Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]
- Автор: Вулф Джин Родман
- Серия: Das Buch der Neuen Sonne #2
- Год: 1984
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 3-453-31009-8
- Переводчик: Reinhard Heinz
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Klaue des Schlichters [The Claw of the Conciliator - de]». Краткое содержание книги:
Inmitten dieses dunklen Gartens hingen an einem Gerüst von Grünspan überzogene Gongs. Sie waren, wie mir schien, dazu gedacht, vom Wind angeschlagen zu werden; offenbar war jedoch ausgeschlossen, daß je ein Lüftchen sie erreichte.
So dachte ich wenigstens, bis einer der Prätorianer eine schwere Tür aus Bronze und wurmstichigem Holz in einer der dunklen Steinmauern auftat. Ein kalter, trockener Luftzug wehte durch die Öffnung und setzte die Gongs in Gang. Ihr Geschmetter klang so harmonisch wie die geistreiche Komposition eines Musikers, dessen Gedanken nun hier in Verbannung lebten.
Als ich zu den Gongs aufblickte (woran die Prätorianer mich nicht hinderten) entdeckte ich an die vierzig Statuen, die uns durch die Gärten gefolgt waren. Sie umringten den Höhlenrand und standen nun still, während sie wie ein Fries aus Zenotaphien auf uns niederstarrten.
Ich hatte damit gerechnet, einziger Insasse einer kleinen Zelle zu werden, weil ich wohl unbewußt die Praktiken unserer Oubliette auf diesen fremden Ort übertrug. Man hätte sich nichts von der eigentlichen Ordnung Entfernteres vorstellen können. Der Eingang führte nicht zu einem engen Korridor schmaler Türen, sondern in einen geräumigen, mit Läufern belegten Gang, an den sich ein zweites Tor anschloß. Hastarii mit glühenden Speeren standen davor Wache. Auf ein Wort von einem der Prätorianer schwangen sie die Flügeltüren auf; dahinter lag ein gewaltiger, düsterer, nackter Raum mit einer sehr niedrigen Decke. Mehrere Dutzend Personen, Männer und Frauen und einige Kinder, verteilten sich auf verschiedene Stellen – meist einzeln, aber manche in Paaren oder Gruppen. Familien belegten Alkoven, und hie und da sorgte ein Sichtschutz aus Lumpen für Abgeschiedenheit.
In dieses Verlies wurden wir gestoßen, das heißt, ich wurde gestoßen und der unglückliche Jonas geworfen. Ich versuchte, seinen Sturz abzufangen und konnte wenigstens verhindern, daß er mit dem Schädel auf dem Boden aufschlug; hierbei hörte ich, wie hinter mir die Türen ins Schloß fielen.
XV
Feuerwerk
Ich wurde von Gesichtern umzingelt. Zwei Frauen nahmen Jonas von mir und trugen ihn mit dem Versprechen, für ihn zu sorgen, fort. Die übrigen begannen, mich mit Fragen zu überhäufen. Wie ich hieße. Was für Kleider ich trüge. Woher ich käme. Ob ich den und den und den kenne. Ob ich je in dieser oder jener Stadt gewesen sei. Ob ich aus dem Haus Absolut sei. Aus Nessus. Vom Ostufer des Gyoll oder vom westlichen. Aus welchem Viertel. Ob der Autarch noch lebe. Ob Vater Inire. Wer Archon in der Stadt sei. Wie es mit dem Krieg stehe. Ob ich vom Hauptmann soundso etwas wisse. Oder vom Kavalleristen soundso. Oder von einem Chiliarchen soundso. Ob ich singen, Gedichte aufsagen oder ein Instrument spielen könne.
Wie man sich vorstellen kann, habe ich ob dieses Redeschwalls fast keine Frage zu beantworten vermocht. Als der erste Ansturm vorüber war, brachten ein alter, graubärtiger Mann und eine Frau, die fast genauso betagt schien, die übrigen zum Schweigen und trieben sie fort. Ihre Methode, die woanders gewiß nicht funktioniert hätte, bestand daraus, daß sie einem um den anderen auf die Schulter klopften, in den hintersten Winkel des Saales zeigten und forsch sagten: »Viel Zeit.« Allmählich wurden alle still und gingen anscheinend bis zum Rand der Hörweite davon, woraufhin es in dem niedrigen Raum wieder so ruhig wie beim Türöffnen war. »Ich bin Lomer«, erklärte der alte Mann. Er räusperte sich laut. »Das ist Nacarete.«
Ich sagte ihnen meinen und Jonas’ Namen.
