Wladimir - die ganze Wahrheit
- Автор: Belkowski Stanislaw
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: mvg verlag
- ISBN: 978-3-86414-439-4
- Жанр: Биографии и мемуары
Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
Auffällig war, dass im Mai 1996, kurz vor dem ersten Durchgang der russischen Präsidentschaftswahlen, Selimchan Jandarbijew und seine tschetschenischen Kollegen Jelzin ganz reale Hilfe leisteten. Die nachvollziehbaren Gefahren missachtend, waren sie nach Moskau gekommen und hatten sich vor laufenden Kameras mit dem föderalen Präsidenten getroffen, wobei sie sich gehorsam und geradezu untertänig zeigten.
Die Anführer des unabhängigen Tschetschenien erwiesen sich als brauchbare Schauspieler – dem tschetschenischen Volk liegt die Verstellungskunst generell im Blut, wie die Geschichte zeigt. Jelzin ließ es im Äther donnern und krachen, schimpfte auf Jandarbijew und seine Gefährten wie ein Rohrspatz, und die tschetschenische Delegation, die kurzzeitig ihre kriegerische Unabhängigkeitsmoral vergaß, verteidigte sich nur matt. Dem russischen Fernsehzuschauer musste ein solches Schauspiel natürlich gefallen.
Wie auch nicht: Wenn Jelzin auch den »kleinen siegreichen Krieg« verloren hatte, machte er die Sieger dennoch nass wie kleine Jungs! Jandarbijew agierte durchaus pragmatisch: Er wusste bereits, dass Moskau nach den Wahlen Friedensverhandlungen führen und einer faktischen Unabhängigkeit Tschetscheniens zustimmen würde. Man hatte ihn vorweg informiert, bereits während der Vorbereitung des äußerlich seltsamen, aber seinem Wesen nach völlig logischen Staatsbesuchs im vermeintlich feindlichen Moskau.
Im Juli 1996 holte Boris Jelzin seinen nominalen Wahlgegner ins Boot, der in Wirklichkeit ebenfalls vom Kreml positioniert worden war, um dem Kommunisten Gennadi Sjuganow Stimmen wegzunehmen. Es war Alexander Lebed, ehemaliger Oberkommandeur der 14. Armee, die im nicht anerkannten Transnistrien der Republik Moldau stationiert war. Der charismatische und brutale General Lebedew, der in seinem tiefsten Inneren alles andere als töricht oder ungebildet war, wurde von Boris Beresowski und Wladimir Gussinski mit allen möglichen finanziellen, organisatorischen und informativen Möglichkeiten ausgestattet und erreichte im ersten Wahldurchgang 15 Prozent der Stimmen. Danach willigte er ein, unter Jelzin Sekretär des Sicherheitsrats und Assistent des Präsidenten für Nationale Sicherheit zu werden, nachdem er seinem älteren Konkurrenten seine Wählerstimmen überlassen hatte.
Teilweise funktionierte das. Denn neben dem langweiligen Sjuganow punktete Lebed beim oppositionellen Wähler durch seine Jugend (obwohl er nur sechs Jahre jünger war als der diensttuende Kommunist, wirkte er einer anderen Generation zugehörig), durch seine unbändige Energie und den groben Glanz seiner zerhackten Sätze. »Hinfallen – reinfallen«, »Wer zuerst schießt, lacht am längsten«, »Mit verbundenen Augen schwimmt es sich schlecht in Salzsäure« – Lebeds Aphorismen werden dem Land noch lange im Gedächtnis bleiben.
Bemerkenswerterweise war General Lebed ein heftiger Gegner von Pawel Gratschow und stellte bei seiner Ernennung zum Sekretär des Sicherheitsrats die Bedingung, der Verteidigungsminister müsse unverzüglich ausgewechselt werden. Im Sommer 1996 stimmte Jelzin der »Auslieferung« seines treuen Ministers leidenschaftslos zu. Die gegebenen politischen Umstände erforderten dies, und Jelzin war bis ins Mark Politiker: in Strategie und Taktik, bestrafend und begnadigend, in Treue und Verrat. Er unternahm wichtige und hoch wichtige Entscheidungen nur aus politischen Motiven, andere Gründe waren für ihn stets zweitrangig.
Dergleichen lässt sich über unseren Helden Wladimir Putin nicht sagen. Sein Leben lang scheint er sich von der Politik freizuboxen und trifft seine Entscheidungen in erster Linie nach persönlicher Sympathie oder Antipathie, aufgrund seines eigenen Verständnisses moralischer Normen (gemäß einem »Mafia-Kodex«, nach dem heute ganz Russland lebt) und natürlich im Hinblick auf die wirtschaftlichen Interessen – seine eigenen und die des Staates.
Bald nach Jelzins Amtseinführung machte sich der Sekretär des Sicherheitsrates auf den Weg nach Tschetschenien und initiierte das sogenannte Abkommen von Chasawjurt (einer kleinen Stadt auf dagestanischem Territorium), das am 31. August unterzeichnet wurde und das Kriegsende sowie die Parameter der tschetschenischen Unabhängigkeit festschrieb. Gemäß dem Abkommen wurden die föderalen Streitkräfte vollständig aus Tschetschenien abgezogen, wobei eine Entscheidung über den Status der Republik auf den 31. Dezember 2001 verschoben wurde. Die aufständische Region war damit nicht formal, aber faktisch unabhängig.
