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Fahrstuhl zu den Sternen

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Fahrstuhl zu den Sternen
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Die Raumstation Ashoka kontrollierte nahezu alles, was mit Kommunikation, Meteorologie, Umweltbeobachtung und Raumfahrt im indochinesischen Sektor zu tun hatte. Wenn sie jemals zu funktionieren aufhörte, stünden augenblicklich eine Milliarde Menschenleben auf dem Spiel. Es war daher nicht verwundlich, dass Ashoka über zwei absolut selbständige Subsatelliten verfügte, Bhaba und Sarabhai, die einhundert Kilometer entfernt waren. Aber selbst wenn eine unausdenkbare Katastrophe alle drei Stationen zerstörte, könnten Kinte und Imhotep im Westen und Konfuzius im Osten Notdienste leisten. Die Menschheit hatte anhand bitterer Erfahrungen gelernt, Verletzbarkeit durch Verteilung der Gefahrenpunkte zu verringern.

Hier, so weit von der Erde entfernt, gab es keine Touristen, Feriengäste oder Durchreisende. Diese beschränkten sich auf Höhen von ein paar tausend Kilometern und überließen die hochgelegene Synchron-Umlaufbahn den Wissenschaftlern und Technikern — aber auch von ihnen war keiner je nach Ashoka gekommen.

Das Kernstück des »Unternehmens Bindfaden« schwebte in einer der mittelgroßen Anlegekammern der Raumstation und wartete auf die abschließende technische Prüfung. Es sah nicht besonders eindrucksvoll aus. Seine äußere Erscheinung gab keinen Hinweis auf die Mannjahre und die Millionen, die seine Entwicklung verschlungen hatte.

Der mattgraue Kegel, vier Meter lang, mit einem Durchmesser von zwei Metern an der Basis, schien durch und durch aus Metall zu bestehen. Es bedurfte eines aufmerksamen Blicks aus der Nähe, um den dicht gewundenen Faden zu erkennen, der die Oberfläche bedeckte. Und nicht nur die Oberfläche. Abgesehen von einem schlanken Kern und den Plastikstreifen, die Hunderte von Windungslagen voneinander trennten, bestand der ganze Kegel aus einem sich allmählich verjüngenden Faden Hyperdraht — vierzigtausend Kilometer lang.

Zwei längst überholte und voneinander verschiedene Technologien waren für die Herstellung des unscheinbaren grauen Zylinders wieder zum Leben erweckt worden. Vor dreihundert Jahren hatten transozeanische Telegrafen über unterseeische Kabel zu funken begonnen. Vermögen waren verloren worden, bis man die Kunst erlernte, Tausende von Kilometern Kabel auf- und danach mit gleichbleibender Geschwindigkeit von Kontinent zu Kontinent wieder abzurollen, ungeachtet der Stürme und aller anderen Gefahren der See. Ungefähr ein Jahrhundert später waren die ersten primitiven Lenkraketen, die sich mit ein paar hundert Kilometern pro Stunde bewegten, mit Hilfe von dünnen Drähten, die sich während des Zielanflugs abwickelten, kontrolliert worden. Morgans Vorhaben übertraf die Reichweite der Kriegsmuseumsstücke um das Tausend-, ihre Geschwindigkeit um das Fünfzigfache. Allerdings hatte er mehrere Vorteile. Sein Projektil bewegte sich, mit Ausnahme der letzten einhundert Kilometer, durch Vakuum. Und sein Ziel würde wahrscheinlich nicht auszuweichen versuchen.

Die Projektmanagerin machte Morgan durch ein verlegenes Hüsteln auf sich aufmerksam.

»Es gibt immer noch ein Problem, Doktor«, sagte sie. »Wir haben zwar das Abspulen fest im Griff — alle Tests und Rechnersimulationen sind zufriedenstellend, wie Sie gesehen haben. Aber das Rückspulen bereitet den Sicherheitsleuten Kopfzerbrechen.«

Morgan blinzelte überrascht. Mit dieser Frage hatte er sich so gut wie gar nicht befasst. Es schien auf der Hand zu liegen, dass das Rückspulen des Drahtes im Vergleich zum Abrollen trivial war. Gewiss doch brauchte man nicht mehr als eine motorisierte Winde, womöglich mit ein paar Zusatzvorrichtungen, die den geringen, stetig abnehmenden Durchmesser des Hyperdrahtfadens berücksichtigten. Aber er wusste, dass man in der Raumtechnik niemals etwas als gegeben hinnehmen durfte und dass die Intuition — besonders die Intuition eines erdgebundenen Technikers — mitunter ein teuflischer Ratgeber war.

Wie ging das doch? Wenn das Experiment beendet ist, schneiden wir das erdseitige Ende los, und Ashoka wickelt den Draht wieder auf. Wenn man natürlich an einem Ende einer vierzigtausend Kilometer langen Leine zu ziehen beginnt, dann tut sich ein paar Stunden lang überhaupt nichts. Bis der Impuls das andere Ende erreicht, vergeht ein halber Tag. Die Spannung wird also aufrechterhalten und — oh!

