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Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]

Электронная книга - «Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]». Краткое содержание книги:

Severian, das ausgestoßene Mitglied der Gilde der Folterer, ist auf dem Weg nach Norden, denn er wird zur Strafe nach Thrax geschickt. Dort soll er als Henker dienen, doch die Reise hält einige Überraschungen für den jungen Mann bereit: Er verliebt sich in Agia, die Schwester eines Revolutionärs, den Severian hinrichten musste. Doch Agia flieht, und Severian sucht nach ihr. Dabei trifft er einen komplett grünen Menschen, der als Sklave auf einem Jahrmarkt ausgestellt wird. Angeblich kann er jede Frage beantworten – weil er aus der Zukunft kommt …
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VIERTER TEIL

Der Kampf mit dem Ungeheuer

Landeinwärts wendeten sie ihren Bug, und genau wie die Prinzessin vorhergesagt hatte, teilte sich bald der Kanal, dem sie folgten, und teilte sich immer wieder, bis sie von tausend abzweigenden Kanälen und zehntausend Inselchen umringt waren. Als der Schatten des Hauptmasts nicht größer als ein Hut war, erteilte der aus Träumen fleischgewordene Jüngling den Befehl zum Ankersetzen und ließ die Feuer mit Asche belegen; einen langen Nachmittag warteten sie dort, während sie die Geschütze ölten, das Pulver zurechtmachten und alles vorbereiteten, was sich im unerbittlichsten Kampf als nützlich erweisen möge.

Schließlich kam die Nacht, und sie sahen sie von Insel zu Insel schreiten; ihre Fledermäuse umschwirrten ihre Schultern, und ihre grimmigen Wölfe folgten ihr auf den Fersen. Nicht weiter als einen flachen Mörserschuß schien sie von ihrem Ankerplatz entfernt, dennoch konnten alle beobachten, daß sie nicht vor dem Hesperos oder selbst vor dem Sirius wich, sondern diese vor ihr. Einmal nur kehrte sie ihnen flüchtig das Gesicht zu, und keiner konnte sich sicher sein, was ihr Blick zu bedeuten hätte. Aber alle von ihnen fragten sich, ob das Ungeheuer sie fürwahr gegen ihren Willen genommen habe, wie ihre Tochter gesagt hatte; und ob sie, wenn ja, den Groll noch hege, den sie wohl empfunden hatte.

Mit dem ersten Licht ertönten die Trompeten vom Achterdeck, und die Feuer, welche mit Asche belegt worden waren, wurden mit neuem Brennstoff versehen; aber als der Morgenwind günstig für den Kanal, in dem sie ankerten, stand, ließ der Jüngling Segel setzen, ehe die großen Räder zur ersten Umdrehung bereit waren. Und als der weiße Geist erwachte, machte das Schiff doppelte Fahrt.

Es war dieser Kanal viele Meilen lang und hatte viele Windungen, aber sie konnten doch hart am Winde vorwärtskommen, ohne die Segel einholen oder wenden zu müssen. Hundert andere kreuzten ihn, und sie betrachteten das Wasser eines jeden, aber es war stets kristallklar. Die wunderlichen Erscheinungen zu beschreiben, die ihnen unterwegs auf den’ Inseln vor Augen kamen, ergäbe ein Dutzend Geschichten so lang wie diese – Weiber, wie Blumen auf Stielen wachsend, hingen über dem Schiff und versuchten sie zu küssen, um ihre Gesichter mit dem Puder ihrer Wangen zu beschmieren; Männer, denen vor langer Zeit der Wein den Tod gebracht hatte, lagen an Weinbrunnen und tranken immer noch und gewahrten gar nicht mehr, daß ihr Leben vorüber war, so verdummt waren sie; Untiere, Omen für das Kommende, mit verdrehten Gliedmaßen und Pelzen in Farben, wie man sie noch nicht gesehen, harrten des Nahens von Schlachten, Erdbeben und Königsmorden.

Schließlich trat der Jüngling, welcher dem aus Träumen fleischgewordenen Jüngling als Erster Maat diente, an ihn heran, wo er neben dem Steuermann wartete, und sprach: »Wir haben diesen Kanal schon weit befahren, und die Sonne, die ihr Gesicht nicht gezeigt, als wir die Segel gehißt, nähert sich dem Zenit. Auf unserem Kurs haben wir tausend andere Kanäle passiert, und in keinem sind wir auf eine Spur des Ungeheuers gestoßen. Haben wir nicht einen schlechten Kurs eingeschlagen? Wäre es nicht klüger, bald seitwärts zu drehen und einen anderen zu probieren?«

Nun erwiderte der Jüngling: »Soeben passieren wir Steuerbord einen Kanal. Sieh hinab und sage mir, ob sein Wasser trüber als das unsrige ist.« Der Jüngling tat, wie geheißen, und sagte: »Nein, klarer.«

