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Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)

Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:

Berlin 1962. Weshalb wurde Adolf Eichmann, Organisator der sogenannten Endlösung der Judenfrage bis ins Jahr 1960 nicht enttarnt? Haben Seilschaften es verhindert? Als eine Sekretärin beim BND ermordet wird, übernimmt Hauptkommissar Tom Sydow den Fall und stößt auf eine seit 1952 bekannte, nach Südamerika führende Spur, der nicht nachgegangen wurde. Sydow muss sich jedoch nicht nur mit der Aufklärung des Falles beschäftigen, sondern auch mit der Nazivergangenheit seiner eigenen Familie.
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Das Beste daran: Kein Mensch hatte Verdacht geschöpft, am allerwenigsten ihr Mann, der sich eingebildet hatte, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu sein. Dass sie es war, welche die Fäden zog, war ihm verborgen geblieben, und sie hatte einen Teufel getan, ihm die Illusion zu rauben. Wichtig war, dass Fitzpatrick & Sons expandierte, denn nur so war es möglich gewesen, den südamerikanischen Partnern satte Gewinne zu bescheren. Gewinne, welche die Konten von ODESSA[47], ihres Auftraggebers, um etliche Millionen bereichert und es so gut wie unmöglich gemacht hatten, die Spur der kurz vor Kriegsende ins Ausland transferierten Gelder zu verfolgen, geschweige denn, ihrer habhaft zu werden.

Die Zeit war gekommen, diese Gewinne zu investieren, am besten dort, wo man sich den größten Nutzen versprach. Vergnügt wie selten, lachte Sydows Schwester auf. Wo anders wären die Gelder besser aufgehoben als hier, in einem Land, dessen Wirtschaftsaufschwung die Welt in Erstaunen versetzte? Dadurch konnte man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, wobei die Parole lautete, dass Rendite nicht alles war. Weitaus wichtiger und, zumindest auf lange Sicht, erfolgversprechender war nämlich etwas anderes. Mit jeder Million, die nach Berlin oder in den Satellitenstaat namens Bundesrepublik floss, würde sich der Einfluss ihrer Organisation vergrößern. Risiko: gleich null. So lange es Idioten wie diesen Brüggemann gab, hatten sie und die Kameraden nichts zu befürchten. Je mehr Geld, desto mehr Macht, je mehr Macht, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Strategie dereinst Früchte tragen würde. Natürlich würden nicht nur die Banken etwas vom Kuchen abbekommen, sondern alle jene, auf die man am Tag X zählen würde. Radiosender, Zeitungen, Verlage, das Fernsehen, was das betraf, wartete ein reiches Betätigungsfeld auf sie.

Nicht außer Acht lassen durfte man diesbezüglich die Politiker, und hier wiederum all jene, deren Vergangenheit vertuscht worden war. Viele von ihnen hatten es wieder zu etwas gebracht, die eine oder andere Gratifikation, und sie wären wie Wachs in ihren Händen. Fast noch wichtiger und, wie der Fall Eichmann lehrte, geradezu unverzichtbar waren darüber hinaus die Justizbeamten. Vor allem solche, bei denen man davon ausgehen konnte, dass ihre vaterländische Einstellung keinen Schaden genommen hatte. Stand doch zu befürchten, dass Eichmann nur die Spitze des Eisberges war, und dass es in den kommenden Jahren zu weiteren Prozessen gegen ehemalige Kameraden kommen würde. Darauf musste man vorbereitet sein, und sei es nur, um die Herren Richter gnädig zu stimmen. Oder um das Gehalt eines Staatsanwalts, der als Ankläger bei Kriegsverbrecherprozessen fungierte, ein wenig aufzubessern. Bisweilen wirkten Gefälligkeiten wahre Wunder, zumal, wie das römische Sprichwort sagte, Geld nicht zu riechen pflegte[48].

Vor dem Bahnhof Zoo angelangt, hielt Agnes von Sydow kurz inne. Mittlerweile hatte es aufgehört zu regnen, und da es zu früh war, ins Hotel zurückzukehren, beschloss sie, noch ein wenig über den Ku’damm zu bummeln. Das Wetter war zwar alles andere als ideal, für einen Blick in die Schaufenster jedoch gut genug.

Nicht lange, und Agnes von Sydow bereute ihren Entschluss. Von New York, ihrem Zweitwohnsitz, war sie Besseres gewohnt und sie fragte sich, was an Berlins Vorzeigemeile Besonderes war. Theater, ein paar Geschäfte, die nicht hielten, was ihr Name versprach, das Kranzler, in dem sich die Biedermänner die Klinke in die Hand gaben und Kinos, in denen Heimatschnulzen auf dem Programm standen. Nein, dies war nicht mehr das Berlin, welches sie kannte, das war beinahe schon provinziell. Die Zeiten, in denen hier etwas geboten wurde, waren vorbei, höchste Zeit, das Steuer herumzureißen.

