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Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]

Электронная книга - «Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]». Краткое содержание книги:

Severian, das ausgestoßene Mitglied der Gilde der Folterer, ist auf dem Weg nach Norden, denn er wird zur Strafe nach Thrax geschickt. Dort soll er als Henker dienen, doch die Reise hält einige Überraschungen für den jungen Mann bereit: Er verliebt sich in Agia, die Schwester eines Revolutionärs, den Severian hinrichten musste. Doch Agia flieht, und Severian sucht nach ihr. Dabei trifft er einen komplett grünen Menschen, der als Sklave auf einem Jahrmarkt ausgestellt wird. Angeblich kann er jede Frage beantworten – weil er aus der Zukunft kommt …
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Als der Tau fiel, ruhten sie unter den Bäumen im Garten der Prinzessin zwischen den hohen Blumen. So schliefen sie noch eine Weile, aber als am Nachmittag die Schatten ihrer Masten nach hinten fielen, waren sie wach. Dann sagte die Prinzessin der Insel Lebewohl und gelobte, nie mehr zu ihr zurückzukehren, gleichwohl sie jedes Land bereisen wolle, das ihre Mutter betrete; und die Kornjungfern gelobten selbiges. Es waren ihrer vielleicht mehr, als das Schiff bergen konnte; dennoch trug es sie alle, so daß alle Decks grün von den Gewändern und golden von ihrem Haar waren. Viele Abenteuer hatten sie auf ihrem Heimweg in die Stadt der Zauberer zu bestehen. Es bliebe zu erzählen, wie sie ihre Toten mit frommen Gebeten in die See warfen, sie hernach aber dennoch des Nachts im Takelwerk wiedersahen; oder wie von den Kornjungfern einige sich mit solchen Prinzen vermählten, die, so viele Jahre verzaubert, daß sie nur ungern aus jenem Leben schieden (und in jener Zeit viel von der Schwarzen Kunst erlernt hatten), auf Seerosenkissen Paläste errichteten und selten von Menschen gesehen werden.

Aber für all dies ist hier kein Platz. Es genüge zu sagen, daß der Student, welcher den Jüngling aus seinen Träumen hatte Fleisch werden lassen, auf den Zinnen stand und über das Meer Ausschau nach ihnen hielt, als sie sich dem Kliff, auf dessen Spitze die Stadt der Zauberer steht, näherten. Und als er ihre schwarzen Segel, rußig vom brennenden Teer, welcher ihren Widersacher geblendet hatte, gewahrte, wähnte er sie in Trauer um den Jüngling geschwärzt und stürzte sich in die Tiefe und starb. Denn kein Mensch lebt lang, sind seine Träume tot.

XVIII

Spiegel

Während ich diese müßige Geschichte vorlas, blickte ich hin und wieder zu Jonas, aber ich bemerkte in seiner Miene nie auch nur die geringste Regung, obschon er nicht schlief. Als ich geendet hatte, sagte ich: »Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstehe, warum der Student seinen Sohn sofort für tot hielt, als er die schwarzen Segel sah. Das Schiff, das das Ungeheuer schickte, trug schwarze Segel, aber es kam im Jahr nur einmal und war bereits gekommen.«

»Ich weiß es«, erwiderte Jonas so monoton, wie ich ihn noch nie hatte sprechen hören.

»Heißt das, du kennst die Antwort auf diese Fragen?«

Er gab keine Antwort, und eine Weile saßen wir schweigend da, ich mit dem braunen Buch (das so nachhaltige Erinnerungen an Thecla und die gemeinsamen Abende wachrief), das ich mit dem Zeigefinger noch geöffnet hielt, er mit dem Rücken zur kalten Wand dieses Gefängnisses, die Hände, eine aus Stahl, die andere aus Fleisch, neben sich, als hätte er sie vergessen.

Schließlich wagte eine zaghafte Stimme die Bemerkung: »Das muß wirklich eine uralte Geschichte sein.« Es war das kleine Mädchen, das mir die Deckenkassette angehoben hatte.

Ich war so um Jonas besorgt, daß ich im ersten Moment ungehalten war über die Störung; aber Jonas murmelte: »Ja, eine uralte Geschichte, und der Held hatte dem König, seinem Vater, gesagt, daß er, falls er scheiterte, mit schwarzen Segeln nach Athen zurückkehren werde.« Ich bin mir nicht sicher, was diese Äußerung bedeutet, und vielleicht hat er nur im Fieberwahn geplappert; aber da es so gut wie das letzte gewesen ist, was ich Jonas hab’ sagen hören, meine ich, daß ich es hier aufführen sollte, wie ich auch das Märchen, das diesen Spruch ausgelöst hat, wiedergegeben habe.

Eine Zeitlang bemühten sich sowohl das Mädchen als auch ich darum, Jonas zum Sprechen zu bewegen. Aber er blieb stumm, so daß wir schließlich aufgaben. Ich verbrachte den Rest des Tages an seiner Seite sitzend, und nach einer Wache oder so gesellte sich zu uns Hethor (dessen Geistreicheleien die Gefangenen bald, wie ich vermutete, müde geworden waren). Nach einer kurzen Aussprache mit Lomer und Nicarete richteten sie es so ein, daß er an der gegenüberliegenden Saalseite einen Schlafplatz bekam.

