Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)
- Автор: Klausner Uwe
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:
Herbert O. Brüggemann, Vorstandsvorsitzender der Berliner Bank, rieb sich insgeheim die Hände. Er würde diese Frau um den Finger wickeln, das stand für ihn außer Frage. Dass er es war, der um den Finger gewickelt wurde, kam ihm dabei nicht in den Sinn. Auch nicht, dass die Naivität seiner Kundin nur eine Masche und er, der Möchtegern-Charmeur, nur Mittel zum Zweck für sie war. Brüggemann hing förmlich an ihren Lippen, und nichts, schon gar nicht ihr deutscher Akzent, war dazu angetan, sein Misstrauen zu erwecken. Bei einer derartigen Summe stellte man keine Fragen, in seiner Branche war das ehernes Gesetz.
»Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, gnädige Frau?«, säuselte Brüggemann, nachdem sämtliche Papiere unterzeichnet, der geschäftliche Teil der Unterredung beendet und die Champagnerflasche für die besonderen Anlässe entkorkt worden war. »Es wäre mir eine Freude, Ihnen unter die Arme greifen zu können. Nur keine Scheu, verfügen Sie über mich.«
»Das ist wirklich reizend von Ihnen, Herr Direktor«, antwortete seine Kundin und lächelte, dass ihm abwechselnd heiß und kalt wurde. Brüggemann lächelte zurück, kurz davor, sie zum Abendessen einzuladen. »Falls nötig, werde ich auf Ihr Angebot zurückkommen.«
»Auf Ihr Wohl, Mrs. Fitzpatrick.«
»Prosit, Herr Direktor«, antwortete die kühle Blonde, schob ihre Brille nach unten und blinzelte ihn kokett an. »Und danke, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben.«
»Aber das war doch selbstverständlich!«, beteuerte der vierfache Familienvater, wie so viele, die mit ihr zu tun hatten, in den Bann der vermeintlichen Amerikanerin gezogen. »Für eine Kundin wie Sie würde ich alles tun.«
»Das glaube ich Ihnen aufs Wort«, versetzte sein Gegenüber in einem Tonfall, der manch anderen hätte hellhörig werden lassen. Da Brüggemann jedoch so töricht war, ihr Gebaren für bare Münze zu nehmen, nahm er die unterschwellige Ironie nicht wahr. »Hoffen wir, dass unsere Geschäftsbeziehung Früchte tragen wird.«
»Das wird sie zweifellos. Bevor ich es vergesse, Mrs. …«
»Nennen Sie mich einfach Helen, Herr Direktor. Wir Amerikaner legen auf Etikette nicht viel Wert.«
Auf einen Schlag um 40 Jahre jünger, rang der 57-jährige, viel zu korpulente, viel zu vertrauensselige und mit einem Übermaß an Naivität gesegnete Vorstandsvorsitzende der Berliner Bank nach Worten. »Es … wäre mir eine Ehre«, stammelte er und mühte sich redlich, nicht den Faden zu verlieren. »Wann, denken Sie, wird Ihre Überweisung bei uns eintreffen?«
»In ein, zwei Tagen!«, lautete die Antwort der Millionärsgattin, die es sichtlich genoss, hofiert zu werden. »Hoffen wir, dass nichts dazwischenkommt.«
»Dazwischen…?«
»Keine Sorge, Herr Brüggemann, ich stehe zu meinem Wort.«
»Daran hege ich nicht den geringsten Zweifel, gnädige Frau.«
»Helen.«
»Wie dumm von mir – soll nicht wieder vorkommen.«
»Das will ich hoffen!«, antwortete die Frau, bei deren Anblick sich Brüggemanns Grundsätze in nichts auflösten, allen voran die moralischen, die der überzeugte Christdemokrat nicht müde wurde zu verkünden. Dann streifte sie ihre dunklen Handschuhe über. »So, jetzt muss ich aber gehen.«
Was – jetzt schon?, durchfuhr es den verhinderten Don Juan, im Begriff, seiner Gesprächspartnerin einzuschenken. Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben, was seiner Kundin, die ihre Ankündigung wahr machte und sich erhob, ein amüsiertes Lächeln entlockte. »Und der Champagner?«, begehrte Brüggemann auf, nie zuvor derart unsanft aus seinen Träumen gerissen, und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. »Was ist mit dem?«
»Den heben wir uns für später auf. Aber nur, falls Sie das in Sie gesetzte Vertrauen rechtfertigen.«
*
Im Begriff, das Bürohochhaus an der Hardenbergstraße zu verlassen, konnte Helen Fitzpatrick alias Agnes von Sydow ihre Freude kaum zügeln. Welch Glück, an einen Trottel wie diesen Brüggemann geraten zu sein. Das hatte sie sich schwieriger vorgestellt.
