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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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Ruslan hingegen steuerte politische Macht an: 2003 wurde er Abgeordneter der Staatsduma von Tschetschenien und nahm damit die erste Stufe der Karriereleiter. Der Weg zur Herrschaft über Tschetschenien – zunächst parallel mit Kadyrow Senior, dann unabhängig von ihm – schien einfach und klar.

Die Jamadajews wussten noch nicht, dass aus dem fauligen Schatten der Geschichte bald Ramsan Kadyrow treten würde, der vielen seiner Opponenten ein baldiges Wiedersehen mit den Huris an paradiesischen Orten bescheren sollte. Doch noch war Ramsan ein bescheidener Bewacher seines Vaters, der eilig eine eigene Garde zusammengestellt hatte: Verständlicherweise konnte er weder den föderalen Streitkräften noch den ehemaligen tschetschenischen Kriegsfürsten trauen, die von Zeit zu Zeit mit dem Mufti-Präsidenten in einem Boot saßen.

Noch ergaben sich die Separatisten nicht. Am 23. Oktober 2002 nahmen 44 Terroristen unter dem Anführer Mowsar Barajew, einem getreuen Adepten der tschetschenischen Unabhängigkeit, während einer Vorstellung des beliebten Musicals Nord-Ost in Moskau mehr als 800 Geiseln. Der Anschlag erschütterte ganz Russland. Wladimir Putins Macht hing einige Tage buchstäblich am seidenen Faden. Wie ein aus meiner Sicht recht zuverlässiges Apokryph sagt, betete der Präsident in jenen Tagen in der Hauskirche des Kremls. Am Abend des 25. Oktober stimmte der Leiter der russischen Präsidentenadministration Alexander Woloschin dem Plan zu, das Theaterzentrum zu stürmen.

Die Terroristen wurden mit einem Nervengift betäubt und dann erschossen. Aber auch viele Geiseln erlitten Gasvergiftungen. Die schwache Organisation von Krankentransporten führte dazu, dass 129 Opfer des Anschlags auf dem Weg in die Krankenhäuser oder in den Lazaretten starben. Die Ereignisse schockierten die russische Öffentlichkeit zutiefst. Dennoch hielt Putin stand. Und die »Befriedung« Tschetscheniens ging weiter.

Einen weiteren schweren Schlag musste WWP am 9. Mai 2004 hinnehmen. An diesem Tag fand im Stadion Dynamo in Grosny ein Konzert statt, das dem 59. Jahrestag des Sieges der UdSSR im Zweiten Weltkrieg gewidmet war. Die frisch renovierte VIP-Tribüne war von Präsident Kadyrow und seinem Gefolge besetzt. Noch bevor das Konzert begann, kam es hier zu einer starken Explosion. Sechs Menschen kamen ums Leben, darunter auch Achmat-Hāddsch Kadyrow und der Sprecher des tschetschenischen Parlaments Hussein Issajew. Sherlock Holmes, Hercule Poirot und Kommissar Maigret hätten endlos nach den Gründen für den Tod von Kadyrow Senior forschen können, ohne eine Antwort zu finden.

Die progressive Öffentlichkeit gibt immer gern den föderalen Streitkräften die Schuld an allem – angeblich wollten sie nicht die Kontrolle über Tschetschenien verlieren, was immer unvermeidbarer wurde, je mehr der Kadyrow-Clan sich festigte. Man weiß doch, dass seit Stalin und der Erschießung der Gruppe von hochrangigen Verschwörern beim Militär mit Marschall Michail Tuchatschowski an der Spitze im Jahre 1937 russische Offiziere keine Politik mehr machen – sie führen lediglich politische Entscheidungen aus, die sie nicht getroffen haben.

Ramsan Kadyrow, der an die Macht kam und sich dort mauserte, wies in Richtung Familie Jamadajew – sie seien es gewesen, die Achmat-Hāddsch Kadyrow schnellstens ablösen wollten. Quellen aus dem Umfeld der empörten Jamadajews hingegen deuteten auf eine mögliche Beteiligung von Kadyrow Junior selbst hin – angeblich habe sein Vater den zweiten Sohn nicht sonderlich geschätzt, und so sei Ramsan nur ein Weg geblieben, um handlungsfähig zu werden …

