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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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Jelzin war bereit, viel Blut zu vergießen, damit Putin Präsident werden konnte. Auch wenn Putin sich nicht um das Präsidentenamt riss, schätzte er Jelzins Vorgehen aufrichtig und vergaß es ihm nie. Das, was der zweite russische Präsident nach dem Rücktritt des ersten tat, stellt keine Abweichung vom Kurs seines Vorgängers dar, und schon gar nicht gab es eine »Revanche der Geheimdienste«, wie klischeeverklebte Hirne immer noch meinen, die propagandistische Kon­struktionen anstelle der Realität analysieren.

Putin setzte all das fort, was Jelzin begonnen hatte – jedenfalls das, was objektiv durch den Umsturz im Oktober 1993 und die erzwungene Annahme einer neuen Verfassung im Dezember 1993 konstituiert worden war –, und führte es zu einem logischen Schluss. Das autoritäre Regime totaler Korruption, das wir Putin zuschreiben, ist eine direkte Folge aller Ereignisse, die sich zwischen dem 3./4. Oktober und dem 12. Dezember 1993 ereigneten. Der Zweite Tschetschenien-Krieg ist eine Etappe, kein Ausrutscher in der Gesamtgeschichte der modernen russischen Eliten, wie sehr sich die meisten von ihnen, die heute ihre Kinder in die euroatlantische Welt schicken, damit sie dort studieren und ein »zivilisiertes« Leben führen, auch vom blutigen Hintergrund ihres eigenen Werdegangs distanzieren.

Den eigentlichen Sinn des Zweiten Tschetschenien-Krieges ahnten oder kannten nur wenige. Die Generäle der sowjetisch-russischen Armee Viktor Kasanzew, Gennadi Troschew und Wladimir Schamanow, die den Angriff leiteten, waren ernsthaft davon überzeugt, dass dieser Krieg eine Sache der Ehrbezeugung gegenüber dem künftigen Nachfolger des Präsidenten sei, der den Streitkräften ihre frühere Autorität zurückgeben werde, wie auch einen besonderen Platz im System der Staatsgewalt. Ganz ehrlich sahen sie Putin im Gegensatz zu Jelzin und meinten, es bräche eine neue Epoche an, in der sich Russland »von den Knien erheben« werde.

Ein wörtliches Verständnis des Ausdrucks »Amtsnachfolger« kam ihnen nicht, beziehungsweise erst viel später in den Sinn, als man die durch föderale Fernsehsender stark popularisierten Generäle 1999/2000 auf dem Müllplatz der Geschichte entsorgte.

Viktor Kasanzew, der gewaltigste und erfahrenste von ihnen, befand sich 2000 bis 2004 auf dem herausragenden, aber ohne reale Befugnisse ausgestatteten Posten des Generalbevollmächtigten des russischen Präsidenten im Föderationskreis Südrussland, wonach er sich in der politischen Landschaft auflöste.

Der gewitzteste und feinsinnigste von ihnen – Gennadi Troschew – kam bei einem Flugzeugunglück in der Nähe von Perm 2006 ums Leben.

Der aktivste und aggressivste – Wladimir Schamanow –, der bereits 2000 gewisse Ambitionen auf den Präsidentenposten hatte verlauten lassen, vollzog 2001 eine durchdachte und zukunftsweisende politische Geste: Er stellte sich den Gouvernementswahlen im Gebiet Uljanowsk (einer depressiven Region an der Wolga, vor allem bekannt als Wahlheimat von Wladimir Iljitsch Lenin) und gewann sie bereits im ersten Wahlgang.

In Uljanowsk jedoch blieb Schamanow das Glück nicht hold. Auf dem Gouverneursposten gab er sich offen dem Alkohol hin und kooperierte mit einigen dubiosen Figuren des Business mit kriminellem Hintergrund. Die Sache endete damit, dass Schamanows Frau 2004 in einem Brief an Putin darum bat, ihren trinkfreudigen Mann vom obersten Posten des Verwaltungsgebiets abzuziehen.

Der Präsident kam der armen, notleidenden Frau sofort zu Hilfe: Der Held des zweiten tschetschenischen Krieges bekam einen bescheidenen Posten in der Hauptstadt als Assistent des Ministerpräsidenten Michail Fradkow. 2010 kehrte der General zwar als Kommandant der Luftlandetruppen zu den Streitkräften zurück. Aber da war er bereits ein anderer Schamanow: ohne Ambitionen und kämpferischen Glanz in den Augen.

Der Kreml tat alles, damit die Generäle, die man ohne besondere Mühe als wichtigste Polittechnologen von Putins Sieg 1999/2000 bezeichnen kann, sich nicht zu viel einbildeten und keine Wünsche hinsichtlich der politischen Macht hegten. Darin war er zweifellos überaus erfolgreich. In politischer Hinsicht haben in Russland nur zwei Menschen den Zweiten Tschetschenien-Krieg wirklich gewonnen – Wladimir Putin und natürlich Ramsan Kadyrow.

