Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)
- Автор: Klausner Uwe
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:
Abigail Wentworth, Tochter des sechsten Earls of Strafford, ein Mensch, zu dem man instinktiv Abstand hielt, wünschte sich nichts sehnlicher als Liebe.
Lea erschauderte und sie hatte Mühe, ihre Verlegenheit zu überspielen. Auf die Idee, eine andere Frau mit ›Mutter‹ anzureden, wäre sie nie gekommen, mochte die Betreffende noch so sympathisch sein. Ihre eigene Mutter, eine Geborene von Hardenberg, war seit 13 Jahren tot, und es gab niemanden, der sie ersetzen konnte.
Als könne sie Gedanken lesen, atmete Abigail Wentworth tief durch und begutachtete einen Kübel voller Chrysanthemen, deren Duft sie instinktiv innehalten ließ. »Schön habt ihr’s hier!«, stellte sie mit belegter Stimme fest, schloss die Augen und sog das Aroma begierig ein. »Wenn wir gerade von Kindern reden: Was macht eigentlich deine Tochter?«
»Vroni?« Na schön, jetzt war sie an der Reihe. Jetzt war sie es, die Haltung bewahren musste, obwohl ihr dies immer schwerer fiel. »Ich wünschte, ich könnte dir eine Antwort geben.«
»Sie lebt im Osten, stimmt’s?«
Lea bejahte.
»Kann sein, dass ich mich irre, aber hat Tom nicht erwähnt, dass sie einen Volkspolizisten …«
»Das trifft zu, Abigail.«
»… geheiratet hat?«
»Und auch wieder nicht.«
Hellhörig geworden, drehte sich Sydows Mutter um und fragte: »Wie ist das zu verstehen?«
»Gegenfrage: Willst du das wirklich wissen?«
»Selbstverständlich!«, versicherte die alte Dame, und es klang, als meine sie es ernst. »Sonst würde ich nicht fragen.«
»Die Sache ist die: Vor ziemlich genau einem Jahr hat Vroni einen Hauptmann der DDR-Volkspolizei kennengelernt. Wie du weißt, waren die Grenzen noch offen, und es gab Zehntausende, die im Westen gearbeitet haben und abends zurück in die Ostzone gefahren sind. Umgekehrt war dies eher selten der Fall, wenn jemand rübergefahren ist, dann nur, um günstig einzukaufen oder um Verwandte oder Freunde zu besuchen. 4,50 Ost-Mark für eine West-Mark, man stelle sich das einmal vor. Da lohnt es sich, am Alex eine Tasse Café zu trinken.«
»Wie deine Tochter«, ergänzte Sydows Mutter und ließ sich wieder auf ihren Korbsessel sinken.
»Genau, wie Vroni. Es kam, wie es kommen musste. Vroni und ihre Freundin sitzen im Café, als ein Mann namens Viktor Kunersdorf die Szene betritt. Hochgewachsen, redegewandt, schneidig, dunkelhaarig. Ein Mann, auf den die Frauen fliegen. Er setzt sich zu den beiden an den Tisch, kommt sofort mit ihnen ins Gespräch. Ich denke, den Rest können wir uns sparen.«
»Das Ende vom Lied: Die beiden heiraten.«
»Und das innerhalb kürzester Zeit.« Lea schüttelte den Kopf. »Du fragst dich, wie man sich auf so etwas einlassen kann? Ehrlich gesagt, Abigail – ich kann mir das selbst nicht erklären. Veronika war Realistin, sie wusste, wie es drüben zugegangen ist. Beziehungsweise zugeht. Lange Rede, kurzer Sinn: Sie war immer pünktlich, nur nicht am Dreizehnten, wenn du verstehst, was ich meine.«
»Das heißt, er hat sie überredet, bei ihm in der Ostzone zu bleiben.«
»Ob Viktor sie überredet, gezwungen, getäuscht oder anderweitig unter Druck gesetzt hat, wissen wir nicht. Tatsache ist, dass wir sie am Tag vor dem Mauerbau zum letzten Mal gesehen haben. An Weihnachten haben wir dann eine Karte bekommen, der zu entnehmen war, dass die beiden geheiratet haben. Kurz und bündig, ohne viele Worte zu machen. ›Wir haben geheiratet, 21. Dezember 1961, Veronika und Viktor Kunersdorf‹. Schluss, aus, Ende der Durchsage.«
»Kopf hoch, Lea – sie wird schon wissen, was sie tut.«
»Nicht so voreilig, Abigail, das war noch nicht alles.«
»Noch nicht alles? Was soll das …«
