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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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Doch Jelzins schicksalhafter Erlass kam nicht aus dem Nichts:

•Das Eindringen der Rebellen unter Schamil Bassajew und des Kriegsfürsten jordanischer Herkunft al-Chattab nach Dagestan (August 1999) war das erste Signal dafür, dass sich der Krieg auf andere Regionen Russlands ausbreiten konnte, wenn man »den Wurm nicht zertritt«, also Tschetschenien einen deutlichen Denkzettel verpasste, wobei diese Gefahr sich nicht auf die islamischen und kaukasischen Regionen beschränkte: aus Dagestan hätten die Rebellen durchaus in die Regionen Stawropol und Krasnodar vordringen können.

•Nach den Sprengungen einiger Wohnhäuser in Moskau sowie in den Kleinstädten Bujnaksk und Wolgodonsk schrieb die öffentliche Meinung, die bereits von Anspielungen der Politiker und Aussagen der Massenmedien vorgewärmt war, diese Aktionen sogleich den tschetschenischen Separatisten zu. Die Logik der damaligen Informationskampagne, die in ihrem hysterischen Ton und Tempo an Fahrt gewann, lautete: Man muss etwas tun, sonst sprengen uns die verfluchten Tschetschenen alle in die Luft!

Daraufhin fing man an, sich auf einen Krieg vorzubereiten, der im Schicksal von Wladimir Putin dieselbe Rolle spielen sollte wie der Putsch des Staatlichen Komitees für außergewöhnliche Zwischenfälle der UdSSR (1991) und der Beschuss des russischen Parlaments (1993) in der Karriere seines Vorgängers. Ja, Putin muss in diesem Sinne ein Präsident genannt werden, der über Leichen ging. Aber es gibt einen großen Unterschied.

Wladimir hatte es nicht nach Macht gedürstet – er willigte nur ein, Jelzins Nachfolger zu werden. Die blutigen Entscheidungen hatte nicht er getroffen, ganz im Unterschied zum Demokraten Jelzin, der niemals Halt machte vor dem Vergießen des menschlichen Lebenssafts. Das nimmt Putin nicht die Verantwortung, lässt den Machtwechsel aber in einem anderen Licht erscheinen.

Heute können wir mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass hinter der Entscheidung für den Krieg sowohl formal als auch faktisch die »Familie« (im weitesten Sinne) von Jelzin stand, wie auch hinter allen vorbereitenden Schritten, die den Krieg vor Russland und der ganzen Welt rechtfertigten, um damit gleichzeitig die Aufmerksamkeit davon abzulenken, warum er in Wirklichkeit geführt wurde.

Ich weiß nicht, wer die Wohnhäuser tatsächlich in die Luft gesprengt hat, deren Bewohner Jelzins Erlass vom 23. September 1999 sowie die folgenden Ereignisse an der tschetschenischen Front mit ihrem Leben rechtfertigen mussten. Aber ich stelle mir seitdem einige Fragen:

•Wenn man der Theorie von der »tschetschenischen Spur« glauben will – warum haben die Terroristen dann Häuser am Stadtrand in die Luft gesprengt, die von armen, unbekannten Menschen bewohnt waren? Beim löchrigen Sicherheitssystem jener Tage hätte man schließlich auch elitäre Gebäude im Moskauer Stadtzentrum sprengen können, was die einflussreichen Russen weit mehr geschockt hätte. Vielleicht hatte da jemand Mitleid mit seinesgleichen?

•Wenn man außerdem glauben möchte, dass die Tschetschenen die russischen Städter einschüchtern wollten, warum haben sie dann nicht den logischen Weg gewählt zu den Wohnstätten jener, von denen viele politische Entscheidungen abhingen? Warum hörten die Sprengungen nach dem Beginn der »erneuten Phase der Anti-Terror-Operationen« auf? Aus Sicht der separatistischen Terroristen hätte man derartige Aktivitäten verstärkt fortführen müssen, um den Kreml damit zu einer Einstellung der Kampfhandlungen und neuen Verhandlungen mit den Aufständischen zu bewegen.

Die wenigen, denen die Antwort auf diese Fragen bekannt ist, möchten sie möglichst lange unter Verschluss halten.

