Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)
- Автор: Klausner Uwe
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Aber natürlich können Sie das!«, entgegnete Siebert und riskierte einen Blick auf den Blechsarg, der auf der Ladefläche des Kleintransporters vom Typ DKW F-800 stand. Die Frage, welche ihm auf der Zunge lag, behielt er wohlweislich für sich, obwohl er zu gerne gewusst hätte, wessen Leichnam er demnächst einäschern würde. »Schließlich waren wir Kameraden.«
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. »Wenn ich Sie wäre, Herr Oberscharführer«, blaffte der in Begleitung zweier Kollegen erschienene LKA-Beamte, trat bis auf wenige Zentimeter an Siebert heran und bedachte ihn mit einem Blick, der Kalle instinktiv zurückweichen ließ, »dann würde ich das ganz schnell vergessen. Zu Ihrer Information, Siebert: Ich stehe – oder vielmehr stand – exakt zehn Dienstränge über Ihnen. Ich denke, wir beide wissen, was das heißt.«
»Natürlich, Herr Obersturmbannführer.«
Die Augen hinter der Hornbrille, ohne die Max Hartnagel alias Kriminaloberinspektor Posininsky verloren gewesen wäre, blitzten amüsiert auf, es fehlte nicht viel, und der 43 Jahre alte Friedhofsbedienstete hätte die Hacken zusammengeschlagen. »Freut mich zu hören, Siebert«, schnarrte sein Gegenüber, bedeutete seinen Begleitern, den Sarg in die angrenzende Urnenhalle zu tragen und gestattete sich ein Lächeln, bei dessen Anblick dem Kremator[49] flau im Magen wurde. »Sie werden das Kind schon schaukeln, Siebert. Und nicht vergessen: Von der Dame, die wir in Ihre Obhut geben, darf nichts, aber auch gar nichts übrigbleiben.« Posininsky warf einen Blick auf den Kuppelbau, der unweit von ihm in den grauen Himmel ragte, räusperte sich und sagte: »Die einzig mögliche Art, mit Verrätern umzugehen, finden Sie nicht auch, Kamerad?«
19
Berlin-Wannsee, Uferpromenade │ 19:05 h
Kein Zweifel, David hatte recht. Es war Zeit, nach Hause zu gehen. Morgen, am Freitag, würde die Welt vielleicht anders aussehen.
Mit Betonung auf ›vielleicht‹.
Er hatte getan, was er für richtig hielt. Und das war ja wohl das Wichtigste. Er hatte gewartet, bis Verstärkung kam. Er hatte die Kollegen auf den neuesten Stand gebracht. Und natürlich hatte er ihnen auch eingeschärft, Rosenzweig nicht aus den Augen zu lassen. Erst dann, nachdem das Menschenmögliche getan worden war, hatte er sich verabschiedet, seinen Beobachtungsposten an der Pforte geräumt und zugesehen, dass er die Fliege machte.
Feierabend.
Fürs Erste jedenfalls.
Auf einen Schlag hundemüde, stellte Sydow seinen Aston Martin vor dem Bahnhof Wannsee ab, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Bevor er nach Hause fuhr, musste er den Kopf freibekommen, in der Hoffnung, nicht vom Regen in die Traufe zu geraten. Seine Mutter, die ihn bestimmt sehnsüchtig erwartete, war schließlich immer für eine Überraschung gut.
Zuvor jedoch deckte er sich in der Bahnhofskneipe mit Zigaretten ein. Die erste Schachtel seit Jahren. An sich schon ein kleines Wunder. Aber dann auch wieder verständlich, wenn man berücksichtigte, was er hinter sich hatte. Sein Geist war zwar willig, das Fleisch mitunter jedoch schwach. Und das war auch gut so, besonders heute.
Eingedenk dieser Erkenntnis trank Sydow noch rasch ein Bier, verließ die Kneipe und machte sich auf den Weg an den See. Dort gab es ein paar Bänke, wo er sich hinsetzen, in Ruhe qualmen und ein paar Minuten abschalten konnte. Das hatte er sich redlich verdient, zumindest, was den heutigen Tag betraf. Das Wetter war zwar nicht so, wie es hätte sein sollen, aber darauf kam es wirklich nicht an. Wichtig war, dass er zur Ruhe kam, auch wenn der Himmel grau, die Zeit weit vorangeschritten und die Böen, welche über den See fegten, so heftig waren, dass man sich unversehens in den November zurückversetzt fühlte.
