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Fahrstuhl zu den Sternen

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Fahrstuhl zu den Sternen
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Falls die marsianische Analyse nicht einen grundlegenden Fehler enthielt — er hätte in diesem Augenblick eine große Summe gewettet, dass dies nicht der Fall war —, dann hatte sein Ruhestand ein frühzeitiges Ende erfahren. Es war ihm an ihm selbst schon des Öfteren und nicht ohne inneres Amüsement aufgefallen, dass er über vergleichsweise triviale Entscheidungen lange und angestrengt nachdachte, während er die Entschlüsse, die wahrhaft sein Leben betrafen, stets ohne Zögern traf. Er hatte immer gewusst, was getan werden musste, und sich nur selten geirrt.

In dieser frühen Phase jedoch war es klug, nicht zu viel intellektuelles und emotionelles Kapital in ein Vorhaben zu stecken, von dem sich immer noch herausstellen mochte, dass aus ihm nichts wurde. Der Bankier hatte sich inzwischen verabschiedet; er befand sich auf dem ersten Abschnitt seiner Reise nach Tranquility-Hafen, über Oslo und Gagarin. Morgan fand es unmöglich, sich den Beschäftigungen zu widmen, die er für den langen Nordabend geplant hatte. Seine Gedanken waren nicht bei der Sache; sie beschäftigten sich unablässig mit den neuen Zukunftsaussichten, die sich plötzlich vor ihm aufgetan hatten.

Nach ein paar Minuten ruhelosen Auf- und Abgehens nahm er schließlich an seinem Schreibtisch Platz und begann, seine Verpflichtungen in der Reihenfolge ihrer Dringlichkeit niederzuschreiben. Am Beginn der Liste standen also diejenigen, deren er sich am leichtesten entledigen konnte. Bald jedoch ging ihm für solche Routinebeschäftigung die Geduld aus. Irgendwo tief drunten in seinem Bewusstsein hatte etwas zu pochen begonnen und versuchte, ihn auf sich aufmerksam zu machen. Wenn er sich aber darauf konzentrieren wollte, dann entwischte es ihm — wie ein Wort, das einem »auf der Zunge liegt«, an das man sich aber partout nicht erinnern kann.

Mit einem enttäuschten Seufzer überließ er den Schreibtisch sich selbst und trat hinaus auf die Veranda, die an der Westwand des Hotels entlanglief. Es war sehr kalt; aber die Luft verhielt sich reglos, und die Kälte wirkte eher als ein Stimulus denn unangenehm. Der Himmel war ein Lichtteppich aus Sternen, und die gelbe Mondsichel sank auf ihr Spiegelbild auf der Oberfläche des Fjords zu, die so dunkel und glatt war, als bestünde sie aus poliertem Ebenholz.

Vor dreißig Jahren hatte er fast am selben Platz gestanden, mit einer jungen Frau, an deren Aussehen er sich nur noch undeutlich erinnerte. Sie hatten beide ihr erstes Examen gefeiert, und das war auch alles, was sie miteinander verband. Es war keine ernsthafte Affäre gewesen; sie waren jung und mochten einander — mehr nicht. Aber die Erinnerung, so vage sie auch sein mochte, hatte ihn ausgerechnet in diesem kritischen Augenblick seines Lebens zum Trollshaven-Fjord zurückgebracht. Was der zweiundzwanzigjährige Student wohl gesagt hätte, wenn ihm offenbart worden wäre, dass sein Weg ihn dereinst an diesen Ort freundlicher Erinnerungen zurückführen werde, drei Jahrzehnte in der Zukunft?

Morgan empfand weder Nostalgie noch Selbstbedauern, eher heimliches Vergnügen. Er hatte es nie bereut, dass er und Ingrid in Frieden auseinandergegangen waren, ohne den üblichen Ehevertrag auf ein Jahr Dauer auch nur in Erwägung zu ziehen. Seitdem hatte sie drei Männer mehr oder weniger unglücklich gemacht und schließlich einen Job bei der Mondkommission ergattert. Morgan hatte sie aus den Augen verloren, und in diesem Augenblick fragte er sich, ob sie sich wohl irgendwo auf der schimmernden Sichel dort befinden mochte, deren Farbe der ihres goldenen Haares glich.

Genug mit der Vergangenheit. Morgan wandte seine Gedanken der Zukunft zu. Wo war der Mars? Zu seiner Blamage musste er zugeben, dass er nicht einmal wusste, ob der Planet heute Nacht überhaupt sichtbar war. Sein Blick glitt den Pfad der Ekliptik entlang, vom Mond zum strahlenden Leuchtfeuer der Venus und darüber hinaus; aber nirgendwo in diesem Durcheinander von glänzenden Lichtern fand er etwas, das er zweifelsfrei als den roten Planeten hätte identifizieren können. Er empfand Erregung bei dem Gedanken, dass er, der noch niemals über die Mondbahn hinausgekommen war, die gewaltigen roten Wüsten des Mars mit eigenen Augen zu sehen bekommen würde und die zwei kleinen Monde, wie sie sich innerhalb weniger Stunden durch ihre Phasen drehten.

