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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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Der Tag X, der »Tag der Schlacht«, der als Signal für die politische Kampagne des Jahres 1996 diente, war im November 1994 gekommen. Nach der »Schocktherapie« der Liberalisierungsreformen von Jegor Gaidar und seinen Nachfolgern, nach dem Einsetzen einer Massennostalgie nach der kommunistischen Zeit mit ihrem funktionierenden Sozialsystem und den Institutionen zur Sozialisierung des Menschen generell, nach dem Entstehen einer um sich greifenden Psychose zum Thema »Unter Stalin waren wir jung, da wusste man noch, was Liebe ist«, nach all dem Bedauern darüber, dass man die parlamentarische Demokratie in Russland unter Beschuss gesetzt hatte, konnte sich Boris Jelzin sicher sein, dass er die Präsidentenwahlen 1996 nicht so einfach gewinnen würde.

Was er brauchte, war ein »kleiner siegreicher Krieg«. Arena und Stoßrichtung sollten Tschetschenien sein. Man wollte das separatistische Regime von Dudajew zermalmen und die aufständische Republik in den Mutterschoß des föderalen Zentrums zurückführen – was hätte ein besserer Grund sein können, Jelzin für eine zweite Amtszeit zu wählen?

Viele Mitstreiter des ersten, demokratisch gewählten Präsidenten von Russland wollten ihn von voreiligen Entscheidungen abhalten. Es waren Menschen, die sich konträr gegenüberstanden – ideologisch, mental und kulturelclass="underline" von Jegor Gaidar bis Alexander Korschakow. Aber Jelzin setzte seinen Willen durch. Erstens lag es daran, dass der »kühne Boris«, der es riskiert hatte, im August 1991 das Staatliche Komitee für außergewöhnliche Zwischenfälle mit seiner gesamten Machtmaschinerie herauszufordern, sein wahres politisches Glück nur in radikalen Lösungen fand und in revolutionären Entscheidungen einen Abglanz seines Leitsterns sah. Zweitens machte dem Kreml-Herren der Verteidigungsminister der Russischen Föderation, Armeegeneral Pawel Gratschow, den Krieg schmackhaft. In den Tagen des Putsches im August 1991 hatte der Oberkommandant der Luftlandetruppen der UdSSR als einer der ersten sowjetischen Offiziere hohen Ranges Jelzin die Treue gehalten und die Anweisungen des Staatlichen Komitees für außergewöhnliche Zwischenfälle ignoriert. Zum Dank wurde er 1991 zum ersten Verteidigungsminister der unabhängigen RSFSR ernannt.

Seine wesentlichen Pluspunkte holte sich General Gratschow jedoch etwas später – am 3. und 4. Oktober 1993 –, als das Staatsoberhaupt, das entgegen der russischen Verfassung das Parlament aufgelöst hatte, auf den bewaffneten Widerstand mehrerer feindlicher Gruppierungen stieß, die sich im Gebäude des Obersten Sowjets verschanzt hatten, dem berüchtigten Weißen Haus an der Krasnopresnenskaja nabereschnaja. Die Konfrontation mit dem aufgelösten Höchsten Sowjet, dessen Anhängern das Weiße Haus als letztes Bollwerk geblieben war, konnte nicht friedlich enden. Das Weiße Haus musste gestürmt werden, andernfalls hätte Jelzin ernsthaft einen Machtverlust und einen Umsturz riskiert.

In diesem Moment gab ihm das Ministerium für Staatssicherheit – der Nachfolger des legendären KGB – zu verstehen, dass seine Interessen nicht mit denen von Jelzin übereinstimmten und es nicht bereit war, Befehle zum Blutvergießen auszuführen. Alle Hoffnung lag nun auf dem Verteidigungsministerium und Gratschows Getreuen. Sie ließen Jelzin nicht im Stich.

Das Weiße Haus wurde am 4. Oktober von Panzern beschossen, wonach Spezialeinheiten ungehindert das Gebäude betreten und alle Anführer der aufständischen Abgeordneten verhaften konnten, einschließlich des Sprechers des Höchsten Sowjets Ruslan Chasbulatow und des Vize-Präsidenten Alexander Ruzkoi. Der Präsident der Russischen Föderation hatte also allen Grund, Gratschow zu vertrauen.

