Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]
- Автор: Вулф Джин Родман
- Серия: Das Buch der Neuen Sonne #2
- Год: 1984
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 3-453-31009-8
- Переводчик: Reinhard Heinz
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]». Краткое содержание книги:
DRITTER TEIL
Die Begegnung mit der Prinzessin
Nun machte sich der Jüngling auf und scharte andere Jünglinge der Stadt der Zauberer als Besatzung um sich, und von jenen, welche die bunten Kapuzen trugen, erhielten sie ein seetüchtiges Schiff, und den ganzen Sommer lang rüsteten er und die Jünglinge, die er um sich geschart hatte, das Schiff, bestückten seine Seiten mit den mächtigsten Geschützen und übten hundertmal das Setzen und Reffen der Segel und Abfeuern der Kanonen, bis das Schiff ihnen gehorchte wie eine Vollblutstute den Zügeln. Aus Mitleid für die Kornjungfern tauften sie es Jungfernland.
Als schließlich die goldenen Blätter wieder von den Plantanen fielen (genau wie das Gold, das die Zauberer herstellen, schließlich aus den Händen der Menschen fällt), und die grauen Wildgänse um die hellen Türme der Stadt flogen und hintendrein die Lämmergeier und Fischadler, stachen die Jünglinge in See. Viel widerfuhr ihnen auf ihrer langen Reise zur Insel des Ungeheuers, wofür hier kein Platz wäre; aber am Ende ihrer Abenteuer sichteten sie Land mit gelbbraunen, grüngesprenkelten Hügeln; und noch während sie, um es zu betrachten, die Augen beschatteten, wurde das Grün dichter und immer dichter. Nun wußte der Jüngling, der aus den Träumen des Studenten Fleischgewordene, daß es fürwahr die Insel des Ungeheuers war, und daß die Kornjungfern beim Anblick seiner Segel zur Küste eilten.
Nun wurden die großen Kanonen bereitet und die Flaggen der Stadt der Zauberer, die ganz gelb-schwarz sind, aufgezogen. Sie fuhren nahe und näher heran, bis sie befürchten mußten, auf Grund aufzulaufen, wendeten und segelten an der Küste entlang. Die Kornjungfern folgten ihnen und lockten dabei immer mehr Schwestern an, bis sie das ganze Land fürwahr wie Korn bedeckten. Der Jüngling vergaß indes nicht, was ihm gesagt worden war: daß das Ungeheuer unter den Kornjungfern lebte.
Nach einem halben Tag umrundeten sie eine Landspitze und bemerkten, daß sich ein tiefer Graben in die Küste schnitt, der kein Ende nahm, sondern sich durch die Hügel des Landes wand, bis er außer Sicht kam. An der Mündung dieses Kanals stand eine Kalotte aus weißem Marmor, von einem Garten umgeben, und hier ließ der Jüngling Anker werfen und ging an Land.
Kaum hatte er den Fuß auf die Erde der Insel gesetzt, als ihm eine Frau von großer Schönheit, mit dunkler Haut, schwarzem Haar und strahlendem Blick entgegentrat. Er verneigte sich vor ihr und sprach: »Prinzessin oder Königin, ich sehe, du bist keine Kornjungfer. Deren Gewänder sind grün; deines ist schwarz. Doch wärest du auch grün gewandet, ich erkennte dich dennoch, denn deine Augen trauern nicht und das Licht in ihnen ist nicht von Urth.«
»Du sagst die Wahrheit«, erwiderte die Prinzessin. »Denn ich bin Noctua, die Tochter der Nacht und gleichfalls die Tochter dessen, den zu töten ihr gekommen seid.«
»So können wir keine Freunde sein, Noctua«, sagte der Jüngling. »Aber laßt uns nicht Feinde sein.« Denn obgleich er nicht wußte, warum, fühlte er sich, der er doch aus Träumen geschaffen war, zu ihr hingezogen; und sie, deren Augen Sternenlicht bargen, zu ihm.
Hierauf breitete die Prinzessin die Hände aus und erklärte: »Wisse, mein Vater hat meine Mutter gewaltsam genommen und hält mich hier gegen meinen Willen fest, wo ich bald den Verstand verlöre, käme sie nicht am Ende eines jeden Tages zu mir. Wenn du in meinen Augen keinen Kummer siehst, so deshalb, weil ich ihn in meinem Herzen trage. Auf daß ich frei werde, will ich dir gern sagen, wie du meinen Vater herausfordern und besiegen kannst.«
Alle Jünglinge der Stadt der Zauberer verstummten und umringten sie, um ihr zu lauschen.
