Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]
- Автор: Вулф Джин Родман
- Серия: Das Buch der Neuen Sonne #2
- Год: 1984
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 3-453-31009-8
- Переводчик: Reinhard Heinz
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]». Краткое содержание книги:
Ich bückte mich, um besser in das ergriffene Gesichtchen schauen zu können. »Niemand trägt bei einer Bestattung schwarze Kleider, aus Furcht, man könnte für ein Mitglied meiner Zunft gehalten werden, was – in den meisten Fällen – eine Verleumdung des Toten wäre. Nun, hier ist der Schal. Schau, wie hübsch er ist! Ich habe ihn, wie du erraten hast, gefunden.«
Das Mädchen nickte. »Die Peitschen lassen so etwas zurück, und du solltest ihn durch den Türspalt schieben. Denn sie kehren zurück und holen ihre Sachen.« Seine Augen blickten nicht mehr in die meinen. Es betrachtete die Schramme, die über meine rechte Wange verlief.
Ich berührte sie. »Sind das die Peitschen? Diejenigen, die sie schwingen? Was sind das für Leute? Ich hab’ ein grünes Gesicht gesehn.«
»Ich auch.« Ihr Lachen erinnerte an klingelnde Glöckchen. »Ich hab’ geglaubt, es würd’ mich auffressen.«
»Aber jetzt hast du wohl keine Angst mehr.«
»Mama sagt, die Dinge, die man in der Dunkelheit sieht, haben nichts zu bedeuten – sie sind fast jedesmal anders. Es sind die Peitschen, die weh tun, und sie hat mich hinter sich gehalten, zwischen sich und der Wand. Dein Freund wird wach. Warum siehst du mich so komisch an?«
(Ich erinnerte mich, zusammen mit anderen zu lachen; es waren drei junge Männer und zwei Frauen in meinem Alter dabei. Guibert reichte mir eine Geißel mit einem schweren Griff und einem Riemen aus umflochtenem Kupfer. Lollian machte einen Feuervogel zurecht, den er an einer langen Schnur herumwirbeln würde.)
»Severian!« Es war Jonas, und ich eilte zu ihm. »Ich bin froh, daß du hier bist«, sagte er, als ich mich neben ihn hockte. »Ich … dachte, du wärst fortgegangen.«
»Das wäre mir kaum möglich, weißt du?«
»Ach ja, jetzt fällt’s mir wieder ein. Weißt du, wie dieser Ort genannt wird, Severian? Sie haben’s mir gestern erzählt. Es ist das Vorzimmer. Ich sehe, du hast es schon gewußt.«
»Nein.«
»Du hast genickt.«
»Fiel mir wieder ein, als du ihn sagtest. Ich … Thecla war schon einmal hier, glaube ich. Sie fand es wohl nicht ungewöhnlich, daß so ein Ort als Gefängnis dient, denn es war der einzige, den sie gesehen hatte, bevor sie in unseren Turm kam. Ich hingegen bin anderer Meinung. Einzelzellen oder zumindest verschiedene getrennte Räume würde ich für praktischer halten. Vielleicht ist das auch nur ein Vorurteil von mir.«
Jonas zog sich empor, bis er mit dem Rücken zur Wand saß. Sein Gesicht unter der braunen Haut war bleich und glänzte vor Schweiß, als er sagte: »Kannst du dir nicht vorstellen, wie dieser Ort entstanden ist? Sieh dich doch um!«
Das tat ich, entdeckte aber nichts, was ich nicht schon gesehen hatte in dem geräumigen Saal mit den düsteren Lampen.
»Das hier waren wohl einmal fürstliche Gemächer. Die Wände wurden niedergerissen und die alten Böden mit einem einheitlichen Belag versehen. Das dort oben ist bestimmt eine Zwischendecke. Würdest du eine dieser Kassetten anheben, könntest du den ursprünglichen Plafond sehen.«
Ich richtete mich auf und versuchte es; obschon ich mit den Fingerspitzen die rechteckigen Paneele streifte, war ich zu klein, dagegen zu drücken. Das kleine Mädchen, das uns aus etwa zehn Schritt Entfernung beobachtet und gewiß jedes Wort erlauscht hatte, sagte: »Ich kann das, wenn du mich hebst.«
Sie lief zu uns. Ich wuchtete sie hoch, indem ich sie mit den Händen an den Hüften ergriff, und konnte sie ohne Mühe über meinen Kopf stemmen. Nach kurzem, mühsamem Drücken mit den kleinen Armen bewegte sich das rechteckige Füllbrett nach oben, und Staub rieselte auf uns herab. Dahinter erspähte ich ein Gitter aus schmalen Metallstäben und darüber eine gewölbte Decke mit allerlei Stuckwerk und abblätternden Gemälden von Wolken und Vögeln. Die Arme des Mädchens ermüdeten, das Paneel sank wieder zurück, mehr Staub fiel herab, und der Blick war mir verwehrt.
