Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
- Автор: Майнк Вилли
- Год: 1956
- Язык: немецкий
- Год: DER KINDERBUCHVERLAG
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo». Краткое содержание книги:
Kapitän Matteo senkte den Kopf und stürmte auf Paolo los, der sich mit beiden Händen auf die Reling stützte. Er wollte die Benommenheit des Gegners ausnützen und ihn kampfunfähig machen.
Paolo sah den Stiernacken und die geballte Faust, die wie ein Hammer gegen seine Magengrube schnellte. Im letzten Augenblick gelang es ihm, zur Seite zu springen. Kapitän Matteos Faust schlug gegen splitterndes Holz.
Ein heulender Laut kam aus seinem Munde. Das Blut troff über die Knöchel und rieselte in Bächen über den Handrücken, aber die Knochen waren stärker gewesen als das Holz. Jähzorn und Wut vernebelten seine Gedanken. Wie ein Tiger sprang er dem Gegner nach, der sich mit dem Rücken an den Mastbaum lehnte und mit klarer Überlegung den neuen Angriff erwartete.
Paolo wollte einer neuen Umklammerung ausweichen. Er schnellte sich vom Mastbaum ab und stürzte sich, beide Fäuste vorgeschoben, auf den Kapitän. Sie prallten mit der Wucht eines niedersausenden Beilrückens gegen Matteos Stirn. Dieser wich taumelnd zurück. Mit einem triumphierenden Schrei drang Paolo auf ihn ein und trieb ihn mit Faustschlägen vor sich her. Für einige Augenblicke war das Gesicht des Gegners ungedeckt.
Paolo sah wie durch einen roten Nebel die aufgeplatzten Lippen, aus denen ein Blutrinnsal zum Kinn und Hals hinunterfloß.
Ein Gedanke beherrschte ihn: Schlagen! Schlagen, um ein schnelles Ende herbeizuführen. Was dann sein würde, war unwesentlich.
Es ging um Salz. Um Messer Pietro Boccos Salz.
Wer dachte jetzt daran?
Der Sturm heulte, und die weißen Schaumkronen grinsten höhnisch, und die Barke schoß mit straff gespannten Segeln durch das tosende Wasser.
Paolo vergaß, wo er sich befand, hatte nur Auge und Ohr für jede Bewegung, jeden Laut seines Gegners.
Sie kämpften wie vorweltliche Riesen. Was sich in den Weg stellte, wurde hinweggefegt: Holz, Tauwerk, Leinewand, Menschenleiber.
Auf Matteos zerschlagenem Gesicht zeigte sich die Andeutung eines ungläubigen Staunens. Er kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf, um seiner Benommenheit Herr zu werden. Seine Züge verzerrten sich in der ungeheuren Anspannung aller Kraftreserven. Er blieb plötzlich breitbeinig stehen, beugte den Oberkörper vor und warf in überraschendem Angriff seine Arme um Paolos Leib.
Sie stürzten.
«Tod und Teufel!» preßte Matteo keuchend hervor, zog mit einem Ruck seine Arme zurück und umspannte das Handgelenk des unter ihm liegenden Gegners. Mit äußerster Kraftanstrengung schob er Paolos Unterarm unter den Rücken. Paolo wehrte sich verzweifelt, wälzte sich mit einem gellenden Schmerzensschrei herum und fühlte, wie ihm die Sinne schwanden.
Ein Mann der Besatzung ergriff eine Axt, um Paolos Schädel zu zersdimettern.
Matteo richtete sich mühsam auf und wischte sich den Schweiß und das Blut vom Gesicht. Verwundert betrachtete er seine geschwollene, blutverkrustete Faust. «Heiliger Vater!» murmelte er.
Dann sah er den Mann mit der erhobenen Axt vor Paolo stehen. «Weg von ihm!» knurrte er. «Rühr ihn nicht an!»
Noch etwas taumelnd ging er zum Heck und nahm dem Krummbeinigen das Steuer aus der Hand. «Heiliger Vater!» sagte er noch einmal.
Der Kampf hatte die freundschaftlichen Gefühle, die er schon zu Beginn seiner Bekanntschaft mit Paolo empfunden hatte, nicht ausgelöscht, sondern sie eher verstärkt. Er wird bald wieder zur Besinnung kommen, dachte er.
«Hoffentlich machst du keine neuen Dummheiten, Freundchen», führte er ein Selbstgesprädi, «hast mich ganz schön zugerichtet…»
Dann lenkte er seine Aufmerksamkeit auf die Fahrt durch die stürmisch bewegte Nacht.
Wenn der Krummbeinige den richtigen Kurs gehalten hatte, mußten sie sich jetzt ih der Nähe des Castellos befinden, das dem Hafen von Malamocco vorgelagert war. Er hatte den Eindruck, als lichte sich das Dunkel ein wenig, auch der Sturm schien etwas nachzulassen. Das war ihm im Augenblick recht unangenehm, weil er dicht am Castello vorbeisteuern mußte. Sie befanden sich an der gefährlichsten Stelle. Ständig patrouillierten hier die Boote der Schergen und kontrollierten die Fahrrinne.