Ich bin mir nicht sicher – obwohl ich es mir vorstellen könnte –, ob Schamil Bassajew und al-Chattab nicht nur deshalb »termingerecht« in Dagestan eingedrungen sind, weil es sie juckte, mal wieder in eine Schlacht zu ziehen. Es mag wohl auch daran gelegen haben, dass sie vor allem das Szenario von 1996 wiederholen wollten. Damals hatte Boris Jelzin die tschetschenische Seite um Hilfe für den Sieg bei den Wahlen gebeten – und im Gegenzug kam es zum Abkommen von Chasawjurt und einer faktischen Anerkennung der Unabhängigkeit der Republik.

Offenbar machte man Bassajew 1999 einen analogen Vorschlag: Du hilfst uns, den Nachfolger von Jelzin an die Macht zu bringen, und im Gegenzug nimmst du den Platz von Aslan Maschadow ein, wonach sich die ganze Arie mit der Anerkennung/Nichtanerkennung der Tschetschenischen Republik Itschkeria noch unbestimmt lange hinziehen kann. In der Frage der tschetschenischen Unabhängigkeit konnte man schließlich nach der Formel des bekannten europäischen Sozialdemokraten des 19. Jahrhunderts Eduard Bernstein vorgehen: Das Ziel ist nichts, die Bewegung ist alles.

Wladimir Putin ist in der Folge so manches Mal öffentlich zu diesem Satz zurückgekehrt, wenn er ihn auch manchmal im Eifer des Gefechts, aus Ermüdung oder Vergesslichkeit Lew Trotzki zuschrieb. Wie eine Analyse seines öffentlichen Auftretens zeigt, erinnert sich Putin oft an das, was in seinem Leben eine wichtige Rolle gespielt oder ihn wenigstens ein bisschen berührt hat.

Dennoch ist der Architekt dieses Krieges und aller seiner ihn begleitenden Vereinbarungen nicht Putin, sondern Jelzins »Familie«. Wenn die Explosionen der Wohnhäuser in den tristen Schlafstädten russischer Städte eine Provokation waren, mit der der Zweite Tschetschenien-Krieg gerechtfertigt werden sollte, dann sind sie wohl kaum von Vertretern, Strukturen oder Unterabteilungen der offiziellen Geheimdienste angezettelt worden. Jelzin und seine nächste Umgebung hatten viel zu wenig Vertrauen in die Staatssicherheit.

Dazu gab es allen Grund: 1991 hatte der KGB der UdSSR, der damals so machtvoll und sowohl im militärischen als auch im juristischen Sinne mit allen Möglichkeiten ausgestattet war, die Sowjetmacht einfach verraten und die Augen vor dem Zerfall der seiner Obhut anvertrauten Supermacht verschlossen. 1993 dann zogen sich die Tschekisten aus der Verantwortung für den Sturm des Weißen Hauses, nachdem sie deutlich gemacht hatten, dass ein Sturz des Präsidenten und die Machtübernahme durch Ruslan Chasbulatow und Alexander Ruzkoi für sie eine völlig normale Entwicklungsmöglichkeit der Ereignisse darstellen würde. 1998, am Vorabend der großen Erschütterungen in der russischen Wirtschaft, entließ Jelzin ohne sichtbare Gründe oder verständliche Erklärungen den KGB-Kader General Nikolai Kowaljow vom Posten des Direktors des FSB der Russischen Föderation und ernannte stattdessen Wladimir Putin in dieses Amt, von dessen Verhältnis zu seiner Alma Mater wir bereits gesprochen haben.

Nein, alle diese Menschen konnten eine so delikate Mission wie die Vorbereitung auf einen tschetschenischen Krieg Nummer zwei nicht den offiziellen Gewaltstrukturen überlassen. All das wurde von informellen Strukturen übernommen, deren Vertreter man danach vernichtete, um alle Spuren zu verwischen.

Nicht ohne Grund habe ich der Jelzin-Zeit, den Beziehungen zwischen Russland und Tschetschenien und der tatsächlichen Genesis des Zweiten Tschetschenien-Kriegs so viel Aufmerksamkeit gewidmet. Wenn wir Putin so weit wie möglich verstehen wollen, müssen wir uns bewusst sein, dass es keine eigenständige Putin-Epoche gibt. Es gibt eine allgemeine Jelzin-Putin-Epoche, wie es eine einheitliche Jelzin-Putin-Elite und eine durchgängige Logik der Macht gibt.

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