Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
- Автор: Майнк Вилли
- Год: 1956
- Язык: немецкий
- Год: DER KINDERBUCHVERLAG
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo». Краткое содержание книги:
Es gab Stunden, in denen sich Marco wie ein Einsiedler verkroch und in die unsichtbaren Fäden seiner Traumwelt einspann. Er empfand fast ein Gefühl der Befriedigung, daß Paolo nicht zu Hause war. Er fühlte sich erwachsen und selbständig. Außer Maria und Giannina war niemand zu Hause. Auf ihm ruhte die ganze Last der Verantwortung.
Manchmal war es schön, allein zu sein.
Giannina befand sich schon in ihrer kleinen Dachkammer. Ob sie an ihren letzten Ausflug nach Murano dachte? Sie war ja noch einen Tag länger geblieben als er. Sicher saß sie jetzt auf ihrem Bett und träumte mit ihren dunklen Augen von allen möglichen Dingen. Marco konnte sich das genau vorstellen. Es war beinahe, als befände sie sich hier in der Stube neben ihm und redete, wie es ihre Art war, unbefangen von alltäglichen Ereignissen, die in ihrer Darstellung den Charakter von etwas Besonderem, Märchenhaftem erhielten. Eine Blume wurde ein Wunder an Schönheit, und ein Glassplitter verwandelte sich in einen Diamanten. Schön wäre es, wenn sie zu einem Plauderstündchen herunterkäme.
Er überlegte, ob er nicht zu ihr gehen und sie einladen solle, sagte sich dann aber, daß sie vielleicht lieber allein sei. Möglicherweise dachte sie gerade an Giovanni, und da wollte er nicht stören.
Die einsamen Stunden zwischen Abend und Nacht können auch wie feine spitze Dolchspitzen sein, die sich ins Herz hineinbohren.
Er hatte überhaupt das Gefühl, als hielte Giannina sich seit dem letzten Besuch auf Murano etwas von ihm fern. Auch ihre Gespräche waren nicht mehr so unbefangen wie sonst. Eine rätselhafte Scheu hatte eine unsichtbare Schranke zwischen ihnen aufgerichtet.
Wenn er sein Vorhaben, das er in aller Heimlichkeit vorbereitete, ausführen würde, könnte es durchaus möglich sein, daß Giannina einmal jeden Augenblick bereute, den sie ihm ausgewichen war.
Ein kleiner Zorn regte sich gegen Giovanni, den er aus irgendeinem Grunde für Gianninas Zurückhaltung verantwortlich machte. Marco war mit sich selbst nicht zufrieden und schimpfte sich aus, weil er spürte, daß er dem Freund und auch Giannina unrecht tat.
Er war doch nicht etwa verliebt in Giannina?
Marco mußte laut lachen. Auf was für Gedanken er manchmal kam! Es dauerte eine ganze Weile, bis sich seine etwas gekünstelte Heiterkeit gelegt hatte.
Vielleicht war es am besten, doch noch auszugehen. Wer konnte es ihm verwehren? Er war sein eigener Herr. Sein Oheim Pietro Bocco erschien nur selten einmal, um, wie er sagte, nach dem Rechten zu sehen.
Ein starkes Gefühl der Freiheit durchströmte Marco nach all den Jahren, da ihn die kranke Furcht der Mutter in jeder Regung seines phantasiebegabten Geistes gehemmt hatte; besonders, wenn er am Hafen stand und die auf große Fahrt auslaufenden Schiffe beobachtete.
Er hatte den festen Entschluß gefaßt, sich im nächsten Frühjahr auf ein Schiff zu schleichen, das nach Byzanz segelte. Von dort würde er versuchen, nach Damaskus zu kommen.
Marco hielt sein Vorhaben vor Giovanni und Giannina vorläufig noch geheim. Auch mit Paolo hatte er noch nicht darüber gesprochen, aber er wollte ihn morgen einweihen.
Maria sah noch einmal in das Zimmer hinein und warf einen Holzkloben ins Feuer.
«Geht Ihr heute noch aus, junger Herr?» fragte sie. «Oder kann ich das Haustor schließen?»
Marco rückte dichter an das Feuer heran. Draußen wehte ein ungemütlicher Wind. «Schließ nur zu, Maria», sagte er.
Sie ging zögernd zur Tür und blieb, den Blick auf Marco gerichtet, noch einen Augenblick stehen. Als er das erwartete Zuschnappen der Tür nicht hörte, sah er verwundert auf. «Was gibt es noch, Maria?»
«Paolo kommt doch morgen zurück, Herr?» fragte sie und hatte Mühe, die Sorge in ihrer Stimme zu verbergen.