»Zuerst müßt ihr wissen, daß die Wasserstraßen dieser Insel in immer neuen Kurven verlaufen, so daß sie unergründlich sind. Ihr könnt sie keineswegs mit Segeln befahren, sondern müßt zuvor die Öfen anheizen.«
»Das fürchte ich nicht«, sagte der aus Träumen fleischgewordene Jüngling. »Ein halber Wald wurde kahlgeschlagen, um unsere Kästen zu füllen, und diese großen Räder, die du siehst, werden die Ströme mit Riesenschritten überwinden.«
Hierauf zitterte die Prinzessin und sagte: »Oh, sprich nicht von Riesen, denn du weißt nicht, was du sagst. Viele Schiffe sind gekommen wie ihr, daß die schlammigen Gründe dieser unermeßlichen Kanäle vor Schädeln weiß sind. Denn es ist die Gepflogenheit meines Vaters, sie durch die Inselchen und Straßen irren zu lassen, bis ihr Brennvorrat aufgebraucht ist – und sei dieser auch noch so groß –, um dann bei Nacht, wenn sie ihn im Schein ihrer erlöschenden Feuer nicht mehr sehen können, über sie zu kommen und sie zu erschlagen.«
Das betrübte das Gemüt des aus Träumen fleischgewordenen Jünglings, und er versetzte: »Wir wollen ihn suchen, wie wir gelobt haben, aber gibt es keine Möglichkeit, dem Schicksal dieser anderen zu entrinnen?«
Hierauf dauerte er die Prinzessin, denn allen, die das Traumhafte an sich haben, sind die Töchter der Nacht wenigstens in gewissem Grade hold, und ihm, dem holdesten von allen, insbesondere. Also sagte sie: »Um meinen Vater zu finden, ehe euer letztes Scheit verbrannt ist, braucht ihr nur im dunkelsten Wasser zu suchen, denn wo er vorbeikommt, wirbelt sein mächtiger Leib Schlamm und Schlick auf, so daß ihr ihn entdecken könnt, haltet ihr nur danach Ausschau. An jedem Tag müßt ihr indes die Suche bei Morgengrauen beginnen und am Mittag abbrechen; denn sonst begegnet ihr ihm vielleicht bei Dämmerung, und dann wird es euch übel ergehen.«
»Für diesen Rat hätte ich mein Leben gegeben«, antwortete der Jüngling, und alle seine Gefährten, die mit ihm an Land gekommen waren, brachen in Jubel aus. »Denn nun werden wir das Ungeheuer gewiß besiegen.«
Hierauf wurde die besonnene Miene der Prinzessin noch ernster, und sie versetzte: »Nein, das ist nicht gewiß, denn er ist ein schwerer Gegner in einer Seeschlacht. Aber ich weiß eine Kriegslist, die euch helfen mag. Ihr sagt, ihr seid gut gerüstet. Habt ihr Teer zum Auspichen, sollte euer Schiff leckschlagen?«
»Fässerweise«, sagte der Jüngling.
»Wenn es zur Schlacht kommt, seht zu, daß der Wind von euch zu ihm bläst. Ist die Schlacht voll entbrannt – was nicht lange dauern wird, habt ihr ihn erst gestellt – laß deine Männer die Öfen mit Teer füllen. Ich kann euch nicht versprechen, daß euch das den Sieg bringt, aber es wird euch sehr helfen.«
Hierauf dankten ihr alle Jünglinge vielmals, und die Kornjungfern, die scheu dabeigestanden hatten, während der aus Träumen fleischgewordene Jüngling und die Tochter der Nacht sprachen, jubelten, wie Jungfrauen jubeln – nicht lauthals, aber voller Freude.
Dann machten sich die Jünglinge auf den Weg und entfachten mittschiffs die großen Öfen, bis der weiße Geist geboren ward, der gute Schiffe vorantreibt, wie immer auch der Wind stehe. Und die Prinzessin beobachtete sie vom Gestade aus und gab ihnen ihren Segen.
Aber als sich gerade die großen Räder zu drehen begannen, so langsam zuerst, daß eine Bewegung fast nicht erkennbar war, rief sie den aus Träumen fleischgewordenen Jüngling an die Reling und sagte: »Mag sein, daß ihr meinen Vater findet. Findet ihr ihn, mag es euch gelingen, selbst einen so tüchtigen Krieger wie meinen Vater zu übermannen. Sogar wenn dem so wäre, könntet ihr in arge Bedrängnis geraten, den Rückweg ins offene Meer wiederzufinden, denn die Kanäle dieser Insel sind höchst wundersam angelegt. Dennoch gibt es einen Weg. Von meines Vaters rechter Hand müßt ihr die Kuppe des ersten Fingers abziehen. Dort werdet ihr tausend verworrene Linien entdecken. Seid nicht entmutigt, sondern studiert sie genau; denn das ist der Plan, dem er folgte, als er das Netz dieser Kanäle schuf, auf daß er selbst ihn stets bei sich habe.«