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Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)

Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:

Berlin 1962. Weshalb wurde Adolf Eichmann, Organisator der sogenannten Endlösung der Judenfrage bis ins Jahr 1960 nicht enttarnt? Haben Seilschaften es verhindert? Als eine Sekretärin beim BND ermordet wird, übernimmt Hauptkommissar Tom Sydow den Fall und stößt auf eine seit 1952 bekannte, nach Südamerika führende Spur, der nicht nachgegangen wurde. Sydow muss sich jedoch nicht nur mit der Aufklärung des Falles beschäftigen, sondern auch mit der Nazivergangenheit seiner eigenen Familie.
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»Wieso denn?«

Rein äußerlich die Ruhe selbst, fiel es Krokowski schwer, den rüden Tonfall zu ignorieren. Dieser Maulheld war ihm von Anbeginn unsympathisch gewesen, und das nicht nur aufgrund des unfreundlichen Empfangs. Jörg von Westerburg hatte einfach das Pech, all das zu verkörpern, was ihn auf die Palme brachte, angefangen beim Zigarettenrauch, dessen Geruch seinem Anzug anhaftete, bis hin zu seinem Auftreten, das demjenigen eines nassforschen Korpsstudenten entsprach. Das Gleiche galt für sein Aussehen. Westerburg war groß, drahtig und so sehr von sich eingenommen, das seine Duldsamkeit auf eine harte Probe gestellt wurde. Darüber hinaus hatte er blondes, zu einem Bürstenschnitt zurechtgestutztes Haar, eine Narbe im Gesicht und einen Blick, der vor Überheblichkeit nur so strotzte. »Wieso, fragen Sie? Na schön: Es geht um Theodor Morell.«

»Ja und – was ist mit ihm?«

Krokowski konnte es nicht ausstehen, wenn er von oben herab behandelt wurde. Und er konnte es ebenfalls nicht ausstehen, wenn man versuchte, ihn an der Nase herumzuführen. Ein Umstand, den Westerburg zu spüren bekam: »Ich würde vorschlagen, Herr von Westerburg –«, entgegnete er, wobei er das ›von‹ im Namen seines Widersachers deutlich betonte und einen ungleich schärferen Tonfall anschlug, »ich würde vorschlagen, Sie verzichten darauf, mir eine Komödie vorzuspielen.« Als Zeichen, dass seine Geduld erschöpft war, zückte Krokowski seinen Bleistift und sah sein Gegenüber mit gerunzelten Brauen an. Dann dämpfte er die Stimme und sagte: »Wie mittlerweile bekannt wurde, ist Theodor Morell, einer ihrer Mitarbeiter, Zeuge eines Gewaltverbrechens geworden.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Wenn jemand weiß, wann, wo und von wem in Berlin ein Verbrechen verübt worden ist, dann Sie, oder? Ist ja schließlich Ihr Job, die Welt mit Sensationen zu beliefern.«

Der Hieb saß. Gerade eben noch die Arroganz in Person, ließ Westerburg den Aktenstapel, den er in der Hand gehalten hatte, auf seinen Schreibtisch und sich selbst auf den dahinter befindlichen Ledersessel sinken. »Das muss ich mir nicht gefallen …«

»Sie werden staunen, Herr Chefredakteur, was man sich von der Polizei so alles gefallen lassen muss.«

»Soll das etwa eine Drohung sein?«

»Wo denken Sie hin, wir sind ja nicht bei einem Verhör.« Krokowski setzte ein treuherziges Lächeln auf, und obwohl es nicht seine Art war, genoss er die Situation in vollen Zügen. »Also: Wann genau haben Sie zum letzten Mal mit ihm gesprochen?«

»Mit Morell? Heute Morgen.«

»Uhrzeit?«

»So leid es mir tut, das kann ich nicht genau sagen.« Der Chefredakteur beugte sich nach vorn, nahm die Pose des wohlmeinenden Ratgebers ein und verkündete: »Wissen Sie, Herr …«

»Kriminalkommissar.«

»Wissen Sie, als Chefredakteur kann man sich über einen Mangel an Beschäftigung nicht beklagen. Da hat man nicht die Zeit, den Kontrolleur zu spielen.«

»Mit anderen Worten: Sie lassen Ihren Mitarbeitern freie Hand.«

»Das wollte ich damit nicht sagen«, knirschte Westerburg, kurz davor, aus der Haut zu fahren. »Ich kann mich eben nicht um alles kümmern.«

»Das sollen Sie auch nicht, Herr von Westerburg.« Des Katz-und-Maus-Spiels müde, warf Krokowski den Notizblock auf den blank polierten Nierentisch, der den Mittelpunkt einer an Hässlichkeit nicht zu überbietenden Sitzgruppe bildete, richtete sich auf und sah den Chefredakteur mit gerunzelten Brauen an. »Alles, worum ich Sie bitte, wäre, mit mir an einem Strang zu ziehen. Also: Wem oder was war Morell auf der Spur?«

»Ob Sie’s glauben oder nicht: Ich habe keine Ahnung.« Darauf bedacht, seine Verlegenheit zu überspielen, nahm der Chefredakteur die aktuelle Ausgabe seines Blattes zur Hand, faltete sie auseinander und gab vor, die Schlagzeilen auf der Titelseite zu überfliegen. »Sie sehen doch: Bis ich dazu komme, Zeitung zu lesen, ist der Markt längst verlaufen.«