«Warum sollte er nicht zurückkommen?» erwiderte Marco. Er unterdrückte ein plötzlich aufsteigendes Unbehagen. In Zukunft würde er Paolo nicht mehr für Dienstleistungen freigeben. Sollte sein Oheim Pietro Bocco sehen, woher er Arbeitskräfte bekam!
Er dachte wieder an das große Unternehmen, das er bis zum kommenden Frühjahr in allen Einzelheiten vorbereiten mußte. Es gab da viel zu überlegen.
Während er am Kamin saß und den Flug der Funken beobachtete, hörte er gar nicht, wie die Tür geöffnet wurde. Überrascht richtete er sich auf, als er Gianninas Stimme vernahm. «Ich bin heute so unruhig», sagte sie. «Hörst du den Sturm draußen?»
Marco rückte zur Seite und forderte sie auf, neben ihm Platz zu nehmen.
«Manchmal habe ich Angst», erzählte sie, «daß das Meer uns verschlingt, die Häuser, die Gärten, die Felder — alles, alles…»
«Da bist du also gekommen, weil du Angst hast?» Giannina ließ ihre Haare durch die Finger gleiten und strich sie zurück. Sie überhörte Marcos Frage.
«Ich fühle mich so fremd hier, Marco. Warum ist das nur so? Murano liegt doch ganz nahe. Du kannst es bei klarem Wetter mit deinen Augen sehen… Es ist jetzt schon kalt auf Murano. Denkst du noch an unseren letzten Besuch?… Ach, was rede ich da? Das kommt daher, weil es draußen so stürmisch ist. Ich kann den Wind nicht leiden, bin wie ein kleines Mädchen…»
Heimweh hat sie, sagte sich Marco. Das ist der Grund, warum sie in der letzten Zeit so scheu und verschlossen gewesen ist. Und kalt ist es jetzt schon auf Murano. Er sah den Freund vor sich, wie er frierend die Beineanzog, und erinnerte sich daran, daß er ihm ja Kleidungsstücke schicken wollte. Ein warmes, freundschaftliches Gefühl ergriff ihn. Aber was sie vom Wind erzählt hatte, forderte seinen Widerspruch heraus.
«Der Wind hat auch seine guten Seiten», sagte er. «Er trägt die Schiffe über das Meer. Ich habe es gern, wenn der Wind weht. Nicht immer natürlich…» Er brach den Satz plötzlich ab.
Giannina saß neben ihm auf der Bank, der rötliche Flammenschein tönte zart ihr Gesicht und spiegelte sich in ihren Augen. Sie war schöner als alle anderen Mädchen, die Marco kannte. Heimweh hatte sie, und er erzählte ihr etwas vom Wind. Manchmal war es wirklich nicht einfach, das zu sagen, was man auf dem Herzen hatte.
In der Stille des Zimmers wich die Unruhe von Giannina.
Sie spürte, daß sie müde wurde, aber sie brachte nicht die Kraft auf, sich von der wohligen Wärme und den lockenden Flammen zu trennen.
«Du brauchst dich hier nicht fremd zu fühlen», sagte Marco und sah dabei starr geradeaus. «Wir werden eben öfter nach Murano fahren. Giovanni wird sich ja auch freuen. Du darfst nicht denken, daß ich ihn vergessen habe… Es ist nur so», setzte er wichtig hinzu, «daß ich jetzt an vieles denken muß… Aber Giovanni vergesse ich nicht, darauf kannst du dich verlassen.»
Marco spürte mit jedem Wort, wie sich das freundschaftliche Band zwischen ihm, Giannina und Giovanni wieder fester knüpfte.
Und er war sehr froh darüber.
Auch von Giannina war die Traurigkeit gewichen.
Als sie sich von Marco verabschiedet hatte, ging er zu der Truhe, die unter dem Fenster stand, und suchte die Kleider für den Freund heraus. «Wie ein Graf wirst du darin aussehen», murmelte er.
Schon am anderen Tage wollte er mit Paolo nach Murano fahren und sie bei Giovannis Vater abgeben. Wenn der Freund abends nach Hause kam, würde er die Kleider vorfinden. Er hätte dann keine Gelegenheit, das Freundesgeschenk zurückzuweisen.
Marco schlief tief und traumlos in dieser Nacht und ahnte nichts von den Aufregungen, die der kommende Tag bringen sollte.
Ein stiller Morgen brach an. Die Luft war nur leise bewegt. Nichts deutete mehr auf die stürmische Nacht hin. Die Lagune schlummerte im weichen Dämmerschein; bleifarben, bleischwer, schillernd umschloß das Wasser La Guidecca, La Gracia, San Clemente, San Spirito und die zahlreichen anderen Inseln. Die Fischer pflügten mit ihren breiten Booten das träge Wasser und befestigten sie an den bekannten Fischplätzen, um die Angeln auszulegen und die Netze auf den Grund zu senken.