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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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•Im September 2008 wurde Ruslan Jamadajew auf der Smolenskaja nabereschnaja in Moskau getötet. Der Mörder hatte mehrere Male aus einer Maschinenpistole in das halb geöffnete Fenster des Mercedes gefeuert, in dem Jamadajew in Begleitung von Sergei Kisjun unterwegs war. Generaloberst der Hauptabteilung Aufklärung Kisjun war früher Kriegskommandant von Tschetschenien und hatte die Schaffung der Bataillone Wostok, Sapad und Jug ermöglicht. Bemerkenswert ist, dass Ruslan Jamadajew und Herr Kisjun nicht von irgendwoher kamen, sondern aus dem Kreml. Dort hatten sie sich mit dem stellvertretenden Leiter der Präsidentenadministration für Innenpolitik Wladislaw Surkow getroffen. Einer der Theorien zufolge wurde über eine Begrenzung der sich auswachsenden Macht und der politischen Ambitionen von Ramsan Kadyrow gesprochen. Surkow, der aus seiner tschetschenischen Herkunft keinen Hehl machte (und sie sogar manchmal herausfordernd betonte), zeigt gegenüber dem Oberhaupt Tschetscheniens immer eine besondere Loyalität. Es ist nicht auszuschließen, dass der föderale Beamte den Inhalt dieses geheimen Gesprächs an Kadyrow weitergegeben hat. Auch danach kreuzten sich die Wege von Wladislaw Surkow und Ramsan Kadyrow noch öfter. Quellen aus dem Kreml behaupten, es sei Kadyrow gewesen, der Surkows Ernennung zum Assistenten des russischen Präsidenten für Kontakte mit den GUS-Staaten sowie mit den halb anerkannten Staaten Abchasien und Südossetien (September 2013) bewirkt habe, nachdem er bei Putin in Ungnade gefallen und aus den einflussreichen Strukturen entfernt worden war.

•Im April 2010 berichteten die russischen Massenmedien, Issa Jamadajew habe Aussagen gemacht, in denen er Ramsan Kadyrow der Organisation eines Mordversuchs gegen ihn (29. Juni 2009) sowie des Mordes an seinen Brüdern Sulim (ehemaliger Kommandeur des Bataillons Wostok) und Ruslan (ehemaliger Abgeordneter der Staatsduma) bezichtigte. Die mit Kadyrow verfeindeten Brüder Jamadajew, die sich im Zweiten Tschetschenien-Krieg auf Seiten der föderalen Streitkräfte hervorgetan hatten, waren die letzte große Kraft in der Republik geblieben, die sich gegen Kadyrow zur Wehr setzte.

Der verfassungsmäßige russische Präsident Putin, unter dessen strengem Blick sich Berge verneigen und Flussläufe verbiegen, wagt es nicht, auch nur ein Wort gegen Ramsan Kadyrow zu sagen. Nur der Generalbevollmächtigte des Präsidenten im Föderationskreis Nordkaukasus Alexander Chloponin wagte es Anfang 2010, kaum dass er diesen Posten eingenommen hatte, von Tschetschenien-Führer Kadyrow frech Rechenschaft über die Verwendung föderaler Mittel zu verlangen. Aber durch einen seltsamen Zufall kam es am 29. März 2010 zu den Explosionen in den Moskauer Metrostationen Lubjanka (ganz in der Nähe des allmächtigen FSB) und Park kultury. Seither interessiert sich der Generalbevollmächtigte des Kremls nicht mehr sonderlich für die finanziellen Flüsse zwischen Russland und Tschetschenien.

All diese Tatsachen kann man unmöglich mit Putins Wunsch erklären, dem Westen sein Verantwortungsgefühl für das Schicksal dieser kleinen Region Russlands zu demonstrieren. Die neuere Geschichte Tschetscheniens begann im Mai 2004 – am Todestag von Achmat-Hāddsch, der bei dem Bombenanschlag in einem Stadion in Grosny getötet wurde. Tschetschenien tat so, als habe Russland den Krieg gewonnen, ohne allerdings zu präzisieren, gegen wen. Als habe Russland einfach gewonnen und fertig, gegen »eine nicht identifizierte Person«, wie es in der UdSSR in den Milizprotokollen bei Festnahmen von Menschen hieß, die aus Dummheit bei eigens ausgesandten KGB-Provokateuren verbotene Westvaluta gekauft hatten. Dafür wurden die Tschetschenen zu einer privilegierten Ethnie innerhalb Russlands. In der Mehrheit der Regionen ist die tschetschenische Diaspora ein eigenständiges Zentrum, das in seiner Mächtigkeit viele andere übertrifft.

Wladimir Putin betrachtet Ramsan Kadyrow immer häufiger als eine Art Schiedsrichter, der bereit und informell berechtigt ist, größere Wirtschaftskonflikte zu lösen. Dabei geht es keineswegs immer um Konflikte, in die Tschetschenen oder Kaukasier involviert sind.