»Wo Sie recht haben, Herr Westerburg, haben Sie recht!«, warf Krokowski halb lässig, halb ungehalten ein und widmete sich dem korrekten Sitz seiner Fliege. Dann aber, von einem Moment auf den anderen, ließ er von ihr ab und erhob sich so plötzlich, dass Westerburg erschrocken aufblickte. »Apropos – wie gut kennen Sie ihn eigentlich?«

»Morell? Gut genug, um zu wissen, dass er getrunken, mit Geld nur so um sich geworfen und sämtlichen Damen im Umkreis von zehn Kilometern den Hof gemacht hat.«

»Na und – ist das etwa verboten?«

»Natürlich nicht.« Das Gesicht voller Häme, faltete Westerburg die Zeitung wieder zusammen, stützte die Ellbogen auf die Tischkante und sah den Kripo-Beamten, dem er am liebsten einen Haken verpasst hätte, mit zusammengepressten Lippen an. »Das kann jeder halten, wie er will. Hauptsache, er macht seine Arbeit.«

»Das hat er doch wohl getan, oder?«

»Mehr oder weniger.«

»Kurz und gut, Sie wissen nicht, womit Theodor Morell zum Tatzeitpunkt – sprich: heute Mittag kurz nach zwölf – beschäftigt war.«

»Bedaure, Herr Kommissar, das kann ich Ihnen leider nicht …«

»Jetzt hören Sie mir mal gut zu, Herr Chefredakteur«, fuhr Krokowski dazwischen, dem Schreibtisch und der Kollektion von Pfeifenhaltern, welche die Hälfte davon in Anspruch nahm, bedrohlich nah, »wenn Sie denken, ich lasse mich an der Nase herumführen, befinden Sie sich im Irrtum. Ich kann auch anders, Herr von Westerburg, glauben Sie mir.«

»Heißt das, Sie wollen mir drohen?«

»Das heißt überhaupt nichts. Außer vielleicht, dass ich Ihnen rate, mit der Wahrheit herauszurücken. Wenn nicht, sehen wir uns morgen wieder. Im Präsidium

»Das ist ja wohl die Höhe! Verlassen Sie auf der Stelle mein Büro, sonst werde ich mich über Sie be…«

»Na schön, offenbar wollen Sie es nicht anders.« Die Hände auf der Schreibtischkante, ließ Krokowski sein Gegenüber nicht zu Wort kommen und ergänzte: »Damit Sie informiert sind, Herr von Westerburg – dank meiner Recherchen im Hotel ›Excelsior‹ lässt sich zweifelsfrei nachweisen, dass das Mordopfer am heutigen Donnerstag um Viertel nach acht ein kurzes Telefonat geführt hat. Via Zimmertelefon, versteht sich. Und jetzt raten Sie mal, mit wem.«

Von Westerburg kniff die Augen zusammen und schwieg.

»Na also, jetzt kommen wir der Sache schon näher.« Krokowski richtete sich wieder auf, winkelte die Arme an und sagte: »Auf ein Neues, Herr Chefredakteur. Worum ist es in dem Gespräch mit der Dame gegangen? Reden Sie, bevor ich endgültig die Geduld verliere!«

Kalkweiß im Gesicht, schraubte sich Westerburg in die Höhe, umrundete den Schreibtisch und trat Krokowski von Angesicht zu Angesicht gegenüber. »Einen Teufel werde ich tun«, zischte er, »und wissen Sie auch, warum?«

»Nein.«

»Weil ich vor zehn Minuten Besuch vom LKA hatte. Glauben Sie, ich habe Lust, mich mit denen anzulegen?«

16

Berlin-Charlottenburg, Hauptsitz der Berliner Bank in der Hardenbergstraße │ 17:55 h

Es kam selten vor, dass er sich nach Schalterschluss noch in der Bank aufhielt, und noch seltener, dass er Kundengespräche führte. Mit so etwas gab er sich nicht ab, vor allem, wenn bei den Betreffenden nichts zu holen war.

Bei Mrs. Fitzpatrick, der charmanten und obendrein attraktiven Texanerin auf dem Cordsofa gegenüber, war das natürlich etwas anderes. Zugegeben, sie gefiel ihm, aber das allein war nicht der Grund, weshalb er von seinen Prinzipien abgewichen war. Mrs. Fitzpatrick war schwerreich, besaß, wie es im Volksmund hieß, Geld wie Heu. Das verband, wenngleich sich sein Kontostand mit demjenigen seiner Gesprächspartnerin nicht messen konnte. Helen Fitzpatrick aus La Grange/Texas war vielfache Millionärin, seit Kurzem verwitwet und daran interessiert, das Geld ihres in der Landmaschinenbranche tätigen Gatten gewinnbringend anzulegen. Diesbezüglich war sie bei ihm genau richtig, nicht nur, weil 10 Millionen Dollar zusätzliches Geschäftskapital ungeahnte Perspektiven eröffneten, sondern weil die Provision, die er einstrich, im sechsstelligen Bereich liegen würde. Der Beruf des Bankdirektors hatte eben so seine Vorteile, und er wäre verrückt gewesen, wenn er sie sich nicht zunutze gemacht hätte. Aus diesem Grund ging heute die Arbeit vor, der Büroleiter des Innensenators, mit dem er um sechs zu einem Tennismatch verabredet war, konnte warten.

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