Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Um auf Ihre Damen zurückzukommen: sie sollen sehr schön sein. Was für eine abgeschmackte Idee, sich in den Steppen zu vergraben, während die französische Armee in Moskau ist! Sie verscherzen sich doch ein großes Glück, Ihre Damen. Bei den Bauern ist das etwas anderes, aber die anderen, die gebildete Bevölkerung sollte uns doch besser kennen. Wir haben Wien, Berlin, Madrid, Neapel, Rom, Warschau genommen, alle Hauptstädte der Welt … Man fürchtet uns, aber man liebt uns auch. Es lohnt sich schon, unsere Bekanntschaft zu machen. Und dann der Kaiser …« wollte er anfangen, aber Pierre unterbrach ihn.
»Der Kaiser«, wiederholte Pierre, und sein Gesicht nahm plötzlich einen traurigen und verlegenen Ausdruck an. »Ist denn der Kaiser …«
»Der Kaiser? Der Kaiser ist die verkörperte Hochherzigkeit, Gnade, Gerechtigkeit, Ordnung, er ist ein Genie. Das sage ich Ihnen, Remballe … Tel que vous me voyez war ich vor acht Jahren noch sein Feind. Mein Vater war Graf und Emigrant … Aber er hat mich besiegt, dieser Mann. Er hat mich überwältigt. Ich konnte dem Anblick der Größe und des Ruhmes, mit denen er Frankreich überschüttet hat, nicht widerstehen. Als ich begriff, was er wollte, und gesehen hatte, wie er uns auf Lorbeeren bettete, voyez-vous, da habe ich mir gesagt: Das ist ein wahrer Herrscher, und habe mich ihm ergeben. Eh voilà! Oh oui, mon cher, er ist der größte Mann der vergangenen Jahrhunderte und der Zukunft!«
»Ist er in Moskau?« fragte Pierre stockend und mit dem Gesicht eines Verbrechers.
Der Franzose sah Pierre in das Verbrechergesicht und lachte.
»Nein, er zieht erst morgen ein«, sagte er und fuhr dann fort, zu erzählen.
Ihre Unterhaltung wurde durch das Geschrei mehrerer Stimmen an der Eingangstür und durch das Eintreten Morels unterbrochen, der seinem Hauptmann meldete, daß Württemberger Husaren gekommen seien und ihre Pferde in demselben Hof unterstellen wollten, in dem bereits die Pferde des Hauptmanns standen. Die Sache sei deshalb so schwierig, weil die Husaren das, was man ihnen sage, nicht verstünden.
Der Hauptmann ließ den ältesten Unteroffizier zu sich hereinrufen und fragte ihn mit strenger Stimme, zu welchem Regiment er gehöre, wer sein Vorgesetzter sei und wie er darauf komme, sich zu erlauben, ein Quartier einzunehmen, das bereits besetzt sei. Auf die ersten beiden Fragen nannte der Deutsche, der schlecht Französisch verstand, sein Regiment und seinen Kommandeur, während er auf die letzte Frage, die er nicht verstanden hatte, in deutscher, mit französischen Brocken untermischter Sprache erwiderte, er sei der Quartiermacher des Regimentes und habe von seinem Vorgesetzten den Befehl erhalten, alle Häuser der Reihe nach zu belegen. Pierre verstand Deutsch, übersetzte dem Hauptmann, was der Unteroffizier gesagt hatte, und verdolmetschte dann dem Württemberger Husaren die Antwort des Hauptmanns. Als der Deutsche verstanden hatte, was man zu ihm sagte, gab er nach und führte seine Pferde fort. Der Hauptmann trat auf die Freitreppe hinaus und erteilte mit lauter Stimme mehrere Befehle.
Als er ins Zimmer zurückkehrte, saß Pierre immer noch auf demselben Platz wie vorher und hatte den Kopf auf die Hände gestützt. Sein Gesicht drückte Leiden aus. Und wirklich litt er auch in diesem Augenblick. Als der Hauptmann hinausgegangen und Pierre allein zurückgeblieben war, hatte er auf einmal die Besinnung wiedererlangt und war sich der Lage bewußt geworden, in der er sich befand. Was ihn in diesem Augenblick quälte, war nicht die Einnahme Moskaus, nicht, daß die glücklichen Sieger jetzt in der Stadt schalteten und walteten und sich als seine Gönner aufspielten, so schwer das auch auf ihm lastete. Ihn quälte das Bewußtsein seiner eignen Schwäche. Die wenigen Gläser Wein, die er getrunken hatte, und die Unterhaltung mit diesem gutmütigen Menschen hatten die gesammelte, finstere Gemütsstimmung zunichte gemacht, in der Pierre die letzten Tage verbracht hatte und die zur Ausführung seiner Absicht unumgänglich notwendig war. Die Pistole, der Dolch und der Kittel lagen bereit, Napoleon zog morgen ein. Pierre hielt es noch für ebenso nützlich und verdienstvoll, diesen Bösewicht zu töten, aber er fühlte, daß er es jetzt nicht mehr tun könne. Warum – das wußte er nicht, aber er fühlte es gewissermaßen voraus, daß er seine Absicht nicht ausführen werde. Er kämpfte gegen das Bewußtsein seiner eignen Schwäche an, aber er fühlte dunkel, daß er nicht mit ihr fertig werden würde, und daß seine früheren finsteren Gedanken an Rache, Tod und Selbstaufopferung bei der Berührung mit dem ersten besten Menschen wie Spreu im Winde zerstoben.
