Wladimir - die ganze Wahrheit
- Автор: Belkowski Stanislaw
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: mvg verlag
- ISBN: 978-3-86414-439-4
- Жанр: Биографии и мемуары
Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
Kapitel 13: Die tschetschenische Internationale
Tschetschenien ist für Putins Russland und für ihn persönlich etwas Heiliges, auch wenn es sich dabei um eine islamische Region handelt und das (zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Buches) amtierende Oberhaupt des russischen Staates sich als russisch-orthodoxen Christen bezeichnet.
Übrigens sind sowohl die erste wie auch die zweite Behauptung relativ. In der Tschetschenischen Republik – der bekanntesten Region des russischen Nordkaukasus – herrschen bis zum heutigen Tag eher stammesartige, neoheidnische Bräuche, und der entsprechende Gesetzeskodex ist der Adat, der faktisch über dem islamischen Recht (Scharia) steht. (Dennoch kann man nicht leugnen, dass der Präsident der Republik, Ramsan Kadyrow, formal große Anstrengungen für eine Islamisierung der Region unternimmt.)
Ähnliches lässt sich über Putin sagen. Er ist weniger ein hundertprozentiger Christ als vielmehr ein Vertreter der klassischen russischen Religiosität, einer äußerlichen Orthodoxie mit heidnischen Einsprengseln, die darin eingelassen sind wie Brillanten und Rubine in die Zarenkrone. Dank des tschetschenischen Themas und des Wortes »Tschetschenien« wurde WWP überhaupt erst zum Präsidenten von Russland, und er fühlt sich auf dem russischen Thron bis heute recht sicher.
Dabei wissen wir, dass er anfangs gar nicht russisches Staatsoberhaupt werden wollte. Tschetschenien jedoch brachte ihn auf den Weg dorthin, berief ihn auf seinen Posten, kann ihn nicht mehr entlassen. So wie auch er die Bergrepublik – rein formal – nicht aus dem Bestand der Russischen Föderation entlassen konnte.
Auch wenn es für ein weiteres Verständnis seiner Person unabdingbar ist, erinnert sich heute kaum noch jemand daran, dass Putin nicht einen der tschetschenischen Kriege begonnen hat. Beide Kriege (1994 und 1999) entsprachen dem politischen Willen von Boris Jelzin. Ja, der Krieg 1999 war ein Bestandteil der »Operation Nachfolger« und konnte in diesem Sinne geführt werden, um damit auch Aksjonenko oder Stepaschin zu nutzen. Aber eine Entscheidung dieses Niveaus konnte bis zu seinem Abpfiff (am 31. Dezember 1999) nur Jelzin treffen.
Wenn man also jemanden für die beiden »Anti-Terror-Operationen« in Tschetschenien vor das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag bringen will, dann müsste es der selige Jelzin sein.
Faktisch gewann Tschetschenien den zweiten Krieg (1999 bis 2003), was Putin praktisch zugegeben hat. Der andere Krieg von 1994 sollte das Unmögliche möglich machen – eine Wiederwahl Boris Jelzins für eine zweite Amtszeit. Er wurde 1999 erneut entfacht, um Wladimir Putin den Weg in den Kreml als Jelzins Nachfolger zu ebnen.
Vielleicht geht er aber auch auf den Krieg zurück, den das russische Imperium bereits 1817 anzettelte und 1864 fälschlicherweise für siegreich beendet erklärte. Der Krieg um die Kontrolle des Nordkaukasus hatte fast zweihundert Jahre gedauert. Sein Sinn liegt auf der Hand: Für das Imperium war weniger der Nordkaukasus selbst von Bedeutung als vielmehr die verlässliche Verbindung zu dem von ihm kontrollierten Transkaukasus – Georgien, Armenien, das heutige Aserbaidschan. Damit der Hund nicht ausbüchste, brauchte man eine Leine – und zwar die Territorien, die heute zur Russischen Föderation zählen und Tschetschenien, Inguschetien und Dagestan heißen.
Die Geschichte der jüngeren Tschetschenien-Kriege begann 1991. Zu diesem Zeitpunkt erklärte Tschetschenien, das sich formal Tschetschenisch-Inguschetische Autonome Republik innerhalb des Verbundes von Russland nannte, seine volle staatliche Autonomie. Anführer und Aushängeschild dieses Prozesses wurde Dschochar Dudajew, Generalmajor der sowjetischen Luftstreitkräfte – nicht nur ein beispielhafter sowjetischer Offizier, sondern auch ein typischer Vertreter des »sowjetischen Volkes«. Dudajew hatte einige Jahre im kaukasusfernen Estland gedient, wo er auch eine estnische Frau namens Alla geheiratet und eine nach sowjetischen Maßstäben mustergültige interethnische Familie gegründet hatte. Dann kehrte er in heimatliche Gefilde zurück, um 1991 bei den Republikwahlen zu gewinnen und den Kurs auf eine vollständige Autonomie zu verkünden.