Wie es sich der unterlegenen Kriegspartei geziemt, zahlt Russland dem Sieger Tschetschenien Tribut aus dem föderalen Haushalt: fast 2 Milliarden Dollar pro Jahr, das sind 48 000 Rubel pro Kopf. (Zum Vergleich: Die Region Stawropol erhält 6 000 Rubel pro Einwohner.) Aber das ist noch gar nichts. Im Frühjahr 2011 erklärte der Minister für wirtschaftliche Entwicklung und Handel der Tschetschenischen Republik Abdulla Magomadow, dass seine Republik für die Realisierung verschiedener Investitionsprogramme von Russland 500 Milliarden Rubel (oder 18 Milliarden Dollar) erhalten müsse.

Der Anteil föderaler Mittel innerhalb der Einnahmen des Staatshaushalts von Tschetschenien beträgt 90 Prozent. (Zum Vergleich: in Moskau sind es 3,6 Prozent der Einnahmen, in Baschkirien 19 Prozent, in der Region Rostow 34 Prozent.) Dazu kommt, dass Tschetschenien für die Verwendung diese Mittel nicht rechenschaftspflichtig ist. Der Fuhrpark von Präsident Kadyrow besteht aus 50 Autos mit einem Gesamtwert von mehr als 3 Millionen Euro. Das wichtigste Gefährt ist ein Rolls-Royce. Dazu kommen acht Porsche Cayenne, acht Lexus LX 470 und noch einiges mehr. (Das ist um einiges abgehobener als bei Putin und Medwedew.) Bereits vor Langem wurden im Internet Fotos des neuen Palasts veröffentlicht, der nach glaubwürdigen Quellen für den tschetschenischen Präsidenten gebaut wurde. Schauen Sie sie sich an – er ist erheblich luxuriöser als die berühmte Residenz Praskowejewka am Schwarzen Meer, die Wladimir Putin gehören soll.

Ramsan Kadyrow erlaubt sich ein Pferde-Hobby und kauft die besten Galopper auf, die Siegen auf internationalen Wettbewerben entgegenstürmen. Deswegen wird in Grosny jetzt eine neue Pferderennbahn von 59 Hektar mit Ställen für 360 Tiere, einem Hotel, einem Parkplatz mit 2 000 Stellplätzen und zwei Hubschrauberlandeplätzen gebaut.

Die zweite Leidenschaft des Führers des Siegerlandes ist der Fußball. Als Trainer der Mannschaft Terek von Grosny wurde der legendäre Holländer Ruud Gullit eingeladen. Im Mai 2011 wurde in Grosny ein neues ultramodernes Stadion eröffnet, das zu Ehren von Achmat Kadyrow »Achmat-Arena« heißt und Platz für 30 500 Zuschauer bietet. Bei der Eröffnung trat die tschetschenische Auswahlelf, für die sich bekannte russische Politiker und Fußballveteranen eingesetzt hatten, gegen die »Auswahlmannschaft der Welt« an. Für sie spielten Fußballlegenden wie Maradona, Figo, Baresi, Barthez, Fowler, Papin, Costacurta. Nach unbestätigten Angaben bekam allein der große Argentinier für die Veranstaltung 1 Million Euro.

Können Sie sich jetzt vorstellen, wie die 500 Milliarden Investitionstribut ausgegeben werden? Ich auch. Für die militärische Niederlage werden wir uns nicht revanchieren können. Dafür fehlt es dem heutigen Russland mit seinen Selbstzweifeln an Kräften – sowohl Streit- als auch psychischen Kräften. Aber etwas müssen wir doch tun. Wir können ja nicht ewig Tribut zahlen und Augen und Ohren verschließen, wenn in Russlands Innerem erneut ein Scharmützel gegen jene stattfindet, die es den Siegern nicht recht machen.

Offenbar gibt es nur einen Ausweg. Man muss Tschetschenien das geben, was es schon so lange anstrebt und faktisch bereits erreicht hat – die Unabhängigkeit. Es ist Zeit, den zweihundert Jahre dauernden Krieg im Nordkaukasus zu beenden, der uns letztlich nichts gegeben hat außer Blut und Tränen. Zu Zeiten des Imperiums – unter den Romanows und den Kommunisten – konnte man wenigstens verstehen, wozu wir das Territorium brauchten: um die Kontrolle über Transkaukasien zu behalten. Aber nun, da es kein Imperium mehr gibt und wir Transkaukasien verlassen haben? Die frei werdenden Mittel könnte man nicht nur dafür ausgeben, um die wenigen, im Nordkaukasus versprengten Russen nach Russland umzusiedeln, sondern auch für die Entwicklung Zentralrusslands, des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens. Das sind Gebiete, die wir tatsächlich verlieren können, wenn wir nicht aufhören, sie so gering zu schätzen wie jetzt.

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