Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)
- Автор: Klausner Uwe
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Weiß ich, Tom, weiß ich.« Die Handflächen auf den Knien, blickte Morell stur geradeaus. »Nur gut, dass ich darin eine gewisse Übung habe.«
»Dein Humor in Ehren, aber ich fürchte, das wird dir nichts nützen. Du hast dich mit Leuten angelegt, denen man besser nicht in die Quere kommt. Mit Ganoven, die ihr Handwerk verstehen. Oder glaubst du, die werden zusehen, wenn du das Zeugs hier verscherbelst? Ich will dir mal was sagen, mein Freund: Du kannst von Glück sagen, dass sie dir nicht schon längst eine Kugel durch den Kopf gejagt haben.«
»Keine Sorge, Tom. Das wird nicht passieren.«
»Da hört sich ja wohl alles auf! Da kommt dieser Traumtänzer hinter das Staatsgeheimnis Nummer eins und tut so, als sei nichts geschehen.« Sydow schüttelte den Kopf, kurz davor, Morell sich selbst zu überlassen. »Ich frage mich, was du dir dabei gedacht hast, Theo. Glaubst du, du kannst das Problem im Alleingang lösen?«
»Ich will, dass diese Schweinerei publik wird, kapiert?«
»Und was ist mit dir? Mensch Theo, überleg doch maclass="underline" Gegen die hast du nicht den Hauch einer Chance.« Wütend und ratlos zugleich, hob Sydow einen Kieselstein auf und schleuderte ihn ins Gebüsch. Inzwischen war es merklich wärmer geworden, und aus dem Unterholz, auf das er den Blick richtete, stiegen hauchdünne Dunstschwaden empor. Die Erde, aufgeweicht vom letzten Schauer, verströmte den Geruch von Moder, Gras und überreifen Blüten, und wäre der Wind nicht gewesen, der in diesem Moment auffrischte, hätte er es in seinem Anzug nicht mehr ausgehalten. »Teil eins der Tragödie: Die Verräterin wird liquidiert. Teil zwei: Um Spuren zu verwischen, werden sowohl ihr Leichnam als auch sämtliche Unterlagen, die sich im Besitz der Kollegen Peters und Miesbach befinden, konfisziert, besagte Kollegen zum Schweigen vergattert. Das riecht nicht nur nach Ärger, Theo, das stinkt buchstäblich zum Himmel. Der Tragödie dritter Teiclass="underline" Die Kollegen vom LKA, dazu auserkoren, die Dreckarbeit zu machen, werden dafür sorgen, dass man Kroko und mir einen Maulkorb verpasst. Mit Billigung von j.w.o, damit alles seine Richtigkeit hat.«
»Und dann?«
»Anschließend, denke ich, werden sie sich Naujocks zur Brust nehmen und ihn zwingen, seine Fotos rauszurücken. Auch hier, so steht zu vermuten, das gleiche Spieclass="underline" ein Verweis auf die Schweigepflicht, gekoppelt mit der Androhung von Konsequenzen. Oder sie versuchen es auf die sanfte Tour. Frei nach dem Motto: ›Wenn du tust, was wir von dir verlangen, werden wir uns erkenntlich zeigen.‹ Denk doch mal nach, Theo! Wir beide wissen doch, wie das läuft.«
»Mag sein, du hast recht. Dumm nur, dass ich nicht der einzige Tatzeuge bin.«
»Da kann ich dich beruhigen. Wie ich die kenne, werden sie nichts dem Zufall überlassen. Als Erstes werden sie sich vermutlich deinen Chefredakteur vorknöpfen. Und danach kommt der Herr Schlossgärtner dran. Glaub mir, altes Haus: Die machen das nicht zum ersten Mal.«
»Irre ich mich, Tom, oder ist das LKA dazu da, Verbrechen aufzuklären?«
»Gott Jahwe erhalte dir deine Blauäugigkeit. Was schätzt du, wie viele alte Kameraden befinden sich noch – oder wieder – in Diensten von Vater Staat? Ein paar Dutzend, Hunderte, Tausende – oder mehr?« Sydow machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. »Einmal SS, immer SS – darauf kannst du Gift nehmen.«
»Das Gleiche, Herr Hauptkommissar, hat mir Luise auch gesagt.«
»Na, dann weißt du ja Bescheid.« Ohne auf das Knacken, das aus dem nahegelegenen Gebüsch drang, zu achten, warf Sydow einen Blick auf die Karteikarte, die er nach wie vor in der linken Hand hielt. »›Standartenführer Eichmann befindet sich nicht in Ägypten, sondern hält sich unter dem Decknamen Clemens in Argentinien auf. Die Adresse von E. ist beim Chefredakteur der deutschen Zeitung in Argentinien ›Der Weg‹ bekannt.‹ Niedergeschrieben am 24. Juni 1952. Ich glaube, ich muss gleich kotzen.«
