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Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]

Электронная книга - «Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]». Краткое содержание книги:

Severian, das ausgestoßene Mitglied der Gilde der Folterer, ist auf dem Weg nach Norden, denn er wird zur Strafe nach Thrax geschickt. Dort soll er als Henker dienen, doch die Reise hält einige Überraschungen für den jungen Mann bereit: Er verliebt sich in Agia, die Schwester eines Revolutionärs, den Severian hinrichten musste. Doch Agia flieht, und Severian sucht nach ihr. Dabei trifft er einen komplett grünen Menschen, der als Sklave auf einem Jahrmarkt ausgestellt wird. Angeblich kann er jede Frage beantworten – weil er aus der Zukunft kommt …
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Aber der Student wandte ein: »Noch eine Jahreszeit. Gewähre mir noch eine Jahreszeit, und ich will tun, was du mir rätst.«

Der Herbst brach an, und die Plantanen der Stadt der hellen Türme, welche die hohen Mauern vor den Seebrisen schützten, warfen ihre Blätter ab wie das Gold, das ihre Eigentümer herstellten. Und die Wildgänse flogen um die hellen Türme, und hintendrein die Fischadler und Lämmergeier. Nun schickte der Greis abermals nach jenem, der sein Student gewesen war, und sagte: »Jetzt mußt du aber ein Traumgeschöpf für dich fleischwerden lassen, wie ich dich geheißen. Denn die anderen Kapuzen träger verlieren die Geduld. Du bist bis auf uns der älteste in der Stadt, und wenn du nun nicht handelst, werden sie dich bis zum Winter wohl hinauswerfen.«

Aber der Student entgegnete: »Ich muß weiter studieren, um zu bewerkstelligen, was ich erstrebe. Kannst du mich nicht für eine Jahreszeit beschützen?« Und der Greis, der ihn unterrichtet hatte, dachte an die Schönheit der Bäume, die sein Auge seit so vielen Jahren wie die weißen Gliedmaßen der Frauen entzückt hatten.

Schließlich verging der goldene Herbst, und ins Land zog der Winter von seinem frostigen Sitz, wo die Sonne wie eine vergoldete Kugel über den Rand der Welt rollt und die Feuer, die zwischen den Sternen und der Urth treiben, den Himmel in Brand stecken. Seine eisige Hand verwandelte die Wogen in Stahl, und die Stadt der Zauberer hieß ihn willkommen, indem sie ihre Balkone mit Eisfahnen und ihre Dächer mit einer Schneedecke schmückte. Wieder ließ der Greis den Studenten rufen, und wieder erteilte dieser die gleiche Antwort.

Der Frühling kam und mit ihm Freude in die ganze Natur, aber die Stadt war schwarz beflaggt; Haß und Ekel vor der eigenen Macht – die wie ein Wurm am Herzen nagen – befiel die Zauberer. Denn die Stadt hatte nur ein Gesetz und einen Fluch, doch während das Gesetz das ganze Jahr über herrschte, trat der Fluch im Frühjahr in Kraft. Im Frühjahr wurden die schönsten Jungfrauen der Stadt, die Töchter der Zauberer, in Grün gewandet; und während der milde Frühlingswind mit ihrem goldenen Haar spielte, durchschritten sie unbeschuht das Stadttor und gingen über den schmalen Pfad zur Kaimauer hinab, wo ein schwarz-besegeltes Schiff ihrer harrte. Und wegen ihres goldenen Haares und ihres Gewandes aus grüner Rippseide, und weil es die Zauberer dünkte, sie würden geschnitten wie Getreide, wurden sie Kornjungfern genannt.

Als der Mann, welcher lange Zeit ein Student des Greises gewesen, aber noch ohne Kapuze war, das Klagen und Weinen vernahm und von seinem Fenster die vorüberziehenden Jungfrauen sah, stellte er alle Bücher beiseite und machte sich daran, Figuren zu zeichnen, wie sie noch kein Mensch gesehen, und in vielen Sprachen zu schreiben, wie es ihn sein Meister einst gelehrt.

ZWEITER TEIL

Die Fleischwerdung des Helden

Tag für Tag mühte er sich ab. Wenn das erste Licht am Fenster dämmerte, hatte sein Federkiel viele Stunden der Schinderei hinter sich; und wenn der buckelige Mond sich in den bleichen Türmen verfing, brannte seine Lampe hell. Zunächst war es ihm, als hätte ihn alles, was sein Meister ihn dereinst gelehrt, verlassen, denn vom Morgengrauen bis zum Mondaufgang blieb er in seiner Kammer allein bis auf den Nachtfalter, der hin und wieder, die Insignien des Todes führend, seine unverzagte Kerzenflamme umflatterte.

Dann schlich, wenn er zuweilen über seinem Tisch einnickte, ein anderer in seine Träume; und da er wußte, wer dieser andere war, hieß er ihn willkommen, waren die Träume auch flüchtig und rasch vergessen.

Er setzte sein mühsames Werk fort, und das, was er zu erschaffen versuchte, umgab ihn wie Rauch das neue Brennholz, das man auf ein fast erkaltetes Feuer wirft. Zuweilen (und insbesondere wenn er spät oder früh über der Arbeit saß und schließlich und endlich alle Utensilien seiner Kunst beiseite gelegt hatte, um sich zuletzt auf dem schmalen Bette auszustrecken, das für solche vorgesehen war, welche die bunte Kapuze noch nicht verdient hatten) vernahm er, stets in einem anderen Zimmer, die Schritte desjenigen, den er ins Leben zu rufen hoffte.

