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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Der Graf winkte nur mit der Hand ab und ging, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Zimmer.

»Papa, worüber spracht ihr denn?« fragte Natascha, die nach ihm in das Zimmer ihrer Mutter getreten war.

»Nichts. Das geht dich nichts an«, brummte der Graf ärgerlich.

»Aber ich habe es doch gehört«, sagte Natascha. »Warum will denn Mama nicht?«

»Das geht dich nichts an!« schrie der Graf.

Natascha lief ans Fenster und dachte nach.

»Papachen, eben kommt Berg zu uns«, rief Natascha, während sie zum Fenster hinaussah.

16

Berg, der Schwiegersohn der Rostows, war nun schon Oberst mit dem Wladimir- und dem Anna-Orden am Hals, und versah noch immer den ebenso ruhigen wie angenehmen Posten eines Hilfsarbeiters des stellvertretenden Chefs des Stabes der ersten Abteilung des zweiten Armeekorps.

Am 1. September war er von der Armee nach Moskau gekommen. Zu tun gab es hier in der Stadt nichts, aber er hatte die Beobachtung gemacht, daß sich alle Urlaub nach Moskau nahmen und dort irgend etwas taten. So hielt er es ebenfalls für nötig, wegen Haus- und Familienangelegenheiten Urlaub zu erbitten.

In seiner tadellosen Kutsche, bespannt mit zwei wohlgenährten Rotschimmeln, ebensolchen, wie sie Graf Soundso zu fahren pflegte, fuhr Berg vor dem Hause seines Schwiegervaters vor. Aufmerksam betrachtete er die Fuhren auf dem Hof, zog, während er die Freitreppe hinaufstieg, ein blendend weißes Taschentuch aus der Tasche und machte einen Knoten hinein.

Aus dem Vorzimmer eilte Berg mit schwebenden, hastigen Schritten in den Salon, umarmte den Grafen, küßte Natascha und Sonja die Hand und erkundigte sich unverzüglich nach dem Befinden der Mama.

»Wie könnte sie jetzt gesund sein! Aber erzähle doch«, sagte der Graf, »wie steht’s bei der Armee? Gehen die Truppen zurück oder wird es noch zu einer Schlacht kommen?«

»Nur der allewige Gott, Papa«, sagte Berg, »kann das Schicksal des Vaterlandes entscheiden. Die Armee ist von Heldenmut entflammt, und jetzt haben sich die führenden Geister, sozusagen, zu einem Rate versammelt. Was geschehen wird, weiß niemand. Aber ich kann Ihnen ganz im allgemeinen sagen, Papa: ein solcher Heldenmut, eine solch wahrhaft antike Manneszucht im russischen Heer, wie sie … es«, verbesserte er sich, »in den Kämpfen am 26. an den Tag gelegt und bewiesen hat, ist nicht mit Worten zu beschreiben … Ich sage Ihnen, Papa« – dabei schlug er sich vor die Brust, wie es neulich in seiner Gegenwart ein General beim Erzählen getan hatte, allerdings etwas zu spät: er hätte sich schon bei den Worten: »im russischen Heer« vor die Brust schlagen müssen –, »ich sage Ihnen ganz offen, daß wir, die Führer, die Soldaten nicht nur nicht anzufeuern brauchten oder so etwas Ähnliches, sondern sogar Mühe hatten, alle diese … diese mutigen, antiken Heldentaten einzudämmen«, fuhr er in schneller Rede fort. »General Barclay de Tolly hat an der Spitze der Truppen überall sein eignes Leben aufs Spiel gesetzt, das kann ich Ihnen sagen. Unser Korps lag am Abhang eines Berges. Stellen Sie sich das bloß vor …«

Und nun gab Berg alles wieder, was er sich von den verschiedenen Erzählungen, die er seitdem gehört, gemerkt hatte. Natascha sah ihn an, ohne ein Auge von ihm zu verwenden, als suche sie auf seinem Gesicht die Lösung irgendeiner Frage, was Berg etwas in Verwirrung brachte.

»Ganz allgemein gesagt, einen solchen Heldenmut, wie ihn die russischen Truppen gezeigt haben, kann man sich gar nicht vorstellen, und man kann ihn gar nicht würdig genug preisen!« sagte Berg, sah Natascha an und lächelte ihr als Antwort auf ihren hartnäckigen Blick zu, als wollte er sie damit gewinnen.

»Rußland ist nicht in Moskau, es ist im Herzen seiner Söhne! Nicht wahr, Papa?« sagte Berg.

In diesem Augenblick kam mit müdem, unzufriedenem Gesicht die Gräfin aus dem Diwanzimmer herüber. Berg sprang eilig auf, küßte ihr die Hand, erkundigte sich nach ihrem Befinden und blieb neben ihr stehen, indem er sein Mitgefühl durch Hinundherwiegen des Kopfes zum Ausdruck brachte.