Die alte Frau hörte wohl die Sorge aus meiner Stimme. »Es geschieht ihm nichts, keine Bange. Die Mädchen behandeln ihn, so gut sie können, denn sie hoffen, sie werden bald mit ihm reden können.« Sie lachte, und etwas in der Art, wie sie den wohlgestalteten Kopf zurückwarf, verriet mir, daß sie einmal schön gewesen war.
Ich begann meinerseits, Fragen zu stellen, aber der alte Mann unterbrach mich. »Komm mit uns«, sagte er, »in unsere Ecke! Dort können wir uns niedersetzen, und ich kann dir einen Becher Wasser anbieten.«
Kaum hatte er dieses Wort ausgesprochen, merkte ich, wie durstig ich war. Er führte uns hinter den Lumpenschirm, der der Tür am nächsten war, und schenkte mir aus einem irdenen Krug Wasser in einen feinen Porzellanbecher. Es gab dort neben Kissen ein Tischchen von nur einer Spanne Höhe.
»Frage für Frage«, begann er. »Das ist die alte Regel. Wir haben dir unseren Namen gesagt, und du hast uns den deinen gesagt, also beginnen wir von neuem. Warum bist du eingesperrt worden?«
Ich erklärte, daß ich das nicht wisse, es sei denn, das bloße Betreten des Grundstückes sei der Grund.
Lomer nickte. Seine Haut war bleich wie bei allen, die nie an die Sonne kommen; mit seinem struppigen Bart und den schiefen Zähnen hätte er in jeder anderen Umgebung abstoßend gewirkt, aber hierher paßte er genauso wie die halb ausgetretenen Steinplatten des Fußbodens. »Ich bin hier aufgrund der Niedertracht der Chatelaine Leocadia. Ich war Marjordomus ihrer Rivalin, der Chatelaine Nympha, und als sie mich ins Haus Absolut mitnahm, um den Stand ihrer Güter zu überprüfen, während sie den Riten des Philomaten Phocas beiwohnte, lockte mich die Chatelaine Leocadia in eine Falle mit Hilfe von Sancho, die …«
Die Greisin Nicarete fiel ihm ins Wort. »Sieh!« rief sie. »Er kennt sie.«
Und dem war so. Ein Gemach in Rosa und Elfenbein war vor mein geistiges Auge gerückt; ein Zimmer, von dem zwei Wände aus klarem, vorzüglich gerahmtem Glas waren. Feuer brannte in marmornen Herden, vom Sonnenlicht gedämpft, das durch das Glas strömte, aber es erfüllte das Zimmer mit einer trockenen Wärme und dem Duft von Sandelholz. Eine alte Frau saß, in viele Umhängetücher gehüllt, auf einem Stuhl, der einem Thron glich; eine Karaffe aus geschliffenem Kristall und mehrere braune Arzneifläschchen standen auf einem eingelegten Tisch neben ihr. »Eine ältere Dame mit einer Hakennase«, sagte ich. »Die Witwe von Fors.«
»Du kennst sie also.« Lomer’s Kopf nickte bedächtig, als wollte er die Frage beantworten, die über die eigenen Lippen gekommen war. »Du bist der erste in vielen Jahren.«
»Sagen wir, daß ich mich an sie erinnere.«
»Gut.« Der Greis nickte. »Angeblich ist sie schon gestorben. Aber zu meiner Zeit war sie eine feine, gesunde, junge Dame. Die Chatelaine Leocadia hatte sie dazu überredet und dann veranlaßt, daß man uns entdeckte, was Sancha ja wußte. Da sie erst vierzehn war, wurde sie nicht eines Verbrechens bezichtigt. Wir hatten sowieso nichts verbrochen; sie hatte eben damit begonnen, mich zu entkleiden.«
Ich sagte: »Du mußt selbst noch recht jung gewesen sein.«
Da er nichts erwiderte, antwortete Nicarete für ihn. »Er war achtundzwanzig.«
»Und du?« fragte ich. »Warum bist du hier?«
»Ich bin eine Freiwillige.«
Ich sah sie mit großen Augen an.
»Jemand muß für das Böse auf Urth Buße tun, oder die Neue Sonne wird nie kommen. Und jemand muß auf diesen Ort und alle ähnlichen Orte aufmerksam machen. Ich stamme aus einer Waffenträgerfamilie, die mich wohl noch nicht vergessen hat, so daß die Wachen auf mich und alle anderen zu achten haben, so lange ich hier bin.«
»Heißt das, du kannst gehen und willst nicht?«
»Nein«, antwortete sie kopfschüttelnd. Ihr Haar war weiß, trotzdem trug sie es wie junge Frauen lose, über die Schultern hängend. »Ich werde gehen, aber nur unter meinen Bedingungen, die lauten, daß alle, die seit so langer Zeit hier sind, daß sie ihre Verbrechen vergessen haben, ebenfalls freigelassen werden.«