Leicht hinkend und leise vor sich hinpfeifend trat der Hauptmann ins Zimmer.
Sein Plaudern, das Pierre vorhin so unterhaltend erschienen war, kam ihm jetzt widerlich vor. Und auch das Liedchen, das er pfiff, sein Gang und die Gebärde, mit der er sich den Bart drehte – dies alles wirkte jetzt auf Pierre wie eine Beleidigung. Ich werde gleich fortgehen, werde nicht ein Wort mehr mit ihm reden, dachte er. Doch während er dies dachte, blieb er immer noch auf derselben Stelle sitzen. Ein eigentümliches Gefühl der Schwäche schmiedete ihn auf seinem Platz fest, er wollte aufstehen und fortgehen, konnte es aber nicht.
Der Hauptmann dagegen schien sehr vergnügt zu sein. Er ging zweimal durchs Zimmer. Seine Augen glänzten und sein Schnurrbart zitterte leicht, als lächle er im stillen über einen unterhaltenden Einfall.
»Charmant«, sagte er plötzlich, »dieser Oberst der Württemberger. Ein Deutscher, aber ein guter Kerl trotz allem. Allerdings ein Deutscher.« Er setzte sich Pierre gegenüber. »à propos, Sie können Deutsch?«
Pierre sah ihn schweigend an.
»Was heißt asile auf deutsch?«
»Asile?« wiederholte Pierre. »Asile heißt auf deutsch Unterkunft.«
»Wie sagen Sie?« fragte der Hauptmann schnell und ungläubig.
»Unterkunft«, sagte Pierre noch einmal.
»Onterkoff«, wiederholte der Hauptmann und sah Pierre ein paar Augenblicke mit lachenden Augen an. »Die Deutschen sind tüchtige Einfaltspinsel, nicht wahr, Monsieur Pierre?« schloß er.
»Eh bien, noch einen Moskauer Bordeaux, wie war’s? Morel, stell uns noch ein Fläschchen warm! Morel!« rief der Hauptmann heiter.
Morel brachte Kerzen und noch eine Flasche Wein. Bei dieser Beleuchtung betrachtete der Hauptmann jetzt Pierre und war sichtlich bestürzt über dessen verstimmtes Gesicht. Aufrichtig betrübt und teilnehmend trat Remballe auf Pierre zu und beugte sich über ihn.
»Eh bien, Sie sind traurig?« fragte er und berührte Pierres Hand. »Habe ich Ihnen diesen Kummer bereitet? Nein, wirklich, haben Sie etwas gegen mich?« fragte er noch einmal. »Oder vielleicht wegen der Lage? …«
Pierre gab keine Antwort und sah dem Franzosen freundlich in die Augen. Der Ausdruck seiner Teilnahme war ihm angenehm.
»Parole d’honneur, ohne davon zu reden, was ich Ihnen verdanke, ich fühle Freundschaft für Sie. Kann ich etwas für Sie tun? Verfügen Sie über mich. Auf Leben und Tod. Das sage ich Ihnen, Hand aufs Herz«, rief er und schlug sich vor die Brust.
»Merci«, entgegnete Pierre.
Der Hauptmann sah Pierre aufmerksam an wie in dem Augenblick, als er von ihm gelernt hatte, was asile auf deutsch heißt, und sein Gesicht fing plötzlich an zu leuchten.
»Nun, wenn es so steht, trinke ich auf unsere Freundschaft«, rief er lustig und schenkte zwei Gläser ein.
Pierre nahm eines der Gläser und trank es aus. Remballe trank das andere aus, drückte Pierre noch einmal die Hand und blieb, in nachdenklich melancholischer Pose auf den Tisch gestützt, stehen.
»Oui, mon ami, voilà les caprices de la fortune«, fing er an. »Wer hätte mir das vorausgesagt, daß ich einmal Soldat und Dragoneroffizier unter Bonaparte, wie wir ihn damals nannten, werden würde. Und nun bin ich mit ihm in Moskau. Il faut vous dire, mon cher«, fuhr er mit der wehmütig langsamen Stimme eines Menschen, der sich anschickt, eine lange Geschichte zu erzählen, fort: »Mein Name ist einer der ältesten in ganz Frankreich.«
Und mit der leichten, harmlosen Offenheit der Franzosen erzählte der Hauptmann Pierre die ganze Geschichte seiner Vorfahren, seiner Kindheit, Jugend und Mannesjahre, sprach von seinen Verwandten und weihte ihn in alle Vermögens- und Familienverhältnisse ein. »Ma pauvre mère« spielte in dieser Erzählung natürlich eine große Rolle.