»Das bedeutet, es ist nicht gut gegangen.« Kurz davor, in Tränen auszubrechen, holte Lea tief Luft, nahm die Teekanne zur Hand und schenkte ihrer Schwiegermutter nach. »Vor ein paar Wochen, genauer gesagt am 12. April, haben wir dann eine weitere Nachricht erhalten. Auf Umwegen, wie ich der Klarheit halber betonen muss.«
»Sag bloß, sie haben sich getrennt!«
»Richtig. Veronika ist dahintergekommen, dass Viktor sie betrogen hatte, hat ihre Koffer gepackt und ist zu einer Bekannten und ihrem Mann gezogen. Das Prekäre daran: Durch die Hochzeit mit Viktor ist sie automatisch DDR-Bürgerin geworden.«
»Und sitzt jetzt drüben fest.«
Lea nickte. »Ohne Geld, ohne Wohnung, ohne Arbeit. Und ohne die geringste Chance, in den Westen zu gelangen. Einmal drüben, immer drüben.«
»Wie wär’s, wenn sie einen Ausreiseantrag stellt?«
»So etwas gibt’s bei den Genossen nicht. Ausreise, wo kämen wir da hin!«
»Und was jetzt?«
»Dem Vernehmen nach hat sich Vroni an den Ostberliner Magistrat und im Anschluss daran sogar an den Ministerrat gewandt. Mal sehen, was dabei herauskommen …«
Heilfroh, unterbrochen zu werden, stand Lea auf und eilte an die Tür, von wo aus ihr das Läuten der Klingel entgegen scholl. »Ja bitte? Was gibt’s?«
Abigail Wentworth spitzte die Ohren, bekam außer gedämpftem Gemurmel jedoch nichts mit. Und so blieb sie einfach sitzen und trank in aller Ruhe ihren Tee.
Mehrere Minuten später, nachdem die Haustür lautstark ins Schloss gefallen war, wurde es ihr schließlich zu bunt. Neugierde war zwar ein Fremdwort für sie, aber das hinderte sie nicht daran, nach dem Rechten zu sehen.
Das war auch gut so. Denn kaum hatte sie das Wohnzimmer betreten, traf ihr Blick auch schon auf ihre Schwiegertochter, welche mit dem Rücken zu ihr im Korridor stand.
»Der Bruder ihrer Bekannten«, flüsterte Lea, den Kopf gesenkt und ohne sich nach Abigail umzudrehen, »lebt in Westberlin. Der Zufall wollte es, dass er seinem Schwager begegnet ist, der als Fahrer bei der S-Bahn[46] arbeitet und ihm aufgetragen hat, uns zu informieren.« Obwohl sie sich mit Macht dagegen sträubte, brach Sydows Frau in Tränen aus und schluchzte: »Vor drei Tagen haben sie Veronika abgeholt.«
»Aber … aber das geht doch nicht. Sie hat doch nichts verbrochen.«
Die Antwort war ein bitteres Lachen. »Keine Sorge«, antwortete Sydows Frau und ließ sich auf den nächstbesten Stuhl sinken, »den Genossen von der Stasi wird bestimmt etwas einfallen.«
14
Berlin-Tiergarten, Luiseninsel │ 17:10 h
»Sag mal, Theo«, ereiferte sich Sydow, der seine Wut nur mit Mühe unterdrücken konnte, »ist dir klar, auf was du dich da eingelassen hast?«
»Ja, ist es!«, bekräftigte Morell, der neben Sydow auf einer Parkbank saß und mit betretener Miene vor sich hinstarrte. Die Luft ringsum war feucht und stickig, die Hainbuchenblätter und der Rhododendron triefnass. »Dazu braucht man keine Fantasie.«
»Wenn dem so ist, warum lässt du es darauf ankommen?« Die Karteikarte vor Augen, die Morell ihm in die Hand gedrückt hatte, konnte sich Sydow eines Kopfschüttelns nicht erwehren. Klang doch das, was darauf geschrieben stand, so unwahrscheinlich, dass er minutenlang sprachlos gewesen war. Die Sprache hatte er mittlerweile zwar wiedergewonnen, die Fassung dagegen kaum. Wieder einmal, und das seit nunmehr 20 Jahren, war er mit einem Fall konfrontiert worden, dessen Aufklärung ihm eine Unmenge Ärger und jede Menge neuer Feinde bescheren würde.
Und das war noch harmlos ausgedrückt. Wer so blauäugig war, sich mit dem BND anzulegen, lief nicht nur Gefahr, den Kürzeren zu ziehen, sondern setzte, wie Morells Schicksal bewies, Leib und Leben aufs Spiel. »Tut mir leid, Theo, aber mir platzt jetzt gleich der Kragen. Mensch, Junge – bist du so naiv, oder tust du nur so? Ab sofort werden die Herren vom BND Jagd auf dich machen, Tag und Nacht, ohne Rücksicht auf Verluste.«