Weitaus schwieriger sogar.
Ein Lächeln im Gesicht, das ausnahmsweise einmal echt war, spannte die 42-jährige Expertin in Sachen Männerträume ihren Regenschirm auf, bog nach links und reihte sich in den Strom der Passanten ein, die eiligen Schrittes dem Bahnhof Zoo zustrebten. Es war Feierabendzeit, und da es in Strömen regnete, war den meisten, denen sie begegnete, der Missmut ins Gesicht geschrieben.
Ganz anders bei ihr, auf der auch hier, im dichten Gewühl, neugierige Blicke ruhten. Agnes von Sydow schien es nicht zu bemerken, sah weder nach rechts noch nach links und fand Gefallen daran, wenn die Leute sie anstarrten und ihr instinktiv den Weg freigaben. Das war fast immer so gewesen, ob auf der Straße oder, wichtiger noch, im übertragenen Sinn. Hindernisse waren dazu da, um aus dem Weg geräumt zu werden, kein Mensch, und sei er noch so gerissen, würde sie und ihre Helfershelfer aufhalten können.
Die Tage, während denen man auf der Hut sein musste, waren vorüber, die Zeit der Versteckspiele vorbei. Es galt, wieder etwas zu riskieren, Einfluss zu gewinnen, Boden gutzumachen. Nur so würde es möglich sein, den Leuten die Augen zu öffnen und die Ideen, für die der Führer gekämpft hatte, wiederaufleben zu lassen. Der Blick der blonden Circe verklärte sich, und während sie die Fasanenstraße überquerte, trat ein Ausdruck von Entschlossenheit in ihr Gesicht. Noch war es nicht zu spät, um das Vaterland vom Joch der Alliierten zu befreien, noch war es möglich, seine Ehre wiederherzustellen. Einzig und allein darauf kam es an, und was sie betraf, würde sie nichts unversucht lassen, ihre Aufgabe zu erfüllen.
Zufrieden mit sich, dem gelungenen Coup und den Aussichten, die sich dadurch eröffneten, wurde die Frau in Schwarz von klammheimlicher Freude erfüllt. Auf Umwegen, die niemand nachvollziehen konnte, würden weitere Millionen auf ihr Konto und von dort aus in die Taschen diverser Handlanger fließen. Millionen, die kurz vor Kriegsende ins Ausland transferiert und von Parteigenossen, auf die man sich verlassen konnte, in Südamerika gewaschen worden waren.
Im Grunde war alles kinderleicht gewesen: Ihr Mann, ahnungslos bis zuletzt, hatte seine Produkte an argentinische Firmen verscherbelt. Mähdrescher, Traktoren, Sprinkleranlagen, alles, was das Herz begehrte. Diese Firmen waren fest in deutscher Hand, entweder weil ehemalige Kameraden Schlüsselpositionen bekleideten oder weil die zu Tausenden zählende deutsche Kolonie reichlich Geld hineineingesteckt hatte. Wessen Geld, wollte im Übrigen niemand wissen. Unter Peron, der ein Jahr nach dem Krieg an die Macht gekommen war, konnte man das getrost riskieren. Der Präsident stand nicht gerade im Ruf, deutschfeindlich zu sein, ja, es gab sogar Firmen, die eigens dazu gegründet worden waren, um untergetauchte Kameraden zu beschäftigen. Von daher lag es nahe, gerade in solche Betriebe zu investieren, zum einen, weil man mithalf, in Not geratene Landsleute zu unterstützen, zum anderen, weil man die Besitzer vor den eigenen Karren spannen wollte.
Genau das hatte sie getan, ohne Wissen und Zustimmung ihres Mannes, der ihr nahezu blind vertraut hatte. Es war ein Kinderspiel gewesen, in der Tat, leichter, als sie es sich je hätte träumen lassen. Big Fitz, der einfältige Herr Gemahl, hatte geliefert, seine Geschäftspartner hatten die Ware bezahlt, weiterverkauft und einen Teil des Gewinns auf Schweizer Konten fließen lassen. Eine Hand wusch die andere, so war es dort guter Brauch.