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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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An der Freitreppe und auf dem Hof verabschiedete sich das abreisende Gesinde von denen, die zurückblieben. Alle waren von Petja mit Dolchen und Säbeln ausgerüstet worden, hatten die Hosen fest in die Stiefel gesteckt und sich mit Lederriemen und Binden umgürtet.

Wie immer bei einer Abreise, so hatte man auch diesmal vieles vergessen oder nicht richtig verstaut, und die zwei Heiducken zu beiden Seiten des geöffneten Wagenschlages am Trittbrett der Kutsche standen ziemlich lange da, bereit, der Gräfin beim Einsteigen zu helfen, während die Zofen mit Kissen und Bündeln vom Haus zur Kutsche, zum Landauer und zur Britschka hin und her liefen.

»Immer und ewig wird alles vergessen!« sagte die Gräfin. »Aber du weißt doch, daß ich nicht so sitzen kann.«

Dunjascha biß die Zähne zusammen, gab keine Antwort und stieg mit verdrossenem Ausdruck im Gesicht eilig in die Kutsche, um den Sitz für die Gräfin anders zu richten.

»Ach, diese Leute!« pflichtete der Graf kopfschüttelnd bei.

Der alte Kutscher Jefim, dem allein die Gräfin sich anvertrauen wollte, thronte hoch auf seinem Bock und sah sich nach dem, was hinter seinem Rücken vorging, nicht einmal um. Aus dreißigjähriger Erfahrung wußte er, daß man nicht allzu bald zu ihm sagen werde: Fahr mit Gott!, und daß, wenn man es dann wirklich gesagt hatte, er immer noch ein paarmal anhalten mußte. Dann wurden Leute nach vergessenen Sachen zurückgeschickt, und wenn auch dies vorbei war, ließ ihn die Gräfin doch stets noch einmal anhalten, steckte selbst den Kopf zum Wagenfenster hinaus und bat ihn um Christi willen, bergab ja recht vorsichtig zu fahren. Das wußte er also, und deshalb harrte er geduldiger als seine Pferde – namentlich als das linke, der braune »Falke«, der mit den Hufen stampfte und an der Trense kaute – der Dinge, die da kommen mußten.

Endlich hatten alle Platz genommen, der Wagentritt wurde zusammengeschlagen und hochgeklappt und der Schlag zugemacht. Noch einmal wurde nach einer Schatulle zurückgeschickt, dann beugte sich die Gräfin aus dem Fenster und sagte das, was unvermeidlich war. Darauf nahm Jefim gemessen seinen Hut vom Kopf und fing an, sich zu bekreuzigen. Der Vorreiter und die ganze übrige Dienerschaft taten das gleiche.

»Mit Gott!« sagte Jefim dann und setzte den Hut wieder auf. »Vorwärts!«

Der Vorreiter setzte sich in Bewegung. Das rechte Deichselpferd legte sich ins Kummet, die hohen Federn des Wagens ächzten, und der Kutschkasten fing an zu schwanken. Ein Lakai sprang noch im Fahren auf den Bock. Als die Kutsche aus dem Hof auf das holperige Pflaster hinausfuhr, bekam sie einen tüchtigen Ruck, ebenso ging es auch den anderen Wagen. Dann fuhr der Zug die Straße entlang. Alle in der Kutsche, im Landauer und in der Britschka bekreuzten sich, als sie an der gegenüberliegenden Kirche vorbeikamen. Die in Moskau zurückbleibende Dienerschaft ging zu beiden Seiten neben den Wagen her und gab ihnen das Geleit.

Natascha hatte selten ein solch freudiges Gefühl empfunden wie eben jetzt, als sie im Wagen neben der Gräfin saß und die Mauern der halbverlassenen, unruhig bewegten Stadt langsam an sich vorüberziehen sah. Ab und zu beugte sie sich zum Wagenfenster hinaus und schaute zurück oder nach vorn auf den langen Verwundetenzug, der vor ihnen herfuhr. Fast allen voran erblickte sie das hochgeschlagene Verdeck der Kalesche des Fürsten Andrej. Sie wußte nicht, wer darin lag, doch jedesmal, wenn sie ihren Zug überblickte, suchte sie mit den Augen diesen Wagen, weil sie wußte, daß er allen voran fuhr.

Auf dem Kudrinaplatze[189] strömten aus der Nikitskaja, aus der Presnija und dem Podnowinskij noch mehrere solcher Züge wie der Rostowsche zusammen, und auf der Sadowaja[190] mußten die Equipagen und Packwagen schon in Doppelreihen nebeneinander fahren.

Als sie um den Sucharewturm[191] herumfuhren, rief Natascha, die rasch und neugierig alle zu Fuß und zu Wagen vorbeikommenden Leute musterte, plötzlich freudig verwundert aus: »Väterchen! Mama! Sonja! Seht nur, das ist er!«

»Wer denn? Wer denn?«

»Seht nur, bei Gott, er ist’s! Besuchow!« rief Natascha, steckte den Kopf zum Wagenfenster hinaus und blickte einem großen, dicken Menschen im Kutscherrock nach, dem man in Gang und Haltung den verkleideten Edelmann ansah. Er ging mit einem gelben, bartlosen Alten im Friesmantel im Gewölbe des Sucharewturmes auf und ab.