»Ja, Mamachen, ich sage es Ihnen ganz offen, es sind schwere, traurige Zeiten für jeden Russen. Aber warum beunruhigen Sie sich so? Noch können Sie ja wegfahren …«

»Ich verstehe gar nicht, was unsere Leute eigentlich machen«, wandte sich die Gräfin an ihren Mann. »Soeben sagt man mir, daß noch nichts fertig ist. Jemand müßte doch hier Anordnungen treffen. Schade, daß Mitenka nicht da ist. So kommen wir ja niemals zum Ziel.«

Der Graf wollte etwas erwidern, schluckte es aber sichtlich hinunter. Er stand von seinem Stuhl auf und ging zur Tür.

In diesem Augenblick zog Berg, um sich zu schneuzen, sein Taschentuch heraus, sah den Knoten darin, dachte nach und wiegte ernst und bedeutsam den Kopf.

»Ich habe eine große Bitte an Sie, Papachen«, fing er an.

»Hm?« machte der Graf und blieb stehen.

»Ich fahre soeben am Jusupowschen Hause vorüber«, sagte Berg lachend, »da kommt der Verwalter, ein Bekannter von mir, auf mich zugelaufen und fragt: ›Kaufen Sie nicht etwas?‹ Ich gehe hinein, nur aus Neugierde, und sehe dort einen kleinen, reizenden Toilettentisch. Nun wissen Sie ja, daß ein solcher schon lange Weras sehnlichster Wunsch ist und wir uns beinahe einmal deswegen gezankt haben.« Als Berg von dem Toilettetischchen zu erzählen anfing, ging er bei dem Gedanken an sein musterhaft eingerichtetes Heim unwillkürlich in einen freudigeren, lebhafteren Ton über. »Ein entzückendes Stück! Zum Herausziehen und mit einem englischen Geheimfach. Und Werotschka wünscht sich solch ein Ding schon so lange. Wie gern möchte ich ihr die Freude bereiten. Nun sehe ich, daß Sie eine Menge Bauern auf dem Hof haben. Geben Sie mir doch bitte einen, ich werde es ihm gut bezahlen und …«

Der Graf zog die Stirn kraus und räusperte sich.

»Wenden Sie sich an die Gräfin, ich habe nicht darüber zu verfügen.«

»Sollte es Schwierigkeiten machen, dann natürlich nicht«, fuhr Berg fort. »Ich hätte es nur wegen Weruschka so gern gehabt.«

»Ach, schert euch alle zum Teufel, zum Teufel!« schrie der alte Graf. »Mir dreht sich alles im Kopf!«

Er ging aus dem Zimmer. Die Gräfin fing an zu weinen.

»Ja, ja, Mamachen, eine sehr schwere Zeit«, sagte Berg.

Natascha lief mit dem Vater zusammen hinaus, ging anfangs, als überlege sie sich mit Mühe etwas, hinter ihm her, lief aber dann hinunter.

Auf der Freitreppe stand Petja, der mit der Bewaffnung der Leute, die mit aus Moskau abfahren sollten, beschäftigt war. Auf dem Hof warteten noch immer die bepackten Fuhren. Zwei von ihnen waren abgeladen, und von der einen kletterte gerade, von seinem Burschen unterstützt, der verwundete Offizier wieder herunter.

»Weißt du warum?« fragte Petja Natascha.

Natascha verstand, was Petja meinte: warum sich Vater und Mutter gezankt hätten. Sie gab keine Antwort.

»Weil Papa alle Fuhren den Verwundeten hat geben wollen«, sagte Petja. »Wassiljewitsch hat es mir erzählt. Meiner Ansicht nach …«

»Meiner Ansicht nach«, fing Natascha an fast zu schreien und wandte Petja ihr zornglühendes Gesicht zu, »meiner Ansicht nach ist das eine solche Gemeinheit, eine solche Abscheulichkeit, eine solche … ich weiß gar kein Wort dafür. Sind wir vielleicht Deutsche oder sonst wer?«

Ihre Kehle zitterte von krampfhaftem Schluchzen, und als habe sie Angst, sich hinreißen und ihren ganzen Zorn umsonst verpuffen zu lassen, machte sie eilig kehrt und stürmte die Treppe hinauf.

Berg saß neben der Gräfin und sprach ihr verwandtschaftlich ergeben Trost zu. Der Graf ging mit der Pfeife in der Hand im Zimmer auf und ab, als Natascha mit zornverzerrtem Gesicht wie der Sturmwind ins Zimmer platzte und mit eiligen Schritten auf die Mutter zulief.

»Das ist eine Gemeinheit, eine Abscheulichkeit!« schrie sie. »Das kann nicht sein, daß Sie das befohlen haben.«

Berg und die Gräfin blickten sie verwundert und erschrocken an. Der Graf blieb am Fenster stehen und stutzte.

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