Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]
- Автор: Вулф Джин Родман
- Серия: Das Buch der Neuen Sonne #2
- Год: 1984
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 3-453-31009-8
- Переводчик: Reinhard Heinz
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]». Краткое содержание книги:
Ich verneinte.
»Oder einen ähnlichen? Stell ihn dir als drei Wörter vor.«
»Nein, nichts dergleichen«, versetzte ich. »Die meisten Leute, die ich kenne, haben einen einfachen Namen wie du, wenn nicht ein Titel oder irgendein Spitznamen angehängt ist, weil es zu viele Bolcans oder Altos oder was auch immer gibt.«
»Du hast mir einmal gesagt, mein Name sei ungewöhnlich. Kim Lee Soong wäre ein durchaus üblicher Name gewesen, als ich – ein Knabe war. Ein üblicher Name in Städten, die nun im Meer versunken liegen. Hast du schon einmal von meinem Schiff gehört, Severian? Es war die Glückliche Wolke.«
»Ein Spielhöllenschiff? Nein, aber …«
Mein Blick fiel auf einen fahlen Lichtstrahl, der so schwach war, daß man ihn selbst in dieser Finsternis kaum sehen konnte. Mit einemmal hallte der breite, niedrige, winklige Raum von raunenden Stimmen wider. Ich hörte Jonas auf die Beine springen. Ich folgte seinem Beispiel, doch kaum hatte ich mich aufgerichtet, blendete mich ein blauer Lichtblitz. Noch nie hatte ich einen so heftigen Schmerz gespürt; es war, als würde mir das Gesicht abgerissen. Ich wäre gestürzt, wenn nicht die Wand gewesen wäre.
Irgendwo ein Stück weiter weg blitzte das blaue Licht abermals auf, und eine Frau schrie aus Leibeskräften.
Jonas fluchte – zumindest verriet mir sein Tonfall, daß er fluchte, denn die Wörter, die er ausstieß, stammten aus fremden Sprachen. Ich hörte seine Stiefel auf dem Boden. Wieder flammte das Licht auf, und ich erkannte es als das blitzähnliche Leuchten wieder, das ich an jenem Tag gesehen hatte, als Meister Gurloes, Roche und ich Thecla dem Revolutionär unterzogen. Gewiß hatte wie ich auch Jonas aufgeschrien, aber es herrschte inzwischen ein solcher Tumult, daß ich seine Stimme nicht unterscheiden konnte.
Das fahle Licht wurde stärker. Halb gelähmt vor Schmerz und Furcht, wie ich sie noch nie erlebt hatte, sah ich zu, wie es sich zu einem gewaltigen Gesicht vereinigte, das mich aus Glotzaugen anstarrte, um rasch wieder zu erlöschen.
All dies war viel grauenvoller, als ich es in Worte fassen könnte, und würde ich auch eine Ewigkeit darum ringen. Es war die Angst sowohl vor Blindheit als auch vor Schmerz, aber wir waren sowieso schon alle blind. Es gab kein Licht, und wir konnten keines machen. Nicht einer von uns hatte eine Kerze oder ein Stück Zunder. Schreien, Weinen und Beten erfüllte diesen höhlenartigen Raum. Daneben vernahm ich das klare Lachen einer jungen Frau; dann war es wieder verschwunden.
XVI
Jonas
Es verlangte mich nach Licht, wie es einen Hungernden nach Fleisch verlangt, und ich riskierte schließlich die Klaue. Vielleicht sollte ich sagen, daß sie mich riskierte; offenbar hatte ich keine Kontrolle über die Hand, die in den Stiefelschaft glitt und nach ihr griff.
Sofort legte sich der Schmerz, und ein azurblauer Lichtschein breitete sich aus. Das Geschluchze und Geschrei wurde wieder doppelt so laut, denn als die armen Insassen das Leuchten sahen, fürchteten sie, daß ihnen ein neues Grauen drohe. Ich steckte die Klaue abermals in meinen Stiefel und tastete in der Dunkelheit nach Jonas.
Er war nicht bewußtlos, wie ich vermutet hatte, sondern lag, sich windend und krümmend, etwa zwanzig Schritt von unserem Ruheplatz entfernt auf dem Boden. Ich trug ihn zurück (er kam mir erstaunlich leicht vor), bedeckte uns mit meinem Mantel und berührte mit der Klaue seine Stirn.
Bald setzte er sich auf. Ich sagte ihm, er solle sich ausruhen und daß es wieder verschwunden sei, was immer uns auch in diesem Gefängnis heimgesucht habe.
Er rührte sich und murmelte: »Wir müssen die Kompressoren wieder zum Laufen bringen, bevor die Luft schlecht wird.«
»Schon gut«, antwortete ich. »Es ist alles gut, Jonas.« Ich verachtete mich deswegen, aber ich sprach zu ihm, als wäre er der jüngste Lehrling – genauso hatte vor Jahren Meister Malrubius auch zu mir gesprochen.