In diesem Augenblick brach der Traum in sich zusammen. Morgan stand einen Augenblick wie gelähmt. Dann stürzte er zurück in sein Zimmer und vergaß von einem Augenblick zum andern die Schönheit der Sternennacht.

Es gab in seinem Zimmer keine Allzweckkonsole, also musste er hinunter ins Foyer, um sich die benötigte Information zu beschaffen. Wie das Pech es wollte, war die Zelle von einer älteren Dame besetzt, die sich bei ihrer Sache so umständlich tat, dass Morgan um ein Haar an die Tür gepocht hätte. Schließlich aber entfernte sie sich mit einer gemurmelten Entschuldigung, und als Morgan die Zelle betreten hatte, stand er dem gesammelten Wissen der gesamten Menschheit gegenüber.

In seinen Studentenjahren hatte er mehrere Informationsmeisterschaften gewonnen — Rennen gegen die Uhr, bei denen obskure Informationen zur Beantwortung von Fragen, die sadistische Schiedsrichter sich ausgedacht hatten, aus den Speicherinhalten von Computern gegraben werden mussten. (»Wie viel Regen fiel in der Hauptstadt des kleinsten irdischen Nationalstaats an dem Tag, an dem die zweithöchste im internationalen Fußball je erreichte Zahl von Toren geschossen wurde?« An diese Frage erinnerte er sich mit besonderer Zuneigung.) Seine Geschicklichkeit hatte im Lauf der Jahre zugenommen, überdies handelte es sich hier um eine Frage mit geringer Komplexität. Die Antwort erschien nach dreißig Sekunden auf dem Bildschirm, viel detaillierter, als er sie eigentlich brauchte.

Morgans Blick ruhte eine Zeitlang auf der Bildfläche. Dann schüttelte er in konsternierter Verwunderung den Kopf.

»Das können sie unmöglich übersehen haben!«, murmelte er. »Aber was können sie dagegen tun?«

Morgan drückte den KOPIE-Knopf und trug das dünne Blatt Papier mit sich zurück zu seinem Zimmer, wo er eine mehr in Einzelheiten gehende Analyse anfertigte. Das Problem lag mit derart unverschämter Klarheit auf der Hand, dass er eine Zeitlang fürchtete, er hätte eine ebenso offensichtliche Lösung übersehen und würde sich lächerlich machen, wenn er die Sache zur Sprache brachte. Aber es gab keinen denkbaren Ausweg …

Er sah auf die Uhr: Nach Mitternacht. Aber hier ging es um etwas, das sofort ins Reine gebracht werden musste.

Zu Morgans Erleichterung stellte sich heraus, dass der Bankier seinen NICHT-STÖREN-Knopf noch nicht aktiviert hatte. Er antwortete sofort, gab sich jedoch ein wenig überrascht.

»Ich hoffe, ich habe Sie nicht geweckt«, sagte Morgan.

»Nein — wir setzen gerade zur Landung auf Gagarin an. Wo brennt's?«

»Über dem Mars. Der innere Mond, Phobos, ungefähr zehn Teratonnen, die sich mit zwei Kilometern pro Sekunde bewegen. Ein kosmischer Rammbock, der alle elf Stunden an dem Fahrstuhl vorbeikommt. Ich habe die Wahrscheinlichkeit noch nicht genau ausgerechnet, aber es wird unweigerlich alle paar Tage zu einem Zusammenstoß kommen.«

Am anderen Ende war es lange Zeit still. Dann sagte der Bankier: »Selbst ich hätte mir das ausrechnen können. Also hat offensichtlich jemand eine Lösung. Vielleicht müssen wir Phobos aus dem Weg schaffen.«

»Unmöglich: Die Masse ist viel zu groß.«

»Ich muss Mars anrufen. Die Verzögerung ist gegenwärtig zwölf Minuten. Innerhalb einer Stunde müsste ich wenigstens eine vorläufige Antwort für Sie haben.«

Hoffentlich, dachte Morgan. Und am besten eine plausible. Das heißt: Wenn mich diese Aufgabe wirklich interessiert.

Gottes Finger

Dendrobium macarthiae blühte gewöhnlich mit dem Südwestmonsun, aber dieses Jahr war es früh dran. Als Johan Radschasinghe in seinem Orchideenhaus stand und die vielblättrigen rosé-violetten Blüten bewunderte, erinnerte er sich daran, dass ihm letztes Jahr, als er die Blumen betrachten kam, ein Wolkenbruch eine halbe Stunde lang den Rückweg zur Villa abgeschnitten hatte.

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