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Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]

Электронная книга - «Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]». Краткое содержание книги:

Severian, das ausgestoßene Mitglied der Gilde der Folterer, ist auf dem Weg nach Norden, denn er wird zur Strafe nach Thrax geschickt. Dort soll er als Henker dienen, doch die Reise hält einige Überraschungen für den jungen Mann bereit: Er verliebt sich in Agia, die Schwester eines Revolutionärs, den Severian hinrichten musste. Doch Agia flieht, und Severian sucht nach ihr. Dabei trifft er einen komplett grünen Menschen, der als Sklave auf einem Jahrmarkt ausgestellt wird. Angeblich kann er jede Frage beantworten – weil er aus der Zukunft kommt …
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»Zweimal täglich. Du bist gestern kurz nach der zweiten Speisung gekommen. Jeder versucht, nicht zu viel zu nehmen, aber es wird nie genug gebracht.«

»Das ist ja Kuchen«, sagte ich. Zuckerguß, mit Zitrone, Muskat und Kurkuma abgeschmeckt, klebte an meinen Fingerspitzen.

Die Greisin nickte. »Gibt’s jeden Tag, wenn auch immer anderen. In dieser Silberkanne ist Kaffee, und Tassen stehen auf dem unteren Fach des Wagens. Die meisten, die hier eingesperrt sind, mögen und trinken ihn nicht. Ein paar wissen wohl nicht einmal davon.«

Das ganze Feingebäck war nun weg, und bis auf Nicarete und mich waren auch die letzten Gefangenen wieder in das Vorzimmer geschlendert. Ich nahm eine Tasse von unten und füllte sie. Der Kaffee war sehr stark, heiß und schwarz und reichlich mit Thymianhonig, wie mir schien, gesüßt.

»Willst du ihn nicht trinken?«

»Ich bringe ihn Jonas. Werden sie etwas dagegen haben, wenn ich die Tasse mitnehme?«

»Glaub’ ich nicht«, antwortete Nicarete, blickte aber dabei rasch nach den Soldaten.

Sie hatten ihre Lanzen in die Achtungsposition vorgesetzt, und die Flammen an den Speerspitzen brannten heiler. Gemeinsam mit ihr trat ich in das Vorzimmer zurück, woraufhin die Türen hinter uns zufielen.

Ich brachte noch einmal zur Sprache, daß sie mir am Vortag erzählt hatte, freiwillig hier zu sein, und fragte sie, ob sie wisse, warum die Gefangenen Kuchen und südländischen Kaffee bekämen.

»Das weißt du selbst«, erwiderte sie. »Ich höre es dir an.« »Nein. Das kommt daher, daß ich glaube, Jonas weiß es.« »Vielleicht weiß er’s. Der Grund ist, daß dieses Gefängnis eigentlich gar kein Gefängnis sein soll. Vor langer Zeit – es war wohl vor der Herrschaft Ymars – war es der Brauch, daß der Autarch höchsteigen über jedes Verbrechen zu Gericht saß, das sich innerhalb des Hauses Absolut zugetragen hatte. Vielleicht waren die Autarchen der Meinung, durch das Anhören solcher Fälle auf Verschwörungen aufmerksam zu werden. Vielleicht hofften sie auch nur, durch Gerechtigkeit in ihrer unmittelbaren Umgebung Hassende zu beschämen und Neider zu entwaffnen. Wichtige Fälle wurden unverzüglich behandelt, während belanglosere bis zur Aburteilung hier zu warten hatten …«

Die Türen, die soeben geschlossen worden waren, öffneten sich abermals. Ein kleiner, zerlumpter Mann mit Zahnlücken wurde hereingestoßen. Er fiel auf alle viere, raffte sich wieder auf und warf sich mir zu Füßen. Es war Hethor. Wie bei Jonas und mir, umzingelten ihn die Gefangenen, hoben ihn hoch und beschossen ihn mit Fragen. Nicarete und bald auch Lomer drängten sie fort und forderten ihn auf, den Namen zu nennen. Mit der Mütze in der Hand (was mich an jenen Morgen erinnerte, da er mich in unserem Lager auf der Wiese neben der Ctesiphon-Kreuzung gefunden hatte), antwortete er: »Der Sklave meines Herrn, der weitgereiste, l-l-landkundige Hethor bin ich, der staubige und zweimal verlassene Wanderer«, wobei er mich unentwegt aus glänzenden, verdrehten Augen ansah wie eine von Chatelaine Lelias haarlosen Ratten; Ratten, die im Kreise liefen und sich in den eigenen Schwanz bissen, wurde in die Hände geklatscht.

Ich war so angewidert von seinem Anblick und so besorgt um Jonas, daß ich unverzüglich zurückging zu der Stelle, wo wir geschlafen hatten. Das Bild der zitternden, grauhäutigen Ratten war noch lebhaft vor mir, als ich mich niedersetzte; als hätte es sich darauf besonnen, daß es lediglich ein aus den Erinnerungen der toten Thecla entwendetes Bild war, erlosch es sodann flimmernd wie Domninas Fisch.