Und höchste Zeit, wieder ins Hotel zurückzukehren. Sie hatte genug gesehen, mehr als genug. Die Stadt, in der sie ihre Kindheit verbracht hatte, war kaum noch wiederzuerkennen, und es war fraglich, wie lange sie sich noch über Wasser halten konnte. Auf Adenauer war kein Verlass, das hatte der Mauerbau gezeigt. Und die Russen? Nun, was das betraf, stand fest, dass die Zeit für den Bolschewismus arbeiten würde, es sei denn, Kennedy würde endlich Ernst machen.

Dazu, fürchtete sie, würde es jedoch nicht kommen. Längst nicht mehr so euphorisch wie zuvor, machte Agnes von Sydow auf dem Absatz kehrt und trat den Rückweg zum Breitscheidplatz an. Kurz nach halb sieben, Zeit für ein warmes Bad, einen Cocktail in der Bar und den einen oder anderen Flirt, um ihre schlechte Stimmung zu vertreiben.

Dass diese binnen Kurzem auf den Nullpunkt sinken würde, konnte sie nicht ahnen. Auch dann nicht, als sie die Lobby betrat, ein gezwungenes Lächeln aufsetzte und ein paar Worte mit dem Empfangschef wechselte, um anschließend Richtung Aufzug zu entschwinden.

Dort kam sie jedoch nicht an, sondern blieb unverrichteter Dinge stehen. Schuld daran war nicht etwa ein aufdringlicher Kavalier, sondern ein älterer Herr, der mit dem Rücken zu ihr auf einem Sessel saß. Er war so sehr in die Lektüre der Abendzeitung vertieft, dass er nicht bemerkte, wie sie ruckartig stehenblieb, sich von hinten näherte und mit wutentbrannter Miene über seine Schulter stierte.

Erst als er ihren Atem im Nacken spürte, drehte sich der in den Siebzigern befindliche Hotelgast um und sah die Frau, deren Blick ihn förmlich zu durchdringen schien, mit gerunzelten Brauen an. ›Sie wünschen, gnädige Frau?‹ Die Frage lag ihm auf der Zunge, und wäre ihm sein Gegenüber nicht zuvorgekommen, hätte er sich die Gelegenheit, ein paar Worte mit ihr zu wechseln, nicht entgehen lassen.

Dazu sollte es jedoch nicht kommen. Den Blick auf der Zeitung, die er immer noch in Händen hielt, rührte sich die mysteriöse Schönheit nicht von der Stelle. Schon dachte er, mit ihr sei etwas nicht in Ordnung, als sie plötzlich zu sprechen begann.

Worte, die so hasserfüllt klangen, das es ihm eiskalt den Rücken hinunterlief: »Na warte, Bruderherz, dafür wirst du mir büßen. Ich werde mit dir abrechnen, verlass dich drauf!«

Die Akte Eichmann

›Berlin taz │Der bundesdeutsche Geheimdienst wusste bereits im Jahre 1952, dass der gesuchte Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann in Argentinien lebte, unternahm aber nichts. Das geht aus einer Karteikarte des Bundesnachrichtendienstes (BND) hervor, die Bild am Samstag veröffentlichte. Danach war der ›Organisation Gehlen‹, dem Vorgänger des BND, auch bekannt, wie man die Adresse Eichmanns hätte herausfinden können: »Die Adresse von E. ist beim Chefredakteur der deutschen Zeitung ›Der Weg‹ bekannt«, heißt es auf der Karte. Als Deckname des ehemaligen SS-Obersturmbannführers nennt die BND-Karteikarte »Clemens«. Tatsächlich nannte sich der Organisator des Mordes an sechs Millionen Juden im SS-Reichssicherheitshauptamt damals Ricardo Clement.

Die BND-Informationen blieben für Eichmann ohne Folgen.‹

(Aus: taz.de [09.01.2011])

›Auch wenn bis heute nur ein kleiner Teil der angelegten Akten bundesdeutscher Institutionen zugänglich ist, geht aus diesem Material doch hervor, dass man das Schlimmste befürchtete. Eichmann war wieder da, und mit ihm mehr als ein Schatten der Vergangenheit.‹

(Aus: Bettina Stangneth, Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders, Zürich-Hamburg 2011, S. 451)

Viertes Kapitel

(Berlin, Donnerstag, 31. Mai 1962)

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Städtisches Krankenhaus Moabit, Notaufnahme │ 18:30 h

»Na, du machst vielleicht Sachen!«, rief Sydow aus, als er den weiß gekachelten Aufwachraum betrat, in den Morell nach der Operation gebracht worden war. »Mach bloß nicht schlapp, sonst kriegst du es mit mir zu tun.«

Der Boulevardreporter lächelte matt, die linke Schulter bandagiert und den Hinterkopf auf der Fläche der rechten Hand. »Wenn hier einer was gemacht hat, dann doch wohl diese Folterknechte vom …«, begann er, bevor er innehielt und sich mit Blick auf die OP-Schwester und den Oberarzt eines Besseren besann. »Es geht doch nichts über eine robuste Konstitution, oder?«

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