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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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Bald nach Beginn des Zweiten Tschetschenien-Krieges erklärten Achmat-Hāddsch Kadyrow und die Jamadajews die tschetschenischen Bezirke Gudermes und Kurtschalojewsk zu Gebieten außerhalb von Maschadows Machtbefugnissen und übergaben den anrückenden föderalen Truppen die zweitgrößte Stadt der Republik Gudermes. Diese Ereignisse versetzten den sich zur Wehr setzenden Adepten der Unabhängigkeit einen herben moralisch-politischen Schlag. Von nun an standen Kadyrow und seine Partner auf der Seite Moskaus. Eine Ablösung Tschetscheniens von der Russischen Föderation brauchten sie nicht mehr.

Achmat-Hāddsch wurde bewusst, dass er viel mehr bekommen konnte als nur den formalen Status eines unabhängigen Staates auf einem heruntergewirtschafteten, zerschossenen und schwer lenkbaren Bergterritorium. Er konnte eine faktische Unabhängigkeit bekommen, die mit gigantischen finanziellen Geldflüssen aus Moskau fundiert war. Im Gegenzug musste er nur einen formalen Schwur der Loyalität gegenüber dem »weißen Zaren«, dem Hausherren des Moskauer Kremls tun.

Wie sagt der altchinesische Weise Kuàiliáng, eine Figur aus Luó Guànzhōngs bekanntem Roman Die Geschichte der drei Reiche, in dem er seinen Herrscher überredet, sich dem mächtigen Feind zu ergeben? »Gehorsam und Ungehorsam sind relativ, Stärke und Schwäche jedoch absolut.« Die Weisheit des mittlerweile verstorbenen Muftis Kadyrow lag darin, dass er sich optimal den Realitäten im russischen Nordkaukasus Ende des 20., Anfang des 21. Jahrhunderts anzupassen vermochte.

Entscheidend war nicht, die Unabhängigkeit auszurufen. Es reichte, Gehorsam anzudeuten und dafür irdisches Wohlergehen zu erlangen, von dem seine Vorfahren und auch er selbst, ein Kind der kasachischen Aussiedlung, nur hatten träumen können. Die Übersetzung der These von Kuàiliáng in die moderne Sprache der Monetokratie (der Allmacht des Geldes) konnte für Achmat-Hāddsch lauten: Gehorsam und Ungehorsam sind relativ, das große Geld und sein Fehlen jedoch absolut.

Der Sturm von Grosny setzte kurz vor Neujahr 2000 ein und endete am 6. Februar 2001. Von der tschetschenischen Hauptstadt war nur ein Haufen rauchender Trümmer übrig geblieben. Aber wer trauerte schon um die zerstörte Stadt, wenn dank des Krieges Wladimir Putins Umfragewerte 52 Prozent erreichten? Und das bei einem Ausgangswert von 6 Prozent im August 1999! Das alles hatte der Zweite Tschetschenien-Krieg bewerkstelligt. Und der wollte nicht aufhören – es ging immer weiter. Aslan Maschadow, Schamil Bassajew und Ruslan Geljajew hatten Grosny im Februar 2000 verlassen und dachten nicht daran aufzugeben. Immerhin verfügten sie über die erfolgreiche Erfahrung des Ersten Tschetschenien-Krieges. Erfahrung ist ein schrecklicher Lehrmeister des Menschen.

Nach den Präsidentschaftswahlen 2000, die Putin als Präsidenten des Landes legitimierten, stellte sich endgültig die Frage nach den bürgerlichen Gewalten in Tschetschenien. Im März wurde die Republik – vorübergehend für die Zeit einer ausgedehnten Anti-Terror-Operation – einer direkten föderalen Verwaltung unterstellt. Wladimir Putin musste ein Oberhaupt für die Republik wählen. Und das tat er recht schnelclass="underline" Achmat-Hāddsch Kadyrow.

Der 48-jährige Mufti, der kurz zuvor noch als Ideologe des antirussischen Dschihad aufgetreten war, schlug ein System strenger Verabredungen nach dem »Mafia-Kodex« vor: Ihr im Kreml gebt mir das Mandat für eine ungeteilte Macht in Tschetschenien, die Lizenz, alle meine Feinde zu töten, sowie ein reichhaltiges Finanzierungsbudget. Ich werde stets den Anschein erwecken, dass die Republik ein unverzichtbarer Teil von Russland ist. Ihr lasst mich den Krieg de facto gewinnen, und ich gebe euch das Recht zu behaupten, dass ihr den Krieg gewonnen habt.