Dieser versuchte nun, Jelzin, sich und die Nation davon zu überzeugen, man könne Grosny quasi mit den Truppen »eines Fallschirmjägerregiments« einnehmen. Dabei war Gratschow nicht nur ein außergewöhnlich gerissener Höfling, der dem politischen Führer lediglich das empfahl, was dieser wollte. (Wir erinnern uns an ein ähnliches Verhalten von Alexander Woloschin im Jahr 2000, als Putin nicht zum Katastrophen-U-Boot Kursk fahren wollte und seine Höflinge ihm erklärten, warum er mit seinem Aufschiebeverhalten absolut richtig lag.) Darüber hinaus muss jede Armee ab und zu einen wie auch immer gearteten Krieg führen, um das Land und die Gesellschaft an ihre Unverzichtbarkeit zu erinnern. Ohne Krieg rostet eine Armee und ähnelt früher oder später einem Nassauer, einem parasitären Gewächs am Staatskörper, das ziellos gigantische Mittel des Steuerzahlers verschlingt.

Im November 1994 setzten sich die föderalen Panzer Richtung Tschetschenien in Bewegung. Die Republik wurde geradezu dem Erdboden gleichgemacht. Vom Schauplatz der Kriegshandlungen kamen die Särge mit russischen Soldaten zunächst zu Hunderten, dann zu Tausenden zurück. Dennoch wollte sich kein Triumphgefühl einstellen, weder bei den Eliten der Gesellschaft noch in den Massenmedien.

Anfang 1996 wusste man, dass Jelzin mit dem Thema »kleiner siegreicher Krieg« politisch nicht weit kommen würde. Daraufhin wurde ein alternatives, zutiefst antikommunistisches Szenario der Wiederwahl des Präsidenten für eine zweite Amtszeit erwogen, erdacht von Boris Beresowski, Anatoli Tschubais und ihren damaligen Gleichgesinnten.

Was Tschetschenien betraf, so meinte Jelzin, ein »schlechter Frieden« sei besser als ein »gerechter Krieg«.

Bereits 1995 hatten in der formal befriedeten, aber in Wirklichkeit keineswegs untertänigen Bergrepublik Präsidentschaftswahlen stattgefunden, die der Günstling des Kremls, der ehemalige Erste Sekretär des Tschetscheno-Inguschetischen Komitees der KPdSU Doku Sawgajew gewann. Doch Herr Sawgajew wurde keineswegs das legitime Oberhaupt von Tschetschenien. Er war nicht einmal in der Lage, seine Residenz in dem von föderalen Fliegern zerbombten Grosny zu errichten, und hielt sich in einem extra abgesicherten Objekt auf – dem Militärflughafen Sewerny in der Nähe der tschetschenischen Hauptstadt.

Im April 1996 fand General Dschochar Dudajew in den Bergen seinen Tod. Er wurde von einer ferngesteuerten Rakete getroffen, die von einem Standort der russischen Truppen abgefeuert worden war. Man konnte Dudajew deswegen anpeilen, weil er im Moment des Angriffs über das System Iridium sprach (das damals als Kommunikationsmittel zu schlecht erreichbaren Orten sehr beliebt war). Er telefonierte gerade mit dem marginalen russischen Politiker und ehemaligen Börsenbroker Konstantin Borowoi, der als einer der wenigen politisch aktiven russischen Bürger mit dem Führer des tschetschenischen Aufstandes sympathisierte. In Wirklichkeit wird Borowoi wohl eine delikate Mission der russischen Geheimdienste ausgeführt haben, wofür er auch die Verbindung zu Dudajew hergestellt haben dürfte.

In der Neujahrsnacht des Jahres 1996 stürmten die Truppen des unabhängigen Itschkerias Grosny und stellten die Kontrolle über ihre Hauptstadt wieder her. Der Kreml, dem die militärischen Argumente ausgegangen waren und der innerhalb der russischen Bevölkerung auf immer mehr Unzufriedenheit mit der militärischen Aktion stieß, musste nun feststellen, dass er den »Ersten Tschetschenien-Krieg« verloren hatte.

Nach Jelzins erzwungenem und fadem Wahlsieg für eine zweite Amtsperiode als Präsident ließ Moskau freie Wahlen in Tschetschenien zu, das nun ohne Dudajew existierte. Erwartungsgemäß siegten die Separatisten. Präsident der Republik und Regierungschef wurde Aslan Maschadow, Oberst der sowjetischen Armee und Leiter von Dudajews Stab. Als Zweiter erreichte der junge Anführer der aufständischen Einheiten Schamil Bassajew das Ziel, der dafür mit dem Posten des ersten Vize-Ministerpräsidenten von Tschetschenien geehrt wurde.

Maschadow und Bassajew mochten sich nicht und waren meist verfeindet, aber einig in ihrem Wunsch nach einer Separierung von Moskau und der Ablehnung einer Mitgliedschaft ihrer Republik in der Russischen Föderation. Gemeinsam lösten sie Dudajews nominalen Nachfolger Selimchan Jandarbijew ab, den Vize-Präsidenten von Tschetschenien, der einige Monate nach dem Tod des Generals die Präsidentenpflichten übernommen hatte.

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