Wladimir - die ganze Wahrheit
- Автор: Belkowski Stanislaw
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: mvg verlag
- ISBN: 978-3-86414-439-4
- Жанр: Биографии и мемуары
Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
Als Opfer wählte man, wie wir uns schon denken können, den Justitiar von JUKOS, Wassili Aleksanjan – Chodorkowskis Liebling, Absolvent von Harvard, ein Hätschelkind des Schicksals. Von seinen Ambitionen und seinem psychologischen Typus her passte er ideal. Damals sagte man, er rechne damit, durch seine Mitwirkung am JUKOS-Finale eine ganze Milliarde Dollar einzustreichen. Ich meine jedoch, dass das Geld nicht die wichtigste Rolle in seiner Wahl spielte. Wichtig war der Zugang zu freiem Manövriergelände.
Soweit es sich beurteilen lässt, fand das historische Treffen zwischen dem JUKOS-Justitiar und Oleg Deripaska Ende März 2006 statt. Im Verlauf dieser Zusammenkunft bekräftigte der VIP-Schwiegersohn die Ernsthaftigkeit seiner Absichten und garantierte, Aleksanjan befände sich in völliger Sicherheit, alles sei mit dem Kreml und der Generalstaatsanwaltschaft abgestimmt. Aleksanjans Aufgabe bestehe darin, den Prozess einer sanften JUKOS-Insolvenz zur allgemeinen Zufriedenheit und mit dem Resultat zu gewährleisten, dass die Familie von Boris Jelzin ein gleichwertiger Spieler auf dem so ungestüm anwachsenden Ölmarkt werden könne. Als Preis winkten die ersehnte Milliarde Dollar und der internationale Ruhm, was noch viel wichtiger war.
Am 1. April (ein übler Scherz!) 2006 gab der JUKOS-Vorstandsvorsitzende Steven Theede die Anweisung, Wassili Aleksanjan zum Vizepräsidenten des Unternehmens mit faktischer Vollmacht des Präsidenten zu ernennen – und gestand damit ein, dass er, Theede, an London gefesselt war und nicht nach Russland konnte, um den schwer verletzten Ölgiganten operativ zu lenken. Chef von JUKOS – als Letzter aus den eigenen Reihen – wurde Aleksanjan.
Der neue geschäftsführende Vizepräsident mit den Vollmachten eines Präsidenten machte sich eifrig an die Arbeit. Oberste Aufgabe war die Wiederherstellung der Lenkbarkeit des Unternehmens JUKOS-RM, das sich um den gesamten Absatz und die wesentlichen Finanzströme des Erdöl- und Gasunternehmens innerhalb des Landes kümmerte. Der Präsident von JUKOS-RM, Anatoli Nasarow, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits begriffen, dass jeglicher Widerstand gegen Setschins Daumenschraube sinnlos war und eine Loyalität gegenüber Chodorkowski noch sinnloser. Er arbeitete offen im Interesse von Rosneft und bereitete sich auf die Übergabe von JUKOS-RM an die Angreifer vor.
Aleksanjan versuchte, diesen Prozess aufzuhalten. Unter Ausnutzung seiner neuen Vollmachten ernannte er innerhalb von JUKOS-RM Roman Chomenko zum ersten Vizepräsidenten für kommerzielle Fragen – er war einer der letzten Manager, die noch nicht auf Setschins Seite gewechselt waren. Verständlicherweise musste die Entlassung Nasarows der nächste Schritt sein. Der Präsident von JUKOS-RM ging in den Untergrund und rechnete sich aus, dass die neue exzentrische Geschäftsleitung nicht lange durchhalten würde.
Die Rechnung ging auf. Am 6. April wurde Wassili Aleksanjan vor das Simonowski-Gericht geladen, wo er angeklagt war, sich Aktien von zwölf JUKOS-Töchtern, vor allem von Tomskneft, angeeignet zu haben. Im Gericht hatte man schon alles für seine Verhaftung vorbereitet, was man mit bloßem Auge erkennen konnte. Nachdem er von seinem Anwalt ein Warnsignal erhalten hatte, verschwand Aleksanjan. Von nun an war sein Mobiltelefon gesperrt. Er begann zu verstehen, dass Deripaskas Sicherheitsgarantien nichts taugten. Setschin betrieb wie 2003 ein Vabanquespiel. Für ihn war es wichtig, den Gedanken im Keim zu ersticken, außer ihm selbst könne sich noch jemand anderer im Recht wähnen, sich an den JUKOS-Aktiva vergreifen zu dürfen.