Der Mufti hatte Glück: Er musste sich nicht mit dem ersten demokratisch gewählten Präsidenten der Russischen Föderation abgeben, sondern hatte es bereits mit dem zweiten zu tun. Auch wenn Boris Jelzin während seines Lebens im Amt einige Transformationen hatte erdulden müssen, war er doch bis zum Schluss Ideologe geblieben. Wladimir Putin, der als Staatslenker den logischen Übergang von der sowjetischen Ideokratie zu einer postsowjetischen Monetokratie vollenden sollte, fühlte und wusste hingegen, dass Geld und »Mafia-Kodex« stärker sind als jede Ideologie. Darin waren sich der Kreml-Herr und der tschetschenische Mufti einig.

Allerdings sparte Selimchan Jandarbijew in jenen Tagen nicht mit Offenbarungen über die tiefgreifende Zusammenarbeit zwischen Kadyrow Senior mit dem KGB der UdSSR, die angeblich bereits in den 1980er-Jahren begonnen hatte. Äußerst seltsam war beispielsweise das Studium des künftigen Muftis in der Koranschule von Buchara (Usbekistan), die er ab 1981 besuchte und bereits nach zwei Jahren abschloss, obwohl die volle Ausbildung ganze sieben Jahre in Anspruch nahm. Da passte einiges nicht zusammen. Kadyrow behauptete, dass er die Mauern der Koranschule dreieinhalb Mal so schnell hinter sich lassen konnte, weil er sich seit seiner kasachischen Kindheit inbrünstig dem Koranstudium gewidmet hatte, doch das glaubten nur wenige.

Nach Jandarbijews Theorie hatten die Kriegsfürsten Schamil Bassajew und Ruslan Geljajew bei der Rückeroberung von Grosny während des Ersten Tschetschenien-Krieges das KGB-Archiv der Republik gefunden, in dem sich auch sehr viele den Mufti belastende Dokumente befanden. Allerdings ist nicht klar, warum die Separatisten so lange schwiegen – vielleicht hatten sie in ihrem Kampf um die Macht gegen Aslan Maschadow auf Achmat-Hāddsch gezählt? Wie auch immer, die Folgen seiner Offenheit bekam der ehemalige Vize-Präsident von Tschetschenien 2004 in vollem Maße zu spüren, als ihn russische Agenten in Doha, der Hauptstadt von Katar, in die Luft sprengten.

Zunächst meinte man, ein ethnischer Russe und direkter Abgesandter Moskaus könne als Ministerpräsident von Tschetschenien die Macht von Achmat-Hāddsch Kadyrow halten, begrenzen und kontrollieren. Als Ersten in dieses Amt wählte man 2003 den stellvertretenden Gouverneur des Verwaltungsgebiets von Wolgograd Anatoli Popow. Doch das Oberhaupt der Tschetschenischen Republik zeigte ihm bald, was man im Nordkaukasus von Kontrolle und Rechenschaft hält.

Zwischen Kadyrow Senior und Popow kam es zu einem Zerwürfnis anlässlich der Finanzierung für den Bau einer großen Moschee aus dem föderalen Budget. Der Erste meinte, die Moschee müsse unbedingt gebaut werden, der Zweite hielt ihm entgegen, das Geld dafür sei im Budget nicht vorgesehen, und eine nicht zielgerichtete Verwendung von Staatsgeldern sei eine Straftat.

Das Ergebnis des Disputs: Auf einem Bankett in Grosny wurde Anatoli Popow vergiftet. Er konnte gerade noch gerettet werden, nachdem man ihn auf schnellstem Wege in ein Krankenhaus seiner Heimatstadt Wolgograd gebracht hatte. Sein Nachfolger auf dem Posten des Ministerpräsidenten der Republik Sergei Abramow zeigte sich hinsichtlich seiner Polemik bei Verhandlungen mit dem Präsidenten zu wichtigen wirtschaftlichen Fragen etwas zurückhaltender.

Zur selben Zeit wuchs auch die Bedeutung der Familie Jamadajew, in der neben Ruslan-Chalid und Sulim-Sulejman bereits jüngere Brüder in Erscheinung traten – Issa und Badrutdin. Die Jamadajews integrierten ihre Brigaden in die föderale Armee: Sulim wurde Kommandeur des offiziellen Bataillons der Hauptverwaltung für Aufklärung beim Generalstab Wostok. Allem Anschein nach sollte er nach dem Plan seiner Brüder die Rolle des wichtigsten militärischen Führers der Tschetschenischen Republik übernehmen. Für die Liquidierung des in Tschetschenien kämpfenden, besonders gefährlichen arabischen Söldners Abu l-Walid durch die Truppe Wostok wurde er 2005 als »Held Russlands« geehrt.

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