Mit der Zeit wurden diese Erscheinungen, die ursprünglich selten und zuerst sogar nur auf solche Nächte beschränkt gewesen waren, in denen zwischen den hellen Türmen der Donner grollte, zur Regel, und unmißverständliche Anzeichen wiesen auf die Anwesenheit des anderen hin: ein Buch, das er seit Jahren nicht aus dem Regal genommen hatte, lag neben einem Stuhl; Fenster und Türen öffneten sich scheinbar selbsttätig; ein Dolch, seit langem ein Zierstück und kaum gefährlicher als ein Trompe-l’oeil-Bild, glänzte, von der Patina befreit, und war wieder scharf.

Eines goldenen Nachmittags, als der Wind die unschuldigen Spiele der Kindheit mit den frisch befiederten Plantanen spielte, klopfte es an die Tür seiner Studierstube. Da er es nicht wagte, sich umzuwenden oder das, was er fühlte, auch nur im geringsten durch seine Stimme auszudrücken, oder gar von seiner Arbeit zu lassen, rief er nur: »Herein.«

Wie Tore, die sich bei Mitternacht auftun, obwohl weit und breit keiner ist, öffnete sich die Tür jeweils um Haaresbreite Stück für Stück. Während sie sich bewegte, schien sie Kraft zu sammeln, und als sie so weit offen war (wie er am Geräusch erriet), daß eine Hand hindurchgepaßt hätte, schien der verspielte Wind durchs Fenster zu fahren, um Leben in ihr Herz aus Holz zu tragen. Und als sie (wie er abermals mutmaßte) noch weiter offen war, so weit, daß ein schüchterner Sklave mit einem Tablett hätte hindurchtreten können, schien ein ausgewachsener Orkan sie zu ergreifen und bis zur Wand zurückzuschleudern. Daraufhin vernahm er Schritte hinter sich – schnelle und entschlossene Schritte – und eine Stimme, respektvoll und jugendlich, dennoch von lauterer Männlichkeit, die, an ihn gerichtet, sagte: »Vater, es mißfällt mir, dich stören zu müssen, wenn du in deine Kunst versunken bist. Aber ich bin betrübten Gemütes, und das seit Tagen, und bitte dich bei deiner Liebe für mich, mein Eindringen zu gestatten und mir Mut zuzusprechen.«

Nun wagte es der Student, sich dort, wo er saß, umzuwenden, und sah vor sich einen breitschultrigen, muskelgewaltigen Jüngling von edler Haltung. Gebieterisch war sein fester Mund, Klugheit in seinen strahlenden Augen und Mut in seinem ganzen Antlitz. Auf seiner Stirn saß jene Krone, die für das Auge unsichtbar ist, die aber selbst ein Blinder gewahrt; die unschätzbare Krone, die tapfere Männer zum Ritter drängt und Schwächlinge tapfer macht. Nun sagte der Student: »Mein Sohn, fürchte nicht, mich zu stören, jetzt und nie, denn es gibt nichts unter dem Himmel, was ich lieber sähe als dein Gesicht. Was ist es, das dich plagt?«

»Vater«, erwiderte der Jüngling, »jede Nacht seit vielen Nächten gellen Frauenschreie durch meinen Schlaf, und oft sehe ich wie einen durch Flötenspiel angelockten grünen Lindwurm eine Grüne Schlange über das Kliff unter unserer Stadt zum Kai hinabgleiten. Und manchmal ist es mir in meinem Traum gegönnt, näherzutreten, und ich sehe, daß alle in dieser Menschenschlange schöne Frauen sind, die weinen und schreien und wanken, so daß ich sie für ein junges Kornfeld halten möcht’, das ein ächzender Wind niedermäht. Was hat dieser Traum zu bedeuten?«

»Mein Sohn«, versetzte der Student, »die Zeit ist gekommen, dir etwas zu sagen, was ich dir bis jetzt verschwiegen habe aus Furcht, du könntest ob deiner ungestümen Jugend zu viel wagen, ehe die Zeit reif wäre. Wisse, daß diese Stadt von einem Ungeheuer heimgesucht wird, welches Jahr um Jahr ihre schönsten Töchter fordert, genau wie du es in deinem Traum gesehen hast.«

Funkelnden Blickes begehrte der Jüngling: »Was ist das für ein Ungeheuer, und wie ist seine Gestalt, und wo haust es?«

»Seinen Namen kennt niemand, denn niemand vermag sich ihm zu nähern. Seine Gestalt ist die eines Naviscaputs, das heißt, den Menschen erscheint es als Schiff, auf dessen Deck – das eigentlich aus seinen Schultern besteht – eine Burg steht, welche sein Kopf ist, und in der Burg befindet sich ein einzelnes Auge. Aber sein Leib schwimmt in der Tiefe mit dem Rochen und Haifisch, seine Arme sind länger als die höchsten Masten und seine Beine wie Pfähle, die bis zum Meeresgrund reichen. Sein Hafen ist eine Insel im Westen, wo ein Kanal mit vielen Windungen und Biegungen, der sich teilt und wieder teilt, weit ins Landesinnere vordringt. Auf dieser Insel, so ist überliefert, müssen die Kornjungfern leben; und dort ankert mitten unter ihnen das Ungeheuer, dessen Auge immerfort hin- und herrollt, um sie in ihrer Verzweiflung zu betrachten.«

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