Der Krummbeinige stand am Bug und starrte angestrengt nach vorn. Da tauchte vor ihm plötzlich der Schatten eines Seglers auf. Ernesto drehte sich um und stieß einen durchdringenden Warnruf aus. Der Kapitän hatte das Boot ebenfalls bemerkt; viel Zeit zum Ausweichen blieb nicht mehr. Der Wind trieb die schwarze Barke mit geblähten Segelschwingen auf die Schergen zu. Kaltblütig bewegte Kapitän Matteo das Steuer, in einer Entfernung von höchstens fünfzehn Fuß glitten sie vorbei.
Die stille Hoffnung Kapitän Matteos, trotz alledem unbemerkt zu bleiben, erfüllte sich nicht. Unglücklicherweise schien jetzt der Mond.
Kapitän Matteo hörte die Rufe der Schergen, die ihn zum Beidrehen aufforderten. Er stieß ein höhnisches Lachen aus. «Kommt nur, wenn ihr Kapitän Matteo fangen wollt!» Das fremde Boot nahm die Verfolgung auf.
Paolo lag bewegungslos auf einer Taurolle. Der Schmerz, der ihm für kurze Zeit die Besinnung geraubt hatte, war schwächer geworden. Er hörte die Rufe des Kapitäns und beobachtete die Männer an den Segeln, die blitzschnell die Befehle ihres Kapitäns ausführten und für nichts anderes Auge und Ohr hatten.
Er drehte sich um und wälzte sich von den Tauen auf die Deckplanken. Die Schmerzen im linken Schultergelenk verstärkten sich; sein ganzer Körper bedeckte sich mit Schweiß. Das Blut hämmerte in seinen Adern und peinigte die verletzte Stelle mit glühenden Nadelstichen. Sobald er ruhiger lag, wurden die Schmerzen schwächer. Er hob den Kopf und legte ihn auf die Taue! Wind und Wasserperlchen erfrischten sein Gesicht.
Als er sich etwas aufrichtete, sah er die Barke der Schergen; sie ließ sich nicht abschütteln, kam zwar nicht näher, aber entfernte sich auch nicht.
Kapitän Matteo fluchte leise vor sich hin. Die Segelkünste der Verfolger, die ihm sonst imponiert hätten, erzeugten ein unangenehmes Prickeln auf der Haut.
Die Schaumkämme schimmerten wie tausend silbrige Fische, die in flüchtigem Sprung über das Wasser schweben.
Kapitän Matteo segelte an der Einfahrt zum Hafen Malamocco vorbei und hielt sich dicht an die schmale langgestreckte Insel. Die Verfolger blieben im schäumenden Kielwasser.
Dunkle Wolken verdeckten den Mond.
Es ging um tausend Dukaten für Messer Pietro Bocco, der um diese Zeit mit fieberndem Pulsschlag im Bett lag und auf den Sturm lauschte.
Für Paolo ging es um lebenslängliche Galeerenarbeit, wenn er in die Hände der Schergen fiele.
Sie waren ihm dicht auf den Fersen. Er rechnete nicht mehr damit, daß sie ihnen entkommen würden. Den Schmerz unterdrückend, kroch er mit zusammengebissenen Zähnen zur Reling, richtete sich mühsam auf und sprang in das dunkle, wellenbewegte Wasser. Kühl umschmeichelte es seine Glieder. Die Kleider sogen sich voll, und die Schuhe hingen wie Gewichte an den Füßen. Die feindliche Barke kam in seinen Gesichtskreis. Er holte tief Luft und tauchte unter die Oberfläche. Dunkel und Stille umfingen ihn.
Der Wind pfiff über die Lagune, und das Wasser brauste eine furchterregende zornige Melodie.
DER NEUE TAG
IN DEN ABENDSTUNDEN, WENN SICH DÄMMERUNG und Dunkelheit wie fließende Gewänder um die Lagunenstadt legen und in den Stuben die Kerzen angezündet werden, reifen die Träume, Wünsche und Sehnsüchte in den Herzen der Menschen.
Marco saß allein in der Stube. Paolo war vor einer Stunde zum Messer Pietro Bocco gegangen und würde erst morgen früh zurückkommen.
Draußen heulte der Wind.
Eigentlich wollte Marco heute abend noch ausgehen; aber er schob es immer weiter hinaus und gab sich der wohligen Wärme hin, die von dem knisternden Feuer im Kamin kam.
Auf der Piazzetta tanzten jetzt wohl in toller Ausgelassenheit die Masken, brannten die rauchenden Fackeln unter den Arkaden und machten die Nacht zum Tage.