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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo

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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
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Die Piazza, vor Stunden noch von fieberndem Leben und Fackelschein erfüllt, lag schweigend im Dämmerschleier. Die hallenden Schritte der ersten Händler verstärkten den Eindruck steinerner Schwermut. Dann glitten Sonne und Farbe über Wasser und Steine und hoben das anmutige, kraftvolle Bild gleichsam empor, so daß es wie eine Spiegelung über der Lagune zu schweben schien.

Der neue Tag!

Messer Pietro Bocco erwartete ihn sehnlichst, damit er ihm endlich Gewißheit bringe, ob das Unternehmen geglückt sei.

Tausend Dukaten Gewinn! Er rechnete schon mit ihnen, sie sollten zum Einkauf neuer Waren dienen. Es wurde Zeit, daß sich sein Handel erweiterte.

Böse Träume hatten ihn in der Nacht geplagt. Immer wieder war er aufgeschreckt und hatte mit offenen Augen in das Dunkel gestarrt. War es richtig gewesen, Marcos Diener mitzuschicken, oder hatte er sich in seiner Ungeduld zu einer falschen Handlung hinreißen lassen?

Zum Teufel mit den quälenden Gedanken! Was konnte ihm schon geschehen, wenn die Barke in die Hände der Schergen gefallen war? Er hatte doch gut vorgesorgt.

Aber die tausend Dukaten durfte er nicht verlieren.

Eilig kleidete er sich an, aß nur flüchtig sein Frühstück und begab sich in das Arbeitszimmer. Der Morgen verging ohne besondere Ereignisse. Pietro Bocco überprüfte die Aufstellung der Waren — Spiegelgläser, Tauwerk, Wachs, deutsche Tücher, Drachenblut — die demnächst nach Alexandria versandt werden sollten, und besprach mit seinem Secretario, was im Fondaco der Deutschen einzukaufen sei.

Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er auf jedes Geräusch im Nebenzimmer lauschte, in der stillen Hoffnung, daß endlich ein Bote käme. Er hatte mit Kapitän Matteo vereinbart, daß dieser ihn sofort vom Gelingen des Unternehmens benachrichtigen solle.

Schlecht gelaunt setzte er sich zum Mittagessen nieder und rührte die Speise kaum an. Die schwarzen Gedanken, die ihn in der Nacht bedrängt hatten, kehrten wieder. Er verzichtete auf den gewohnten Mittagsschlaf und begab sich sofort wieder in sein Arbeitszimmer. Den Secretario scheuchte er mit einer unwilligen Handbewegung hinaus. Vergeblich versuchte er, seine kalte Ruhe wiederzugewinnen. Seine Aufregung nahm ständig zu.

Finster brütend schlug er das Hauptbuch auf und starrte hinein. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen, der Staub und die stickige Luft reizten ihn zum Husten. Sein Gesicht färbte sich dunkelrot, und die Augen traten vor Anstrengung aus den Höhlen. Erschöpft wischte er sich den Schweiß von der Stirn, als sich der Hustenanfall endlich gelegt hatte.

Da hörte er im Nebenzimmer den Klang einer fremden Stimme. Gleich darauf klopfte es an die Tür. Der Diener trat ein und meldete, daß ein Bote Messer Pietro Bocco zu sprechen wünsche.

«Schick ihn herein!» sagte Pietro Bocco und richtete sich würdevoll auf.

Mit mürrischem Gesicht kam der krummbeinige Ernesto ins Zimmer. Man merkte ihm an, daß er nur wenige Stunden geschlafen hatte. Er drehte verlegen die Kopfbedeckung zwischen den Händen, streifte mit scheuem Blick die Einrichtung des Zimmers und suchte in seinem Gedächtnis nach den Worten, die ihm Kapitän Matteo aufgetragen hatte.

Pietro Bocco betrachtete ihn wohlwollend und sagte ermunternd: «Was bringst du? Sag es mir schnell!» Er legte eine Zechine auf die Handfläche und warf sie spielerisch in die Luft.

«Die Fracht ist am vereinbarten Ort abgeliefert worden, Herr», sagte der Krummbeinige.

Pietro Bocco nahm die Meldung äußerlich mit gelassener Freundlichkeit auf, als hätte er nichts anderes erwartet, im Innern aber jubelte er, so daß es ihm schwer wurde, die vielfältigen Gefühle, die sein Herz schneller schlagen ließen, zu verbergen. Ein aufmerksamerer Beobachter als der krummbeinige Ernesto hätte am gierigen Glanz der Augen die Erregung abgelesen. «Gut, mein Freund! Diese Nachricht ist eine Zechine wert.» Er warf dem Krummbeinigen das Geldstück zu. Dieser fing es auf und behielt es unschlüssig in der Hand. Er hatte noch eine zweite Meldung zu übermitteln, die, wie er annahm, für den Herrn recht unangenehm sein würde. «Es ist da… Kapitän Matteo läßt bestellen…», stammelte er. Pietro Bocco hob überrascht den Kopf.