»Bei Gott, Besuchow, im Kaftan, mit irgendeinem alten Gesellen, wahrhaftig«, rief Natascha. »Seht nur, seht!«

»Aber nein, das ist er doch nicht. Wie kann man nur so dummes Zeug zusammenschwatzen!«

»Mama«, rief Natascha, »ich lasse mir den Kopf abhacken, wenn er es nicht ist. Ich werde Sie überzeugen. Halt! Halt!« rief sie dem Kutscher zu.

Aber der Kutscher konnte nicht anhalten, weil aus der Mjeschtschankaja noch mehr Fuhren und Wagen herausdrängten und man den Rostows schon zuschrie, voranzufahren und die andern nicht aufzuhalten.

Tatsächlich sahen jetzt alle Rostows, obgleich sie nun schon etwas weiter weg waren, Pierre oder einen Menschen, der außerordentliche Ähnlichkeit mit ihm hatte, im Kutscherrock mit gesenktem Kopf und ernstem Gesicht neben einem kleinen, bartlosen Alten, der wie ein Lakai aussah, über die Straße gehen. Der Alte bemerkte das aus dem Wagen auf ihn gerichtete Gesicht, stieß Pierre ehrerbietig mit dem Ellbogen an und sagte etwas zu ihm, indem er auf den Wagen zeigte. Pierre schien lange nicht zu begreifen, was er von ihm wollte, so vertieft war er offenbar in seine Gedanken. Endlich, als er ihn verstanden hatte, blickte er in die angegebene Richtung, erkannte Natascha und lief im selben Augenblick, der ersten Eingebung folgend, auf den Wagen zu. Doch nach etwa zehn Schritten fiel ihm offenbar etwas ein, und er blieb stehen.

Nataschas aus dem Wagen gebeugtes Gesicht strahlte heiter und spöttisch.

»Pjotr Kirillytsch, kommen Sie nur! Wir haben Sie ja doch erkannt. Das ist ja wunderbar!« rief sie und streckte ihm die Hand entgegen. »Wie kommen Sie hierher? Warum haben Sie sich so angezogen?«

Pierre nahm die ihm entgegengestreckte Hand und küßte sie unbeholfen, da der Wagen dabei immer weiterfuhr.

»Was ist denn mit Ihnen geschehen, Graf?« fragte die Gräfin in erstauntem, mitleidigem Ton.

»Was denn? Wieso denn? Fragen Sie mich nicht«, erwiderte Pierre und sah Natascha an, deren glücklich strahlender Blick – das fühlte er, auch wenn er nicht zu ihr hinschaute – ihn mit seinem ganzen Zauber umfing.

»Wie denn, bleiben Sie etwa in Moskau?«

Pierre gab keine Antwort.

»In Moskau?« wiederholte er fragend. »Ja, in Moskau. Leben Sie wohl.«

»Oh, wenn ich doch ein Mann wäre, dann bliebe ich unbedingt mit Ihnen zusammen hier. Ach, wie schön wäre das!« rief Natascha. »Mama, erlauben Sie, daß ich hierbleibe?«

Pierre sah Natascha zerstreut an und wollte etwas erwidern, aber die Gräfin unterbrach ihn.

»Sie waren mit in der Schlacht, hörten wir?«

»Ja, ich war dabei«, antwortete Pierre. »Morgen werden wir wieder eine Schlacht haben …« wollte er anfangen, doch Natascha unterbrach ihn.

»Aber was haben Sie nur, Graf? Sie sind so ganz anders …«

»Ach, fragen Sie mich nicht, fragen Sie mich nicht. Ich weiß es selber nicht. Morgen … Aber nein! Leben Sie wohl, leben Sie wohl«, sagte er noch einmal. »Eine furchtbare Zeit.«

Er trat vom Wagen zurück und ging auf den Bürgersteig.

Natascha beugte sich lange zum Fenster hinaus, und auf ihrem Gesicht strahlte ein heiteres, glückliches, aber etwas spöttisches Lächeln.

18

Pierre wohnte, seit er aus seinem Haus verschwunden war, schon den zweiten Tag in der leeren Wohnung des verstorbenen Basdjejew. Und das war so zugegangen:

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189

Kudrinaplatz: Kudrinskijplatz im Nordwesten Moskaus, auf den die Nikitskajastraße, die Presnija oder Presnenskaja stößt und in dessen Nähe Podnowinskij oder Podnowinskoje, der Bezirk bei dem Nowinskij Boulevard, liegt.

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190

Sadowaja: der große Gartenring um Moskau.

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191

Sucharewturm: im Norden Moskaus auf dem Sucharewskijplatz, am Gartenring gelegen.

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