»Man hat ein paar Berechnungen angestellt«, fuhr die Managerin fort. »Wenn der Draht endlich in Fahrt kommt, dann rollen etliche Tonnen mit einer Geschwindigkeit von eintausend Kilometern pro Stunde auf diese Station zu. Den Sicherheitsleuten gefällt das überhaupt nicht.«

»Verständlich. Was erwarten sie von uns?«

»Dass wir eine geringere Rückspulgeschwindigkeit ansetzen und den Impuls dauernd unter Kontrolle halten. Falls es gefährlich wird, müssen wir die Station verlassen und die Rückspulung draußen abwickeln.«

»Bedeutet das eine Verzögerung?«

»Nein. Wir haben einen Plan für den Notfall entwickelt. Wir bringen das Ding in fünf Minuten durch die Schleuse nach draußen, wenn es nötig wird.«

»Und zurück?«

»Ohne Mühe.«

»Hoffentlich haben Sie recht. Diese Angelschnur kostet ein gutes Stück Geld. Und ich brauche sie noch.«

Ja — aber wo?, fragte sich Morgan, wobei er die langsam wachsende Sichel der Erde anstarrte. Es war vielleicht besser, zuerst das Marsprojekt zum Abschluss zu bringen, selbst wenn er dafür mehrere Jahre Exil in Kauf nehmen musste. Sobald Mons Pavonis in Betrieb war, blieb der Erde keine andere Wahl als nachzuziehen. Er zweifelte nicht daran, dass die letzten Hindernisse irgendwie aus dem Weg geräumt werden würden.

Dann gab es eine Brücke über den Abgrund, den er jetzt hinabstarrte, und der Ruhm, den Gustave Eiffel sich vor dreihundert Jahren erworben hatte, würde vor dem seinen verblassen.

Die erste Talfahrt

Es würden mindestens noch zwanzig Minuten vergehen, bis man etwas zu sehen bekam. Trotzdem befanden sich alle, die eigentlich in den Kontrollstand gehörten, draußen im Freien und starrten zum Himmel hinauf. Selbst Morgan vermochte der Versuchung kaum zu widerstehen und bewegte sich langsam auf die Tür zu.

In seiner unmittelbaren Nähe — und nie weiter als ein paar Meter entfernt — befand sich Maxine Duvals neuester Assistent, ein Athlet von siebenundzwanzig Jahren. Auf den Schultern trug er die üblichen Utensilien seines Handwerks: Zwillingskameras in der traditionellen Rechts-vorwärts-links-rückwärts-Anordnung. Über den Kameras schwebte eine Kugel von der ungefähren Größe einer Grapefruit. Die Antenne im Innern der Kugel vollbrachte wundersame Dinge: Wohin und wie schnell sich ihr Träger auch immer bewegte, sie blieb stets auf den nächsten Nachrichtensatelliten ausgerichtet. Am anderen Ende dieser komplexen Funkleitung saß Maxine Duval bequem in ihrem Studio, sah durch die Augen und hörte durch die Ohren ihres »zweiten Selbst«, ohne jedoch wie dieses die Lungen in der dünnen, kalten Luft strapazieren zu müssen. Diesmal hatte sie sich den bequemeren Teil ausgewählt; aber es ging bei weitem nicht immer so.

Morgan hatte sich auf das Arrangement mit einigem Zögern eingelassen. Er wusste, dass dies ein historischer Augenblick war, und akzeptierte Maxines Versicherung, »mein Mann wird Ihnen nicht in die Quere kommen«. Er war sich auf der anderen Seite aber deutlich all der Dinge bewusst, die bei einem so neuartigen Experiment schiefgehen konnten — besonders während der letzten hundert Kilometer des Abstiegs durch die Atmosphäre. Schließlich und endlich jedoch konnte er sich darauf verlassen, dass Maxine sowohl Fehlschlag als auch Erfolg ohne Sensationalismus behandeln würde.

Wie alle großen Berichterstatter blieb Maxine Duval gefühlsmäßig nicht unberührt von den Ereignissen, über die sie berichtete. Sie schilderte objektiv und ohne Auslassung alle Gesichtspunkte, die sie für wesentlich hielt. Sie machte dabei keinen Hehl aus ihren Gefühlen, erlaubte ihnen jedoch nicht, ihre Darstellung zu färben. Sie hatte enormen Respekt vor Morgan und betrachtete ihn mit der neidischen Ehrfurcht des Menschen, dem alle schöpferische Fähigkeit abgeht. Seit der Fertigstellung der Brücke von Gibraltar hatte sie darauf gewartet, was der Ingenieur als Nächstes unternehmen würde. Sie war nicht enttäuscht worden. Aber obwohl sie Morgan Glück wünschte, mochte sie ihn nicht wirklich. Nach ihrer Ansicht verwandelten ihn die Energie und die Unaufhaltsamkeit seines Ehrgeizes in etwas, das zugleich mehr als lebensgroß und weniger als menschlich war. Sie konnte nicht umhin, ihn mit Warren Kingsley, seinem Stellvertreter, zu vergleichen. Der war ein durch und durch netter, angenehmer Mensch. (»Und ein besserer Ingenieur als ich«, hatte Morgan einst ziemlich ernsthaft zu ihr gesagt.) Aber niemand erfuhr je von Kingsley; er würde stets im Schatten seines beeindruckenden Vorgesetzten stehen. Und damit völlig zufrieden sein.

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