«Was gibt es noch?» fragte er ungeduldig. «Mach schnell, ich hab wenig Zeit!»

Es lag Messer Pietro Bocco sehr daran, daß sich der Krummbeinige nicht allzu lange in seinem Haus aufhielt. Was wollte er nur noch? War doch irgend etwas schiefgegangen?

«Ein Mann ist verunglückt, über Bord gespült worden», stieß Ernesto hervor.

Pietro Bocco zog unwillig die Augenbrauen zusammen, weil er vermutete, daß die Schmuggler eine Extra-Belohnung herausschlagen wollten.

Gleichzeitig empfand er Erleichterung.

«Das ist eure Sache, sag das dem Kapitän! Ich kann doch für eure Besatzung nicht aufkommen!»

«Der Diener, Herr, den Ihr geschickt habt, ist über Bord…» Pietro Bocco brauchte einige Zeit, um sich den Sinn der Worte in seiner ganzen Tragweite klarzumachen. Da hatte er ja zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Tausend Dukaten und der lästige Diener verschwunden, dem er schon lange mißtraute; ob zu Recht oder Unrecht, danach fragte er nicht.

«So!» sagte er und versuchte seiner Stimme einen zornigen Klang zu geben. «Das ist ja ein schlechtes Geschäft für mich! Ist er tot?»

Der Krummbeinige zog die Schultern hoch. «Es war sehr stürmisch, als er über Bord gespült wurde. Wir haben ihn nicht mehr gesehen…»

«Geh jetzt!»

Kaum hatte der Krummbeinige die Tür hinter sich geschlossen, fiel der zur Schau getragene Unmut von Pietro Bocco ab. Er faßte das Stehpult mit beiden Händen, rüttelte es hin und her und sagte zu sich selbst: «Nicht kleinmütig sein, Pietro Bocco! Du hast jetzt Glück in deinen Unternehmungen. Gott ist dir gnädig gesinnt. Zum Handel gehören Mut und Kaltblütigkeit. Gott hilft dem Tüchtigen!»

Und wieder verlor er sich in seinen ehrgeizigen Träumen, die ihm einen Weg vorgaukelten, der in steilem Aufstieg zu Reichtum und Macht führte. Aber Pietro Bocco hatte keine Zeit, seinen Triumph bis zur Neige auszukosten. Unangemeldet und in höchster Erregung stürmte sein Neffe in das Zimmer.

«Verzeiht, Oheim», sagte er hastig, «was ist mit Paolo geschehen? Er ist noch immer nicht zurück. Seit dem Morgen warte ich auf ihn.»

Pietro Bocco ließ ärgerlich das Pult los, sagte sich aber sofort, daß er seine gehobene Stimmung, in die ihn die Nachricht des Krummbeinigen versetzt hatte, verbergen mußte.

«Du bist sehr aufgeregt», sagte er salbungsvoll, «deshalb will ich dir verzeihen, daß du unangemeldet kommst und mich in meinen Geschäften störst.»

Er senkte die Augen, trat auf seinen Neffen zu und legte die Hände auf dessen Schultern, wie er sie wenige Augenblicke zuvor auf das Stehpult gelegt hatte.

«Du siehst mich noch in tiefem Nachdenken über eine traurige Nachricht, die ich soeben empfangen habe…»

Marco sah das schmale Gesicht mit der feinen Stirn und den funkelnden Augen dicht vor sich und mußte sich plötzlich an Paolos Warnung erinnern: Nehmt Euch vor Messer Pietro Bocco in acht, Herr. Ich weiß nichts Genaues, aber… Seine Abneigung gegen den Oheim wurde mit einemmal so stark, daß er sich zwingen mußte, den Druck der Hände auf seinen Schultern zu ertragen.

«Dein treuer Paolo ist in Ausübung seines Dienstes vergangene Nacht ertrunken. Ertrage es mit Fassung, mein Sohn!»

«Nein!» schrie Marco, «nein, das ist nicht wahr!» und schüttelte die Hände ab.

Pietro Bocco wich zurück und verlor für Augenblicke seine Beherrschung. «Willst du mich Lügen strafen?» sagte er drohend.

Marcos Gesicht war wie weißer, seelenloser Marmor, eine entschlossene, kalte unbeherrschte Wut überfiel ihn.

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