Ganz zu Beginn des Krieges gelang es Moskau, einige einflussreiche Tschetschenen auf die eigene Seite zu ziehen, die, angefangen bei Dudajews Zeiten, einen kompromisslosen Kampf für Russlands Unabhängigkeit geführt hatten. Darunter waren vor allem Mufti Achmat Kadyrow und Familie Jamadajew. Über diese außergewöhnlichen Persönlichkeiten ist gesondert zu sprechen – die meisten von ihnen kamen im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gewaltsam zu Tode, nachdem sie Ramsan Kadyrow den Weg zur absoluten Macht in Tschetschenien geebnet hatten.

Achmat-Hāddsch Kadyrow (»Hāddsch« bezeichnet einen Moslem, der den Haddsch, die Pilgerfahrt nach Mekka, unternommen hat) wurde wie die älteren Brüder der Familie Jamadajew in Kasachstan geboren. Dorthin waren 1944 einige Hunderttausend Tsche­tschenen auf Stalins Befehl deportiert worden – wegen ihrer Kollaboration mit den »deutsch-faschistischen Okkupanten«. Während der vegetarischen Phase des kommunistischen Regimes in den Tagen des Generalsekretärs des ZK der KPdSU Leonid Breschnew kamen sie alle in ihre ursprüngliche Heimat Tschetschenien zurück.

Dort wurde am 5. Oktober 1976 im Dorf Zentoroi Achmat Kadyrows jüngster Sohn Ramsan geboren, der heute weit über die Grenzen Russlands als Herrscher der Bergrepublik von sich reden macht. Die Kadyrows und die Jamadajews gehören zu ein und derselben Sippe – dem sogenannten Tejp Benoi (Tejps sind die ursprünglichen Formen der kollektiven Organisation der tschetschenischen Ethnie).

Während des Ersten Tschetschenien-Krieges waren die Brüder Jamadajew Militärkommandanten, die auf der Seite von Dschochar Dudajew gegen Russland kämpften – für die absolute Unabhängigkeit. Achmat-Hāddsch Kadyrow war ein Mufti, der Russland den Dschihad erklärte. In der Folge wollte man Kadyrow Senior den Vorwurf machen, er habe angeblich dazu aufgerufen, dass jeder Tschetschene 150 Russen töten solle. Der Religionsführer wusste sich zu verteidigen: Nach eigenen Worten hatte er nicht dazu aufgerufen, jede tschetschenische Seele solle eine konkrete Zahl von Subjekten vernichten, sondern das Maximum – so viele wie möglich.

Für seine großen Verdienste in der Sache des tschetschenischen Widerstands wählten die Imams der Bezirke der Republik Achmat-Hāddsch Kadyrow 1995 zum Obermufti von Tschetschenien. Nach dem Tod von Dschochar Dudajew beschloss der ambitionierte Islamist, er könne Tschetschenien nicht schlechter lenken als der betagte Oberst. Er erreichte seine Wahl zum militärischen Amir – dem obersten Feldherren der Republik, dem der Idee nach alle Streitkräfte untergeordnet sind.

Maschadow erkannte eine solche Eigenmächtigkeit verständlicherweise nicht an und entfernte seinen aggressiven Opponenten vom Posten des Obermuftis. Gleichzeitig erklärte er ihn zum Feind des tschetschenischen Volkes, was in der Tradition des Bergvolkes einem Todesurteil gleichkam, das jeder tschetschenische Mann, der eine Abneigung gegenüber Abtrünnigen und Meuterern empfindet, vollstrecken darf.

Achmat-Hāddsch Kadyrow erkannte seine Enthebung nicht an und erklärte, er könne nur von denen abgesetzt werden, die ihn gewählt hätten – also von den Imams der Bezirke, jedoch nicht von einem islamfernen Oberhaupt der Republik. Parallel brachte der Mufti eine propagandistische Kampagne ins Rollen, mit der er beweisen wollte, dass Aslan Maschadow die Situation in Tschetschenien nicht im Griff habe und man seinen Entscheidungen nicht unbedingt Folge leisten müsse.

In Wirklichkeit jedoch war ihm klar, dass das Spiel gegen Dudajews Nachfolger im Alleingang eine gefährliche und vielleicht sogar undankbare Angelegenheit war. Kadyrow Senior wurde bewusst, dass er verlässliche Partner brauchte – innerhalb von Tschetschenien und seines Tejps Benoi –, die Jamadajews. Zu dieser Zeit machten vor allem die beiden älteren Brüder Ruslan (Chalid) und Sulim (Sulejman) von sich reden. Außerhalb sollten die föderalen Streitkräfte seine Partner sein, die es gerade nach einem Krieg dürstete, der allerdings diesmal nicht so wie 1994/96, sondern siegreich enden sollte.

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