In seiner Entscheidung überwog das Sowjetische sowohl über das traditionell Tschetschenische als auch über das Islamische. Die UdSSR fiel unaufhaltbar auseinander, und der sowjetische Offizier erkannte die verbündete Russische Föderative Republik nicht als legitimen Rechtsnachfolger der Supermacht an. Das hieß: Seine kleine, aber sehr stolze Republik, Erbin des politischen und militärischen Ruhms von Imam Schamil und Scheich Mansur, die dem mächtigen Russischen Imperium im 19. Jahrhundert so viele Probleme bereitet hatten, verdiente die Unabhängigkeit nicht weniger als irgendeine RSFSR. De facto wurde sie ihr auch zugestanden – Ende 1991, Anfang 1992, als die Sowjetunion endgültig zu Gott heimgerufen wurde.
Von diesem Moment an begann der massenhafte Auszug der Russen aus Tschetschenien. Dazu muss man wissen, dass die Hauptstadt Grosny 1991 eine typisch sowjetische Stadt war. Ethnische Russen und Juden machten nicht nur einen bedeutenden Teil der Bevölkerung Tschetscheniens aus, sondern auch der lokalen Elite. In der Zeit von 1991 bis 1993 verwandelte sich Tschetschenien in eine monoethnische Enklave, die hervorragend mit sowjetischen Waffen ausgerüstet und bereit war, bis zu einem siegreichen Ende für die eigene Freiheit zu kämpfen.
Gegen Boris Jelzin wurden schwere Vorwürfe wegen des Verlusts eines Teils des russischen Territoriums erhoben, mit denen er sich nicht abfinden konnte. Also musste er sich etwas ausdenken und handeln. Doch die Vorbereitung entschlossener Schritte würde eine Weile dauern.
Der Kreml hatte viel Zeit damit zugebracht, die islamischen Regionen an der Wolga, Tatarstan (Tatarien) und Baschkortostan (Baschkirien), in den Dunstkreis seiner Kontrolle zurückzuholen. Später, nach dem Beschuss des Parlaments im Oktober 1993, mussten auch noch einige Anstrengungen unternommen werden, um sich die Loyalität des Gouverneurs der Region Primorje (informell das Zentrum des russischen fernen Ostens) Jewgeni Nasdratenko zu sichern, der sich ebenfalls als kleiner Zar einer selbstständigen Region wähnte.
Der Kreml konnte den Gouverneur des Gebiets von Swerdlowsk, Eduard Rossel, in die Schranken weisen, der eine Republik Ural mit unklarem Status innerhalb des russischen Bundes schaffen und in diesem neuen Quasistaat sogar eine eigene Währung namens »Uralfranken« einführen wollte.
Jelzin stand in jenen Jahren also nicht so recht der Sinn nach Tschetschenien. Vielleicht hatte Putins Vorgänger mit seiner animalischen Intuition auch begriffen: Tschetschenien und Dudajew sind ein äußerst schwieriges Problem, das man erst dann angehen kann, wenn die Lösung keinen Tag Aufschub mehr duldet.
Im Frühjahr 1994 wurde Arkadi Wolski zu Dudajew nach Grosny geschickt. Wolski war Präsident des Russischen Industriellen- und Unternehmerverbandes und Parteiapparatschik mit langjähriger Dienstzeit – früher hatte er im ZK der KPdSU die Abteilung Maschinenbau geleitet. Ende der 1980er-Jahre kümmerte er sich im Auftrag von Michail Gorbatschow um die Regulierung des Konflikts in Nagorny Karabach, einer von ethnischen Armeniern besiedelten, separatistischen Enklave von Aserbaidschan.
Im Namen von Boris Jelzin bot Wolski dem Anführer der Republik Itschkeria (wie sich Tschetschenien nun nannte) die jordanische Staatsbürgerschaft, eine ordentliche Summe Geldes in amerikanischen Dollars sowie eine Sicherheitsgarantie bei der Übersiedlung des Generals und seiner Angehörigen in den Nahen Osten an. Dafür sollte Dudajew zurücktreten und dem Kreml die faktische Kontrolle über die Republik geben.
Doch Jelzins Emissär stieß auf kategorische Ablehnung. Dudajew sagte ganz direkt, er wolle lieber in seiner Heimat sterben, als sich von der Idee der Unabhängigkeit zu verabschieden. Erzürnt rief er dem Emissär Wolski zu: »Ich habe mich in Ihnen getäuscht.«