»Sag mir lieber, was ich tun soll.«
»Volle Deckung nehmen, was denn sonst?«
»Und die Karteikarte?«
»Der Stein, der alles ins Rollen gebracht hat? Mit deiner Erlaubnis werde ich ihn mir unter den Nagel reißen.« Sydow warf Morell einen raschen Seitenblick zu, verpasste ihm einen Schubs und ließ das Dokument, hinter dem in Kürze nicht nur der BND, sondern vermutlich auch der Mossad und die CIA her sein würden, in seiner Brusttasche verschwinden. »Um Schlimmeres zu verhüten, wenn du verstehst, was ich meine.«
»Damit wir uns richtig verstehen, Tom – mir ist klar, dass es Leute gibt, die nichts mehr fürchten, als von Eichmann als Mittäter benannt zu werden. Parole: Lieber ein untergetauchter SS-Obersturmbannführer als ein geständiger Massenmörder.« Morell griff nach seinem Flakon, setzte ihn an die Lippen und nahm einen kräftigen Schluck. »Logisch, dass die Herrschaften schlaflose Nächte haben.«
»Na also, dann sind wir uns ja …«
»Mir ist ebenso klar, dass es BND-Mitarbeiter gibt, die es vorziehen, Gras über die Vergangenheit wachsen zu lassen.«
»Genau meine Rede.«
»Eines aber, mein lieber Tom, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.«
»Und das wäre?«
»Dass der Arm dieser Verbrecher so weit reicht, dass sie es fertigbringen, sowohl den Generalstaatsanwalt als auch das LKA für ihre Zwecke einzuspannen. Wenn das wahr wäre, Tom, dann …«
»Dann?«
»Dann wären wir wieder da, wo wir vor 17 Jahren aufgehört haben. Dann wäre das Netz, das Himmler& Co. gesponnen haben, immer noch intakt.«
»Gesetzt den Fall, es wäre so – würde dich das wundern?«
»Darauf möchte ich jetzt nicht antworten.« Morell leerte den Flakon und steckte ihn wieder ein. »Auf die Gefahr, dass du mich für naiv hältst, Tom, aber ich bin der Meinung, dass die Zeiten, in denen die Organe dieses Landes aus Mördern, Henkern und Sadisten bestanden, unwiderruflich vorbei …«
Nur ein Wort, und Morells Äußerung wäre komplett gewesen, nur ein einziges, aus vier Buchstaben bestehendes Wort. Mag sein, dass Morell es noch aussprach, hervorstieß oder mit letzter Kraft hervorwürgte. An dem, was nun geschah, änderte es jedoch nichts.
Fast schien es, als habe Morell nur innegehalten, in der Absicht, das Gesagte zu revidieren. Saß er doch immer noch so da wie zuvor, die Hände auf den Knien und die Augen auf die Marmorskulptur von Königin Luise gerichtet, welche hinter einer Linde hervorlugte. Um zu begreifen, dass der Eindruck trog, brauchte Sydow mehrere Sekunden, und als es so weit war, begann sich Morells Hemd bereits zu röten.
Starr vor Schreck, wanderte Sydows Blick nach links. Noch immer saß Morell neben ihm, den Mund halb offen und den Kopf leicht zur Seite geneigt.
Saß einfach da und rührte sich nicht von der Stelle.
Dann aber, eine halbe Ewigkeit später, sackte er in sich zusammen und fiel von der Bank.
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Berlin-Charlottenburg, Redaktion der größten Boulevardzeitung Berlins │ 17:25 h
»Muss das sein, dass Sie ausgerechnet jetzt aufkreuzen? Sie sehen doch, ich habe zu tun!«
»Dann sitzen wir ja im gleichen Boot.« Ohne abzuwarten, bis ihn der Chefredakteur von Berlins größter Boulevardzeitung dazu einlud, ließ sich Krokowski auf den nächstbesten Sessel fallen, zückte seinen Notizblock und schlug mit ostentativer Gelassenheit die Beine übereinander. Das Beste war, sich erst einmal in Geduld zu üben, und wenn er etwas beherrschte, dann die Kunst, mit Kunden dieses Schlages umzugehen. »Sie wissen doch – geteiltes Leid ist halbes Leid.«
»Sie sind doch nicht gekommen, um sich bei mir auszuheulen, oder?«, blaffte der Chefredakteur, Krokowskis Schätzung zufolge höchstens 35 Jahre alt. »Das wäre ja was ganz Neues.«
»Nein, Herr von Westerburg«, erwiderte Krokowski mit einem ebenso undurchsichtigen wie auch künstlichen Lächeln und ließ den Blick durch das Büro des Chefredakteurs schweifen. »Wenn hier jemand in Tränen ausbrechen müsste, dann Sie.«