»Rasch nun, backbord öffnet sich ein anderer. Wie tief kannst du sehen?«

Der Jüngling wartete, bis das Schiff in Höhe des Kanals war, von dem der andere gesprochen hatte, und antwortete dann: »Ganz hinunter. Ich sehe das Wrack eines alten Schiffes viele Klafter tief.«

»Und kannst du in diesem Kanal, worin wir nun fahren, auch so tief sehen?«

Nun blickte der Jüngling zum Wasser, das ihr Kiel teilte, und es war dunkel wie Tinte; und die Spritzer, die von den drehenden Rädern flogen, waren schier wie dunkle Steine und Raben. Sogleich kam ihm die Erleuchtung, und er rief allen anderen zu, an die Kanonen zu gehen, denn er konnte ihnen nicht sagen, sich bereitzumachen, standen alle doch längst schon bereit.

Vor ihnen lag eine Insel, höher als die meisten, von schlanken“ dunklen Bäumen gekrönt; und hier machte der Kanal eine leichte Biegung, so daß sie anluvten und das Kliff sicher umfuhren. Vor ihnen lag ein langer Rumpf aus schmalen Planken mit einer Burg in der Mitte obenauf und einer einzigen, ungleich größeren Kanone, die aus ihrer einzigen Geschützpforte lugte.

Nun tat der aus Träumen fleischgewordene Jüngling seinen Mund auf, um der Mannschaft am Heckgeschütz den Feuerbefehl zu erteilen. Noch ehe er eine Silbe über die Lippen brachte, erdröhnte die gewaltige Kanone ihres Feindes, und ihr Klang war weder wie Donner noch wie ein anderer, den Ohren der Menschen vertrauter Laut; es war ihnen vielmehr, als stünden sie in einem hohen Turm aus Stein, der mit einemmal um sie herum zusammengebrochen war.

Und die Kugel dieses Schusses traf den Verschluß des ersten ihrer Steuerbordgeschütze, so daß es zerschellte wie die Kugel selbst und die Splitter von beiden wie dunkles Laub in einem Sturm durch die Luft stoben und vielen den Tod brachten.

Nun drehte der Steuermann, ohne eine Weisung abzuwarten, das Schiff, so daß die Backbordgeschütze in Stellung kamen, und die Kanonen feuerten nacheinander gemäß dem Willen des Mannes, der die Richtung angepeilt hatte, wie Wölfe zum Mond heulen. Und ihre Geschosse hagelten links und rechts von der einzigen Burg des Feindes nieder, andere trafen sie so, daß ein Grabgeläut für jene, die soeben umgekommen waren, angestimmt wurde, wieder andere fuhren vor dem Rumpf, der sie trug, ins Wasser oder schlugen auf das Deck auf (welches gleichfalls aus Eisen war) und flohen nach dem Aufprall kreischend gen Himmel.

Dann sprach wieder die einzige Kanone ihres Feindes.

Und so ging es weiter, und die Momente schienen lang wie Jahre. Schließlich besann sich der Jüngling des Ratschlags der Prinzessin, Tochter der Nacht; und obzwar der Wind stark blies, kam er nur von achtern, und falls er eine andere Stellung bezöge, so daß der Wind von sich zum Feind wehte (wie die Prinzessin geraten hatte) kämen eine ganze Weile nur die Heckgeschütze zum Zuge, und könnte man erst wieder eine ganze Batterie einsetzen, müßte es die von Steuerbord sein, wovon eine Kanone zerstört und viele Männer tot waren.

Aber er erkannte in diesem Augenblick, daß sie kämpften, wie hundert andere gekämpft hatten, und daß diese hundert anderen alle tot, ihre Schiffe versenkt und ihre Gebeine in den unzähligen Kanälen verstreut waren, welche sich wirr durch die Insel des Ungeheuers wanden. Also gab er seine Befehle an den Steuermann; indes erhielt er keine Antwort, denn dieser war tot, und das Rad, das er gehalten hatte, hielt nun ihn. Dies sehend, nahm der aus Träumen fleischgewordene Jüngling die Spaken selbst in die Hände und kehrte ihrem Feind den schmalen Schiffsbug zu. Nun ward sichtbar, wie die drei Schwestern den Wackeren halfen, denn der nächste Schuß ihres Feindes, der es leicht von vorn bis achtern hätte aufreißen können, verfehlte um eine Ruderlänge die Backbordseite. Und der nächste um eine Bootsbreite die Steuerbordseite.

Ihr Feind, der bis jetzt still gestanden und weder zu fliehen noch näherzukommen versucht hatte, schwenkte nun herum. Als zu erkennen war, daß er das Weite suchte, falls er könnte, brach die Mannschaft in so großen Jubel aus, als hätte sie bereits den Sieg errungen. Aber wundersamerweise drehte sich die einzige Burg, die alle bisher für fest verankert gehalten hatten, in die andre Richtung, so daß die große Kanone, ungleich größer als die eigenen, dennoch auf sie zeigte.

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