Nach offiziellen Angaben war der Mord natürlich von den übrig gebliebenen Separatisten geplant und durchgeführt worden. Bereits kurz vor seinem Tod 2006 hatte Schamil Bassajew auf der Internetseite Kawkas-Zentr erklärt, er übernehme die Verantwortung für dieses Verbrechen. Man weiß allerdings nicht, ob man diesem Geständnis Glauben schenken soll. Immerhin nehmen Terroristen ja immer ganz gern die Verantwortung für fremde Sünden auf sich – als weltweite Werbemaßnahme. Nach dem Verschwinden von Bassajew (der Ausdruck »Tod« kann hier nicht ganz zutreffend und richtig sein – wer weiß schon, ob der bekannte Terrorist tatsächlich getötet wurde?) konnte man dem »tschetschenischen Übeltäter« sowieso alles anhängen und alle realen und irrealen Beteiligten an diesem Drama zufriedenstellen. Zumindest bis zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Am selben Tag, dem 9. Mai, wurde Ramsan Kadyrow von Putin im Kreml empfangen. Er erschien im wichtigsten Empfangszimmer des Landes in Trainingsanzug und Turnschuhen – als habe er es nicht geschafft, sich umzuziehen. Damit demonstrierte er ganz deutlich, dass er sich nicht für einen gehorsamen Ziehsohn der föderalen Macht hielt und es auch nie tun würde. Im Kaukasus haben derartige Zeichen, Symbole und Botschaften eine besondere Bedeutung.

Putin drückte Ramsan an seine liebende Brust und gab ihm zu verstehen, dass er in ihm die Fortführung der Sache des Vaters sehe, des Garanten und Wahrers des ursprünglichen »Mafia-Kodex« aus dem Jahr 2000. Intuitiv hat sich WWP kein bisschen geirrt. Sah er in Ramsan vielleicht auch einen eigenen Sohn? Konnte er sich endlich als Vater eines erwachsenen, starken Mannes fühlen? War dieses besondere Zusammentreffen nicht eine Bewusstwerdung seiner Pflicht als Waise gegenüber einer anderen Waise, die nun allein auf sich gestellt mit der harten Realität konfrontiert war? Ob dies zutrifft oder nicht – am 9. Mai 2004 begann die Epoche von Kadyrow Junior, die bis zum heutigen Tag anhält.

Man kann nicht sagen, dass die Mitstreiter und Weggefährten des entschlafenen Mufti-Präsidenten die Erhöhung von Kadyrow Junior mit Begeisterung aufgenommen hätten. Im Gegenteil. Sowohl die Brüder Jamadajew als auch andere Rebellen, die mit Beginn des Zweiten Tschetschenien-Krieges zur föderalen Seite gewechselt waren – der FSB-Offizier und Kommandant der Abteilung Gorez Mowladi Baissarow, der Leiter des Spezialbataillons Wostok der Hauptverwaltung für Aufklärung Bislan Elimchanow und einige andere –, stimmten darin überein, dass man Ramsan aufhalten müsse, solange es nicht zu spät sei.

Aber die föderalen Machtstrukturen verrieten im entscheidenden Moment sowohl Mowladi Baissarow, die Jamadajews als auch Elimchanow. Damit zeigte sich wieder einmal, wie trügerisch der Mythos vom »tschekistischen Russland« ist, das sein Präsident angeblich baut (oder nahezu fertiggestellt hat).

Kadyrow Junior konnte seine Macht recht schnell konsolidieren – sowohl in Fragen der Gewaltstruktur als auch in solchen der Wirtschaft. Ministerpräsident Sergei Abramow, der tschetschenischen Gesellschaft fremd und formal der direkte Vorgesetzte von Ramsan, störte ihn bereits nach kurzer Zeit. Aber Abramow verstand die Anspielungen nicht, die ihm andeuteten, dass er seinen Posten räumen solle. Im November 2005 hatte er einen Autounfall und wurde in kritischem Zustand in ein Moskauer Krankenhaus eingeliefert, von wo aus er Anfang 2006 das heiß ersehnte Entlassungsgesuch abschickte.

Bereits 2006 zeigte sich Kadyrow Junior als aktiv handelnde Person im großen russischen Maßstab. Im September entzündete sich im Norden Russlands unweit der finnischen Grenze in der kleinen Stadt Kondopoga ein Aufstand der Einwohner gegen die tschetschenische Diaspora, die einen unangemessenen Einfluss auf die lokale Wirtschaft gewonnen hatte. Die dort lebenden Tschetschenen waren mit einer realen physischen Bedrohung konfrontiert. Die Situation wurde von Ramsan reguliert, ohne dass dieser die im Süden seines Landes gelegene Stadt Grosny verlassen hätte. Im entscheidenden Moment formulierte er das Rezept eines richtigen Vorgehens.

Der Premier von Tschetschenien engagierte … russische Nationalisten, angeführt von dem zu dieser Zeit recht populären Spitzenmann der »Bewegung gegen illegale Immigration« Alexander Below (Potkin). Nachdem er von Ramsan eine Sicherheitsgarantie und sogar eine schriftliche Vollmacht in der Art »Alles, was vom Überbringer getan wird, geschieht auf meine Anweisung und zum Wohle des tschetschenischen Volkes« erhalten hatte, ging Below-Potkin nach Kondopoga und verteidigte unter dem Vorwand, die russische Bevölkerung schützen zu wollen, in Wirklichkeit die Tschetschenen, indem er die Protestierenden dazu überredete, sich zu zerstreuen.

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