Als die Kleine wieder sicher auf dem Boden stand, wandte ich mich an Jonas. »Du hast recht. Über dieser Decke ist eine weitere, für ein viel kleineres Zimmer. Woher weißt du das?«
»Ich hab’ mit diesen Leuten geredet. Gestern.« Er hob die Hände, sowohl die Hand aus Stahl als auch die Hand aus Fleisch, und schien sich mit beiden das Gesicht zu reiben. »Schick bitte dieses Kind fort!«
Ich sagte dem kleinen Mädchen, es solle zu seiner Mutter gehen. Allerdings vermutete ich, daß es nur davongegangen ist, um dann entlang der Wand wieder zurückzuschleichen, bis es wieder in Hörweite war.
»Ich fühle mich wie beim Erwachen«, erklärte Jonas. »Ich glaube, ich habe gestern gesagt, daß ich fürchte, den Verstand zu verlieren. Nur glaube ich, zu klarem Verstand zu kommen, was nicht besser oder schlimmer ist.« Er hatte auf der Leinenmatte, unserem Nachtlager, gesessen. Nun lehnte er an der Wand, gleichsam wie die Toten, die mir, mit dem Rücken zu einem Baum sitzend, zuweilen zu Gesicht gekommen waren. »Ich habe viel gelesen an Bord des Schiffes. Einmal las ich eine Historie. Ich glaube nicht, daß du davon eine Ahnung hast. So viele Jahrtausende sind hier verstrichen.«
»Wohl nicht«, sagte ich.
»Ganz anders als das, und zugleich ganz ähnlich. Komische kleine Gebräuche und Gepflogenheiten … einige waren gar nicht so klein. Seltsame Einrichtungen. Ich fragte, und das Schiff gab mir ein anderes Buch.« Er schwitzte noch. Offenbar redete er im Fieber. Ich benutzte das Wolltuch, das ich zum Abwischen meiner Schwertklinge bei mir führte, um ihm die Stirn abzutupfen.
»Erbliche Herrschaft und erbliche Knechtschaft. Allerlei Wunderliche Ämter. Lanzenträger mit langen, weißen Schnurrbärten.« Der Schatten seines alten, lustigen Lächelns huschte über sein Gesicht. »Der Weiße Ritter rutscht den Schürhaken hinunter. Er balanciert schlecht, wie das Merkbuch des Königs ihm gesagt hat.«
Im anderen Ende des Raumes kam Unruhe auf. Gefangene, die geschlafen oder in kleinen Gruppen leise geplaudert hatten, erhoben sich und gingen darauf zu. Jonas meinte offenbar, daß ich mich ihnen anschlösse, und ergriff meine Schulter mit der linken Hand; sie fühlte sich weich wie die einer Frau an. »Nichts davon hat so begonnen.« Seine zitternde Stimme hatte einen dringlichen Unterton bekommen. »Severian, der König wurde auf dem Marsfeld gewählt. Grafen wurden vom König ernannt. Das alles war im sogenannten finsteren Mittelalter. Ein Baron war nur ein lombardischer Freiherr.«
Das kleine Mädchen, das ich zur Decke gehoben hatte, erschien wie aus dem Nichts und rief uns zu: »Es gibt Essen. Wollt ihr nicht kommen?«, und ich stand auf und sagte: »Ich hole uns etwas. Vielleicht geht’s dir dann wieder besser.«
»Es wurde Gewohnheit daraus. Es dauerte alles zu lange.« Als ich zu der Menschenansammlung ging, hörte ich ihn sagen: »Das Volk war ahnungslos.«
Mit kleinen Brotlaiben unter dem Arm, kamen die Gefangenen zurück. Als ich zur Tür gelangt war, hatte das Gedränge etwas nachgelassen, und ich konnte sehen, daß die Türflügel offenstanden. Dahinter wachte im Korridor ein Diener mit einer hohen Mütze aus weißem, gestärktem Mull über einen silbernen Servierwagen. Die Gefangenen verließen sogar das Vorzimmer und umringten diesen Mann. Ich folgte ihnen mit dem flüchtigen Gefühl wiedererlangter Freiheit.
Die Illusion wurde mir auch bald genommen. Hastarii standen an beiden Enden des Korridors und riegelten ihn ab, und zwei weitere verwehrten mit gekreuzten Waffen den Durchgang zur Tür, die in den Born des Grünen Glockenspiels führte.
Jemand tippte mir auf den Arm, und ich erblickte, als ich mich umwandte, die weißhaarige Nicarete. »Du mußt dir was nehmen«, sagte sie. »Wenn nicht für dich, so wenigstens für deinen Freund. Sie bringen nie genug.«
Ich nickte und konnte, indem ich über die Köpfe mehrerer Leute griff, zwei klebrige Laibe erbeuten. »Wie oft bekommen wir zu essen?«