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Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]

Электронная книга - «Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]». Краткое содержание книги:

Severian, das ausgestoßene Mitglied der Gilde der Folterer, ist auf dem Weg nach Norden, denn er wird zur Strafe nach Thrax geschickt. Dort soll er als Henker dienen, doch die Reise hält einige Überraschungen für den jungen Mann bereit: Er verliebt sich in Agia, die Schwester eines Revolutionärs, den Severian hinrichten musste. Doch Agia flieht, und Severian sucht nach ihr. Dabei trifft er einen komplett grünen Menschen, der als Sklave auf einem Jahrmarkt ausgestellt wird. Angeblich kann er jede Frage beantworten – weil er aus der Zukunft kommt …
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Ich mußte an das Küchenmesser, das ich für Thecla gestohlen hatte, denken und an das scharlachrote Rinnsal, das unter ihrer Zellentür in der Oubliette hervorgedrungen war, und sagte: »Stimmt es, daß die Gefangenen hier ihre Verbrechen wirklich vergessen?«

Lomer blickte auf. »Halt! Frage für Frage – lautet die Regel, die alte Regel. Wir hier halten die alten Regeln noch. Wir sind die letzten der alten Sippe, Nicarete und ich, aber solange wir leben, gelten die alten Regeln noch. Frage gegen Frage. Hast du Freunde, die sich für deine Freilassung einsetzen könnten?«

Dorcas würde das sicherlich tun, wenn sie wüßte, wo ich bin. Dr. Talos war so unberechenbar wie die Figuren, die man in den Wolken sieht, und hätte mich aus eben diesem Grunde hier herausholen können, obwohl ihm ein wirkliches Motiv dafür fehlte. Von größter Bedeutung war vielleicht, daß ich Vodalus’ Bote war, und Vodalus hatte wenigstens einen Getreuen im Haus Absolut – den Mann, dem ich die Nachricht überbringen sollte. Ich hatte während unseres Rittes nach Norden zweimal versucht, das stählerne Ding fortzuwerfen, was ich aber nicht über mich brachte; offenbar hatte mir der Alzabo einen weiteren Bann auferlegt, wofür ich nun dankbar war.

»Hast du Freunde? Verwandte? Dann könntest du womöglich etwas für uns tun.«

»Freunde, vielleicht«, sagte ich. »Sie würden mir wohl helfen, wenn sie nur wüßten, was mir zugestoßen ist. Hätten sie denn überhaupt Möglichkeiten dazu?«

In dieser Art unterhielten wir uns eine lange Zeit; wollte ich das alles niederschreiben, würde meine Geschichte kein Ende nehmen. In diesem Saal kann man nichts anderes tun als reden und sich mit ein paar einfachen Spielen beschäftigen, was die Gefangenen so lange betreiben, bis alle Würze aus ihnen gewichen ist und sie ausgelaugt sind wie ein Knorpel, auf dem ein Hungriger den ganzen Tag herumgekaut hat. In vielerlei Hinsicht haben es diese Gefangenen besser als die Klienten unter unserem Turm; bei Tag brauchen sie keine Qualen zu fürchten und sind nicht allein. Aber weil die meisten davon schon so lange hier sind, was in unserer Oubliette nur selten der Fall ist, sind unsere Klienten zum großen Teil voller Hoffnung, während diejenigen des Hauses Absolut verzweifeln.

Nach mindestens zehn Wachen gingen die glimmenden Lampen an der Decke allmählich aus, und ich erklärte Lomer und Nicarete, daß ich nicht länger wach bleiben könnte. Sie führten mich an eine Stelle, weit von der Tür entfernt, wo es sehr finster war, und eröffneten mir, daß diese mir gehöre, bis einer der Gefangenen stürbe und ich an einen besseren Platz vorrücken könne.

Als sie wieder gingen, hörte ich Nicarete fragen: »Ob sie heut’ nacht kommen?« Lomer gab eine Antwort, die ich jedoch nicht verstand, und zum Fragen war ich zu müde. Mit den Füßen spürte ich eine dünne Schlafdecke auf dem Boden; ich setzte mich nieder und wollte mich gerade der Länge nach ausstrecken, als ich mit der Hand gegen einen lebendigen Körper stieß.