Als er das Seeufer erreichte, war es Viertel nach sieben und die Uferpromenade wie leer gefegt. Die Villen auf der gegenüberliegenden Seite waren nur noch schemenhaft zu erkennen, und ihm war, als sei alles Leben ringsum erstorben. Weit und breit war kein Mensch, ja nicht einmal Schwäne und Graugänse zu erkennen, und wo sonst Dutzende von Booten ihre Bahn zogen, herrschte gähnende Leere.
Drauf und dran, umzukehren, entsann sich Sydow der Zigarettenschachtel, die er immer noch in der Hand hielt, und setzte sich auf eine Bank. So viel Zeit, um eine zu rauchen, musste einfach sein, danach würde er zusehen, dass er nach Hause kam. Es war nicht leicht, seine Mutter bei Laune zu halten, und ihm war klar, dass er Lea nicht einfach hängen lassen durfte.
»Probleme, Herr Kommissar?«
Die wohlverdiente John Player im Mund, fuhr Sydow herum. Hinter ihm stand ein Mann, den er noch nie gesehen hatte, die Rechte auf einem Stock und an die 60 Jahre alt. Irgendwie erinnerte er ihn an seinen Vorgesetzten, Kriminalrat Kurt Augustin. Die Aussicht, ihm heute Abend noch über den Weg zu laufen, versetzte in nicht gerade in Euphorie, sodass der Blick, mit dem er den Spaziergänger musterte, denkbar grimmig ausfiel. »Kennen wir uns?«
»Das nicht, aber es wäre mir eine Freude, wenn wir dieses Manko wettmachen könnten«, erwiderte der hochgewachsene, ergraute und mit einem Kaschmirmantel bekleidete Grandseigneur, ein Typ, wie man ihm im Jachtklub oder bei einer Vernissage begegnete. »Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich mich setze, oder?«
Sydow trat seine Fluppe aus und verneinte. »Tun Sie sich keinen Zwang an, ich muss ohnehin gleich gehen.«
»Tatsächlich? Wie schade.« Die Stimme des Fremden war freundlich, ja geradezu einnehmend, seine Umgangsformen über jeden Zweifel erhaben und sein Äußeres gepflegt, um nicht zu sagen nobel und elegant. Kein Grund also, ihm mit Misstrauen zu begegnen. Oder, wie geschehen, ihn einfach abzuspeisen. »Ich hatte gehofft, wir würden ins Gespräch kommen.«
»Ich wüsste nicht, was es mit Ihnen zu besprechen gäbe!«, versetzte Sydow, Argwohn im Blick und einen Moment lang unsicher, ob es nicht besser war, dem Drängen in seinem Inneren nachzugeben und den Unbekannten einfach stehen zu lassen. Dass er es unterließ, lag nicht etwa daran, dass er wild darauf war, Small Talk zu betreiben. Schuld daran war einzig und allein sein Instinkt. Ein Ratgeber, auf den er sich stets verlassen konnte. »Weder dienstlich noch privat.«
»Und was, wenn das eine mit dem anderen zu tun hat?«, fragte der Unbekannte, umrundete die Bank und zog ein Taschentuch hervor, um sie trocken zu reiben. Erst dann ließ er sich darauf nieder, den Stock auf den Knien, an dessen Ende ein vergoldeter Knauf angebracht war. Soweit man es in der hereinbrechenden Dämmerung erkennen konnte, stellte dieser ein antikes Fabelwesen dar, welches, konnte Sydow allerdings nicht sagen.
Der Fremde, dem sein prüfender Blick nicht entgangen war, lächelte zufrieden vor sich hin. »Anubis, der ägyptische Gott der Bestattungsriten«, erläuterte er, darauf bedacht, nicht belehrend zu klingen oder seinen Nebenmann zu kompromittieren. »Dargestellt durch einen Schakal.«
»Ein Aasfresser, interessant.«
»Ich sehe, Sie kennen sich aus, Herr Kommissar.«
»Und Sie kennen mich. Darf man erfahren, woher?«
»Da fragen Sie noch?«, rief der Unbekannte halb theatralisch, halb belustigt aus und ließ den Zeigefinger über das Haupt des Gottes der Balsamierer gleiten. »Nur keine falsche Bescheidenheit, Herr von Sydow: Wer so bekannt ist wie Sie, darf sich nicht wundern, wenn er von wildfremden Leuten …«
»Falls Sie mich weichklopfen wollen, vergessen Sie’s. Bei mir kommen Sie mit der Tour nicht durch.«
»Sagen wir mal so: Ich bin gekommen, um Ihnen ein Angebot zu unterbreiten. Ein Angebot, dem man nicht widerstehen kann.«