Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)
- Автор: Klausner Uwe
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Wie …?«
»Du weißt genau, was ich sagen will, Tom.« Im Licht der Neonröhren an der Decke sah Rosenzweig wie ein lebender Leichnam aus, die Augen wie zwei dunkle Glaskugeln, reglos und starr in den Höhlen. Einzig in den Lippen, so schien es, steckte noch Leben, wenngleich es nicht einfach war, die nun folgenden Worte zu verstehen: »Ich sehe es dir an. Reden wir nicht um den heißen Brei herum: Weder du noch ich hätten sich das, was heute geschehen ist, auch nur im Entferntesten träumen lassen. Natürlich weiß ich, dass das Dritte Reich untergegangen ist, aber wer garantiert mir, dass es nie wieder auferstehen wird? Siehst du – jetzt kommst du ins Grübeln, Tom. Hitler tot, Goebbels tot, Himmler tot – und der Ungeist, den sie in Umlauf gebracht haben, immer noch nicht ausgetilgt. So weit ist es mit uns gekommen. Schüsse aus dem Hinterhalt, ein Mord, der mit allen Mitteln vertuscht werden soll, Methoden, wie sie vor 20 Jahren gang und gäbe waren. Und ich harmloser Tor habe geglaubt, jetzt brechen bessere Zeiten für mich an. Falsch gedacht! Die Peiniger von einst haben mehr Einfluss, als man denkt, sie sind wieder salonfähig geworden. Wenn es etwas gibt, was mich der heutige Tag gelehrt hat, dann dies. Leute wie Eichmann sterben nicht aus, da mache ich mir keine Illusionen.«
»Kann es sein, dass du die Lage zu pessimistisch siehst?«
»Das sagt gerade der Richtige. Warst du es nicht, der immer betont hat, dass längst noch nicht alle Verbrechen gesühnt worden sind? Na also. Ich sehe, wir verstehen uns.«
»Du wirst doch nicht etwa behaupten, dass sich seit damals nichts geändert hat!«
»Ich will dir mal was sagen, Tom: Wenn du glaubst, die Dinge haben sich zum Besseren gewendet, irrst du – und zwar gewaltig.«
»Komm schon, Theo, das meinst du doch nicht ernst.«
»David, Herr Kriminalhauptkommissar, David. Weißt du, was das Gute an dem Schlamassel ist? Ich weiß wieder, wo ich hingehöre. Nach innen Rosenzweig, nach außen Morell, auf Dauer hält das keiner aus.« Der Mann, hinter dem nicht nur der BND, sondern in Kürze auch die CIA und der israelische Mossad her sein würden, biss die Zähne zusammen, stützte sich auf die Ellbogen und bekannte: »Auf die Gefahr, dein Missfallen zu erregen, Tom – während all der Jahre, in denen das Böse zu triumphieren schien, kam ich mir stets wie ein Verräter vor. Ich weiß nicht, ob du das verstehst, aber ich wurde das Gefühl nicht los, auf ganzer Linie versagt zu haben. Da werden Millionen zur Schlachtbank geführt, vergast, erschossen, gefoltert, gequält. Und ich? Ich, Theodor Morell, war zu feige, etwas dagegen zu unternehmen. Zog es vor, mich in einer Gartenlaube zu verstecken. Wartete ab, bis die Gräber zugeschaufelt, die Toten verbrannt und die Wenigen, die das Pech hatten, zur Verantwortung gezogen zu werden, hinter Schloss und Riegel saßen. Um anschließend, nachdem sich der Pulverdampf verzogen hatte, zur Tagesordnung überzugehen. Ich habe Schuld auf mich geladen, Tom, ich war keinen Deut besser als all jene, welche dem Morden tatenlos zugesehen haben.«
»Das redest du dir ein, David. Wenn sich hier einer Vorwürfe machen muss, dann ich.«
»Du hast getan, was du konntest, Tom. Was mich angeht, kann ich das leider nicht behaupten.«
»Du hast überlebt. Ist das etwa nichts?«
Müde vom vielen Reden, hielt Rosenzweig inne und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Nein, das ist nichts. Nichts im Vergleich zu der Hölle, durch die all die Gepeinigten gegangen sind.«
»Das führt zu nichts, David. Wir beide müssen jetzt nach vorn blicken.«
»Nach vorn blicken, so, so.«
»Weiß du, woran ich gerade denken muss, Tom? Ich glaube, es war Anfang Juni 1941, kann sein, dass es auch früher war. Sei’s drum, damals war ich Zwangsarbeiter auf einem Friedhof, der älteste von knapp zwei Dutzend armen Teufeln, die Wege schottern, Walzen ziehen und Zement aufschütten mussten.« Rosenzweigs Gesicht wurde von einem flüchtigen Lächeln erhellt. »Es gab Hilfstotengräber und einen Obertotengräber, Ordnung muss schließlich sein. Dreimal darfst du raten, wer das war.«
»Alle Achtung, vor dir ziehe ich den Hut!«
»Gott erhalte dir deinen Humor, Tom. Du wirst ihn brauchen.« Rosenzweig lachte heiser auf. »Es war eine irrsinnige Plackerei, so heiß, dass sich die SS-Wachen in den Schatten verdrückt haben. Ich war bald nur noch Haut und Knochen, hatte wahnsinnigen Durst, Hunger und jede Menge Blasen an den Händen. Das war nichts für Leute, die es nicht gewohnt waren, hart zu arbeiten, und dementsprechend hoch war die Zahl derjenigen, welche die Plackerei nicht durchgehalten haben.«
Sydow nickte, senkte den Kopf und schwieg.