Etwas Hartes und Kaltes, das sich wie etwas Lebendiges bewegte, berührte mich am Arm; und es war Jonas’ stählerne Hand; wie ich sogleich erkannte, hatte er damit meine Hand ergreifen wollen. »Ich spüre Gewicht!« Seine Stimme wurde lauter. »Es müssen nur die Lichter sein.« Er wandte sich um, und ich hörte seine Hand klirren und scharren, als sie gegen die Mauer schlug. Er fing an, in einer nasalen, einsilbigen Sprache, die ich nicht kannte, zu sprechen.
Ein großes Wagnis eingehend, holte ich abermals die Klaue hervor und legte sie ihm auf. Sie blieb genauso dunkel wie bei unserem ersten Versuch am Abend, und Jonas’ Zustand verbesserte sich nicht; allerdings konnte ich ihn mit der Zeit beruhigen. Lange nachdem die übrigen Insassen still geworden waren, konnten wir uns endlich zum Schlafen niederlegen.
Als ich erwachte, brannten die schwachen Lampen wieder, obschon ich das Gefühl hatte, es sei draußen noch Nacht oder höchstens frühester Morgen.
Jonas lag neben mir und schlief noch. Seine Tunika hatte einen langen Riß, und ich sah, wo das blaue Licht ihn verbrannt hatte. Die abgetrennte Hand des Menschenaffen kam mir in den Sinn, so daß ich, nachdem ich mich vergewissert hatte, daß man uns nicht beobachtete, mich daran machte, die Wunde mit der Klaue zu bestreichen.
Sie funkelte viel heller im Licht als am Vorabend; obgleich die schwarze Kruste nicht verschwand, kam sie mir schmaler vor, und die Haut ringsum schien nicht mehr so gerötet. Um das untere Ende der Wunde zu erreichen, mußte ich das Gewand ein wenig abheben. Als ich die Hand hineinsteckte, vernahm ich einen leisen, hellen Laut; das Juwel war auf Metall gestoßen. Nachdem ich das Tuch weiter zurückgezogen hatte, entdeckte ich, daß die Haut meines Freundes ebenso jäh endete wie Gras, wo ein großer Stein liegt, und an ihrer Stelle glänzendes Silber haftete.
Mein erster Gedanke war, daß es sich um einen Harnisch handelte; aber dem war nicht so, wie ich bald sah. Vielmehr war seine Haut durch Metall ersetzt, wie auch seine Rechte durch eine Metallhand ersetzt war. Wie weit es nach unten reichte, konnte ich nicht feststellen, denn ich befürchtete, es würde ihn wecken, wenn ich seine Beine betastete.
Die Klaue verstauend, erhob ich mich. Und weil ich allein sein und eine Weile nachdenken wollte, entfernte ich mich von Jonas und ging in die Mitte des Raumes. Dieser hatte am Tag zuvor, als alle wach und in Bewegung waren, einen recht sonderbaren Eindruck auf mich gemacht. Nun mutete sie mich noch seltsamer an, diese schäbige, winklige Höhle unter ihrer erdrückend tiefen Decke. In der Hoffnung, ein wenig körperliche Betätigung würde meinen Verstand in Gang setzen (was oft der Fall ist), faßte ich den Entschluß, ein bißchen zwischen den vier Wänden auf- und abzugehen – mit leisen Schritten, um die Schlafenden nicht zu wecken.
Davon hatte ich noch keine vierzig getan, als mir etwas ins Auge stach, was inmitten dieser Sammlung zerlumpter Leute und schmutziger Leinenmatten völlig fehl am Platze schien. Es war ein Damenschal aus einem kostbaren, weichen Tuch in der Farbe eines Pfirsichs. Seinen lieblichen Duft zu beschreiben, der von keiner Frucht oder Blüte, die auf Urth gedeiht, stammte, wäre ein Ding der Unmöglichkeit.
Ich faltete diesen wunderschönen Schal gerade zusammen, um ihn in meine Gürteltasche zu stecken, als ich eine Kinderstimme sagen hörte: »Bringt kein Glück. Bringt Unglück. Weißt du das nicht?«
Ich sah um mich, dann nach unten, und bemerkte ein kleines Mädchen mit bleichen Zügen und funkelnden, nachtdunklen Augen, die mich viel zu groß dünkten; und ich fragte: »Was bringt Unglück, kleine Dame?«
»Gefundenes zu behalten. Der Verlierer kommt zurück, um es zu holen. Warum hast du denn so schwarze Sachen an?«
»Sie sind rußfarben, dunkler als schwarz. Streck die Hand aus, und ich zeig’s dir. Siehst du, wie sie scheinbar verschwindet, wenn ich den Saum meines Mantels darüberbreite?«
Sie nickte ergriffen mit dem Köpfchen, das viel zu groß für die Schultern darunter wirkte, war es auch noch so klein. »Bestatter tragen Schwarz. Bist du ein Bestatter? Als der Navigator bestattet wurde, waren die Wagen und die Leute alle schwarz. Hast du schon einmal so ein Begräbnis gesehen?«