daß dieser Mensch die handelnden Personen seiner Geschichte nicht kannte und nie kennen werde, oder auch alle diese Gründe zusammen lösten Pierres Zunge. Und mit unsicherer Sprache, die glänzenden Augen irgendwohin in die Ferne gerichtet, erzählte er dem Franzosen seine ganze Geschichte: von seiner Ehe, von Nataschas Liebe zu seinem besten Freund, von ihrem Treubruch und von all seinen einfachen Beziehungen zu ihr. Durch Remballes Fragen aufgefordert, verriet er schließlich auch alles, was er anfänglich verborgen hatte: seine Stellung in der Gesellschaft und sogar seinen Namen.
Mehr als alles andere aus Pierres Erzählung verblüffte den Hauptmann der Umstand, daß Pierre schwer reich war, zwei Paläste in Moskau besaß, aber dies alles im Stich gelassen hatte und nicht aus Moskau fortgefahren, sondern in der Stadt geblieben war und seinen Namen und Stand geheimhielt.
Es war schon spät in der Nacht, als sie zusammen auf die Straße traten. Die Nacht war warm und hell. Links vom Hause leuchtete der Feuerschein des ersten in Moskau entstandenen Brandes in der Petrowka[203] auf. Rechts hoch am Himmel zeigte sich die zarte Sichel des zunehmenden Mondes, und auf der gegenüberliegenden Seite stand jener helle Komet, den Pierre im Geiste mit seiner Liebe in Verbindung gebracht hatte. Vor dem Tor standen Gerassim, die Köchin und zwei Franzosen. Man hörte, wie sie lachten und sich in gegenseitig unverständlichen Sprachen unterhielten. Auch sie blickten nach dem Feuerschein, der über der Stadt sichtbar war.
Dieser ferne, kleine Brand in der gewaltigen Stadt hatte weiter nichts Furchtbares.
Während Pierre den hohen Sternenhimmel, den Mond, den Kometen und den Feuerschein betrachtete, empfand er eine freudige Rührung. Oh, wie schön das ist! Was braucht man noch mehr? dachte er. Plötzlich aber, als ihm sein Vorhaben wieder einfiel, fing sein Kopf an, sich zu drehen, ein Schwindel überkam ihn, und er mußte sich an den Zaun lehnen, um nicht umzufallen.
203
Petrowka: die vom Theaterplatz nach Norden führende Straße.