»Eines Tages – ich kann dir beim besten Willen nicht mehr sagen, wann – ist es dann passiert. Ein junger Kerl aus meiner Schicht hat seine Schaufel weggeworfen, die Handschuhe ausgezogen und den Wachen zugerufen, sie sollen ihren Dreck alleine machen. Kannst du dir das vorstellen, Tom? Dann hat er sich umgedreht und ist davonspaziert. Einfach so. Natürlich haben die das nicht auf sich sitzen lassen.«
»Will heißen: Sie haben ihn abgeknallt.«
»Du sagst es, Tom. Und weißt du, was das Schlimme daran war? Kein Mensch, auch ich nicht, hat sich einen Dreck darum geschert. Wir haben einfach weitergeschaufelt, als wäre nichts gewesen. Der arme Kerl war tot, und das Leben, so man es als solches bezeichnen durfte, ging weiter.« Morell rang nach Atem. Dann fragte er: »Du weißt, was ich damit sagen will, Tom?«
»Ich denke schon.«
»So wie dem jungen Burschen wird es auch mir ergehen. Irgendwann werden sie mich abknallen. Wenn nicht heute, dann eben erst in ein paar Wochen. Oder Monaten. Und kein Hahn wird danach krähen.«
»So darfst du nicht reden, David!«, widersprach Sydow, näherte sich dem Bett und ließ die Hand auf Rosenzweigs Schulter ruhen. »Meine Kollegen und ich werden alles tun, um die Schuldigen zur Rechenschaft zu …«
»Machen wir uns nichts vor, Tom. Die Sache wird im Sand verlaufen. Erst werden sie euch zum Schweigen vergattern und sämtliche Unterlagen, derer sie habhaft werden können, kassieren. Danach werden sie Luises Leichnam auf diskrete Art und Weise verschwinden lassen. Und dann, wenn alle Spuren verwischt, sämtliche Mitwisser eingeschüchtert und eure Vorgesetzten entsprechend instruiert worden sind, bin ich an der Reihe.« Wehmut im Blick, ergriff der Boulevardreporter Sydows Hand. »Danke für alles, alter Freund – und jetzt sieh zu, dass du nach Hause kommst!«
18
Berlin-Wilmersdorf, Krematorium │ 18:30 h
Er hatte sich abgewöhnt, überflüssige Fragen zu stellen. Und war gut damit gefahren. Es gab Situationen, wo es ratsam war, die Klappe zu halten, vor allem im Umgang mit dem LKA. Da tat man, was von einem verlangt wurde, es sei denn, man legte es darauf an, eins aufs Dach zu kriegen.
Im Krieg, bei der SS, hatte er es genauso gehalten. Befehl war nun einmal Befehl. Daran gab es nichts zu rütteln. Die Obrigkeit mochte es nicht, wenn man die Klappe aufriss, und nichts lag ihm ferner, als sich mit ihr anzulegen. Mit Leuten wie diesem Posininsky war nicht zu spaßen. Das merkte man sofort.
»Ich hoffe, wir können uns auf Sie verlassen, Herr Siebert.« Aber natürlich konnten sie das. Der Hinweis auf seine Vergangenheit als Mitglied der SS-Totenkopfverbände hatte vollauf genügt. In seiner Lage durfte man nicht wählerisch sein. Das wäre glatter Selbstmord gewesen. Karl Siebert, genannt Kalle, Jahrgang 1919, SS-Oberscharführer und Angehöriger des Wachpersonals im KZ Bergen-Belsen, war nicht erpicht darauf, seine Stelle zu verlieren. Die Arbeit im Krematorium war zwar nicht gerade das, was er sich erträumt hatte, aber immer noch besser, als im Knast zu landen. Der Ast, auf dem er saß, war alles andere als dick, Willfährigkeit das Gebot der Stunde.