»Ist etwas?« wollte Jonas wissen. Er wirkte schon ein bißchen kräftiger.

»Mich bekümmert etwas.«

»Das ist schlecht für einen Folterer, dennoch bin ich froh, daß du bei mir bist.«

Ich legte die süßen Laibe in seinen Schoß und stellte die Tasse neben seine Hand. »Städtischer Kaffee – ungepfeffert. Magst du ihn so?«

Er nickte, ergriff die Tasse und nahm einen Schluck daraus. »Trinkst du keinen?«

»Ich hatte draußen einen. Iß das Brot; es schmeckt sehr gut.«

Er biß von einem der Laibe ab. »Ich muß mit jemandem reden, also mußt du es sein, selbst wenn du mich nachher für ein Monstrum hältst. Du bist selbst ein Monstrum, weißt du das, Freund Severian? Ein Monstrum, weil du zum Beruf hast, was die meisten anderen nur zum Zeitvertreib tun.«

»Du bist mit Metall geflickt«, eröffnete ich ihm. »Nicht nur an der Hand. Das habe ich seit längerem gewußt, mein Freund und Monstrum Jonas. Nun iß das Brot und trink den Kaffee! Wir werden wohl erst in acht Wachen oder so wieder etwas zum Essen bekommen.«

»Wir sind verunglückt. Es hatte so lange gedauert – auf Urth –, daß es bei der Rückkehr keinen Hafen zum Anlegen mehr gab. Es riß mir eine Hand und das Gesicht ab. Meine Schiffskameraden reparierten mich, so gut es ging, aber es gab keine Ersatzteile mehr, nur biologisches Material.« Mit der Stahlhand, die ich stets nur für einen besseren Greifhaken gehalten hatte, hob er die Hand aus Muskeln und Knochen auf, wie man ein Stück Abfall zum Wegwerfen aufheben würde.

»Du hast Fieber. Die Peitsche hat dich getroffen, aber du wirst wieder gesund, so daß wir ausbrechen und Jolenta finden können.«

Jonas nickte. »Weißt du noch, wie sie, als wir uns dem Ende des Erbärmlichen Tores genähert haben, inmitten des Tumults den Kopf umgewandt hat, so daß der Sonnenschein auf eine Wange gefallen ist?«

Ich bejahte.

»Ich hatte noch nie vorher geliebt, die ganze Zeit seit der Zerstreuung unserer Mannschaft nicht.«

»Wenn du nichts mehr essen kannst, solltest du dich jetzt ausruhen.«

»Severian.« Er packte mich wiederum an der Schulter, aber diesmal mit der Stahlhand, was sich wie ein Schraubstock anfühlte. »Sprich zu mir! Sie sind mir unerträglich, meine wirren Gedanken.«

Eine ganze Weile erzählte ich, was mir in den Sinn kam, ohne eine Antwort zu erhalten. Dann fiel mir Thecla ein, die oft ähnlich bedrückt gewesen war, und daß ich ihr vorgelesen hatte. Also holte ich ihr braunes Buch hervor und schlug es an beliebiger Stelle auf.

XVII

Die Geschichte vom Studenten und seinem Sohn

ERSTER TEIL

Die Feste der Zauberer

Es stand einmal eine Stadt mit hellen Türmen am Rande eines unwirtlichen Meeres. Darin wohnten die Weisen. Und in dieser Stadt herrschten Gesetz und Ordnung, aber es lag auch ein Fluch auf ihr. Das Gesetz besagte, daß für alle Bewohner nur zwei Wege offenstünden: zu den Weisen aufzusteigen und die bunte Kapuze zu tragen, oder aber die Stadt zu verlassen und in die unfreundliche Welt zu ziehen.

Nun gab es einen, der alle in der Stadt – und damit größtenteils auch auf der ganzen Welt – bekannten Zauberkünste in langen Jahren erlernt hatte. Und es nahte die Zeit, da er seinen Weg wählen mußte. Im Hochsommer, als die Blumen ihre gelben, dreisten Köpfchen aus den dunklen Mauern über dem Meer steckten, suchte er einen der Weisen auf, welcher sein Haupt schon länger mit den bunten Farben bedeckte, als die meisten sich erinnern konnten, und den Studenten, dessen Zeit gekommen war, lange unterwiesen hatte. Und er sagte zu ihm: »Wie kann ich – der ich doch nichts weiß – einen Platz unter den Weisen der Stadt erlangen? Denn ich möchte Zauberkünste studieren, die nicht all mein Lebtag heilig sind, und nicht in die unfreundliche Welt ziehen, um für mein Brot zu graben und zu schleppen.«

Der Greis lachte und erwiderte: »Erinnerst du dich, wie ich dich, als du fast noch ein Knabe gewesen bist, die Kunst gelehrt habe, aus Träumen Söhne fleischwerden zu lassen? Wie warst du seinerzeit geschickt und übertrafest alle andern! Geh nun und lasse einen solchen Sohn fleischwerden, und ich will ihn den Kapuzenträgern zeigen, und du wirst sein wie wir.«

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