Aleksanjan wurde am nächsten Tag, dem 7. April, in einer Wohnung am Semljany wal verhaftet, wo er, der die Hoffnung auf einen Karrieresprung noch nicht ganz aufgegeben hatte, mit Deripaskas Boten das weitere Vorgehen besprechen wollte. Als die Polizisten kamen, um Aleksanjan zu verhaften, blieb die Tür verschlossen, als ginge man in der Wohnung davon aus, die Polizisten könnten den ganzen Tag warten und auch die Nacht ausharren. Die Tür wurde von einer Truppe des Katastrophenministeriums aufgebrochen. Vom Semljany wal aus begab sich der geschäftsführende Vizepräsident von JUKOS direkt ins Gefängnis Matrosskaja tischina. Deripaska wusch allem Anschein nach seine Hände in Unschuld und unternahm keinen Versuch, Aleksanjan aus dem Gefängnis zu holen. Na, dann hatte es eben nicht geklappt mit JUKOS, das konnte schon mal vorkommen. Der verhinderte JUKOS-Präsident erkrankte schließlich an Aids sowie an Tuberkulose und erblindete. Unter großer Anstrengung gelang es Aleksanjan, zunächst aus seiner Zelle ins Gefängniskrankenhaus verlegt zu werden, wo man ihn mit Handschellen ans Bett kettete. 2008 ließ man ihn schließlich auf Kaution frei. Erst 2010 wurde der Fall Aleksanjan eingestellt – nicht aufgrund einer Rehabilitation natürlich, sondern im Zusammenhang mit seinem Ableben.
Ein Jahr später unternahm Jelzins Schwiegersohn Walentin Jumaschew einen zweiten Versuch, in das Ölbusiness einzusteigen, und zwar durch den Ankauf von Russneft. Auch Guzerijew versuchte, sich kleine Brocken vom verwüsteten, doch immer noch reich gedeckten Tisch des Chodorkowski-Imperiums zu schnappen – was wiederum Deripaska und seinen zur Unzeit erwachten Ambitionen für den Ölsektor von Nutzen war.
Wieder einmal war Setschin kategorisch dagegen. Dennoch erwirkte Deripaska dank der Mitwirkung von engen Familienangehörigen Putins formales Einverständnis für den Megadeal. Aber das half ihm nicht. Guzerijew musste nach London fliehen. Doch das ist eine andere Geschichte …
Die schöngeistige Rhetorik der Elite darüber, dass die gesamte russische Geschäftswelt sich nichts mehr wünsche als Chodorkowskis Freilassung, ist nur für Investmentkonferenzen in London und ähnliche Anlässe gedacht. Diesseits der russischen Grenze sieht die Realität ein wenig anders aus.
Welche Perspektiven für eine politische Karriere hat Michail Chodorkowski?
Ich meine, man sollte sie nicht zu hoch ansetzen. Als MBCh Politiker wurde – und gleichzeitig eine wichtige, selbstständige politische Figur –, saß er bereits im Gefängnis. Bis zum 25. Oktober 2003 mag er sich als Politiker gesehen haben, war jedoch wohl eher ein Instrument der Manipulationen anderer.
Chodorkowskis Politik in zehn Jahren Gefängnis hat gezeigt: Er ist ein systeminterner Spieler geblieben, der stets von seinen Möglichkeiten ausgeht. Man sollte aus Chodorkowski keinen systemfeindlichen Revolutionär machen, der das Volk zum Sturm auf den Kreml bewegen kann. Die Sprache der heutigen Eliten ist für ihn nach wie vor annehmbarer als eine radikale Rhetorik, egal wie sie beschaffen ist. In diesem Sinne ist Chodorkowski kein Nelson Mandela, der bereit ist, ewig im Gefängnis zu sitzen, weil seine Sache sowieso den Sieg davontragen wird. Und er ist auch nicht vergleichbar mit Julia Timoschenko, für die das Gefängnis nur ein weiterer Beweis ihrer Genialität ist, während sie alle anderen im Großen und Ganzen für Idioten hält. Seiner Mentalität nach ist Chodorkowski eher ein Manager als ein politischer Anführer. Aber Chodorkowski hat uns in diesen zehn Jahren eine unschätzbare Lektion in Tapferkeit und Würde erteilt. Als Symbol für Moral und als Bastion ist er unersetzlich.
Das alles kann man jedoch nicht mit Politik gleichsetzen. Deswegen möchte ich all jenen, die bereits an Websites »Chodorkowski for president« basteln, den Ratschlag geben, sich ein wenig zu beruhigen. Diese Übereiltheit täuscht uns und hilft ihm nicht im Geringsten.