Ich vernahm Jonas’ Stimme. »Brauchst nicht zu erschrecken. Bin nur ich.«

»Warum hast du nichts gesagt? Ich sah dich umhergehen, aber ich konnte von den zwei alten Leuten nicht weg. Wieso bist du nicht hergekommen?«

»Ich sagte nichts, weil ich überlegte. Ich kam nicht rüber, denn ich konnte zuerst nicht weg von den Frauen, die sich um mich kümmerten. Dann konnten sie nicht von mir weg. Severian, ich muß von hier fliehen.«

»Das will wohl jeder«, erwiderte ich. »Ich bestimmt.«

»Aber ich muß!« Seine schmale, harte Hand – seine linke, echte – ergriff die meine. »Wenn nicht, bring’ ich mich um oder verlier’ den Verstand. Ich bin dein Freund, nicht wahr?« Er sprach nun im allerleisesten Flüsterton. »Kann der Talisman, den du bei dir hast … das blaue Juwel … uns befreien? Ich weiß, daß die Prätorianer es nicht gefunden haben; ich habe beobachtet, wie du durchsucht worden bist.«

»Ich will’s nicht rausnehmen«, versetzte ich. »Es leuchtet so im Finstern.«

»Ich halte als Sichtschutz eine der Matten aufgestellt hoch.«

Ich wartete, bis er die Decke in der richtigen Lage hatte, und zog dann die Klaue heraus. Ihr Schein war so schwach, ich hätte sie mit der Hand abschirmen können.

»Ist sie am Erlöschen?« wollte Jonas wissen.

»Nein, so ist sie oft. Aber wenn sie aktiv wird – als sie das Wasser in unserer Karaffe verwandelt oder die Menschenaffen in Angst und Bange versetzt hat – leuchtet sie hell. Wenn sie unsere Flucht überhaupt ermöglichen kann, so jedenfalls nicht jetzt.«

»Wir müssen damit zur Tür. Vielleicht springt das Schloß auf.« Seine Stimme bebte.

»Später, wenn alle schlafen. Ich befreie sie, wenn wir selbst frei kommen; aber wenn die Tür nicht aufgeht – und das wird sie wohl nicht – soll keiner wissen, daß ich die Klaue habe. Und nun sag mir, warum du sofort fliehen mußt!«.

»Während du mit den alten Leuten sprachst, wurde ich von einer ganzen Familie ausgefragt«, begann Jonas. »Es waren mehrere alte Frauen, ein Mann um die Vierzig, ein jüngerer um die Dreißig, drei weitere Frauen und eine Kinderschar. Sie hatten mich in ihre kleine Mauernische getragen, wohin die übrigen Gefangenen nur kommen durften, wenn sie eingeladen waren, was sie nicht wurden. Ich rechnete damit, daß sie etwas über Freunde von draußen, Politik oder die Kämpfe in den Bergen erfahren wollten. Statt dessen wollten sie offenbar nur ihren Spaß an mir haben. Sie fragten mich über den Fluß aus, wo ich überall gewesen sei, wie viele Leute sich so wie ich kleideten – und übers Essen draußen. Sie stellten viele Fragen übers Essen, darunter recht alberne. Hätte ich schon einmal beim Schlachten zugesehn. Flehten die Tiere tatsächlich um ihr Leben. Und sei es wahr, daß diejenigen, die Zucker machten, vergiftete Schwerter trügen und kämpften, um ihn zu verteidigen …

Sie haben noch nie Bienen gesehen und offenbar geglaubt, sie wären groß wie Hasen. Nach einer Weile begann ich selbst, Fragen zu stellen und fand heraus, daß keiner von ihnen, nicht einmal die ältesten Frauen, je frei gewesen waren. Wie es scheint, werden Männer und Frauen zusammen in diesen Raum gesteckt, so daß sie naturgemäß Kinder bekommen. Einige davon werden zwar entfernt, aber die meisten bleiben ihr ganzes Leben hier. Sie haben keinen Besitz und keinerlei Hoffnung auf Freilassung. Sie wissen zwar nicht, was Freiheit bedeutet, und obschon mir der ältere Mann und ein Mädchen allen Ernstes versichert haben, sie würden gern hinauskommen, glaube ich nicht, daß sie draußen bleiben wollten. Die alten Frauen sind schon Gefangene in der siebten Generation, wie sie gesagt haben – allerdings hat eine angedeutet, daß auch ihre Mutter schon Gefangene in der siebten Generation gewesen sei.

Sie sind in mancherlei Hinsicht bemerkenswerte Leute. Im Äußeren hat sie dieser Ort, an dem sie ihr ganzes Leben verbracht haben, geprägt. Darunter jedoch gibt es …« – Jonas hielt inne, und ein drückendes Schweigen kam über uns – »Familienüberlieferungen, könnte man es wohl nennen. Traditionen von der Außenwelt, die von Generation zu Generation von den ursprünglichen Gefangenen, von denen sie abstammen, zu ihnen gelangt sind. Einige der Wörter verstehen sie zwar nicht mehr, dennoch halten sie an den Traditionen, den Geschichten fest, denn das ist alles, was sie noch haben: die Geschichten und ihre Namen.«

Er verstummte. Ich hatte die schwach funkelnde Klaue wieder in den Stiefelschaft gesteckt, so daß uns völlige Finsternis umgab. Jonas keuchte wie ein Blasebalg in einer Schmiede.

»Ich fragte sie nach dem Namen des ersten Gefangenen, des frühesten, von dem ab sie die Generationen zählten. Er hieß Kimleesoong … Hast du diesen Namen schon einmal gehört?«

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