Alle waren vom Vorgehen General Lebeds begeistert – von den Ultraliberalen bis hin zu den patentierten patriotischen Kommunisten sowjetischen Musters. Es hatte sich gezeigt: Er war es, der ersehnte Nachfolger des Präsidenten, der künftige zweite demokratisch gewählte Präsident der Russischen Föderation.
Selbstverständlich musste Lebeds jäher politischer Höhenflug, der in vielerlei Hinsicht durch Jelzins Team begünstigt worden war, bei diesem bitteren Neid hervorrufen. Zum Herbstende 1996 schickte der Präsident den Sekretär des Sicherheitsrats in den Ruhestand. Die politische Karriere von Alexander Lebed war damit aber noch nicht vorbei.
Im Frühjahr 1998 gewann er nicht ohne Glanz die Gouverneurswahlen in der Region Krasnojarsk – einer der größten Regionen des russischen Sibirien, berühmt als »russisches New Hampshire«. Hier spiegelt das Wahlverhalten des Elektorats am meisten die allgemeine politische Stimmung in Russland wider. Das Land wollte damals einen coolen Machtmenschen, und in Person von Lebed forderte das »russische New Hampshire« ihn ein.
Die beiden Höhepunkte des Wahlkampfes waren Alain Delons Besuch in der Stadt Krasnojarsk – ihn hatte Lebed während einer Reise nach Paris im Herbst 1996 kennengelernt – und die Fernsehdebatten mit dem Amtsinhaber Gouverneur Waleri Subow, während deren der ehemalige Sekretär des Sicherheitsrats seinen Opponenten gekonnt Paroli bot (und damit die Vorstellung zerstreute, er sei dümmlich). Wieder kam Lebed als möglicher künftiger Präsident ins Gespräch. Im Sommer 1999 schlug Beresowski den General allen Ernstes als Chef des Pro-Kreml-Wahlblocks »Einheit« vor.
Aber der Jelzin-Clan wollte nichts mehr von dem charismatischen Mann wissen, in dessen völlige politische Abhängigkeit er geraten war. Dort, wo auf der Vorbühne eine Putin-Figur auftauchen sollte, konnte ein Politiker des Systems Lebed nicht mehr blühen und gedeihen. Ab dem Jahr 2000 begann Jelzins Nachfolger, den General still, aber konsequent abzudrängen, indem er ihn keinen übernationalen politischen Raum mehr gewinnen ließ. 2002 kam der Initiator des Abkommens von Chasawjurt bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben, ohne seine zweiten Gouvernementswahlen erlebt zu haben.
Im Herbst 1996 wurde der gedanken- und willenlose Iwan Rybkin Sekretär des Sicherheitsrats. Er war Sprecher der ersten postsowjetischen Staatsduma gewesen, ein bescheidener Parteiapparatschik aus Woronesh und einer der nominalen Anführer der Agrarpartei. Sein offizieller Stellvertreter war immer noch Boris Beresowski. Dieser befasste sich vor allem mit dem Geiselproblem – der Befreiung von Menschen, die während des Krieges verschwunden waren. Es gelang ihm, einige Dutzend Menschen auszulösen.
Viele Beobachter meinten, die Planung des Zweiten Tschetschenien-Kriegs, der Putin in den Kreml beförderte, ginge auf Beresowski zurück. Daran habe ich meine Zweifel. Wohl kaum haben Jelzins Verwandte, ohne die der Zweite Tschetschenien-Krieg nicht hätte beginnen können, Beresowski eine derart geheime Information zukommen lassen, die, durch ein loses Mundwerk in aller Welt verbreitet, unausweichlich zum Scheitern des Plans geführt hätte.
Wahrscheinlicher ist, dass dieser Krieg ohne Beresowski geplant wurde. Sein Name wurde nur genannt, damit man »im Fall der Fälle«, zum Beispiel bei einem Scheitern, die gesamte Verantwortung auf den anrüchigsten der Beteiligten an diesem Unternehmen zur Sicherung von Jelzins politisch-wirtschaftlichem System abwälzen konnte.
Ich erinnere daran, dass der Zweite Tschetschenien-Krieg formal am 30. September 1999 begann, als die föderalen Streitkräfte wie im Mai 1996 auf das Territorium von Tschetschenien vorrückten. Dies geschah auf Erlass von Boris Jelzin vom 23. September. Der Erlass klang schwammig: »Zu den Maßnahmen einer Erhöhung der Effektivität von Anti-Terror-Maßnahmen auf dem Territorium der Nordkaukasus-Region der Russischen Föderation«. Das heißt, der Krieg wurde wie zuvor nicht offen als solcher bezeichnet und blieb eine »Anti-Terror-Maßnahme«. Dadurch musste der Präsident Russland nicht in den Kriegszustand versetzen oder, wie in der Verfassung vorgesehen, die Erlaubnis des Föderationsrats einholen, der höchsten Kammer des Parlaments, die dem Kreml gegenüber zu diesem Zeitpunkt weniger loyal war als heute. Der Föderationsrat hätte 1999 theoretisch die Ausrufung des Kriegszustandes ablehnen können und damit dem Szenario »Nachfolger« einen herben Schlag versetzt.