Wir mögen sagen, was wir wollen, aber zuweilen leiden alle von uns unter Schlafstörungen. Manche schlafen in Wirklichkeit fast überhaupt nicht, andere jedoch, die ausgiebig schlafen, beteuern das Gegenteil. Einige werden unablässig von Träumen heimgesucht, und ein paar wenige Glückliche sind mit Träumen von erfreulicher Art gesegnet. Einige werden sagen, sie seien zu einer Zeit im Schlaf gestört worden, hätten das aber nun »überwunden«, als ob Bewußtsein eine Krankheit wäre – was es vielleicht auch ist.

Bei mir liegt der Fall so, daß ich normalerweise ohne denkwürdige Träume schlafe (obwohl ich solche manchmal habe, wie sich der Leser, der bis hierher mit mir gegangen ist, erinnern wird) und selten vor dem Morgen erwache. Aber in dieser Nacht war mein Schlaf so anders als sonst, daß ich mich manchmal fragte, ob ich ihn überhaupt so nennen sollte. Vielleicht war es ein anderer Zustand, der sich für Schlaf ausgab, wie sich Alzabos, nachdem sie Menschenfleisch genossen, für Menschen ausgeben.

Ist es die Folge natürlicher Anlässe gewesen, schreibe ich es einer Verflechtung unglücklicher Umstände zu. Ich, der ich all mein Lebtag harte Arbeit und körperliche Betätigung gewohnt war, hatte einen ganzen Tag untätig im beengten Gefängnis sitzen müssen. Die Geschichte aus dem braunen Buch hatte meine Phantasie angeregt – die durch das Buch selbst und seine gefühlsmäßige Verknüpfung mit Thecla und das Wissen, nun innerhalb der Mauern des Hauses Absolut zu sein, von dem ich sie so oft hatte sprechen hören, noch viel stärker beflügelt wurde. Am bedeutsamsten waren vielleicht die niederschmetternde Sorge um Jonas und die Ahnung (die sich im Laufe des Tages in mir gefestigt hatte), daß an diesem Ort meine Reise ein Ende fände; daß ich nie nach Thrax gelangte; daß ich die arme Dorcas nicht wiedersähe; daß ich die Klaue nie zurückgeben, mich ihrer nicht einmal entledigen könnte; daß der Increatus, dem der Besitzer der Klaue gedient hatte, für mich, der ich so viele Gefangene hatte sterben sehen, vorsehe, mein Leben selbst als solcher zu beschließen.

Ich schlief, wenn man es als Schlaf bezeichnen konnte, nur kurz. Ich hatte das Gefühl zu fallen; ein Krampf, das instinktive Zucken eines Opfers, der aus einem hohen Fenster gestürzt wird, verrenkte mir die Glieder. Als ich mich aufsetzte, konnte ich nichts als Dunkelheit sehen. Ich hörte Jonas atmen, und meine Finger sagten mir, daß er noch so saß, wie ich ihn zurückgelassen hatte, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt. Ich legte mich nieder und schlief wieder.

Oder versuchte vielmehr zu schlafen und fiel in jenen Dämmerzustand, in dem man weder schläft noch ganz wach ist. Bei anderen Gelegenheiten empfand ich diesen Halbschlaf als angenehm, nicht aber jetzt – ich war mir bewußt, daß ich den Schlaf brauchte, und ich war mir bewußt, daß ich nicht schlief. Dennoch war es kein »Bewußtsein« in der normalen Bedeutung dieses Wortes. Ich vernahm gedämpfte Stimmen im Hof des Gasthauses und hatte irgendwie das Gefühl, bald würden vom Campanile die Glocken schlagen und es wäre Tag. Wieder durchzuckte ein Krampf meine Glieder, und ich setzte mich auf.

Im ersten Moment glaubte ich, ein grünes Feuer aufblitzen zu sehen, aber es war nichts da. Ich hatte mich mit meinem Mantel zugedeckt; als ich ihn zurückwarf, wurde ich gewahr, daß ich mich im Vorzimmer des Hauses Absolut befand und das Gasthaus zu Saltus weit hinter mir gelassen hatte, obgleich neben mir noch Jonas lag, auf dem Rücken schlafend, die heile Hand im Nacken. Der blasse Schimmer, den ich sah, stammte von seinem rechten Augenweiß, obschon sein Atem tief und ruhig wie bei einem Schlafenden ging. Ich war selbst zu schlaftrunken zum Sprechen und hatte die dumpfe Ahnung, daß er mir sowieso nicht antworten würde.

Ich legte mich wieder hin und gab mich meinem Ärger hin, nicht schlafen zu können. Ich dachte an die Herde, die durch Saltus getrieben worden war, und zählte die Tiere aus dem Gedächtnis: hundertund-siebenundreißig. Dann fielen mir die Soldaten ein, die singend vom Gyoll heraufmarschiert waren. Der Wirt hatte mich gefragt, wie viele es seien, und ich hatte die Zahl geschätzt und zählte sie erst jetzt. Er hätte ein Spion sein können.

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